Test: Atelier Ryza: Ever Darkness & The Secret Hideout

Von Deniz Üresin am 16. November 2019

Ihr seid auf der Suche nach einem neuen JRPG? Wir haben die Switch-Version des neuesten Atelier-Titels für euch hier auf NplusX getestet.

Retten dicke Schenkel Leben? 

Mit inzwischen 21 Ablegern in 22 Jahren hat sich die Atelier-Reihe vom japanischen Entwicklerstudio Gust in der JRPG-Szene auf jeden Fall einen Namen gemacht, auch wenn der Erfolg nicht ganz an Final Fantasy, Dragon Quest oder Tales of heranreicht.

Häufig in Trilogien gruppiert, drehen sich die Atelier-Spiele meist um junge, angehende Alchemistinnen, die die Spieler durch ihren Alltag und ihre Reifeprüfungen begleiten. Mit Atelier Ryza wollen die Entwickler einige neue Dinge ausprobieren, ohne dabei zu sehr von der bewährten Atelier-Formel abzuweichen.

Protagonistin Reisalin Stout, die von ihren Freunden Ryza genannt wird, grenzt sich bereits von ihren Vorgängerinnen ab. Atelier-Heldinnen waren bisher für gewöhnlich adrett gekleidete, zuckersüße, fast schon püppchenhafte Anime-Girls, die zu Beginn meist eher schlecht als recht mit Alchemie umgehen konnten. Ryza jedoch sticht mit ihren fast schon unnatürlichen Kurven und dem relativ freizügigen Outfit aus dieser Gruppe heraus und ist obendrein noch ein Naturtalent, was Alchemie angeht.

Zu Beginn des Spiels treffen Ryza und ihre Kumpel Tao und Lent, ein ängstlicher Bücherwurm und ein angehender Schwertkämpfer, bei einer ihrer unerlaubten Entdeckungstouren abseits ihres Heimatdorfes Rasenboden auf der friedlichen, aber abgeschiedenen Insel Kurken auf den reisenden Alchemisten Empel und seine mysteriöse Begleiterin Lila. Ryza findet ihr behütetes Leben im Dorf nämlich sterbenslangweilig und nutzt jede Chance, der Arbeit auf dem Feld ihres Vaters zu entkommen und die Welt zu entdecken. Fasziniert von einer Bombe, die Empel selbst hergestellt und verwendet hat, um Ryza vor einem Monster zu retten, beschließt die energiegeladene Abenteurerin, sich der Kunst der Alchemie zu widmen. Unter Empels Fittichen lernt Ryza nun ständig neue Rezepte, um einerseits ihre Ausrüstung für die immer gefährlicher werdenden Erkundungsausflüge aufzuwerten und andererseits den skeptischen Dorfbewohnern bei ihren Problemen zu helfen, damit sie endlich anerkennen, dass Ryza eine verantwortungsbewusste Erwachsene und kein kleines Kind mit Flausen im Kopf mehr ist.

Die Story fokussiert sich gerade in der ersten Hälfte Atelier-typisch größtenteils auf die Charaktere, ihre Probleme und Interaktionen miteinander, doch während ihr diese Slice-of-Life-Hälfte genießt, bahnt sich sehr zaghaft ein tieferer Plot an: Ein mysteriöses, unglaublich starkes Monster taucht plötzlich im Wald auf und Empel und Lilas Beunruhigung darüber springt auch langsam auf Ryza und ihre Freunde über. Als dann auch noch ein Drache die Händlerroute zum Dorf unsicher macht und sich plötzlich der Wasserlieferant und Quasi-Bürgermeister immer verdächtiger benimmt, sind sich die Protagonisten sicher, dass etwas nicht stimmt. Mit Ryzas Alchemie, Taos Wissen, Lents Kraft und der tatkräftigen Unterstützung ihrer neuen Freundin Klaudia beschließen sie, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen.

Heute sammel ich, morgen brau ich

Auch wenn die Story ab der zweiten Hälfte der etwa 25- bis 30-stündigen Kampagne langsam an Fahrt und Wendungen aufnimmt, bleibt sie dennoch fast durchgängig eher im Hintergrund und lässt den Charakteren, dem Gameplay und der Spielwelt den Vorrang. Das Gameplay besteht aus einem repetitiven, aber spaßigen Loop aus Erkunden, Sammeln und Kämpfen, bevor es ins Atelier geht, wo ihr meist etwas zusammenbrauen müsst, um die Story voranzutreiben. Abseits davon gibt es noch haufenweise Sidequests zu erledigen, wobei diese sich meist ganz simpel durch Gespräche oder der Lieferung bestimmter (meist durch Alchemie zubereitete) Items abschließen lassen.

Gesammelt werden in Atelier Ryza kann alles, was nicht niet- und nagelfest ist, solange ihr die entsprechenden Werkzeuge dabei habt. Mit einer Angel könnt ihr an bestimmten Stellen Fische fangen, mit einer Sense diverse Büsche und andere Gewächse bearbeiten und mit einem Hammer zerhaut ihr gewisse Steine, um an die darin verborgenen Mineralien und Erze zu gelangen. Jedes gefundene Item hat dabei einen eigenen Qualitätslevel und Fähigkeiten, was für das Crafting natürlich eine wichtige Rolle spielt.

Sobald ihr im Spiel euer eigenes Atelier aufgebaut und die Karte freigeschaltet habt, wird das Reisen zwischen den weitläufigen Arealen und eurem Heimatdorf ein Kinderspiel. Jederzeit außerhalb von Kämpfen und Gesprächen könnt ihr fortan per Druck auf die Minus-Taste die Schnellreise aktivieren und euch zurück in euer Quartier begeben, um euch zu heilen und die bisher gefundenen Items sicher in eurer Truhe zu verstauen. Während eurer Erkundungsausflüge könnt ihr nämlich nicht mehr als 100 Gegenstände in eurem Korb mitführen und wenn euch ein Monster mal verhauen sollte, verliert ihr einen Teil eures Korbinhaltes.

Bei euren Streifzügen durch die abwechslungsreich gestalteten, malerischen Gebiete dürft ihr euch übrigens so viel Zeit lassen, wie ihr wollt, es gibt zwar ein Tag- und Nachtsystem, aber wie schon im Vorgänger Atelier Lulua und im Gegensatz zu älteren Spielen der Reihe keinerlei Zeitlimits für den Storyfortschritt oder irgendwelche Sidequests.

Das Alchemisieren wurde für Atelier Ryza auch generalüberholt und etwas vereinfacht. Musstet ihr in Atelier Sophie beispielsweise noch versuchen, die Items in Form von Tetris-ähnlichen Blöcken in einem Gitter möglichst ohne Überschneidungen unterzubringen, wählt ihr hier in einem Skill-Tree-ähnlichen Menü einfach die Zutaten an den jeweiligen Stellen aus, um euer herzustellendes Item mit den gewünschten Effekten zu versehen. Ein Heilitem kann dadurch gleichzeitig den Effekt bekommen, auch Vergiftungen zu heilen und einer Waffe könnt ihr beispielsweise einen erhöhten Angriffswert verpassen. Um ein Item herstellen zu können, benötigt ihr drei Dinge: Das Minimum an für die Herstellung essenziellen Materialien, einen ausreichenden Alchemie-Level (der mit der Anzahl der Alchemie-Anwendungen steigt) und das passende Rezept. Einige von diesen bekommt ihr automatisch durch die Story, den Rest müsst ihr euch über Sidequests erarbeiten oder durch das Einschlagen des richtigen Pfades beim Alchemisieren eines anderen Items freischalten. Eurer Bastellust sind jedenfalls kaum Grenzen gesetzt und eine Alchemie-Session kann sich gelegentlich auch ganz schön in die Länge ziehen, bis ihr durch geschickte Wahl der Materialien und Zusatzeffekte ein Meisterwerk von einem Ausrüstungsgegenstand gezaubert habt. Alternativ könnt ihr eure Zeit am Kessel aber auch bei Nichtgefallen extrem gering halten: Ihr werdet nur hin und wieder wirklich gezwungen, etwas herzustellen und per Knopfdruck könnt ihr die Prozedur dem Computer überlassen und ihm lediglich mitteilen, ob er eher hoch- oder minderwertige Materialien verwenden soll.

Sechs Fäuste für ein Halleluja

Atelier Ryza unterscheidet sich auch noch in einem anderen Aspekt von seinen Vorgängern: In Kämpfen kommt dieses Mal nicht das klassisch rundenbasierte, sondern eine Variante des aus der Final-Fantasy-Reihe bekannten Active Time Battle Systems zum Einsatz. Auf der linken Seite werden Icons von allen Kampf-Teilnehmern angezeigt, die sich je nach Geschwindigkeitswert mehr oder weniger flott zum unteren Bildschirmrand bewegen. Wer dort ankommt, ist am Zug und kann angreifen, Skills entfesseln oder Items einsetzen. Ihr steuert dabei immer nur einen der drei aktiven Kämpfer gleichzeitig, könnt aber jederzeit per Knopfdruck zwischen diesen hin und herwechseln.

Anstelle von MP hat eure Party einen geteilten Action-Point-Pool, der sich mit jedem Standard-Angriff auffüllt. Skills eurer Kämpfer kosten je eine entsprechende Anzahl AP, sodass ihr nicht beliebig eure stärksten Angriffe spammen könnt, aber dafür auch nie während einer Erkundungstour auf eure MP achten müsst. Habt ihr genügend AP angespart, könnt ihr sie stattdessen aber auch verwenden, um euer Taktik-Level zu erhöhen. Dies resultiert in stärkeren Angriffen und verbesserten Skills. So kann geschicktes AP-Management gerade in hitzigeren Boss-Gefechten über Sieg oder Niederlage entscheiden. Gelegentlich rufen euch die nicht aktiv gesteuerten Kameraden einen Befehl zu, beispielsweise sollt ihr dem Gegner Feuerschaden zufügen oder einen ihrer Statuswerte senken. Erfüllt ihr diese Befehle innerhalb eines Zeitfensters, „bedanken“ sich dafür mit einem spektakulären Spezialangriff.

Im Kampf einsetzbare Items werden in Atelier Ryza übrigens nicht verbraucht. Stattdessen senkt jeder Einsatz die sogenannte Core-Charge-Leiste. Ist diese bei 0 angelangt, könnt ihr keine Items mehr verwenden, bis ihr euch in eurem Haus aufs Ohr gelegt habt oder eines eurer Items vorläufig opfert, um die Leiste wieder zu füllen (das geopferte Item wird nach dem Schlafengehen ebenfalls wiederhergestellt). Statt also wie in anderen JRPGs üblich 99 Heiltränke zu bunkern, solltet ihr hier lieber darauf achten, eine Handvoll heilende Items von bestmöglicher Qualität herzustellen.

Auf dem normalen Schwierigkeitsgrad ist die erste Hälfte des Spiels relativ einfach, solange ihr ab und zu euer Equipment upgradet und nicht vor allzu vielen Kämpfen davonrennt. Später zieht der Schwierigkeitsgrad etwas an, setzt euch aber abseits von optionalen Superbossen, dem brutal schweren Endboss und besonders starken Gegnervarianten kaum eine ernstzunehmende Bedrohung entgegen. Auf dem Schwierigkeitsgrad Hard dauern die Kämpfe in der ersten Spielhälfte gefühlt einfach nur etwas länger, aber ab einem bestimmten Punkt werden dann auch tatsächlich einzelne Kämpfe gegen normale Gegner lebensgefährlich für Ryza und ihre Kumpane.

Einziger großer Wermutstropfen des Kampfsystems bleibt somit, dass ihr immer und immer wieder dieselben Gegnertypen vorgesetzt bekommt: Es gibt gefühlt nur eine Handvoll Gegnermodelle, die in neuen Gebieten immer wieder mit neuen Farbvariationen recycelt werden.

Me GUSTa

Von der technischen Seite gibt es an der Switch-Fassung von Atelier Ryza kaum etwas zu bemängeln. Die Entwickler bei Gust scheinen den Dreh endlich raus zu haben, denn während Atelier Lydie & Suelle und Nights of Azure 2 von teilweise heftigen Framerateproblemen geplagt wurden, läuft Ryza fast durchweg flüssig mit 30 Bildern pro Sekunde über den TV- oder Switch-Bildschirm. Natürlich mussten bei einigen Texturen und Licht- und Schatteneffekten ein paar Kompromisse im Vergleich zu den PS4- und Steam-Fassungen eingegangen werden, aber trotzdem macht Ryza auf der Switch weiterhin eine sehr gute Figur.

Der Soundtrack ist abwechslungsreich und eingängig und ergibt zusammen mit den farbintensiven, detaillierten Umgebungen ein stimmiges Gesamtbild. Dazu passt auch die japanische Sprachausgabe, die in storyrelevanten Cutscenes zum Tragen kommt. Die Bildschirmtexte sind wie bei den meisten JRPGs ohne allzu großes Budget nur auf Englisch erhältlich, allerdings ist die Lokalisation dafür sehr gut gelungen.

Fazit:

Sofern ihr kein JRPG-Fan seid, dem eine epische, komplexe Story bei einem Videospiel am wichtigsten ist, stehen die Chancen gut, dass euch die hübsche Ryza den Kopf verdrehen wird. Atelier Ryza ist kein AAA-Titel, aber die Entwickler haben mit ihren verfügbaren Ressourcen getan, was sie konnten, um ein entspanntes, spaßiges Rollenspiel auf die Beine zu stellen, das mit unterhaltsamen Charakteren, leicht zu erlernendem, aber dennoch ausreichend komplexem Gameplay und einer toll designten Spielwelt auftrumpfen kann. Langjährige Fans der Reihe könnten sich womöglich an der einen oder anderen Neuerung stören, allerdings wird diese Fraktion auf der Switch auch nicht im Stich gelassen: Die Arland Trilogie, bestehend aus Atelier Rorona, Totori und Meruru, ist bereits digital für die Hybridkonsole erhältlich und eine weitere Atelier-Trilogie ist bereits im Anmarsch: Die Atelier Dusk Trilogie wird Atelier Ayesha, Escha & Logy sowie Shallie beinhalten.

Wer Spaß am Sammeln, Erkunden und Craften hat und ein clever ausgetüfteltes Kampfsystem zu würdigen weiß, kann mit Atelier Ryza: Ever Darkness & The Secret Hideout aber nicht viel falsch machen.

Wertung:

8.0

Deniz Üresin meint:

"Atelier Ryza ist ein lockeres Abenteuer mit viel Charme, in dem das Kampfsystem und die Erkundung der Spielwelt der rudimentären Story oft die Show stehlen."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Gut
Technik: Sehr gut

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2 Kommentare:


TraxDave
vor 3 Wochen | 1
Schöner Test.
Ich hab schon lange mal überlegt mir einen Teil der Atelier-Serie genauer anzuschauen. Bis jetzt kam ich noch nie dazu. Die scheinbar etwas modernisierte Variante hier gefällt mir dem Test nach. Leider gibt's trotzdem noch so viel andere Games die in meiner Prioritäten-Liste drüber stehen und trotzdem ich großer JRPG-Fan bin, ist mir ein richtiges Echtzeit-Kampfsystem noch immer um Welten lieber als ein rundenbasiertes. ^^

Denios
vor 3 Wochen | 1
Danke :) Ja, wenn ich nicht das Testmuster bekommen hätte, hätte es bei mir wohl auch noch bis frühestens 2020 gedauert, bevor ich der Reihe eine Chance hätte geben können. Glücklicherweise ist Ryza nicht so lang und kann, wenn man nicht unbedingt alle Sidies machen will, locker in unter 30h gemacht werden.
Ich bin ein großer Fan von rundenbasierten Kampfsystemen und das von Ryza ist echt flott :)