Test: River City Girls

Von Andreas Held am 06. September 2019

Wenn die Entwickler von Shantae sich aufmachen, um ein River City Ransom mit Waifus zu entwickeln...

...dann könnte man tatsächlich versucht sein, einfach von vorneherein die Zehn-Punkte-Wertung zu zücken, ohne den entsprechenden Titel überhaupt gespielt zu haben. Ganz so einfach wollen wir es WayForward jedoch nicht machen: Abseits der Shantae-Serie ist der Indie-Entwickler schon mehrmals mit bestenfalls durchschnittlichen Titeln aufgefallen, die nicht annähernd an die Qualität des Metroidvania-Platformers heranreichen.

Theorie: GOTY 2019

River City Girls ist ein offizieller, von Arc System Works lizenzierter Eintrag in der Kunio-kun-Serie. Im neuesten Titel übernehmen wir die Kontrolle über Kyoko und Misako - die beiden Freundinnen von Riki und Kunio, den Hauptfiguren des NES-Klassikers River City Ransom. Ähnlich wie in Super Princess Peach haben die Entwickler die Handlung auf den Kopf gestellt und es sind diesmal die beiden Herren der Schöpfung, die entführt werden und von ihren Jugendlieben gerettet werden müssen. Auch auf der Gegenseite wurde die Fraunquote ordentlich erhöht, sodass Kyoko und Misako unter anderem auf Cheerleaderinnen und Polizistinnen einprügeln dürfen.

"Einprügeln" ist ein gutes Stichwort, denn spielerisch hat sich im Vergleich zum rund 30 Jahre alten NES-Titel nicht viel getan. River City Girls ist ein klassisches Prügelspiel im Stil von Double Dragon oder Turtles in Time, das jedoch in eine zusammenhängende und nonlineare Spielwelt eingebettet wurde. Auf jedem Screen kämpfen wir gegen endlos respawnende Gegnerwellen und müssen manchmal erst eine bestimmte Quote erfüllen, bevor wir weiterziehen dürfen. Besiegte Gegner lassen Geld fallen und geben uns darüber hinaus Erfahrungspunkte, die die Statuswerte der Akteurinnen verbessern. River City Girls kann entweder solo (ohne KI-Begleitung) oder im Coop-Modus für zwei Spieler angegangen werden.

Im Vergleich zu River City Ransom, das uns kreuz und quer durch seine Spielwelt schickte, ist der neueste Serienableger jedoch deutlich linearer. Eine Serie von Questmarkern führt uns durch die einzelnen Gebiete, die wir in aller Regel nur dann noch ein zweites Mal besuchen werden, wenn wir nachträglich nach versteckten Sammelitems suchen möchten. Auch die RPG-Elemente wurden deutlich zurückgefahren: Die zahlreichen Läden verkaufen uns reihenweise Heilungsitems oder überteuerte Ausrüstungsgegenstände mit völlig nutzlosen Effekten wie "5% weniger Schaden durch Angriffe von Cheerleaderinnen". Bessere Statuswerte erhalten wir hingegen nur noch durch die seltenen Level Ups, was vor allem deshalb ärgerlich ist, weil wir für die meisten optionalen Kämpfe keine Erfahrungspunkte erhalten. Es ist durchaus bemerkenswert, dass ausgerechnet die ikonischen Open-World-Aspekte des 30 Jahre alten Originals, durch die River City Ransom damals seiner Zeit weit voraus war, nun gestrichen werden, damit dem Spiel vom Mainstream kein "Grinding" oder "Backtracking" vorgeworfen wird.

Praxis: Ziemlich langweilig

Auch das eigentliche Gameplay fühlt sich im direkten Vergleich zum NES-Dino wie ein Rückschritt an. Selbst auf dem höheren der beiden Schwierigkeitsgrade ist River City Girls extrem anspruchslos, da sich die Gegner-KI lächerlich leicht aushebeln lässt. Kyoko und Misako erlernen im Verlauf des Spiels haufenweise unterschiedliche Angriffe, von denen aber nur die wenigsten einen wirklichen spielerischen Nutzen haben - alle anderen verblassen gegenüber der von Beginn an verfügbaren Stampfattacke, für die die Gegner-KI einfach kein Gegenmittel parat hat. Aber auch dann, wenn wir uns bewusst zurückhalten, um unseren Kontrahenten eine Chance zum Mitspielen zu geben, wird die Prügelei kaum herausfordernder. Im Falle eines Ablebens respawnen wir mit einem vollen Lebensbalken zum Beginn des aktuellen Abschnitts und verlieren zwar einen Teil unseres Geldes - allerdings ist diese Wiederbelebungsgebühr deutlich günstiger als der Preis den wir zahlen müssten, um unsere HP-Leiste mit Heilungsitems wieder aufzufüllen. Das stupide und völlig anspruchslose Gameplay erweckt den Eindruck, dass River City Girls primär für Smartphones entwickelt wurde, auch wenn dies natürlich nicht der Fall ist.

Das allergrößte Problem des Prügelspiels von WayForward ist jedoch der unglaublich zähe Spielfluss. Alle Gegner fallen nach einem bis drei Angriffen zu Boden und benötigen dann etwa vier Sekunden, um wieder aufzustehen - nur um dann gleich wieder umzufallen, da wir unseren nächsten Angriff natürlich schon vorbereitet haben. In der Konsequenz verbringen wir gefühlt zwei Drittel der Spielzeit damit, auf die am Boden liegenden Gegner zu warten. Dieser enorme spielerische Leerlauf schlägt den letzten Sargnagel in das ohnehin schon monotone und langweilige Gameplay. Dazu gesellen sich viele weitere Designfehler, die die Jungs von WayForward mit etwas Grips und Ehrgeiz sicherlich hätten lösen können. Beispielsweise verwenden wir zum Angreifen von Gegnern, zum Betreten des nächsten Spielabschnitts und zum Ansprechen von NPCs jeweils denselben Knopf, was zu erahnbaren Problem führt, wenn wir am Bildschirmrand oder in der Nähe von NPCs kämpfen müssen. Da River City Girls nur etwa die Hälfte der zur Verfügung stehenden Controller-Tasten verwendet, hätte man diesen Steuerungskonflikt leicht auflösen können. Ebenfalls unverständlich: Ein Sprint wird durch doppeltes Antippen der entsprechenden Richtungstaste ausgelöst, eine Rennen-Taste gibt es nicht. Sowas macht man einfach nicht.

Einen großen Lichtblick gibt es jedoch: Die Bosskämpfe sind im Gegensatz zum Rest des Spiels auffallend gut designed und auf dem höheren Schwierigkeitsgrad sogar wirklich fordernd. Die in mehrere Phasen unterteilten Auseinandersetzungen zwingen uns zum Erlernen von Angriffsmustern und können mit einer intelligenten Strategie theoretisch ohne Gegentreffer bewältigt werden. Die schlechte Steuerung sorgt jedoch leider für ein gewisses Frustpotential, denn das Sprint-Kommando ist in hektischen Situationen einfach zu langsam und zu unzuverlässig.

Audiovisuelles Highlight

Bei der optischen Ausgestaltung von River City Girls hat sich WayForward hingegen jede Mühe gegeben. Der Retro-Look ist zwar nichts besonderes; Freunde von Pixel-Sprites werden jedoch ihre helle Freude an den abwechslungsreichen Umgebungen und den unzähligen Charakter-Animationen haben. Das absolute Highlight des Prügelspiels ist jedoch tatsächlich der Soundtrack, der mit einigen unglaublich guten Vocal-Tracks aufwartet. Diese erinnern stilistisch an den legendären Soundtrack von The World Ends With You, sind jedoch qualitativ sogar noch eine Ecke besser und könnten sich problemlos als Battle Themes in einem Persona-Soundtrack behaupten. Anstelle des eigentlichen Spiels hätte Limited Run Games eher den Soundtrack in physischer Form publishen sollen.

Deutlich weniger gut gelungen sind die Dialoge. Alle Figuren reden wie amerikanische Schulmädchen - oder eher in einer Sprache, die pubertierende Gören in der Vorstellung einer kinderlosen 45-jährigen Comicbuch-Autorin verwenden. Die Hauptfiguren bezeichnen ihren Schwarm als "adorbs", werden als "lozerz" beschimpft oder sprechen die Abkürzung OMG als "oh emm gee" laut aus. Der fehlgeleitete Humor verbindet die Unlustigkeit von Luke Mockridges Fernsehgarten-Auftritt mit einer ständigen Ungewissheit darüber, ob die vorgetragenen Dialogzeilen überhaupt humorvoll oder nicht sogar wirklich ernst gemeint sind. Wenn Kyoko sich bei einer besiegten Endgegnerin entschuldigt und ihr ohne erkennbare Ironie mitteilt, dass sie sie lieber umarmt als verprügelt hätte, hat River City Girls sein Fremdscham-Potential jedenfalls noch längst nicht ausgeschöpft.

FAZIT:

Das waren nun viele harte Worte, aber prinzipiell ist River City Girls kein schlechtes Spiel. Allein die tolle und technisch einwandfrei umgesetzte audiovisuelle Gestaltung hebt den neuesten Eintrag in der Kunio-kun-Serie deutlich von lieblos produzierter Massenware ab. Allerdings sind ein hübscher Pixel-Look, ein geradezu phänomenaler Vocal-Soundtrack und gut gestaltete Bosskämpfe immer noch keine Rechtfertigung für das anspruchslose und monotone Gameplay, das den Löwenanteil von River City Girls ausmacht. Die selbst auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad fast schon wehrlose Gegner-KI, ein extrem lasches Regelwerk, das den Verlust eines Bildschirmlebens eher belohnt als bestraft, schwere Designfehler in der Steuerung und der zähe Spielfluss sorgen dafür, dass die Prügelorgie von WayForward ausgesprochen langweilig ausfällt. Obendrein wurden die Open-World- und RPG-Elemente selbst im Vergleich zum 30 Jahre alten NES-Original deutlich zurückgefahren, um Mainstream-Spielern eine möglichst zugängliche Spielerfahrung liefern zu können. Ein menschlicher Mitspieler und der integrierte Couch-Coop-Modus sorgen hier vielleicht für Abhilfe - und mit einem Sofa-Nachbarn kann man dann auch über die schlechten Dialoge lästern, durch die sich River City Girls stellenweise wie ein Lizenzspiel zu The Unbeatable Squirrel Girl anfühlt. Wer Lust darauf hat, sich mit einem Freund etwa zehn Stunden lang durch ein anspruchsloses Beat'em Up zu kloppen, wird also vielleicht etwas Freude an River City Girls haben - alle anderen sollten sich noch einmal überlegen, ob sie nicht lieber zu einem vollwertigen Action-Titel wie Iceborne oder Astral Chain greifen.

Von uns getestet: PS4-Version

Wertung:

5.5

Andreas Held meint:

"Technisch sauber umgesetzte Fortsetzung eines legendären Franchise, die spielerisch auf gehobenem Smartphone-Niveau liegt."
Spielerlebnis: Mangelhaft
Umfang: Gut
Technik: Sehr gut

Schreibe einen Kommentar: