Test: The Alliance Alive HD Remastered

Von Deniz Üresin am 07. Oktober 2019

Die Allianz gibt nicht kampflos auf und versucht nach dem Tod des 3DS, eure Herzen auf den aktuellen Heimkonsolen zu gewinnen. Was euch in der HD-Fassung von The Alliance Alive erwartet, erfahrt ihr wie immer hier bei uns auf NplusX.

What a time to be Alive?

Über ein Jahr nach Release der Nintendo Switch erschien mit The Alliance Alive eines der letzten größeren RPGs für den altgedienten Nintendo 3DS. Der späte Release, die vielen eher ungewöhnlichen Mechaniken und das Fehlen einer Retailfassung in Europa waren nur einige Faktoren, die einem Erfolg entgegenstanden. Wie einige 3DS- und vor allem WiiU-Titel zuvor bekommt aber auch das von der SaGa-Reihe inspirierte RPG eine zweite Chance: Publisher NIS America bringt das Spiel im neuen HD-Gewand für Nintendo Switch, PlayStation 4 und Steam heraus.

The Alliance Alive HD Remastered ist ein direkter Port der 3DS-Fassung mit einigen Updates in Sachen Charaktermodelle und Texturen und einem neuen Menü, um die Inhalte des unteren Screens des 3DS sinnig zu integrieren. 

Wir haben für euch die Switch-Version unter die Lupe genommen und gehen in diesem Test auch darauf ein, was sich im Vergleich zur ursprünglichen 3DS-Fassung getan hat.

Eine ungewöhnliche Allianz

An der Story wurde im Remastered an keiner Stelle rumgepfuscht, ihr erlebt exakt das gleiche Abenteuer wie auf dem 3DS-Original: 

Eines Tages verdunkelt sich der Himmel. Die Dämonen fallen über die Menschheit her, unterwerfen sie und unterteilen die Erde durch eine große Barriere in verschiedene Bereiche. 1000 Jahre später haben sich die meisten Menschen mit ihrem Schicksal abgefunden. Einige rebellierende Gruppen gibt es aber doch – und nur mit vereinten Kräften haben sie eine Chance, die Unterdrückung durch die Dämonen zu beenden!

Euer Abenteuer startet mit der Heldin Azura, einer aufgeweckten jungen Dame, die unbedingt eines Tages den blauen Himmel sehen will und ihrem Freund aus Kindestagen, Galil, der alle Hände voll damit zu tun hat, seine draufgängerische Gefährtin vor Ärger zu bewahren. Die beiden gehören einer geheimen Rebellengruppe an, deren großes Ziel die Befreiung der Menschheit aus den Klauen der Dämonen ist. Nach und nach gesellen sich eurer Truppe einige weitere skurrile Gestalten hinzu, wie die neugierige Dämonin Vivian, die kein Problem damit hat, den Menschen bei ihrer Rebellion zu helfen, wenn sie dafür mehr über sie lernen kann. Die Gespräche und Zankereien zwischen den einzelnen Partymitgliedern sind zwar unterhaltsam, aber leider auch sehr repetitiv. Das liegt zum einen daran, dass keine der Figuren sich während des Abenteuers wirklich weiterentwickelt, und zum anderen, dass fast alle weiblichen sowie männlichen Hauptcharaktere das gleiche Wesen haben. Azura, Vivian und Rachel sind beispielsweise allesamt neugierig, abenteuerlustig und etwas naiv, während ihre männlichen Begleiter Galil, Ignace und Gene eher von der ruhigeren Sorte sind und möglichst keine Unannehmlichkeiten haben wollen. Die durchaus interessante Story mit einigen spannenden Wendungen leidet gelegentlich unter den etwas halbherzig ausgearbeiteten Charakteren, die oft vorhersehbar reagieren und selten von ihren gewohnten Handlungsabläufen absehen. Demgegenüber steht ein komplexes Kampfsystem, das den einen oder anderen erfahrenen Rollenspieler interessieren könnte.

Stellungskämpfe

Die weitläufige, abwechslungsreiche Spielwelt ist handlungsbedingt durch die große Barriere in verschiedene Bereiche eingeteilt, zu denen euch im Spielverlauf nach und nach der Zutritt gewährt wird. Städte, Wälder und verschiedene Gildentürme lassen sich von hier aus ansteuern. Gegner streifen sichtbar auf der Oberwelt umher und verfolgen euch bei Sichtkontakt. Berührt ihr einen Gegner, startet ein rundenbasierter Kampf.

Das Levelup- und Kampfsystem ist allerdings etwas anders, als ihr es von den meisten klassischen JRPGs kennt. Eure Charaktere haben kein klassisches Level, das sich durch Erfahrungspunkte steigern lässt, die meisten Stats wie der Verteidigungswert lassen sich lediglich durch die aktuelle Rüstung beeinflussen. Die maximalen HP (Health Points) und SP (Skill Points, werden für Spezialangriffe verwendet) eurer aktiven Kämpfer werden gelegentlich zufällig nach einem Kampf erhöht, die Stärke eurer Angriffe steigt jedoch nur, wenn ihr sie oft benutzt, ähnlich wie in Final Fantasy II und den SaGa-Spielen. Zwar kann prinzipiell jeder Charakter jede Waffe mit sich führen und so auch jede beliebige Rolle im Kampf einnehmen, allerdings „bestraft“ das Spiel euch für eure Experimentierfreudigkeit.

Zusätzlich zu ihren Statuswerten nehmen auch die Stellung und die Position eurer Charaktere Einfluss auf deren Angriffs- und Verteidigungswerte. Ihr könnt jeden Charakter vorne, mittig oder hinten auf dem Kampffeld platzieren und ihm zusätzlich die Stellung Angriff, Verteidigung oder Support einnehmen lassen. Kämpfer, die weiter hinten auf dem Schlachtfeld stehen, bekommen einen Verteidigungsbonus und werden von den Gegnern seltener angegriffen, sodass ihr hier eure weniger kräftig gebauten Charaktere wie euren Heiler positionieren solltet. Euer Tank, der idealerweise die höchste Verteidigung hat und die Aufmerksamkeit der Gegner auf sich ziehen soll, steht am besten weiter vorne. Wie bereits erwähnt leveln eure eingesetzten Angriffe mit ihrer Benutzung, lasst ihr Galil also oft den Schwertangriff „Sword Dance“ ausführen, wird dieser mit der Zeit stärker. Dies gilt jedoch nur für die aktuelle Stellung. Jeder Angriff hat demnach drei verschiedene Level, sodass es nicht ratsam scheint, die Stellung eines Charakters häufig zu wechseln. Auch ein Waffenwechsel fordert große Zeitinvestitionen, da neue Angriffe zwar zufällig, aber nur innerhalb der verwendeten Waffenkategorie erlernt werden. Um einen neuen Lanzenangriff zu lernen, muss euer Charakter also wiederholt Lanzenangriffe verwenden. Zusätzlich bekommt jeder Charakter, der aktiv an einem Kampf teilnahm, danach ein paar Talentpunkte, die ihr für die Aktivierung verschiedener Talente verwenden könnt, die oft an eine bestimmte Waffe gebunden sind. So lassen sich zum Beispiel die SP-Kosten für Schwertangriffe dauerhaft um einen bestimmten Betrag senken. Wollt ihr nicht viel Zeit mit Grinding verbringen, müsst ihr euch demnach früh eine Standardformation überlegen, die ihr über das Spiel beibehaltet und nur in Notfällen abändert (zum Beispiel wenn das Spiel euch für eine gewisse Zeit den Zugriff auf einen Teil eurer spielbaren Charaktere verwehrt).

Eine geeignete Formation kann an einigen Stellen im Spiel den Schwierigkeitsgrad rigoros beeinflussen. Ihr könnt noch so viel trainiert haben, ist eure Formation taktisch ungünstig, macht euch jeder Standardgegner platt. Habt ihr allerdings ein wenig nachgedacht, können euch selbst die imposanten Bosse kaum etwas anhaben. Unabhängig davon gibt es allerdings ein paar Stellen im Spiel, an denen der Schwierigkeitsgrad für kurze Zeit rasant ansteigt, nur um danach wieder abzuflachen. Es empfiehlt sich generell, oft zu speichern, da The Alliance Alive keine Autosave-Funktion hat und bei einem Ableben alle nicht gespeicherten Fortschritte verloren sind. In besonders kniffligen Fällen kann die Verwendung eines verheerenden Final Strike helfen: Während des Kampfs füllt sich für jeden Charakter nach erfolgreichen Angriffen und eingesteckten Treffern die Ignition-Leiste. Einmal gefüllt, kann der Charakter mit ihr eine gewaltige Spezialattacke ausführen, die allerdings die aktuell verwendete Waffe bricht. Da jeder Charakter zwei Waffen gleichzeitig ausrüsten kann, seid ihr nach einem Final Strike zwar nicht vollkommen wehrlos, aber eine zerbrochene Waffe kann nur bei der Schmied-Gilde gegen einen gehörigen Obolus repariert werden.

Die Nebensächlichkeiten

Was wäre ein JRPG ohne Nebenaufgaben? Auch in The Alliance Alive gibt es neben der Befreiung der Menschheit natürlich einiges zu tun. Die obligatorischen Sidequests in Form von Bitten und Forderungen der NPCs, die euch für eure Bemühungen entlohnen, sind hier aber eher rar gesät. Das Herzstück der optionalen Tätigkeiten bildet das Gildensystem. Ihr könnt eine Allianz mit allen fünf zur Verfügung stehenden Gilden bilden und durch Storyfortschritt, spezielle Sidequests oder die Erfüllung bestimmter Voraussetzungen Leute für diese rekrutieren. Die Gilden werden sich dafür revanchieren, indem sie euch im Kampf zur Seite stehen: Seid ihr beispielsweise während eines Kampfes im Einflussbereich eines Quartiers der Schmiedgilde, wird diese gelegentlich in den Kampf eingreifen und eure Gegner unter Beschuss nehmen. Andere Gilden halten diverse Buffs für euch und Debuffs für eure Gegner bereit.

Der große Umfang und das interessante Gameplay machen den Großteil der positiven Punkte des Spiels aus. Grafisch musste sich The Alliance Alive zwar nicht unbedingt vor seinen Konkurrenten auf dem 3DS verstecken, doch für aktuelle Heimkonsolenspiele gelten etwas andere Maßstäbe. Die Chibi-Figuren wurden mit einer deutlich höheren Auflösung gesegnet. Die Modelle sind zwar etwas detailarm, sehen aber sowohl im Handheldmodus der Switch als auch auf dem großen Bildschirm gestochen scharf und charmant aus. Die Umgebungen sind abwechslungsreich gestaltet und größtenteils schön anzusehen, aber auch hier sind Details eher Mangelware und sobald das Spiel für eine Cutscene etwas reinzoomt, wird es stellenweise richtig unschön. Manche Texturen sehen aus, als hätte man beim Porten vergessen, die Auflösung anzupassen. Immerhin läuft das Spiel flüssig, auch wenn nicht zu erwarten war, dass die Switch bei einem fast unberührten 3DS-Spiel arg ins Schwitzen geraten würde. Erfreulicherweise kann eure Figur sowohl mit dem linken Stick als auch mit dem Steuerkreuz bewegt werden und die Kamera ist sowohl über die Schultertasten als auch über den rechten Stick drehbar, das war‘s dann aber auch so ziemlich mit den Anpassungen der HD-Version.

Während ihr zu Fuß, auf einem skurrilen Gleiter oder mit einer futuristischen Yacht in der etwas melancholischen Spielwelt unterwegs seid, in den abwechslungsreich gestalteten Dungeons Rätsel löst und euch mit diversen Biestern anlegt, werdet ihr musikalisch meist von mal besser, mal schlechter passenden Ambient-Tracks begleitet. Eine Sprachausgabe bot bereits das Original nicht und auch die Chance, eine für die HD-Version nachzureichen, wurde leider vertan. Auf dem großen TV-Bildschirm wirken die stummen Cutscenes natürlich noch etwas unpassender. Das Spiel enthält weiterhin nur englische Bildschirmtexte, sodass gute Schulkenntnisse der Sprache erforderlich sind.  

Fazit:

The Alliance Alive HD Remastered ist ein ordentliches Old-School-JRPG mit einem etwas anderen Levelup- und Kampfsystem. Leider wurden im Endeffekt aber nur die Charaktermodelle und ein paar Hintergründe angepasst, die Balancing-Probleme bleiben bestehen.

Auf dem 3DS erschien es zu spät, um noch viel Beachtung zu finden, doch auch auf den aktuellen Konsolen wird es schwierig: Auf der Switch sind in den letzten Wochen mit Zelda: Links Awakening, Ni No Kuni und Dragon Quest XI S mehrere ausgezeichnete Abenteuer erschienen und die PlayStation 4 befindet sich auch bereits in ihrem Lebensabend und blickt auf unzählige hervorragende JRPGs zurück.

Die Zielgruppe für das HD Remastered ist somit ähnlich klein wie für die ursprüngliche 3DS-Fassung: Seid ihr ein SaGa-Fan oder spricht euch davon unabhängig das unkonventionelle Levelup-System an? Dann könnt ihr relativ bedenkenlos zugreifen. Alle anderen finden auf ihren Konsolen mehr als genug gute Alternativen und sollten zumindest auf einen Sale warten, da das Spiel mit 50 Euro ein nicht gerade günstiger Port eines 3DS-Spiels ist.

Wertung:

6.5

Deniz Üresin meint:

"Die HD-Auflage von The Alliance Alive kommt ohne irgendwelchen Schnickschnack daher und bleibt damit weiterhin ein solides RPG mit technischen Schwächen, die auf den Heimkonsolen deutlicher auffallen."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Durchschnittlich

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2 Kommentare:


Fantasma
vor 1 Monat | 1
Ich mochte den Vorgänger Legend of Legacy. Überlege mir den Port zu holen.

Denios
vor 1 Monat | 0
Wenn dir Legend of Legacy gefallen hat, stehen die Chancen auf jeden Fall gut, dass dir AA gefallen wird. Von LoL habe ich tatsächlich nur die Demo damals gespielt, aber richtig überzeugt hatte die mich nicht