Test: Astral Chain

Von Lars Peterke am 26. August 2019

So macht das Warten auf Bayonetta 3 richtig Spaß. Seit über eineinhalb Jahren erwarten Nintendo-Anhänger gespannt das nächste Abenteuer der Umbra-Hexe und bis heute hat man im Prinzip noch nichts Handfestes von dem Titel gesehen. Platinums neuester Spieletitel Astral Chain trägt daran wohl eine gewisse Mitschuld. Denn während sich die Fans noch an dem eigentlich nichtssagenden Teaser von Bayonetta 3 ergötzten, muss jenes Spiel längst bei Platinum Games in Entwicklung gewesen sein, bevor es dann fast schon kurzfristig in einer Nintendo Direct Anfang diesen Jahres erstmalig gezeigt wurde. In unserem Test verraten wir euch, wieso das Warten auf Bayonetta 3 dank Astral Chain nun zum reinsten Vergnügen wird.

Anime-Action vom Feinsten

Bereits in den ersten 15 Spielminuten zünden die Entwickler von Platinum Games ein wahres Feuerwerk ab. „Setting the stage” nennt der Game Designer das im Fachjargon. Klarmachen, welche wilde Achterbahnfahrt den Spieler erwartet. Nach einer spannenden Introsequenz wird der Spieler mit einer rasanten Motorradfahrt direkt ins Geschehen geworfen und bekommt eine erste Kostprobe der opulenten Inszenierung und Spiel-Action. Bereits hier orientiert sich nicht nur die Inszenierung stark an populären Anime-Serien. Auch die einzelnen von Mangaka Masakazu Katsura erdachten Charaktere wirken so, als hätte man sie direkt aus den großen Serienvorbildern wie Neon Genesis Evangelion herausgeschält und ins Spiel verfrachtet.

Im Jahr 2043 steht die Menschheit kurz vor der Vernichtung. Über Portale greifen die sogenannten Chimären an und entführen ihre Opfer. Die Arche, eine hochentwickelte Stadt auf einer Insel fungiert als letzte Bastion der Menschen. Der Spieler schlüpft nun wahlweise in die Rolle einer männlichen oder weiblichen Figur, die zusammen mit einem jüngeren Bruder oder einer jüngeren Schwester (basierend auf eurer Charakterwahl) als Polizist arbeitet. Als auch in der Arche die ersten Portale auftauchen und die Chimären angreifen, werdet ihr natürlich direkt in den Konflikt hineingezogen. 

Dass euer Protagonist den Prolog des Spiels überhaupt überlebt, hat er den Legions zu verdanken. Sie sind eine technische Errungenschaft der Menschheit und vermutlich die letzte Waffe im Kampf gegen die Chimären. Ein Legion ist eine von Menschen eingefangene Chimäre, die mit der Hilfe von speziellen Rüstungen gezähmt und daher nun als lebendige Waffe eingesetzt werden kann. Dies funktioniert, indem ein befähigter Mensch und ein Legion über eine spezielle neuronale Verbindung aneinander gekettet werden: die Astral Chain. Nachdem ihr im Prolog eure ersten Kampferfahrungen mit einem Legion macht und natürlich direkt für die Polizei-Spezialeinheit Neuron rekrutiert werdet, ballert euch das Spiel noch ein fetziges Anime-Intro um die Ohren und der Spaß kann losgehen.

Taktisches Kampfsystem mit Tiefe

Schon recht zügig macht Astral Chain klar, dass es keine bloße Klopperei sein will. Im Kampf müsst ihr nämlich euren Protagonisten und seinen Legion gleichzeitig steuern. Natürlich kann die Hauptfigur selbst gut und gerne das Zünglein an der Waage sein, doch gerade in den Bosskämpfen, in denen anstatt der dämonisch wirkenden Chimären optisch eher opulente Kaiju-Kost serviert wird, wirkt euer Charakter mit seinem Polizeistock und seiner Schusswaffe oft eher hilflos. 

Wenn ihr Kämpfe gewinnen wollt, müsst ihr euren Legion taktisch klug einsetzen. Dazu müsst ihr ihn zunächst freilassen und könnt ihn dann auf den aktuell markierten Gegner scheuchen oder ihn wieder zurückrufen. Der Legion verfügt über eine Ausdauerleiste, die konstant abnimmt. Ihr müsst also darauf achten euren Legion in den richtigen Momenten zurückzurufen, damit sich dessen Ausdauer erholt. Da ihr in diesen Momenten völlig ungeschützt seid, ist gutes Timing wichtig.

Ist es um die Ausdauer eures Legion hingegen gut bestellt, verfügt ihr über einen starken Kampfpartner. In diesem Fall ist eurer beider Beweglichkeit aber natürlich eingeschränkt, da ihr über die Astral Chain miteinander verbunden seid. So ganz könnt ihr euch also nie aus dem Kampfgetümmel raushalten, da ihr immer relativ nah an eurem Legion stehen müsst. Im Gegenzug eröffnet euch die Astral Chain aber auch zusätzliche Manöver. Indem ihr euren Legion manuell steuert, könnt ihr Gegner mit der Astral Chain entweder umkreisen und damit fesseln oder ihr spannt die Astral Chain auf, damit sich heranstürmende Widersacher darin verfangen und mit großer Kraft von euch zurückgeschleudert werden können.

Im Spielverlauf werdet ihr nach und nach weitere Legions freischalten. Da ist dann alles dabei, vom Schützen-Legion über den Haudrauf bis hin zur flinken, vierbeinigen Bestie. Jeder Legion verfügt über eine einzigartige Spezialfähigkeit. Dazu gesellen sich noch aktive und Passive Fähigkeiten, die ihr für jeden Legion auf entsprechend freie Slots legen könnt. Und falls weder ihr noch euer Legion gerade das passende Rezept für einen Gegner parat hat, dann hilft vielleicht ein (heilendes) Item aus dem komfortabel zu erreichenden Ringmenü. Damit bietet das Kampfsystem von Astral Chain eine ungemein hohe Spieltiefe und ihr habt viele Optionen, um euren eigenen Spielstil zu finden und zu perfektionieren. 

Im einfachen Modus werdet ihr allerdings nicht dazu gezwungen alle Möglichkeiten perfekt zu beherrschen, weshalb ihr auch direkt mit dem ersten der wesentlich knackigeren Platinum-Schwierigkeitsgraden einsteigen solltet. Direkt nach dem Prolog werdet ihr ohnehin erst einmal durch diverse Übungen gescheucht. Im Trainingsraum werden im Spielverlauf immer mehr Tutorials freigeschaltet und es gibt diverse Freispiel-Trainingskämpfe, in denen ihr an eurer Technik feilen könnt. Ferner verfügt jeder Legion über einen eigenen Fertigkeiten-Baum. Hier könnt ihr nach und nach neue Dinge freischalten, die euren Legion noch stärker machen. Solche kleinen RPG-Einflüsse lassen Astral Chain noch vielseitiger wirken. 

Spannender Genre-Mix

Auch wenn Astral Chain in mehrere Kapitel eingeteilt ist, spielt sich der Titel dennoch eher wie eine zusammenhängende Story. In regelmäßigen Abständen kehrt ihr zur Polizeistation zurück, die als Hub-Areal zwischen den einzelnen Einsätzen fungiert. Wirklich aufregend ist diese jedoch nicht, da es hier kaum etwas zu entdecken gibt. Neben den Trainingsmöglichkeiten und dem Technikraum, in dem euch Kollegen helfen eure Waffe oder das Legion-Magazin zu upgraden, finden sich hier in erster Linie Interaktionsmöglichkeiten, die rein kosmetischer Natur sind. Ihr könnt beispielsweise eure Legion neu einfärben, euren Charakter umstylen oder neue Kleidungsstücke anlegen. 

Die Einsätze selbst sind da deutlich spannender, auch wenn sie ein wenig brauchen um in Fahrt zu kommen. Gerade der Spielbeginn von Astral Chain kann sich phasenweise zäh anfühlen. Denn zusätzlich zur schnöden Polizeistation werden die ersten Außeneinsätze von pflichtbewusster Herumlauferei dominiert, bei der ihr eigentlich nur NPCs ablauft, Dialoge wegdrückt und bei der Ermittlung Hinweise sammelt bis es weitergeht. Kommt es dann zu Kämpfen, finden die zu Spielbeginn oft in der sogenannten Astralebene statt, die optisch zwar was hermacht, jedoch viel zu wenig Varianz bietet und immer gleich wirkt.

Ab Kapitel vier entspannt sich die Lage glücklicherweise. Denn die Spezialfähigkeiten eurer Legion können auch außerhalb des Kampfes eingesetzt werden. Die Bestie erschnüffelt Ziele und buddelt hinweise aus, mit der Schwert-Legion könnt ihr Schaltkreise kurzschließen und die wuchtige Kampf-Legion hebt schwere Gegenstände und knackt selbst wuchtige Barrikaden wie eine Walnuss. Das macht das Auskundschaften der Level und das Aufspüren von Hinweisen im weiteren Spielverlauf immer interessanter, zumal es auch viel zu entdecken gibt. Viele Nebenaufgaben und Kisten verstecken sich abseits der Wege, wodurch ihr mit zusätzlichen Items und Erfahrungspunkten belohnt werdet.

Wenn dann auch die Handlung mehr und mehr Fahrt aufnimmt, will man gar nicht mehr aufhören zu spielen. Die audiovisuelle Präsentation tut ihr Übriges. Man fühlt sich zu jeder Zeit wie in einer verdammt guten Anime-Serie. Nicht nur Musik und Synchro punkten, sondern auch die grandiose Optik. Die mag vielleicht sogar der Aspekt von Astral Chain sein, dem man am meisten Anerkennung zollen sollte. Das Spiel läuft immer butterweich und sieht dennoch fantastisch aus. Manchmal passieren so viele abgefahrene Dinge gleichzeitig, dass einem die Kinnlade runterfällt. Natürlich können die einzelnen Versatzstücke kritisch begutachtet werden, doch die Entwickler treffen immer den perfekten Sweet Spot und zaubern ein in der Gesamtkomposition absolut stimmiges und überzeugendes Bild. Dabei sind besonders die Effekte und die Modelle der Charaktere und Monster eine Wucht.

Fazit:

Astral Chain ist die traumhaft gelungene Versoftung eines erstklassigen Action-Anime. Mangaka Katzura, Nier-Director Taura und das Team von Platinum Games haben ganze Arbeit geleistet. Das Kampfsystem bietet viel Tiefe und auf höheren Schwierigkeitsgraden ist Astral Chain entsprechend fordernd, sodass Genrefans ihre helle Freude an dem Titel haben dürften. Die einzige Kritik entfällt auf die Spieldynamik, die zu Beginn etwas holprig daherkommt. Astral Chain ist ein Titel, der sich viel vornimmt. Dabei fehlt stellenweise die Balance und einige Passagen wirken recht dröge, vielleicht auch um den Spieler nicht zu überfordern. Nach dem ersten Drittel des Spiels wird das Gaspedal dann aber bis zum Ende durchgedrückt. Damit ist Astral Chain mit hoher Wahrscheinlichkeit der Action-Titel des Jahres.

Wertung:

9.0

Lars Peterke meint:

"Großartige Anime-Action und ein Platinum-Titel erster Güteklasse. Astral Chain rockt!"
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Herausragend

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4 Kommentare:


Terry
vor 2 Monaten | 0
Scheint ja richtig gut geworden zu sein - werd es mir auch einmal ansehen, aber vermutlich nicht zum Launch, sondern erst zum Ende des Jahres hin.

JoWe
vor 2 Monaten | 0
Klasse Test! Ich freu mich schon auf Freitag. Bis dahin habe ich auch die erste Route in FE3H durch ...

TraxDave
vor 2 Monaten | 1
Ihr hattet mich bei „Anime-Intro“.

Denios
vor 2 Monaten | 0
Ich werde mir das definitiv auch noch holen. Von Bayo bin ich zwar nicht der allergrößte Fan, aber Nier Automata fand ich klasse und das bisher Gesehene und Gelesene gefällt mir auch sehr gut. Irgendwann nach Dragon Quest XI S und Fire Emblem werde ich dann auch mal einsteigen.