Test: Star Wars Jedi: Fallen Order

Von Lars Peterke am 20. November 2019

Die Macht ist stark in diesem da. Damit hätte so wohl keiner gerechnet. In der Vergangenheit wurde ja schon zur Genüge über EA und Star Wars geschrieben. Die Fabel geht ungefähr so: Damals-CEO Frank Gibreau macht einen dicken Deal mit Disney. Für die nächsten 10 Jahre sollen Spiele mit Star-Wars-Lizenz ausschließlich in den Studios von EA entstehen. Ein Jahr später übernimmt Andrew Wilson das Ruder bei EA. Und der ist so gar nicht angetan vom Deal seines Vorgängers. Getreu dem Motto “Wenn schon, dann gut monetarisiert” entstehen zwei allenfalls solide neue Ableger der Battlefront-Reihe. Der Erstling zu dünn in Sachen Content, der Nachfolger Auslöser einer branchenübergreifenden Diskussion über Lootboxen. Die Solospiel-Projekte wurden eingestampft, das Studio Visceral Games in diesem Zuge sogar geschlossen. Und trotz all dieser Entwicklungen liegt nun im November 2019 ein neues Singleplayer Action-Adventure im Star-Wars-Universum in den Regalen. Es ist das erste seit “The Force Unleashed 2” aus dem Jahre 2010: “Star Wars Jedi: Fallen Order” wurde vom Titanfall-Entwickler Respawn Entertainment erschaffen und ist wirklich sehr, sehr gut. Wie konnte das nur passieren?

Die letzten Jedi

Fünf Jahre nach den Ereignissen von “Die Rache der Sith” sind die Jedi-Ritter dank der Order 66 entweder tot oder untergetaucht. Der Jedi-Padawan Cal Kestis verbirgt sich direkt unter den wachsamen Augen des Imperiums und nimmt als Schrottsammler auf dem Planeten Braccas Kriegsschiffe aus den Klonkriegen auseinander. Als bei einem Unfall seine Kräfte ans Licht kommen, ruft dies die Inquisitoren des Imperiums auf den Plan. Cals Flucht gelingt dank der plötzlichen Hilfe der früheren Jedi-Meisterin Cere Junda und ihrem Piloten Greez Ditus. Gemeinsam reisen sie nach Bogano, wo Cere hofft eine Botschaft ihres alten Meisters Eno Cordova zu finden. 

Bei eurer Suche stoßt ihr auf den kleinen Droiden BD-1, der eine vielversprechende Nachricht von Cordova bereithält. Dieser habe eine Liste mit den Fundorten machtbegabter Kinder versteckt. So beginnt das Wettrennen, denn natürlich will das Imperium den Aufbau eines neuen Ordens der Jedi verhindern. Ohne Spoiler werden Kenner von Star Wars natürlich wissen, dass dieses Unterfangen nicht gelingen wird. Immerhin kämpft in “Eine neue Hoffnung” keine neue Jedi-Armee gegen das Imperium. Dennoch erzählt Respawn Entertainment in “Jedi: Fallen Order” eine spannende Geschichte mit tollen Momenten und vielen gut geschriebenen Charakteren. Bonuspunkte gibt es für BD-1, der seinem großen Film-Bruder BB-8 als liebenswerten Droiden-Sidekick richtig Konkurrenz macht.

Zeitgenössischer Adventure-Mix

Interessanterweise lässt sich Fallen Order beschreiben ohne auch nur ein Wort über das Spiel selbst zu verlieren. Denn Respawn beschränkt sich darauf etablierte Elemente anderer Genre-Größen klug miteinander zu kombinieren. Diese Rechnung geht ungefähr so: 

Man nehme ein halbes Dark Souls und präsentiere die einzelnen Planeten jeweils als riesiges zusammenhängendes Level voller vertrackter Areale. Eine detaillierte Holo-Karte gemäß Metroid Prime hilft bei der Navigation und zeigt unerkundete Durchgänge und Zielpunkte an. Speichern und Rasten kann Cal an Leuchtfeu… pardon, Meditationspunkten. Dort regeneriert er Lebensenergie und Estus-Trän… halt nein, Stim-Behälter! Ferner kann er hier die durch Erfahrung gesammelten Fertigkeitenpunkte in neue Moves und Skills investieren.

Alle Gegner des Areals respawnen jedoch bei jeder Rast und bei einem Ableben verliert ihr alle gesammelten Erfahrungspunkte und startet beim letzten Meditationspunkt. Diese sind jedoch recht generös verteilt und wie eben in Dark Souls schaltet ihr regelmäßig Abkürzungen in den Gebieten frei, um künftig schneller von A nach B zu gelangen. Ferner reicht es, den für das letzte Ableben verantwortlichen Gegner nur einmal erfolgreich anzugreifen, um die verlorene Erfahrung zurück zu erlangen. Dadurch bleibt dem Spieler so mancher Frustmoment erspart.

Die zweite Komponente stellt das Kampfsystem dar. Auch hier haben sich die Entwickler stark an den Titeln von From Software inspirieren lassen. Wer kämpft, ohne zur richtigen Zeit zu blocken (Dark Souls) oder flink auszuweichen (Bloodborne), der stirbt. Oft leuchten Gegner auch rot auf. Dies kündigt eine unblockbare Attacke an (Sekiro: Shadows Die Twice), und man sollte ein Ausweichmanöver starten. Hier hat Respawn sauber gearbeitet. Egal ob Steuerung, Animationen oder spielerische Varianz: die Kämpfe in “Jedi: Fallen Order” fühlen sich richtig gut an. Freischaltbare Lichtschwert-Moves bringen mit der Zeit mehr Tiefe in die Gefechte und das Spiel trifft eine schöne Balance zwischen Kämpfen gegen diverse imperiale Soldaten sowie gefährliche, meist tierische Planetenbewohner. Opulente Lichtschwert-Duelle sind dann natürlich die absolute Krönung, die sich das Spiel aber für die effektvollen Bosskämpfe aufspart.

Diese große Portion Dark Souls mixen die Entwickler nun mit einem guten Schuss Uncharted bzw. Tomb Raider. Das bedeutet: klettern, klettern, klettern! Und darin macht Cal einen ziemlich guten Job. Auch beim Storytelling schaut man sich einiges ab. Viele kleinere Dialoge werden während des Spiels über Funksprüche gelöst und BD-1 ist immer für kleinere Interaktion zu haben. Wichtige Eckpfeiler der Story werden in klasse inszenierten Zwischensequenzen erzählt, die qualitativ durchaus mit den Genre-Vorreitern mithalten können. 

Neben knackiger Action hält das Spiel auch einige ruhigere Gameplay-Passagen mit Rätseln bereit. Diese bandeln neben Uncharted auch mit Tomb Raider an, sind teilweise richtig gut konstruiert und lassen euch oftmals eine Weile mit Cals Macht-Fähigkeiten herumtüfteln, bevor ihr die Lösung herausgefunden habt. Im gesamten Spielverlauf findet man so Gamedesign-Elemente aus allen guten Action-Adventures der letzten 10 Jahre. Damit ist Fallen Order ein ungemein zeitgenössischer Genre-Mix, der dank seiner richtigen Gewichtung toll funktioniert, viel Spaß macht und eine gute Spieldynamik von Anfang bis Ende aufrecht erhält.

Technische Schwächen, grandioses Flair

Bei allem guten Willen ist es natürlich ehrgeizig was Respawn Entertainment da versucht. “Jedi: Fallen Order” bleibt dabei technisch leider des Öfteren auf der Strecke. Die Ladezeiten nach eurem Ableben sind etwas zu lang geraten und selbst wenn ihr wieder ins Spiel kommt, habt ihr stellenweise das Gefühl etwas verfrüht angekommen zu sein. Euch begrüßen dann etwa verwaschene Texturen, die noch nicht komplett geladen wurden. An einer Stelle im Spiel haben wir sogar das 3D-Modell eines Gegners in der sogenannten T-Pose gesehen. Das ist die Standard-Position einer 3D-Figur eines Videospiels in der sie alle Gliedmaßen von sich gestreckt hat. Hier hat das Animations-System des Spiels seine Arbeit offenkundig noch nicht aufgenommen.

Solche Erlebnisse schmälern das Spielerlebnis nicht so sehr wie die nur selten auftretenden Framerate-Einbrüche, jedoch wirkt das Spiel im Gesamteindruck stellenweise unsauber. Diese Probleme tauchen glücklicherweise nur in den grafisch umfangreichen Arealen des Spiels oder nach einem Respawn auf. Es gibt jedoch auch Möglichkeiten die technischen Probleme zu forcieren. Solltet ihr euch dazu entscheiden alle Gegner links liegen zu lassen, um schnell voranzukommen, so kann das Bild auch mal einfrieren. Das Lade-Icon am Bildschirmrand gibt dabei einen Hinweis auf die Geschehnisse im Hintergrund: die Spiellogik ist noch damit beschäftigt das nächste Levelgebiet in den Speicher zu schieben und ihr wart einfach zu schnell. Auch dies ist bei normalen Spielverhalten eher selten der Fall, zeigt aber eben, dass “Star Wars Jedi: Fallen Order” noch nicht ganz in der Gewichtsklasse der Genre-Platzhirsche mitspielt. Nichtsdestotrotz kann jedoch auch festhalten werden, dass der Titel abseits dieser technischen Macken grafisch ansonsten schon wirklich gut und stellenweise sogar sehr gut aussieht.

Bleibt abschließend nur noch die Frage aller Fragen: gutes Adventure, aber auch ein gutes Star-Wars-Spiel? Diese Frage, der gerade nach den durchwachsenen Battlefront-Spielen wohl die größte Aufmerksamkeit gilt, darf aber laut bejaht werden. Respawn Entertainment treffen hier den Nagel auf den Kopf. Alles was sie spielerisch anfassen wird inszenatorisch äußerst gelungen in die Welt von Star Wars überführt. Wenn ihr dann etwa einen alten Jedi-Tempel durchstöbert ist das kein liebloser Tomb-Raider-Reskin, sondern genau so umgesetzt wie man sich das in der Welt von Star Wars vorstellen würde. Das sorgt für eine ungemeine Immersion. 

Respawn Entertainment liefern nicht einfach ein Spiel in der Welt von Star Wars, sondern denken diese Welt an den richtigen Stellen behutsam weiter und formulieren sie aus. Alles im Spiel hat eine schlüssige Begründung und ist nicht aus Zufall oder purer Effekthascherei vorhanden. Damit machen die Entwickler ehrlicherweise einen wesentlich besseren Job als Disney bei “Solo” und “Die letzten Jedi”. Für eine Fortsetzung würden wir uns jedoch mehr optionale Bosse und Aufgaben abseits der Wege wünschen. Diese gibt zwar jetzt auch schon, allerdings in eher kompakten Ausmaß und bis auf zusätzliche Stim-Behälter und Upgrades für eure maximale Lebens- und Machtenergie gibt es wenig Reizvolles zu entdecken. So wird man eher selten zum Backtracking verführt und die eigentlich offene Spielstruktur reduziert sich etwas zu häufig auf recht lineare Spielerpfade. Das ist schade, da wir uns in dieser liebevoll konstruierten Spielwelt gern noch viel länger verloren hätten.

Fazit:

“Star Wars Jedi: Fallen Order” ist vielleicht die Überraschung des Jahres. Dass wir ein so gutes Solo-Abenteuer im Star-Wars-Universum aus dem Hause EA bekommen, damit war nicht wirklich zu rechnen. Die Entwickler von Respawn Entertainment kombinieren klug die verschiedenen Gameplay-Elemente bekannter Genre-Größen und betten sie behutsam und durchdacht in eine spannend gestaltete Welt ein. Damit legen sie auch ohne Star-Wars-Bonus und trotz einiger technischer Probleme eines der besten Action-Adventures des Jahres vor. Fans von Star Wars sollten also unbedingt zuschlagen. Denn ein Jedi zu sein hat sich schon lange nicht mehr so cool angefühlt.

Wertung:

8.5

Lars Peterke meint:

"Äußerst gelungenes Action-Adventure-Mashup mit viel Flair. Ein Pflichtkauf für Star Wars Fans."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Gut

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8 Kommentare:


Terry
vor 2 Wochen | 0
Endlich! Im Grunde habe ich mir (fast) genau so ein Spiel im Star-Wars-Universum gewünscht. Da ich kein Souls-Fan bin, schreckt mich das Kampfsystem noch etwas ab, aber ich werd den Titel demnächst auf jedenfall auch selbst mal ausprobieren.

Samus_Aran
vor 2 Wochen | 0
Du kannst ja den Schwierigkeitsgrad jederzeit anpassen. Wenn du Souls-Spiele magst würde ich dir den Schwierigkeitsgrad Jedi-Meister empfehlen. Wenn man im Spiel drin ist finde ich den auch völlig in Ordnung. Die Bossfights könnten dann aber zu knackig für dich sein, da kannst du dann auf "Jedi-Ritter" runterschalten. Das Hauptmenü zeigt dir auch in 3 Balken an was das Setting genau bedeutet, also wie viel Schaden du nimmst oder wie groß dein Zeitfenster zum Blocken ist.

Samus_Aran
vor 2 Wochen | 0
Ich lese auch gerade, dass "Jedi-Meister" nicht die Standard-Stufe ist, sondern schon "Schwer". Selbst dieser Modus ist aber noch leicht unter Souls-Niveau. Von daher solltest du absolut keine Probleme haben wenn du auf "Jedi-Ritter" spielst.

Terry
vor 2 Wochen | 1
Joa, ich wähle ohnehin eigentlich immer standardmäßig den mittleren Schwierigkeitsgrad. Das wird schon passen, da mach ich mir eher weniger Gedanken. Ich finde nur ganz generell dieses Parry/Block-Gedöns der Souls-Reihe einfach nicht sonderlich spaßig. Ich hoffe einfach, es versaut mir den Titel nicht.
Samus_Aran
vor 2 Wochen | 0
Nein im Gegenteil. Es fühlt sich sehr befriedigend an mit dem Lichtschwert als Hauptwaffe. Jeder Parry und Block setzt sich in einen entsprechenden Move um. Es macht vom Spielgefühl einen großen Unterschied das du hier jeden Blaster-Schuss eines Sturmtrupplers einzeln passgenau blocken musst. Dadurch kriegst du aber eben das Gefühl dein Lichtschwert sehr präzise zu lenken. Du hast die volle Kontrolle, mehr Immersion, etc. Genau wegen sowas ist Sekiro ja jetzt auch gefühlt für 100 Game Awards nominiert ;)


Terry
vor 2 Wochen | 0
Ja, aber das muss ja nicht heißen, dass MIR das System gefällt ;-) Ich werde auf jedenfall berichten.

michi1894
vor 2 Wochen | 0
Danke für den Test. Wenn ich lese dark souls und Star wars in einem Spiel, dann werde ich wohl doch noch schwach irgendwann.

TraxDave
vor 2 Wochen | 0
Cool, dass es gut geworden ist. Die Souls-Inhalte klingen zwar ziemlich aufgesetzt, aber ich hab's ja noch nicht gespielt und kann mir selbst später mal ein Bild davon machen. Kampfsystem-Anleihen okay, aber im Endeffekt es fast 1:1 übernehmen...auch noch nicht so schlimm, aber dann die Leuchtfeuer und das Erfahrungssystem kopieren für ein Star Wars Spiel...naja ^^