Test: Star Ocean: First Departure R (Nintendo Switch)

Von Deniz Üresin am 23. Dezember 2019

Galaktisch gute Neuauflage oder extraterrestrischer Müll? Star Ocean steht heute bei uns auf dem Prüfstand.

Tales of Star Trek

Die Geschichte von Star Ocean beginnt mit dem jungen Entwicklerstudio Wolf Team, welches zusammen mit Publisher Namco 1995 das Action-RPG Tales of Phantasia für das Super Famicom in Japan veröffentlichte. Basis für die Story des Fantasyabenteuers mit kleineren Sci-Fi-Einschlägen bildete ein unveröffentlichter Roman von Programmierer Yoshiharu Gotanda mit dem Namen Tale Phantasia. Unglücklich über die vielen Änderungen, die Namco am Skript des Spiels vornahm, verließen Gotanda und einige andere Entwickler Wolf Team und gründeten ein neues Studio, tri-Ace.

Mit Enix als neuem Publisher wurde schon 1996 ein neues Action-Rollenspiel aus Gotandas Feder veröffentlicht: Star Ocean. Erneut handelt es sich um ein Fantasy-JRPG mit dieses Mal etwas stärkeren Sci-Fi-Einflüssen und vielen weiteren Parallelen zum ersten Ableger der Tales-Reihe.

Ein Remake des Spiels mit dem Titel Star Ocean: First Departure erschien für die Play Station Portable 2008 erstmals im Westen und wartete mit grafischen Verbesserungen, animierten Cutscenes, einem verfeinerten Kampfsystem und neuen Charakteren auf. Mit dem verheißungsvollen Namenszusatz „R“ wird das Erstlingswerk von tri-Ace nun ein drittes Mal aufgelegt, allerdings ohne dramatische Änderungen zur PSP-Version, auf der es aufbaut.

Beam mich in die Vergangenheit, Scotty

Die ersten Minuten und große Teile der gesamten Story lassen kaum die Vermutung zu, es handele sich um eine Science-Fiction-Erzählung. Roddick, der jugendliche Protagonist von Star Ocean, lebt zusammen mit seinen besten Freunden Millie und Dorne in einem friedlichen Dorf, das sie als Stadtwache gelegentlich vor der einen oder anderen Banditengruppe beschützen müssen, wo aber sonst nicht allzu viel los ist. Erst als die Nachricht ankommt, dass sich die Menschen im Nachbardorf langsam alle in Stein verwandeln, verpufft die Langeweile, die die drei Freunde sonst immer verspürt haben und schlägt in Entsetzen um, als es auch Millies Vater und schließlich sogar Dorne erwischt. Auf der verzweifelten Suche nach einem Heilmittel werden Roddick und Millie von zwei seltsam gekleideten Menschen aufgehalten, die sich als Erdenbewohner herausstellen und in friedlicher Absicht gekommen sind. Captain Ronyx und seine Mitstreiterin Ilia gehören zur Galaktischen Föderation und dürfen sich eigentlich nicht in die Angelegenheiten „unterentwickelter Planeten“ einmischen, allerdings befinden sie sich gerade in einem erbitterten Krieg mit den Lezonianern. 

Diese haben einen biologischen Kampfstoff entwickelt, der Menschen beim Kontakt in Stein verwandelt. Warum sie das getan haben, warum sie ausgerechnet Roddicks Heimatplaneten Roak angreifen und wer der mysteriöse Strippenzieher im Hintergrund ist, der den Lezonianern die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt hat, ist erstmal unklar. Wo die Erreger für die Krankheit allerdings herkommen, ist bekannt: von Asmodeus, dem sogenanntem „Dämonenkönig“, der vor 300 Jahren auf Roak gewütet hatte und schließlich von einigen tapferen Helden bezwungen wurde. Um also DNA-Proben vom längst verstorbenen Dämonenkönig zu bekommen und die Versteinerungskrankheit aufzuhalten, schlägt Ronyx ein verbotenes und gefährliches Unterfangen vor: Zusammen mit Ilia, Roddick und Millie begibt er sich auf den Planeten Styx, wo sich das Time Gate befindet. Dieses mächtige Wesen gewährt den Protagonisten die Reise in die 300 Jahre zurückliegende Vergangenheit, als Asmodeus noch lebte.

Simply the Quest

Vom generellen Spielablauf unterscheidet sich Star Ocean nicht sonderlich von seinen Genrekollegen. Mit eurer Party reist ihr auf dem Planeten Roak in der Vergangenheit von Stadt zu Stadt, freundet euch mit neuen Gefährten an und sammelt Hinweise darauf, wie ihr zu Asmodeus in die Dämonenwelt gelangen könnt, um die alles entscheidende DNA-Probe ergattern zu können. Unterwegs bekämpft ihr Gegner in Zufallsbegegnungen sowohl auf der Oberwelt, als auch in Dungeons, in denen neben einigen Schätzen am Ende meist auch ein Bossgegner auf euch wartet. Abgerundet wird das Ganze durch ein paar optionale Quests. Das actionbasierte Kampfsystem erinnert stark an die Tales-Reihe, da ihr auch hier nur einen Charakter gleichzeitig steuert, während der Rest von der CPU übernommen wird. Ihr könnt normale Angriffe und Spezialattacken einsetzen und kombinieren, Items verwenden und jederzeit den von euch gesteuerten Charakter wechseln, um beispielsweise bei Bedarf den Heiler der Gruppe oder den Fernkämpfer manuell zu steuern.

Während die etwas leere und unspektakuläre Oberwelt heutzutage nicht mehr unbedingt vom Hocker reißen kann, warten die Städte mit abwechslungsreichen Architekturen und verwinkelten Seitengassen auf, in denen es allerlei zu entdecken gibt. Für ein JRPG, das ursprünglich aus den 90ern stammt, legt das Spiel allerdings einen ungewöhnlich großen Wert auf die Individualisierung eurer Party und die Interaktionen der Mitglieder untereinander. Zur festen Besetzung von Roddick, Millie, Ronyx und Ilia können sich optional noch bis zu vier weitere Kämpfer aus einem Pool von neun Charakteren gesellen, was stark von euren Entscheidungen zu bestimmten Punkten in der Story abhängt. Bittet ihr beispielsweise den Schwertkämpfer Cyuss, der euch kurzzeitig bei einem Auftrag relativ früh im Spiel unter die Arme greift, sich euch anzuschließen, wird es euch nicht mehr möglich sein, im selben Spieldurchlauf auch das Federvolk-Mädchen Erys zu rekrutieren. Welche Charaktere sich euer Party anschließen hat zwar keinen Einfluss auf die grundlegende Story, wandelt aber einige Szenarien innerhalb des Spiels teils deutlich ab oder macht sie erst verfügbar, was neben den Private Actions und der relativ kurzen Spieldauer enorm zum Wiederspielwert beiträgt.

Die Private Actions sind das Highlight der Charakterinteraktionen in Star Ocean. In jeder Stadt könnt ihr vor dem Betreten eure Gruppe aufteilen. Ihr seid dann bis zum Verlassen der Stadt nur noch mit Roddick unterwegs, während sich eure Mitstreiter unter die Leute mischen, in der örtlichen Bar abhängen oder Trübsal in der hintersten Ecke einer menschenleeren Seitengasse blasen. Die Gespräche, die ihr mit ihnen führen könnt, sind innerhalb derselben Stadt zwar fast durchweg gleich, allerdings werden mit dem Storyfortschritt in manchen Städten neue Szenarien hinzugefügt, die teilweise auch mehrere Charaktere betreffen und euch nicht nur eure Kameraden besser kennenlernen lassen, sondern auch gelegentlich exklusive Items oder Sidequests freischalten.

Ein weiterer Aspekt, in dem Star Ocean glänzt, ist das für das Alter des Spiels erstaunlich komplexe Talentsystem. Nach jedem Levelup erhalten eure Charaktere Skillpunkte, die frei auf verschiedene Talente verteilt werden können. Manche von ihnen beeinflussen eure Angriffe, eure Verteidigung oder eure Trefferchance im Kampf, andere schalten gewisse Fertigkeiten außerhalb des Kampfes frei wie verschiedene Formen des Item-Craftings sowie diverse künstlerische Fähigkeiten. Eure Charaktere können beispielsweise Songs schreiben und mit einem Instrument aufführen, wenn sie die entsprechenden Level in den entsprechenden Talenten erreicht haben und somit temporäre Kampfboni für eure Party erwirken. Außerdem könnt ihr mit dem richtigen Talent die Encounter Rate beeinflussen, NPCs bestehlen, unbekannte Items identifizieren oder einen Botenvogel innerhalb eines Dungeons losschicken, damit er mit eurem Geld eure Itemvorräte wieder auffüllt.

R wie „relativ rudimentäres Remaster“

Wer Star Ocean: First Departure bereits in der PSP-Fassung sein eigen nennen kann, wird sich sicher fragen, was die R-Version denn zu bieten hat, um einen Kauf zu rechtfertigen. Leider müssen wir diese Frage mit einem nüchternen „nichts“ beantworten. Natürlich wurde die Auflösung des Spiels auf HD-Niveau angehoben und auch die neu gezeichneten Character Artworks, die in den Gesprächen Anwendung finden, können sich sehen lassen, aber das war‘s im Großen und Ganzen auch schon mit neuen/veränderten Inhalten. Der Schwierigkeitsgrad wurde leicht angepasst und macht das Spiel erstaunlicherweise ein kleines bisschen schwerer, aber abseits von zwei unangenehmen Difficulty Spikes und ein paar optionalen Herausforderungen ist das Abenteuer trotzdem nicht sonderlich schwer. Ach ja, Japano-Puristen können neben der englischen nun auch die japanische Sprachausgabe auswählen. Mehr gibt es aber wirklich nicht.

Da nur auf der Weltkarte und an rar gesäten Speicherpunkten gespeichert werden kann, hätte dem Remaster eine Quicksave-Funktion gut getan. Questlogs, ein Bestiarium oder ein Item-Lexikon wären auch nett gewesen, gehören solche Quality-of-Life-Features heutzutage doch zum guten Ton im RPG-Genre. Ihr solltet während der Storysequenzen jedenfalls immer gut aufpassen, denn Questmarker gibt es keine und gelegentlich werden die NPCs auch nicht mehr wiederholen, wo genau euer nächstes Ziel ist. Fans, die das Spiel aufgrund der verschiedenen Partykonstellationen mehrmals durchspielen wollen, dürfen sich außerdem darauf gefasst machen, komplett von vorne zu starten, da es kein New Game + gibt und Cutscenes und Gespräche weder übersprungen noch vorgespult werden können. Es könnte durchaus schlauer sein, großzügig von den 99 vorhandenen Save Slots Gebrauch zu machen und vor wichtigen Entscheidungen in einem anderen Slot zu speichern und bei Bedarf zurückzukehren, als wirklich das gesamte Spiel mehrmals von Anfang an zu spielen. Apropos: Die Magieanimationen während der Kämpfe mögen nett aussehen, lassen sich aber leider auch nicht überspringen. Gerade im letzten Dungeon könnt ihr euch darauf freuen, Millies Heilzauberanimationen immer und immer und immer wieder mit anzusehen…  

Dass nur die vier aktiv am Kampf beteiligten Partymitglieder Erfahrungspunkte bekommen, ist auch nicht mehr zeitgemäß und fördert leider nicht sonderlich das Experimentieren mit verschiedenen Partykonstellationen und hätte im Remaster problemlos behoben werden können.

Eine Spielanleitung, wie sie zu PSP-Zeiten noch jedem Spiel beilag, wird bei den Switch- und PS4-Versionen ebenfalls vermisst, da es im Spiel kaum Tutorials gibt und ihr euch viele Dinge selbst beibringen oder in einem Guide nachlesen müsst. Zu guter Letzt solltet ihr über halbwegs vernünftige Englischkenntnisse verfügen, da es wie so oft bei Ports älterer RPGs nur englische Bildschirmtexte gibt.

Fazit:

JRPG-Fans können sich derzeit kaum beschweren. Es kommt nicht nur ständig neuer Nachschub, auch die alten Schätze werden immer häufiger auf den neueren Konsolen wieder zugänglich gemacht und teilweise erstmals im Westen veröffentlicht.

Star Ocean war 1996 ein beeindruckendes RPG, das durch seine flottes Kämpfe, das aufwändige Talentsystem, den hohen Wiederspielwert dank der verschiedenen optionalen Partymitglieder und eine interessante Sci-Fi-Story herausstach. Das PSP-Remake machte das Spiel nicht nur erstmals im Westen zugänglich, sondern verbesserte und erweiterte gleichzeitig viele Aspekte des Action-RPGs. Mit Star Ocean: First Departure R kommt nun ein HD-Port dieser Fassung auf Nintendo Switch und Play Station 4, der mit dem erschwinglichen Preis von 20,99 Euro dem geneigten RPG-Fan durchaus zu empfehlen ist, auch wenn wir es etwas schade finden, dass nicht die Chance genutzt wurde, das Spiel noch zugänglicher und moderner zu machen. Gegen einen Port des zweiten Star Ocean Abenteuers, welches ebenfalls ein umfangreiches PSP-Remake erhalten hat, hätten wir jedenfalls nichts einzuwenden.

Wertung:

7.5

Deniz Üresin meint:

"Star Ocean First Departure ist ein tolles klassisches Action-JRPG, dessen Neuauflage aber ruhig noch ein paar Quality-of-Life-Features hätte vertragen können."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Gut
Technik: Gut

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