Test: Ring Fit Adventure

Von Michael Prammer am 06. November 2019

Die Verschmelzung von Videospiel und Fitness - genau das hat sich Ring Fit Adventure auf die Fahne geschrieben. Ob diese Fusion funktioniert, verrät unser Test.

Die Ankündigung kam quasi aus dem Nichts. Nintendo zeigte abseits einer großen Messe oder Show ein neues Spielerlebnis, das man gut und gerne als geistigen Nachfolger von Wii Fit ansehen kann. Vorgestellt im Stile einer Homeshopping-Sendung durch zwei durchtrainierte Moderatoren schieden sich zunächst die Geister. Während die eine Hälfte der Gaming-Gemeinde das neueste Produkt von Nintendo mit einem Lächeln kaum beachtete, konnte der anderen Hälfte durchaus etwas Neugier entlockt werden. Erst das offizielle Ankündigungsvideo zeigte dann wirklich, was Nintendo da eigentlich vor hat und was auf den Spieler zukommt.

Was ist ist Ring Fit Adventure und wie funktioniert es?

Die Software an und für sich ist alleine quasi nutzlos und muss zwingend mit beigelegter Hardware verwendet werden. Hierbei werden uns zwei Komponenten geliefert, ein großer Pilates-Ring und ein Beingurt. Beide Hardware-Teile bieten Platz für jeweils einen Joycon-Controller und dienen als Steuereinheit des kompletten Spielerlebnisses. Der Ring hat dabei die Funktion, unterschiedliche Kraft- und Dehnübungen zu simulieren, die mittels des rechten Joycon-Controllers an das System übertragen werden. Der Beingurt überträgt Bewegungen und Positionen der Beine auf das Spiel mittels des linken Joycon-Controllers. That's it.
Schaut man sich die beigelegten Hardware-Geräte etwas genauer an, ist man doch positiv überrascht. Zwar ist der Ring aus Kunststoff, was aufgrund des Tragekomforts und der Bedienbarkeit auch dringend erforderlich ist, jedoch ist dieser keineswegs billig verarbeitet. Im Gegenteil, das Gerät wirkt stabil und belastbar und die Handauflagen sind abnehmbar und dürfen gewaschen werden, solltet ihr zu sehr ins Schwitzen kommen. Auch der Beingurt ist alles andere als billiger Ramsch und lässt sich prima tragen. Hier muss man Nintendo wirklich ein Lob aussprechen, die Hardware ist erste Sahne. Die Intensität, beziehungsweise das Spielerlebnis ist schon erstaunlich und der Spieler kommt hier und da schon gehörig ins Schwitzen, je nachdem, wie sehr er sich auf das Spielerlebnis einlässt. Die Empfehlungen, man solle sich etwas zu Trinken oder ein Handtuch parat legen, kommen nicht von ungefähr.
Was Ring Fit Adventure wirklich gut macht, ist die Tatsache, wie man das Erlebnis verpackt. Es handelt sich um ein Sportspiel, das spielerisch die Grenzen zwischen Bewegung und Videospiel verschmelzen möchte. Und das gelingt auch. Anstatt ein Sammelsurium an Fitnessübungen in unterschiedlichster Art und Weise aneinander zu reihen, hat man sich etwas anderes ausgedacht. Die Entwickler generierten einfach ein Abenteuerspiel um die Fitnessübungen im Stile eines Rollenspiels herum. Klingt komisch? Nun ja, eine ausgeklügelte Story darf man an dieser Stelle nicht erwarten und wer ein wenig Sinn für Humor hat, wird sich in Anbetracht der Rahmenhandlung vielleicht sogar schlapplachen.

Dämliche Story, die dennoch motiviert

Der Protagonist schlendert über die Prärie und sieht einen mysteriösen Ring. Wie das nun mal so ist, kann er die Finger nicht von dem Teil lassen und spielt daran herum. Blöderweise entfesselt er dadurch den Widersacher im Titel, den Bodybuilder-Drachen Drako. Wir haben ja gesagt, dass es ulkig wird. Wie dem auch sei, der Ring entpuppt sich als euer treuer Gefährte, Ringo, der euch mit Rat und Tat zur Seite steht. Nun gilt es, dem durchtrainierten Fiesling das Handwerk zu legen und das macht man natürlich durch Fitnessübungen. Das Spielprinzip hierbei ist denkbar einfach. In Manier eines Runners läuft, geht oder rennt der Held durch das Level, vom Startpunkt zum Ziel. Dabei wird natürlich selbst gelaufen, wie es sich für ein Fitnessspiel gehört. Je schneller sich der Spieler auf der Stelle bewegt, desto schneller bewegt sich der Held. Mit dem Ring in der Hand interagiert man dabei mit der Spielwelt, Richtungen müssen nicht geändert werden.

Haltet ihr den Ring nach unten und drückt diesen zusammen, dann springt der Held. Presst ihr den Ring zusammen, stößt ihr kurze Luftstöße von euch weg, wodurch ihr Gegenstände zerstören könnt, die entweder auf dem Weg vorkommen oder am Wegesrand warten. Überall verteilt warten zudem Münzen, die im späteren Spielverlauf eingesetzt werden können, um neue Klamotten für euren Helden zu kaufen. Drako ist leider nicht alleine und so stellt er euch allerhand Schergen in den Weg. Diese werden im Stile eines Rollenspiels aus dem Weg geräumt. Allerdings wird eine Attacke nicht einfach nur auf Knopfdruck ausgeführt, sondern durch eine Fitnessübung. Je besser die Übung ausgeführt wird, desto mehr Schaden wird angerichtet. Nach dem Angriff folgt die Verteidigung, die nach dem gleichen Muster abläuft: Je besser die Übung, desto weniger Schaden. Besiegte Gegner, abgeschlossene Level und zusätzliche Items, die in jedem Level versteckt sind, bringen Erfahrungspunkte, wodurch der Spieler im Level steigt und die Angriffs- und Verteidigungswerte steigert.
Jeder Level auf der Karte hat eine Empfehlung, wie stark euer Charakter ungefähr sein sollte, um diesen locker zu meistern. Sollte es mal Schwierigkeiten geben oder Gegner zu stark sein, hilft grinden in früheren Welten. Levelaufstiege bringen auch den Vorteil, dass ihr nach und nach neue Übungen freispielt. Nicht alle Übungen sind gegen alle Gegner gleich effektiv und so kommt sogar noch eine Portion Strategie mit ins Spiel. Je nach Moveset, das man sich aufgebaut hat, scheint ein Kampf zunächst aussichtslos, was ein Wechsel einzelner Übungen jedoch schlagartig ändern kann. Am Ende der Level werden übrigens die Fitnessdaten (beispielsweise Kalorienverbrauch oder zurückgelegte Strecke) angezeigt, was für Sportfans sicher einen netten Bonus darstellt. Außerdem darf der Puls am Sensor des rechten Joycon gemessen werden und die Software versorgt euch immer wieder mit Ernährungstipps, Aufwärmübungen und Lockerungen, wenn das Spiel beendet wird.

Was gibt es sonst noch?

Abseits der Geschichte, die für ein Fitnessspiel relativ lang auszufallen scheint - wir haben es zwar noch nicht ganz durch, sind allerdings bereits bei über 15 Stunden - bietet das Paket noch einiges mehr. Es gibt eine Sammlung an Minispielen, die vor allem auf den Einsatz des Rings setzen. Diese sind meistens in wenigen Minuten zu Ende und dienen vor allem der Highscorejagd. Als Beispiel können wir hier ein kleines Roboterspiel aufführen. Diese erscheinen in einer runden Maschine durch Öffnungen und müssen entweder durch das Drücken oder Ziehen des Rings zerstört werden. Durch das Drehen des Rings werden die kleinen Roboter anvisiert. Solche kleinen Spiele machen kurzzeitig Spaß und gehen ganz schön in die Arme, motivieren aber längst nicht so wie die Story. Allerdings lassen sich alle Ranglisten online hochladen und mit Freunden vergleichen. Was sich leider als etwas umständlich herausstellt, ist die Navigation durch die Menüs. Man wollte dies zwar innovativ durch den Ringcon lösen, allerdings ist dieser Versuch mehr schlecht als recht gelungen. Die Ansteuerung auf die einzelnen Menüpunkte misslingt häufiger und stellt sich als relativ fummeliger Part dar.

Zum Schluss wäre da noch eine weitere, interessante Funktion. Wer bei ausgeschalteter Switch-Konsole den Stick des rechten Joycon drückt (wenn dieser im Ring montiert ist), aktiviert eine „Multitasking“-Übung. Hier darf bis zu 500 Mal der Ring bewegt werden, was sich dann in das Spiel übertragen lässt. Dafür gibt es dann entweder eine Ingame-Belohnung oder man verschenkt diese an einen Online-Freund. Ansonsten gibt es jede Menge Einstellmöglichkeiten, die das Spielerlebnis für jeden Stil individualisieren. Ihr wollt nicht laufen, weil ihr Untermieter habt? Kein Problem, hier gibt es den „leisen Modus“, der durch taktvolle Bewegungen in die Hocke den gleichen Effekt wie das Laufen bewirkt. Auch die Intensität der Übungen kann angepasst werden. Das Spiel schlägt je nach Art und Weise des Verhaltens sogar hin und wieder vor, wie das Erlebnis angepasst werden könnte, um ein ideales Ergebnis zu erzielen.

Fazit:

Ring Fit Adventure ist ein beinahe rundum gelungenes Produkt geworden. Die Hardware kann überzeugen und der Spieler bekommt ein stabiles und hochwertiges Fitnessprodukt geliefert. Vor allem die Idee mit dem Abenteuermodus ist wirklich genial. Die Story ist zwar saudämlich, jedoch kann das Rollenspiel drumherum für die notwendige Motivation sorgen, immer weiter zu spielen und vor allem täglich etwas Zeit mit dem Fitnessgerät zu verbringen. Dazu bohrt man den Umfang mittels Minispielen schön nach oben. Diese sind zwar keinesfalls längere Zeit langlebig, können aber für kurzweilige Partyabende durchaus unterhalten. Die Verschmelzung von Videospiel und Fitness-Programm gelingt hier einfach wunderbar und kann auch durch die teils nervige Menüsteuerung nicht zunichte gemacht werden. Einzig die Nachhaltigkeit des Produktes darf in Frage gestellt werden. Was passiert, wenn ich das Spiel durchgespielt habe? Habe ich dann noch weiterhin die Motivation, das Gerät täglich in die Hand zu nehmen? Hier sollte Nintendo darüber nachdenken, neue Level nachzuliefern, sonst verstaubt das Teil nach Abschluss der Story relativ schnell.

Wertung:

8.5

Michael Prammer meint:

"Tolle Verschmelzung von Fitness-Programm und Abenteuer mitsamt hochwertiger Hardware."
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Gut
Technik: Gut

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