Test: MediEvil

Von Jeremiah David am 30. Oktober 2019

Ein Ritter in Ehren

Es ist das Jahr 1286 und der gute Sir Daniel Fortesque steht mutig mit seinen Männern vor den untoten Heeren des abscheulichen Magiers Zarok. Fortesque zückt sein Schwert und rennt mit Gebrüll auf die gegnerische Armee zu, während die Schützen des Feindes ihre Bögen gen Himmel recken. Vermutlich sieht sich Fortesque bereits als gefeierter Held, tatsächlich aber stirbt er mit einem der ersten abgeschossenen Pfeile, der sich tief in sein linkes Auge bohrt. Von der Schlacht danach bekommt er logischerweise nichts mehr mit, trotzdem erzählen Legenden später, er hätte ganz alleine den bösen Zarok besiegt. Da haben ein paar Zeitzeugen offenbar irgendetwas durcheinandergebracht.

Einhundert Jahre später wird das Land Gallowmere zum zweiten Mal von Zarok bedroht. Zarok beschwört mit einem dunklen Zauber Monster, Zombies und andere widerliche Kreaturen, aus Versehen aber auch Sir Fortesque, der nun nicht nur eine Chance zur Revanche bekommt, sondern auch die Gelegenheit, zu beweisen, dass er tatsächlich der Held ist, für den viele ihn halten. Als inzwischen skelettierter Ritter steigt er aus seinem Grab, um sich erneut und diesmal hoffentlich mit mehr Erfolg Zarok in den Weg zu stellen.

Der ein oder andere Gamer dürfte die oben beschriebene (Vor-)Geschichte des Spiels bereits kennen, denn MediEvil wurde 1998 erstmals für die PlayStation veröffentlicht. Damals konnte das Hack&Slash mit Jump-N-Run-Elementen aufgrund des schwarzen Humors und der für die damaligen Verhältnisse sehr guten Grafik einen finanziellen Erfolg feiern, der immerhin zu einem zweiten Teil führte. Über die Jahre entwickelte sich MediEvil zudem zu einem Kultspiel, obwohl Kritiker den Titel zwar nicht schlecht bewerteten, aber auch nie mit Höchstwertungen überhäuften. Jetzt, gut zwanzig Jahre später, darf Sir Daniel Fortesque noch einmal aus seinem muffigen Grab steigen und die PlayStation 4 heimsuchen. Verantwortlich für die Wiederbelebung des Skelettritters ist das US-amerikanische Entwicklerstudio Other Ocean Interactive, das zuletzt an der Entwicklung von Minecraft für den 3DS beteiligt war. Sony fungiert als Publisher des Budget-Titels.

This is Halloween

Das Spiel beginnt nach einigen Videosequenzen in der Krypta des Sir Daniel Fortesque. Von dort bahnen wir uns als untoter Ritter einen Weg durch verschiedene, häufig schlauchartige Level, die in der Form einer übergeordneten Weltkarte, ähnlich wie beispielsweise in älteren Super-Mario-Titeln, miteinander verbunden sind. Die Level sowie die Weltkarte sind dabei alle einer pseudo-gruseligen Thematik unterworfen, die an Tim Burtons Nightmare Before Christmas erinnert und einen kindischen, aber durchaus liebenswerten Halloween-Charme versprüht. Friedhöfe, Gruften, mittelalterliche Dörfer, Kürbisplantagen, ein Sumpf und ein Heckenlabyrinth stellen typische Kulissen des Spiels dar, aber auch ein Ameisenhügel und ein verwunschenes Piratenschiff gehören unter anderem zum Portfolio.

In jedem Level gilt es, mit einem mittelalterlichen Waffenarsenal dutzende Gegner zu bezwingen – Zombies, Kürbismonster, Vogelscheuchen und mehr – und darüber hinaus Münzen, Zaubertränke sowie verschiedenfarbige Runen oder Schlüssel zu sammeln. Das Besiegen der Gegner schaltet in jedem der rund zwanzig Level einen Kelch frei, mit dem wir im sogenannten Saal der Helden neue Waffen und Fertigkeiten erhalten können. Mit den Münzen aus Schatztruhen darf unser Held bei neunmalklugen Wasserspeiern Wurfmesser und Munition für die Armbrust oder den Bogen kaufen oder eine passende Nahkampfwaffe verzaubern lassen. Die Runen und Schlüssel dienen dagegen dem Öffnen von Toren innerhalb der einzelnen Level. Mit den Zaubertränken, die in grün leuchtenden Flaschen zu finden sind, kann Fortesque seine Lebensenergie wiederherstellen. Überschüssige Flaschen funktionieren dabei wie Feen in The Legend of Zelda: Wenn Sir Dan das Zeitliche segnet, beleben sie ihn wieder.

Am Ende bestimmter Level wartet ein Bossgegner. Erst wenn wir den Boss bezwungen haben, geht es zurück auf die Weltkarte, von wo aus wir das nächste Level betreten dürfen. Eine Handvoll Rätsel und Geschicklichkeitspassagen runden das Gameplay ab, wobei gerade die Rätsel äußerst simpel und kaum der Rede wert sind. Die Sprungpassagen sind da schon, vor allem im späteren Spielverlauf, kniffliger, das liegt aber eher an der Steuerung und der Kamera als am Leveldesign. Insgesamt merkt man sowohl am Aufbau der Level als auch an dem seichten Gameplay, dass MediEvil noch aus dem letzten Millennium stammt. Hier wurde am Grundgerüst des Spiels wenig verändert.

Grafik hui, Gameplay pfui

Völlig neu sind dagegen zum Glück die Grafik und der Sound. Wer die technische Seite des Spiels allein auf die audiovisuelle Präsentation reduziert, wird mit der Arbeit von Other Ocean Interactive vermutlich zufrieden sein. MediEvil sieht in HD ordentlich aus und die Sound- und Musikeffekte passen stets wunderbar zum Geschehen. Die Texte des Erzählers, der Wasserspeier und einiger weiterer Charaktere wurden neu aufgezeichnet und sowohl die englischen als auch die deutschen Synchronsprecher machen einen guten Job. Mit den ganz großen Titeln der Generation kann das Spiel zwar technisch nicht annähernd mithalten - dazu wirken einige Charaktermodelle zu klobig und manche Umgebungen zu detailarm -, aber man darf durchaus behaupten, dass Fortesque optisch im Jahr 2019 angekommen ist. Andere Teile der Technik überzeugen dagegen weit weniger. Die Steuerung ist unpräzise und Sir Dan bewegt sich trotz schwerer Eisenrüstung als wäre er leicht wie eine Feder. Auch seine Nahkampfwaffen wie Schwerter und Keulen scheinen kein Gewicht zu besitzen und geben während den vielen Kämpfen nur unzureichendes Trefferfeedback. Manche Gegner reagieren kaum oder gar nicht auf Schläge, können Sir Dan jedoch beim geringsten Kontakt und ohne erkennbare Angriffsmuster bereits verletzen. Gleiches gilt übrigens auch für Sir Dan, der selbst Treffer, die viel Lebensenergie kosten, ohne mit der knochigen Schulter zu zucken wegsteckt. Viele Kämpfe verkommen so zu einem wilden Gefuchtel, bei dem es nur schwer zu sagen ist, ob Gegner bis zu ihrem jeweiligen Ableben tatsächlich Schaden nehmen, während sich Fortesques Lebensenergie wie von alleine zu leeren scheint. Fernwaffen können dieses Problem zum Teil beheben, verbrauchen allerdings Munition und sind mit Ausnahme von Speeren weniger effektiv als Schwert, Hammer und co.

Auch die Kamera bereitet, obwohl sie ebenfalls überarbeitet wurde, regelmäßig Probleme, was vor allem daran liegt, dass sie sich nur in offeneren Gebieten frei bewegen lässt. In engen Korridoren, Gassen und Schluchten macht die automatische Kamera was sie will, bleibt leider immer wieder an Ecken und Gegenständen hängen und versperrt uns so zu häufig die Sicht auf Sir Dan oder Gegner. Wenn unser Held unerwartet Treffer einstecken muss, weil ein plötzlicher Angriff aus einem toten Winkel erfolgt, sorgt das für kleine Frustmomente.

Das alles wäre allerdings nicht so schlimm, wenn ein anderes „Feature“ des Spiels nicht noch zusätzlich für deutlich größere Frustmomente sorgen würde: MediEvil kommt innerhalb der einzelnen Level ganz ohne Checkpoints aus. Der einzige Schwierigkeitsgrad des Spiels stellt Spieler nie vor unlösbare Aufgaben, sollte aber auch nicht unterschätzt werden. Selbst vermeintlich schwächere Gegner können Sir Dan erheblichen Schaden zufügen, und ein abruptes "Game Over" führt dann schnell dazu, dass ein gesamtes Level mitsamt dutzender kleinerer Gegner und eigentlich bereits gelöster Rätsel erneut gespielt werden muss. Besonders nervenaufreibend sind dadurch vor allem die im Grunde eher unspektakulären Bossgegner, da die Kämpfe gegen diese immer erst am Ende eines Levels stattfinden. Ein Sieg gegen einen Boss geht nicht selten mit einem Gefühl der Erleichterung einher, bei einer Niederlage fällt es dagegen schwer, den Controller nicht voller Wut in den Fernseher zu schleudern, wohl wissend, dass Fortesques Tod je nach Level mit zehn bis dreißig höchst repetitiven Minuten bezahlt werden muss. Besonders nervig ist in dieser Hinsicht ein Bosskampf gegen zwei geflügelte Dämonen, der auf einer schwebenden, hin- und her wankenden Plattform stattfindet. Ein einziger Fehltritt kann hier schon Fortesques Ende bedeuten und selbst mit Zaubertränken fühlt sich der Kampf schlicht unfair an. Auch spätere Geschicklichkeitspassagen strapazieren hier die Geduld mehr, als es ein Spiel sollte.

Masochistisch veranlagte Gamer oder ältere Spieler, die sich nostalgisch an das Original erinnern, werden sich womöglich darüber freuen, dass MediEvil in dieser Hinsicht ganz nah an der Urversion des Spiels geblieben ist. Wer MediEvil auf der ersten PlayStation allerdings noch nie gespielt hat und grundsätzlich modernere Spielekost gewohnt ist, der wird sich über die fehlenden Checkpoints und das damit verbundene ständige Wiederholen ein- und derselben Level zurecht ärgern.

Fazit:

Herausfordernde Spiele können absolut klasse sein und ungemein motivieren, MediEvil aber setzt weniger auf fordernde, komplexe Kämpfe und Geschicklichkeitspassagen, als vielmehr auf das knallharte Bestrafen von Misserfolgen. Das ist ungemein schade, denn das Spiel hat einen ganz eigenen Charme, der nicht von der Hand zu weisen ist und macht stellenweise durchaus viel Spaß. Es ist nicht nachvollziehbar, wieso sich Other Ocean Interactive gegen das Implementieren von Checkpoints entschieden hat. Abgesehen davon merkt man dem Titel zu häufig an, dass es sich um ein altes Spiel in lediglich neuem Gewand handelt. MediEvil ist kein richtiges Remake, sondern eher ein Remaster, das in vielerlei Hinsicht noch mehr an die moderne Gamingwelt hätte angepasst werden dürfen. Nostalgiker und frustresistente Spieler können der Endwertung gerne noch einen Punkt hinzuaddieren und sich mit Inbrunst in die Schlacht gegen Zarok werfen, alle anderen sind mit neueren Spielen jedoch besser bedient.

Wertung:

6.5

Jeremiah David meint:

"Ein altes Spiel im neuen Gewand - für Nostalgiker schön, für moderne Gamer gewöhnungsbedürftig"
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Gut
Technik: Durchschnittlich

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1 Kommentare:


TomParis
vor 1 Woche | 2
Ich habe richtig Spaß damit. Wenn man das Original gespielt und gemocht hat, weiß man aber, was einen erwartet.
Die Grafik ist meiner Meinung nach wirklich gelungen, hab das Original und PS2 vor ca 1 Jahr mal wieder raus geholt und nach ca 30 Minuten wieder weggeräumt weil man es echt nicht mehr anschauen konnte.
Und der angesezte Preis ist wirklich mehr als fair, hab es neu D1 für 23€ geholt.