Test: Mario und Sonic bei den Olympischen Spielen Tokyo 2020

Von Andreas Held am 05. November 2019

Nachdem sich Mario und Sonic im Jahre 2018 eine sportliche Auszeit gegönnt haben, sind sie 2020 in Tokyo wieder am Start.

Willkommen im Story-Modus

Etwas überraschend, da er in den Marketing-Materialien von Nintendo kaum erwähnt wurde, lädt uns im Hauptmenü des Lizenzspiels ein Story-Modus zu einer Einzelspieler-Erfahrung ein. Tokyo ist von Figuren aus dem Pilzkönigreich und dem Sonic-Universum überrannt, die sich alle die olympischen Spiele ansehen oder sogar daran teilnehmen wollen. Zu Beginn der Handlung bekommen Mario und Sonic eine Retro-Spielekonsole geschenkt, weigern sich jedoch, diese einzuschalten. Schnell stellt sich heraus, dass die Konsole von Eggman (Dr. Robotnik) gebaut wurde, der sich daraufhin mit Bowser zusammentut, um die beiden Protagonisten zum Einschalten der Konsole zu zwingen. Als Luigi vorbeikommt und das Gerät einschaltet, werden Mario, Sonic, Eggman, Bowser und Toad in die Konsole gesaugt und finden sich in einem Lizenzspiel zu den olympischen Spielen 1964 wieder, die ebenfalls in Tokyo stattfanden. Sie müssen nun möglichst viele Goldmedaillen gewinnen, um die Konsole wieder verlassen zu können. Gleichzeitig tun sich in der realen Welt Luigi und Tails zusammen, um die beiden zu retten - und kommen zu dem Schluss, dass sie dafür möglichst viele Goldmedaillen gewinnen müssen.

Man merkt schon: Den Story-Autoren ging es vor allem darum, den verschiedenen Charakteren einen Grund zur Teilnahme an den zahlreichen olympischen Disziplinen zu geben, die über beide Spielewelten verteilt sind. Davon gibt es 21 im gewohnten 3D-Stil, an denen neben Luigi und Tails auch einige Begleiter teilnehmen, die sich den beiden im Laufe der Handlung anschließen. Mario und Sonic bespielen derweil zehn weitere Events in einer 2D-Retro-Optik. Außerhalb der Wettbewerbe und Story-Szenen könnt ihr die Spielwelt erforschen und neben den zahlreichen Stadien und Sporthallen auch einige japanische Sehenswürdigkeiten wie das Regierungsgebäude in Shinjuku oder den TOKYO SKYTREE besuchen, die im Spiel in einer liebevollen und detaillierten Optik präsentiert werden. Sprecht ihr mit bestimmten NPCs, könnt ihr verschiedene Fakten-Kärtchen über Tokyo, die olympischen Spiele und die Mario- und Sonic-Charaktere finden und sammeln. Abgerundet wird das Gesamtpaket durch zehn Minispiele, die sich mit zunehmender Spieldauer immer weiter vom sportlichen Aspekt des Spiels entfernen. Wenn Tails so schnell wie möglich auf den Tokyo Tower klettern muss, ist das noch irgendwie vertretbar - die Stealth-Sequenz in einem vierstöckigen Museum oder ein drei Levels umfassender 2D-Shooter wirken in einem Sportspiel jedoch vollends deplaziert.

So nett das alles auch gemeint ist, so schnell wirft sich die Frage auf, wer denn nun eigentlich die Zielgruppe für diesen Spielmodus sein soll. Als Einzelspielererfahrung lohnt sich Mario und Sonic bei den Olympischen Spielen Tokyo 2020 auch mit diesem Story-Modus nicht annähernd, da die kurze Spielzeit, der viel zu niedrige Schwierigkeitsgrad (mit der Option, ein Event nach dreimaligem Scheitern einfach zu überspringen...) und vor allem die sterbenslangweile, ereignislose Story niemanden begeistern werden. Wer sich den Olympia-Titel als Partyspiel besorgt, wird den Story-Modus hingegen ignorieren und sofort den Quick-Play-Modus auswählen, wo fast alle Inhalte von Anfang an freigeschaltet sind. Als Bonus in einem schicken Gesamtpaket wäre der Story-Modus sicherlich sehr löblich, aber leider hat das Solo-Abenteuer wohl viele Entwicklungsressourcen verschlungen, die das Spiel an anderen Stellen dringend gebraucht hätte.

Nette Sport-Minispiele mit seltsamen Beschränkungen

Mario und Sonic bei den Olympischen Spielen Tokyo 2020 stellt euch insgesamt 32 Charaktere - jeweils 16 aus den Mario- und Sonic-Universen - zur Verfügung. Die Charakterauswahl ist insgesamt gelungen, aber gerade auf der Sonic-Seite treten einige Figuren auf, die wohl nur die wenigsten Spieler kennen werden. Der große Haken daran: Zwölf der 32 Figuren sind jeweils nur in einem einzigen Event spielbar, und von den restlichen 20 stehen zwölf weitere nur in den 3D-Events zur Verfügung, sodass am Ende nur acht Figuren übrig bleiben, die wirklich in allen 34 Disziplinen gespielt werden können: Mario, Luigi, Bowser, Peach, Sonic, Tails, Eggman & Knuckles. Wollt ihr hingegen mit Rosalina an den Start gehen, müsst ihr euch leider auf das Surfen beschränken; Toadette steht derweil nur im 110-Meter-Hürdenlauf zur Verfügung, Zazz (ein Endgegner aus Sonic Lost World) nur im Tischtennis. Warum auch immer.

Die Umsetzung der Disziplinen selbst ist den Entwicklern insgesamt gelungen, auch wenn wir mit einer stark schwankenden Qualität leben müssen. Dass sich Disziplinen wie der 100m-Lauf oder der Weitsprung sehr simpel spielen, ist natürlich den realen Vorbildern geschuldet; andere wie der Diskus-Wurf scheitern hingegen an der seltsamen Umsetzung: Um die Scheibe möglichst weit zu werfen, müsst ihr erst den linken Analogstick nach vorne schieben, ihn dann um eine vorher auswendig gelernte Gradzahl im Uhrzeigersinn drehen und zuletzt den X-Knopf drücken, während ihr den Controller idealerweise in einem 35°-Winkel zum Boden haltet. Das ist in der Praxis ähnlich verwirrend, wie es klingt. Zu den Highlights gehört der Marathon-Lauf im 2D-Modus, wo ihr Geschwindigkeit und Ausdauer aufeinander abstimmen, langsameren Läufern und Hindernissen ausweichen, Windschatten ausnutzen und an Wasserstationen mit dem richtigen Timing nach Trinkbechern greifen müsst, um mit einer Rekordzeit ins Ziel zu kommen. Auch das Rugby ist den Entwicklern erstaunlich gut gelungen und erreicht schon fast den Spaßfaktor eines Super Mario Strikers.

Leider haben alle Disziplinen einen ausgesprochenen Minispielecharakter, der vor allem auf die (fast immer optionale) Bewegungssteuerung zurückzuführen ist. Damit ihr im Tischtennis den Joycon "wie einen Tischtennisschläger" schwingen könnt, wird eure Figur automatisch gesteuert und ihr könnt lediglich die Schlagrichtung beeinflussen, aber keine Top Spins, Slices oder Drops spielen. Wählt ihr die Knopfsteuerung beschränkt sich das Gameplay also darauf, mit dem richtigen Timing die A-Taste zu drücken, sodass Ballwechsel zwischen zwei geübten Spielern sehr lange dauern, bis irgendwann jemand die Konzentration verliert und einen Fehler macht. Badminton spielt sich identisch. Außerdem sind alle Disziplinen auf eine extrem kurze Spieldauer ausgelegt. Events wie das Schwimmen oder der Kanu-Sprint laufen im Zeitraffer ab, um auch hier eine Nettospielzeit im 30-Sekunden-Bereich zu gewährleisten. Beim Fußball und beim Rugby dauert eine Halbzeit lediglich eine Minute. Selbst die angepriesenen Dream Events wirken eher wie ein Minispiel aus Mario Party und sind keiner besonderen Erwähnung wert.

Rudimentärer Multiplayer

Viel schlimmer als die Umsetzung der einzelnen Disziplinen ist jedoch das Drumherum. Mario und Sonic bei den Olympischen Spielen Tokyo 2020 bietet zwar die Möglichkeit, mit bis zu vier Spielern im Splitscreen-Modus oder bis zu acht Spielern im Online-Modus zu spielen - allerdings immer nur einzelne Disziplinen im Quickplay-Modus, andere Spielmodi gibt es nicht. Ein Mehrkampf, in dem ihr über verschiedene Sportarten hinweg Punkte sammeln würdet, fehlt genauso wie ein Hotseat-Modus, der mehreren Spielern die Benutzung desselben GamePads erlauben würde. Wenn ihr mehrere Matches hintereinander spielt hält das Spiel noch nicht einmal fest, welcher Spieler wie oft gewonnen hat. Selbst das mittlerweile 23 Jahre alte Winter Gold auf dem SNES bot bis zu acht Spielern die Möglichkeit, im Hotseat-Modus ein großes Turnier über alle Disziplinen zu spielen, und zeigte am Ende einen Medaillenspiegel und den Gesamtsieger an. Ein ähnlich ausgereifter Turniermodus wäre der angepeilten Zielgruppe des Switch-Titels sicherlich lieber gewesen als ein umfangreicher Story-Modus, was eigentlich auch den Entwicklern hätte klar sein müssen.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle mal eine zynische, aber leider wohl realistische These loswerden: Mario und Sonic bei den Olympischen Spielen Tokyo 2020 wird in den meisten Haushalten wohl als reines Fußballspiel genutzt werden. Und mir tun schon jetzt die Eltern-Ohren leid, die stundenlang die Musikuntermalung des Fußball-Minispiels ertragen müssen, die leider wirklich unter die Gürtellinie geht und für mich schon nach wenigen Minuten unerträglich wurde. Ansonsten ist der Soundtrack eher zum Vergessen, auch wenn der Story-Modus tatsächlich ein paar Ohrwürmer im Gepäck hat. Während der 2D-Disziplinen bekommt ihr nur eine rudimentäre Hintergrundmusik geboten und lauscht stattdessen einem 8-Bit-Publikum sowie einem ziemlich geschwätzigen und nervigen Kommentator, der mit seiner gut verständlichen Sprachausgabe einen ziemlichen Stilbruch darstellt. Ein Stilbruch sind natürlich auch die gut animierten Sonic-2D-Sprites, die zu den altbackenen Sprites aus dem Mario-Universum nicht wirklich passen wollen. Die 3D-Disziplinen sind hingegen sehr schön gestaltet, doch das optische Highlight bilden die vielen tokyoter Sehenswürdigkeiten, die ihr im Story-Modus besuchen dürft.

Fazit:

Es ist schwierig, Mario und Sonic bei den Olympischen Spielen Tokyo 2020 fair und objektiv zu bewerten. Denn auf der einen Seite haben sich die Entwickler mit diesem Titel deutlich mehr Mühe gegeben, als man erwarten könnte: 32 spielbare Charaktere, ein 2D-Modus mit Retro-Optik, 34 verschiedene Disziplinen und ein Story-Modus, in dem ihr abseits der sportlichen Events auch einige Sehenswürdigkeiten besuchen und ausgefallene Minispiele absolvieren dürft, bilden eine wirklich stattliche Feature-Liste, die eine deutliche Steigerung zu den bisherigen Olympiaspielen mit Mario und Sonic darstellt. Leider wurde zugunsten dieser Features am Fundament gespart: Ein Großteil der Charaktere ist nur in bestimmten Events spielbar, und dem Multiplayer-Modus fehlen neben einem Mehrkampf- oder einem Hotseat-Modus sogar jegliche Score-Tracking-Features, sodass ihr Zettel und Stift auspacken müsst, wenn ihr in eurem Wohnzimmer einen olympischen Spieleabend veranstalten wollt. Viele Disziplinen leiden außerdem darunter, dass sie auf eine Bewegungssteuerung ausgelegt und daher aus spielerischer Sicht viel zu simpel sind. Somit stellt sich Mario und Sonic bei den Olympischen Spielen Tokyo 2020 leider auf eine Stufe mit Titeln wie Nintendoland oder 1-2-Switch, die zwar sehr kurzfristig Spaß machen, denen es für die nötige Langzeitmotivation aber an Substanz fehlt.

Wertung:

7.0

Andreas Held meint:

"Ein aufwändiger Story-Modus und ein großer Umfang an Disziplinen und Charakteren stehen einem unvollständigen Multiplayer-Modus gegenüber."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Gut
Technik: Sehr gut

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