Test: The Touryst

Von Jeremiah David am 30. November 2019

Shin'en, das Studio hinter Fast RMX, betritt mit The Touryst ungewohntes Terrain. Erstmals wagt sich der deutsche Indie-Entwickler mit Sitz in München an ein Abenteuerspiel, und noch dazu eines im Voxel-Look. Ob das Switch-exklusive Klötzchen-Abenteuer überzeugen kann, verrät unser Test.

Reif für die Ynsel

Unser namenloser, Schnauzbart und Hawaiihemd tragender Hauptcharakter landet mit einem Motorboot am Strand einer paradiesischen Ferieninsel. Das Eiland heißt Touryst Island und ist kaum größer als ein Fußballfeld. Unter dem strahlend blauen Südseehimmel gibt es einen Shop, zwei Bungalos und… nun ja, das war‘s eigentlich schon. Fast zumindest. Am östlichen Ende des Idylls ragt ein seltsamer Felsen, der sogenannte TOWA, in die Höhe. Nach dem Lösen eines simplen Rätsels öffnet sich der Felsen und wir finden heraus, dass er im Innern ein Geheimnis birgt. Ein alter Mann gibt uns den Auftrag, vier Monumentkerne zu besorgen, die angeblich auf weiteren Inseln zu finden sind. Mit deren Hilfe sollen wir das Geheimnis des Felsens lüften können. Viel mehr Story gibt es nicht, mehr ist aber auch nicht nötig. The Touryst ist ein buntes Gute-Laune-Spiel, das wie Nintendos hauseigene Titel problemlos ohne eine große Geschichte auskommt.

Die anderen Inseln des Spiels bleiben der Y-Thematik des Titels treu und heißen so beispielsweise Ybiza, Hawayy, Fijy oder Santoryn. Auf Hawayy tummeln sich Surfer am Palmenstrand, während auf Ybiza die Leute unter der Abendsonne zu lauter Musik eine große Party feiern. Leysure Island ist eine Art Einkaufsmeile mit einem Plattenladen, einer Spielhalle, einem Kino und einem Kunstmuseum. Jedes kleine Eiland besitzt einen eigenen Stil, der sich vor allem im Wetter, in der Vegetation und dem Design der jeweiligen Bevölkerung zeigt. Was alle Inseln jedoch gemeinsam haben, ist eine äußerst charmante grafische Umsetzung, die sich irgendwo zwischen den LEGO-Spielen und dem erst vor wenigen Monaten erschienenen The Legend of Zelda: Link‘s Awakening bewegt. Alle Figuren und Umgebungen in The Touryst sehen aus, als wären sie aus Plastikklötzchen gebaut worden. Verstärkt wird dieser Spielzeugcharakter dadurch, dass die äußeren Bereiche des Bildschirms wie im Zelda-Teil leicht verschwommen, also ohne Tiefenschärfe dargestellt werden. Das sieht in der Regel absolut klasse aus und verleiht dem Spiel zusammen mit typischen Inselgeräuschen wie dem Rauschen des Meeres oder dem Rufen von Möwen eine entspannende, sehr liebenswürdige Atmosphäre. Die kantige Voxel-Grafik sorgt zudem dafür, dass The Touryst äußerst wenig Speicherplatz benötigt und mit nur knapp 200 MB auskommt. Anzumerken ist an dieser Stelle allerdings, dass das Spiel völlig auf Sprachausgabe verzichtet. Sämtliche Charaktere kommunizieren lediglich mit Hilfe von Texteinblendungen.

Bunter Genre-Mix

Jede Insel ist im Prinzip eine eigene, winzige Welt, vollgestopft mit Rätsel- und Geschicklichkeitspassagen, sowie einigen Minispielen, wobei letztere zum Teil mehr als nur mini sind. In der Spielhalle auf Leysure Island sollen wir die High-Scores eines Gamers namens Bob knacken und dürfen dazu drei Spiele zocken, die mit cooler Retro-Grafik und etlichen Leveln daherkommen. „Jett Rocket Dynamite“, „Nano Break“ und das Rennspiel „Fast“ hätten durchaus auf alten Spieleautomaten der 80er oder 90er Jahre laufen können. Anderswo erkundet unser Tourist beispielsweise die Stockwerke einer Mine, trommelt in bester Donkey-Konga-Manier mit Eingeborenen um die Wette oder nimmt an einem Surf-Wettbewerb teil. Nebenher schießt er Fotos für Postkarten oder eine Kunstausstellung. Die einzelnen Spielchen sind sehr abwechslungsreich und mit wenigen Ausnahmen ebenso spaßig.

Die bereits erwähnten Monumentkerne sind in Tempelanlagen versteckt. Um die Tempel zu öffnen, müssen wir immer erst ein paar simple Rätsel lösen. Im Innern der Tempel warten weitere Puzzles, Geschicklichtkeitspassagen oder Kombinationen aus beidem. Die Rätsel können etwas Hirnschmalz erfordern, sind aber größtenteils schnell zu meistern. Anders sieht es dagegen bei den Sprungpassagen aus. Besonders wenn in Tempelräumen präzise Sprünge erfordert werden, kann die schwammige Steuerung gepaart mit leichten Kameraproblemen dafür sorgen, dass unser Tourist häufig das Zeitliche segnet. Konsequenzen hat das praktisch keine, denn ein Game-Over gibt es nicht und Checkpoints sind mehr als großzügig gesetzt, frustrierend können die häufigen Tode aber dennoch sein. Besonders ein Tempel, in dem wir nicht auf ebene Plattformen, sondern auf leuchtende Kugeln springen müssen, ist äußerst nervig. In den Tempelanlagen wechselt das Spiel gelegentlich in eine isometrische Perspektive und im so dargestellten dreidimensionalen Raum ist es schwer zu sagen, wo sich die besagten Kugeln in Relation zu unserem Charakter befinden. Da fällt es schwer, nach etlichen missglückten Versuchen den Controller nicht wütend davon zu werfen. Zum Glück ist der Tempel nicht sonderlich groß.

Außerhalb der Tempel steuert sich der Tourist zweckmäßig. In Läden lassen sich neben ein paar Items nach und nach auch neue Fertigkeiten kaufen. Zu Beginn des Abenteuers können wir nur relativ langsam gehen und springen, später beherrschen wir jedoch noch einen Doppelsprung, können uns an Felsvorsprüngen festhalten und dürfen glücklicherweise schneller laufen. Zu den Items gehören neben Reiseführern, die neue Inseln freischalten, auch eine Kamera, die wie bereits erwähnt zum Lösen verschiedener Sidequests benötigt wird. Vor allem die Sidequests verhelfen dem Spiel übrigens zu einem ordentlichen Umfang. Wer kein Interesse an den ideenreichen Nebenbeschäftigungen hat, könnte The Touryst in drei oder vier Stunden problemlos beenden. Theoretisch zumindest. Zum Erreichen des Spielendes müssen fast alle Sidequests abgeschlossen werden, wodurch sich die Spielzeit etwa verdoppelt. Leider gibt uns das Spiel keinen triftigen Grund, wieso selbst sehr banale Sidequests am Ende plötzlich so wichtig sind. Stattdessen bekommen wir wortwörtlich eine To-Do-Liste zum abarbeiten. Schade! 

Fazit:

The Touryst ist ein charmantes, abwechslungsreiches und sehr kurzweiliges Abenteuerspiel für Zwischendurch. Es strotzt vor Einfallsreichtum, lässt jedoch absolute Höhepunkte vermissen und hätte im Leveldesign gelegentlich etwas mehr Feinschliff vertragen können. Auch, dass zum Erreichen des Spielendes fast alle Sidequests nötig sind, ist etwas nervig. Ungeachtet dieser kleineren Kritikpunkte lässt sich aber sagen: Wer die aufgerufenen 20 Euro für das Budget-Spiel ausgibt, der darf sich quer durch eine bunte, liebenswerte und humorvolle Inselwelt knobeln und wird sicher nicht enttäuscht sein.

Wertung:

8.0

Jeremiah David meint:

"The Tourist ist ein charmantes und sehr kurzweiliges Abenteuerspiel für Zwischendurch."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Sehr gut

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