Test: Neverwinter Nights: Enhanced Edition

Von Michael Prammer am 19. Dezember 2019

Das Dungeons-&-Dragons-Abenteuer Neverwinter Nights ist seit dem 03. Dezember auf Nintendo Switch erhältlich und wir haben uns das Rollenspiel genauer angesehen.

Die Geburtsstunde des Titels liegt im Jahr 2002 auf dem PC. Neverwinter Nights basierte damals, wie heute, auf dem Regelwerk des berühmten Table-Top-Rollenspiels Dungeons & Dragons. Demnach ist auch das komplette Spiel nicht wie ein Videospiel im Stile eines The Elder Scrolls: Skyrim aufgebaut, sondern wurde an die Brettspiel-Vorlage des Originals angepasst. Die Enhanced Edition wurde für die aktuellen Konsolen umgesetzt, umfasst alle Erweiterungen und bietet einen kolossalen Umfang. Mehr wurde leider nicht geändert, worauf wir später nochmal genauer zu sprechen kommen.

Das Schicksal von Niewinter

In der Welt von Niewinter ist die Pest ins Land eingezogen ist und droht die Menschheit auszurotten. Die Herrscher von Niewinter sind sich sicher, dass mehr dahinter steckt, als einfach nur eine tödliche Seuche. Sie befürchten dunkle Mächte, die für all das Übel im Land verantwortlich sind. Um der Bedrohung Einhalt zu gebieten, rufen die verantwortlichen Regenten alle Helden zusammen, um sich der Gefahr zu stellen. Der Ruf lockt auch viel Gesindel an, die es nur auf Rum und Reichtum abgesehen haben und so werden erst einmal alle Emporkömmlinge in eine Akademie berufen. Aber auch dort geht nicht alles mit rechten Dingen zu und schon bald kristallisiert sich euer selbst erstellter Charakter als geeigneter Retter der Menschheit heraus, der zunächst einmal die Aufgabe hat, ein Heilmittel gegen die tödliche Seuche zu beschaffen. Dass im späteren Verlauf das Schicksal der kompletten Menschheit auf euren Schultern lastet, versteht sich von selbst.

Neverwinter Knights ist ein klassisches Rollenspiel, das zunächst mit einer umfangreichen Charaktererstellung beginnt. Und umfangreich ist man an dieser Stelle noch untertrieben. Durchforstet man alle möglichen Einstellungen und liest sich sämtliche Heldenbeschreibungen durch, lässt sich gut und gerne über eine Stunde alleine in der Erstellung des Helden verbringen. Hierbei hat der Spieler die Qual der Wahl und kann aus unterschiedlichen Rassen, Klassen, Attributen und Detaileinstellungen seinen Helden nach Herzenslust generieren. Nach der Auswahl eines der vier Schwierigkeitsgrade befinden wir uns in einem umfangreichen Tutorial, bei dem wirklich alle Mechaniken bis zum letzten Rest durchgekaut werden. Anschließend beginnt das Abenteuer in der Akademie.

Das Spiel steuert sich ein wenig wie die Diablo-Serie, wobei man zwischen unterschiedlichen Kamera-Perspektiven wählen kann. Außerdem lässt sich die Kamera im Vergleich zu Diablo nachjustieren, was in diesem Spiel teils miserabel gelöst wurde. Gerät der Blickwinkel nämlich beim Schwenk der Kamera an ein Gemäuer oder Hindernis, wird einfach ein Loch in dieses dargestellt, um den Fokus auf dem Helden zu lassen. Das ist zwar nett gemeint, sieht aber fürchterlich aus und klappt auch nicht immer so, wie es sich die Entwickler wohl gedacht hatten. Weiterhin steuert sich das Spiel sehr träge, da das Original auf die Maus-Steuerung ausgelegt war. Diese wurde nun durch ein Ringmenü ersetzt. Durch betätigen einer Schultertaste wählt man eine Aktion aus und führt dadurch Angriffe oder Aktionen aus. Leider ist diese Art der Steuerung sehr fummelig, da das Spielgeschehen bei der Auswahl weiterläuft und der Gegner munter auf euch einprügelt, während ihr eure Angriffe sortiert.

Schnellangriffe lassen sich zwar zuweisen, jedoch ist ein schneller Wechsel im Kampf relativ schwierig. Ihr solltet also eure Ausrüstung und eure Zauber je nach Situation stets vorbereiten, bevor sich euer Held in Gefahr begibt. Und gerade Ausrüstungen, Gegenstände und Ähnliches finden sich zu Hauf in der Welt von Niewinter. Überall sind Kisten, Truhen, Fässer und Schränke zu finden, aus denen sich neue Sachen entwenden lassen. Und immer wieder finden sich Händler, bei denen ihr diese Dinge verkaufen und teilweise durch bessere Waffen und Ausrüstungen verbessern könnt. Das Sammeln von Gegenständen und Verbessern des Charakters zählt zu den großen Stärken des Spiels. Das setzt sich nahtlos in der Charakterentwicklung fort. Bei jedem Stufenaufstieg bleibt euch die Wahl, ob ihr die aktuelle Klasse beibehalten wollt oder eure neu gewonnenen Attribute anderweitig einsetzt und somit beispielsweise aus einem Krieger einen Zauberer macht. Dadurch gibt es eine hohe Dynamik im Spielgeschehen, die während der etwa 40 bis 50 Stunden andauernden Geschichte auf einem motivierenden Level bleibt.

Überragender Umfang – furchtbare Technik

Wer sich durch das Abenteuer gekämpft hat, ist noch lange nicht am Ende und kann noch unzählige Stunden mit Neverwinter Nights verbringen. Wer alle Erweiterungen durchspielt, könnte locker auf die doppelte Anzahl an Spielstunden kommen. Die Frage ist, ob das jemand möchte. An dieser Stelle müssen wir auf die Technik zu sprechen kommen und die ist unterirdisch. Es ist völlig legitim, dass man nicht jede Neuauflage gestaltet, wie beispielsweise ein The Legend of Zelda: Link's Awakening. Aber einfach nur ein Spiel aus dem Jahr 2002 zu nehmen, allen Content drauf zu packen und sonst rein gar nichts zu ändern, da gehört entweder Mut oder Faulheit dazu. Zumal der Titel aktuell für 45 bis 50 Euro im Handel zu haben ist. Da ist es nachvollziehbar, wenn jemand nach fünf Minuten das Spiel angewidert weglegt und nie wieder einschaltet. Die Charaktere sind polygonarm, die Hintergründe an Detailarmut kaum zu unterbieten und dann gibt es bei dem „Pixelmatsch“ tatsächlich noch Ladezeiten.

Die bereits angesprochenen Kameraprobleme sind die Kirsche auf dem Sahnehäubchen – sollte man denken. Es gab während des Tests tatsächlich an mehreren Stellen die Situation, dass sich unser Held an einem Gegenstand „verfangen“ hat. Das Spiel musste an diesen Stellen tatsächlich neu geladen werden. Rettet die Musik noch etwas beim technischen Debakel? Nun ja, teilweise. Die musikalische Untermalung des Abenteuers ist stimmig und passend, aber die deutschen Synchronsprecher sind eine mittlere Katastrophe. Immerhin gibt es deutsche Texte und Stimmen, was nicht immer selbstverständlich ist.

Auch noch positiv anzumerken ist der Multiplayerpart. Bis zu sechs Spieler können gleichzeitig am Abenteuer teilnehmen und das sowohl online, als auch offline. Hierzu sei allerdings angemerkt, dass wir die Onlineoption nicht testen konnten, da sich keine Mitspieler dafür finden ließen. Was leider nicht geht, ist eine Spielersuche abbrechen, hierfür muss das Spiel neu gestartet werden. Auch dieser Umstand ist tiefstes Videospiel-Mittelalter.

Fazit:

Es hätte alles so schön sein können. Rollenspiele, wie sie aus dem Dungeons-&-Dragons-Universum entstammen, sind rar, versprühen aber einen ganz speziellen Charme. Die Charaktererstellung, Entwicklung des Schützlings und das Erkunden der Welt bereiten besonders viel Spaß und motivieren immer wieder aufs Neue. Wäre da nicht diese katastrophale Technik. Veraltete Optik, fehlerhafte Spielmechanik und eine furchtbare Kamera machen viel kaputt und werden einige potentielle Interessenten vom Spielen abhalten. Unspielbar ist Neverwinter Nights nicht, aber modernen Standards wird der Titel nicht annähernd gerecht.

Wertung:

6.0

Michael Prammer meint:

"Motivierendes Rollenspiel mit gnadenlos veralteter Technik"
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Herausragend
Technik: Schlecht

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