Test: The Lord of the Rings: Adventure Card Game

Von Michael Prammer am 21. November 2019

Hearthstone meets Der Herr der Ringe - auf der Nintendo Switch sogar mobil. Eigentlich ein toller Gedanke, ob dieser allerdings auch toll umgesetzt wurde, verrät unser Test.

Kartenspiele zu digitalisieren hat schon diverse Male gut funktioniert. Zum Beispiel beim bereits angesprochenen Hearthstone aus dem Warcraft-Universum oder aber GWENT aus The Witcher 3 – beide Spiele machen süchtig und funktionieren nach einem ganz einfachen Spielprinzip. Der Ursprung dieser Spieler ist natürlich alles andere als digital, doch spätestens beim Namen Magic-The Gathering sollte es bei den meisten Gamern dann auch „klick“ machen. Diese Franchise darf nämlich als die Mutter aller Sammelkartenspiele betrachtet werden und ist der Vorreiter vieler Umsetzungen des beliebten Spielprinzips. Das Spielprinzip in wenigen Worten: Es sitzen sich zwei Spieler mit Spielkarten gegenüber, die versuchen, durch geschicktes Einsetzen ihrer besten Karten die des anderen Spielers auszulöschen. Jede Karte ist dabei grundsätzlich mit einem Angriffswert und einem Verteidigungswert ausgestattet. Zudem kann diese je nach Spiel natürlich noch über weitere Besonderheiten verfügen. Ist der Angriffswert der eigenen Karte höher als der Verteidigungswert der Gegnerkarte, muss die Karte des Gegners aus dem Spiel genommen werden. Exakt nach diesem Prinzip läuft auch The Lord of the Rings: Adventure Card Game ab. Nur eben in einem anderen Setting.

Mittelerde in Kartenform

Ihr ahnt es zudem vielleicht schon, The Lord of the Rings: Adventure Card Game war nicht immer digital und es handelt sich hierbei um eine 1:1-Umsetzung des gleichnamigen Kartenspiels. Anders als beispielsweise Hearthstone liegt der Fokus hier auf dem Singleplayer, wobei das Spiel auch mit mehreren Spielern gespielt werden kann. Allerdings gibt es kein Player-vs.-Player (PvP), sondern der Gegenüber ist immer der Gleiche: Sauron. Richtig gelesen, kein Geringerer als der Großmeister des Bösen selbst gibt sich die Ehre, um sich mit dem Spieler an einen Kartentisch zu setzen. Das ganze Spielprinzip verläuft komplett storybasiert und darf maximal mit einem weiteren Mitspieler bestritten werden. Dieser findet sich entweder an der gleichen Spielkonsole oder online wieder. Rein geschichtlich ist das Abenteuer im dritten Zeitalter angesiedelt, kurz vor der Geschichte rund um Frodo und die Gefolgschaft des Ringes. Über den Umfang des Titels darf man an dieser Stelle gerne streiten, doch dieser fällt nicht gerade üppig aus. Neben einer großen Tutorial-Kampagne warten zwei Hauptkampagnen mit in sich abgeschlossenen Geschichten sowie ein paar separate Herausforderungen. Laut Entwickler soll es jedoch demnächst kostenlosen Nachschub geben, Mikrotransaktionen oder kostenpflichtige Zusatzinhalte gibt es hingegen nicht.

Das Spielprinzip vom Herr-der-Ringe-Kartenspiel unterscheidet sich in einigen Punkten von Titeln wie Hearthstone oder Gwent. Grundsätzlich gibt es zwei unterschiedliche Kartentypen, die in jedem Spiel zum Einsatz kommen. Die Heldenkarten sind vorgegeben und liegen zu Beginn auf dem Tisch. Die anderen Karten sind entweder Fähigkeitenkarten, Gefährtenkarten oder Unterstützungskarten. Diese dürfen im Spielverlauf mit hinzugezogen werden. Sauron hat hingegen immer eine Zielkarte auf dem Tisch liegen, welche die Bedingung für einen Sieg angibt. Dazu kommen selbstverständlich weitere Karten, die das Leben eurer Helden schwieriger machen sollen. Eine Spielrunde gegen Sauron besteht meistens aus zwei Spielen. Zunächst muss eine Bedingungskarte aus dem Weg geräumt werden, um auf die zweite Ebene zu gelangen. Diese Bedingungen sind unterschiedlich und reichen von „Vernichte einen bestimmten Typ an Feinden“, bis hin zu „Überlebe eine bestimmte Anzahl an Runden“. Ist die Bedingung abgeschlossen, darf die Zielkarte angegriffen werden. Nach dem Sieg über die Karte steht dann die Option „Reisen“ zur Verfügung und es geht auf die zweite Ebene. Hier folgt ein Bosskampf gegen eine oder mehrere starke Karten. Ihr als Spieler habt allerdings die Hypothek, dass ihr mit dem Blatt des ersten Tischs auch auf dem zweiten Tisch beginnt. Das heißt: Ist euer Energiehaushalt im Eimer, bleiben wenig Chancen auf einen Sieg über den Boss.

Komplexes und motivierendes Spielprinzip

Nachfolgend wollen wir noch einmal etwas genauer auf die Spielrunden eingehen. Diese unterscheiden sich etwas von anderen Kartenspielen, da man hier abwechselnd seine Karten ausspielt. Bei Hearthstone, um den Blizzard-Vertreter erneut als Beispiel zu nennen, hat der Spieler zu jeder Runde ein Kontingent an Spielpunkten (Manakristalle) zur Verfügung, die dem Spieler die Aktionen ermöglichen. Diese Spielpunkte gibt es hier prinzipiell auch, sie werden allerdings etwas anders eingesetzt. Ihr verwendet diese nur, wenn ihr eine Karte aufnehmt. Zu Beginn jedes Spiels hat der Spieler allerdings schon drei Heldenkarten auf dem Tisch, für die keine Spielpunkte notwendig sind. Wurde eine Karte verwendet, egal ob Heldenkarte oder hinzugefügte Karte, darf diese für diesen Zug nicht mehr verwendet werden. Nun werden abwechselnd, zunächst vom Spieler und dann von Sauron, die Karten eingesetzt oder eine Karte aufgenommen, bis alle Karten aufgebraucht sind und beide Spieler keine Spielpunkte mehr haben. Gleichzeitig gibt es auch die Möglichkeit zu passen, was allerdings eigentlich nur dann Sinn macht, wenn man bestimmte Aktionen aufsparen möchte. Nun werden so viele Runden gespielt, bis der Spieler die Zielvorgaben der Kampagne erreicht hat oder bis Sauron die Heldenkarten bezwungen hat.

Um das Spielprinzip noch etwas transparenter zu machen, möchten wir euch noch eine beispielhafte Runde darstellen, da das System doch recht komplex ist. Der Spieler hat drei Heldenkarten auf dem Tisch, Sauron eine Zielvorgabekarte und zwei feindliche Einheiten. Jede Runde beginnt mit der sogenannten Auffrischung, wobei hier jede Heldenkarte eine andere Aktion bewirken kann. Ein Held heilt eine beliebige Einheit, ein anderer Held greift einen beliebigen Gegner an. Wir schauen uns vor unserem ersten Zug die Zielvorgabe an: „Überstehe vier Runden“. Wir haben zunächst drei Spielpunkte, mit der wir aus unserem Kartenstapel eine Karte im Wert von drei Punkte ziehen, was einen zusätzlichen Gefährten auf das Spielfeld bringt. Jetzt ist Sauron dran und greift einen unserer Helden an. Wir wiederum, jetzt mit vier Spielpunkten ausgestattet (die Anzahl erhöht sich mit jedem Zug), haben die Wahl, einen Angriff auszuführen oder eine weitere Karte auszuspielen. So läuft das Geschehen Runde um Runde ab, ehe wir die Vorgabe erfüllen und Saurons Zielvorgabekarte aus dem Weg räumen. Nichtsdestotrotz können wir im Rahmen dieses Tests nicht alle Gameplay-Kniffe im Einzelnen durchgehen. Dafür dient jedoch die ausführliche Ingame-Tutorial-Kampagne, die in fünf Level gegliedert wurde und den Spieler bestens auf das bevorstehende Abenteuer vorbereitet.

Aus technischer Sicht ist The Lord of the Rings: Adventure Card Game Licht und Schatten zugleich. Das Spiel wird toll präsentiert, die einzelnen Geschichten sind schön erzählt und die gezeichneten Charaktere und Karten stehen den Schauspielern aus den Filmen in fast nichts nach. Dazu kommt die tolle musikalische Untermalung, die Fanherzen sofort höherschlagen lässt. Die Erzählungen innerhalb des Spiels sind zwar in englischer Sprache, jedoch wissen diese absolut zu überzeugen. Optisch macht das Spiel also das, was es soll. Zudem läuft es solide und flüssig. Nun kommt jedoch die Kehrseite der Medaille. Das gesamte Spiel läuft prinzipiell online ab, obwohl es im Grunde kaum Onlinefeatures gibt. Einzig das Belohnungssystem der Kampagnen, das Ingamewährungen für freischaltbare Extras betrifft, wird über den Onlinemodus hinzugefügt. Und hier kommt es zum größten Ärgernis im Spiel. Während des kompletten Testzeitraums kam es in beinahe jeder Partie zu Verbindungsabbrüchen. Macht im Prinzip nichts, man kann ja auch offline spielen. Allerdings gibt es dafür keine Belohnungen. Und das ist richtig ärgerlich, wenn man eine Kampagne eine Weile (online!) gespielt hat und plötzlich der Verbindungsabbruch über den Bildschirm flackert. Einer Wiedereinwahl soll angeblich möglich sein, hat allerdings in der Praxis nie geklappt.

Die Folge: Die Belohnungen sind dahin. Es bleiben somit zwei Optionen: auf die Belohnung verzichten oder die Kampagne von vorne starten. Zugegeben, die freischaltbaren Gimmicks sind jetzt nicht so toll, aber es gibt außerdem neue Heldenkarten freizuspielen und auf diese will man sicher nicht verzichten. Hier muss dringend nachgebessert werden. Wo ebenfalls Handlungsbedarf besteht: die Schriftgröße der Texte im Spiel ist extrem klein. Da die Story der Kampagnen durch viele Texte erzählt wird, kann es schon mühsam sein, sich durch die einzelnen Geschichtszeilen durchzublättern. Auch das hätte eleganter gelöst werden können.

Fazit:

Lord of the Rings: Adventure Card Game ist im Grunde eine gelungene Digitalisierung eines launigen Kartenspiels, die sich allerdings unnötigerweise selbst einige Steine in den Weg legt. Das Spielprinzip ist motivierend, sehr komplex und doch leicht zu lernen - aber eben nur schwer zu meistern. Das sehr umfangreiche Tutorial nimmt euch allerdings behutsam an die Hand und macht euch zu angehenden Profis. Und dann macht das Spiel eigentlich richtig Freude. Im Gegensatz zu Hearthstone ist es hier nicht mit ein bisschen Kartenschieberei getan, sondern es muss taktiert, gut überlegt und geschickt gehandelt werden, will man Sauron und seine Brut zur Strecke bringen. Jedoch sollte man sich über zwei Dinge im Klaren sein. Wer das Spiel heute kauft, bekommt noch nicht den gesamten Umfang spendiert, auch wenn die Entwickler löblicherweise auf Echtgeldeinsatz im kompletten Abenteuer verzichten. Kostenlose Updates sollen den bislang überschaubaren Umfang aufwerten. Und dann wären da noch einige technische Aspekte, die nerven. Die viel zu kleine Schrift in den Texten könnte ich noch auf meine schwindende Sehkraft schieben, aber die häufigen Verbindungsabbrüche während der Kampagne sind absolut ärgerlich und dürfen in dieser Form einfach nicht passieren. Hier muss dringend nachgebessert werden, da sonst der Spielfluss dauerhaft auf der Strecke bleibt und viele Spieler das eigentlich gute Kartenspiel sonst recht schnell links liegen lassen werden. Dies müssen wir auch bei der Wertung berücksichtigen.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version.

Wertung:

6.5

Michael Prammer meint:

"Eine prinzipiell gelungene Versoftung eines launigen Kartenspiels, das jedoch aktuell noch arm an Umfang ist und an technischen Mängeln leidet."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Mangelhaft

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