Test: Pandemic

Von Lars Peterke am 12. August 2019

Gelingt der Brettspiel-Port von Asmodee Digital diesmal? Nach dem soliden Port von Carcassonne und der zumindest optisch ansprechenden Umsetzung von Catan veröffentlicht Asmodee Digital das nunmehr dritte Brettspiel für die Nintendo Switch. In Pandemic dürfen die Spieler dabei kooperativ die Welt von tödlichen Epidemien befreien. Wir haben uns die Umsetzung angesehen. 

Vielversprechendes Konzept

 Das Brettspiel Pandemic ist inzwischen ein Klassiker. Neben dem Basisspiel gibt es dutzende Ableger, darunter Erweiterungen, thematische Standalone-Varianten im Chuthulhu- oder Antikes-Rom-Setting, Spin-Offs und eine Legacy-Variante, die unter Kennern längst als Alltime-Favorite gilt.

In Pandemic spielen bis zu vier Spieler gemeinsam gegen das Spiel. Auf der Welt ist eine Epidemie ausgebrochen und vier Virusstämme wüten in den Großstädten. Um das Unheil abzuwenden, müssen die Spieler für alle vier Viren ein Gegenmittel erzeugen. Dazu ziehen sie abwechselnd ihre Spielfiguren, mit denen sie pro Zug jeweils vier Aktionen ausführen dürfen. Die meisten dieser Aktionen sind Bewegungsaktionen, mit denen sie sich über die verschiedenen Routen des Spielplans von Stadt zu Stadt bewegen. Werden dabei Stadtkarten abgeworfen, können auch große Distanzen zurückgelegt werden. Doch die Stadtkarten sind ein wertvolles Gut. Jeweils fünf Stadtkarten einer Farbe muss ein Spieler sammeln, bevor er in einer Stadt mit einem Forschungszentrum ein Gegenmittel für die Seuche entwickeln kann.

Während die Spieler versuchen Gegenmittel zu entwickeln, legt ihnen das Spiel so gut es kann Steine in den Weg. Nach jedem Zug eines Spielers werden über Infektionskarten Seuchen-Würfel in den Städten platziert. Sobald ein vierter Würfel an einem Standort platziert werden muss, kommt es stattdessen zu einem Ausbruch in den umliegenden Städten und schlimmstenfalls zu einer verheerenden Kettenreaktion. So einen Ausbruch können die Spieler nur wenige Male verkraften, bevor sie verloren haben. Erschwert wird dieser Zustand noch durch Epedemie-Karten, die in den Nachziehstapel gemischt sind. Wann immer sie gezogen werden, kommt es zu einer extrem verheerenden Infektion. Zusätzlich alle bereits gezogenen Infektionskarten neu ins Spiel gebracht, sodass bestimmte Städte immer und immer wieder von den Viren befallen werden. 

Glücklicherweise hat jeder Spieler ein Ass im Ärmel. Jede zum Spielbeginn gewählte Rolle erlaubt es dem Spieler eine Sonderfähigkeit zu nutzen. Dies kann etwa ein erhöhtes Handkartenlimit, der kostenlose Bau von Forschungszentren oder die Entwicklung von Gegenmitteln mit vier statt der üblichen fünf Karten einer Farbe sein. Pandemic bietet in seinem Basisspiel also mehr Spieltiefe als beispielsweise Carcassonne oder Catan. Zusätzlich ist das kooperative Spielkonzept eine wunderbare Grundlage für Couch Co-Op.

Miserable Umsetzung, fehlender Content

Pandemic für die Switch ist genau wie die bisherigen Bemühungen von Asmodee Digital nur eine angepasste Version der Smartphone-Variante. Lediglich zwei Modi sind verfügbar: Solo und lokaler Multiplayer. Einen Online-Modus gibt es nicht. Die beiden Modi sind prinzipiell identisch. Im Solo-Modus steuert ihr alleine bis zu fünf Charaktere, während im lokalen Multiplayer pro Charakter ein Controller benötigt wird. Der Multiplayer-Modus wird damit ad absurdum geführt, immerhin kann man bei einem rundenbasierten Spiel den Controller auch einfach weitergeben. Davon ab verwundern die merkwürdigen Controller-Einschränkungen. Kombinationen wie “Zwei Spieler (mit je einem Controller) kontrollieren jeweils zwei Figuren” sind nicht einstellbar. Überhaupt ist die einzige mögliche Spieleinstellung die Anzahl der Epidemiekarten zur Anpassung des Schwierigkeitsgrades

Selbst wenn die Entwickler das verpulverte Budget des trashigen Live-Action-Trailers für das eigentliche Spiel aufgehoben hätten, wäre es vermutlich bei folgendem Zwischenfazit geblieben: audiovisuell bleibt Pandemic Lichtjahre hinter den Erwartungen zurück. Das erwachsene Setting wird in keinster Weise adäquat präsentiert. Es gibt keine 3D-Elemente auf dem Bildschirm zu sehen und auch Effekte sind fast nicht vorhanden. Das komplette Spiel besteht aus 2D-Grafiken, die über den Bildschirm fliegen, zoomen und faden. Andere moderne Brettspiel-Umsetzungen wie “Raiders of the North Sea” zeigen, dass Asmodee Digital bei den Production Values hier maximal in der regionalen Kreisklasse spielt. 

Über die grafische Präsentation hinaus wurde auch rein funktional an einigen Stellen geschlampt. Das größte Ärgernis ist das Interface selbst. Während des gesamten Spiels starrt ihr auf ein einheitliches Layout. So werden etwa die Handkarten aller Spieler stetig angezeigt. Sinniger wäre es gewesen die Handkarten der nicht aktiven Spieler auszublenden und sie nur bei Bedarf via Knopfdruck anzuzeigen. Die ebenfalls ständig eingeblendete Steuerungshilfen sind unglücklich benannt. Selbst nachdem man Aktionen ausgeführt hat, muss man “Aussetzen” wählen, um seinen Zug zu beenden und die Schultertasten sind völlig frei vom aktuellen Kontext immer nur mit “Auswählen” (ja aber was denn?) beschriftet. 

Fummelig wird es, wenn ein Spieler eine Aktionskarte auf der Hand hat. Da diese Karten jederzeit gespielt werden können, wird demnach jede Spielaktion (auch wenn sie automatisch abgehandelt wird) durch eine entsprechende Rückfrage nach jedem Schritt unterbrochen. Warum die Entwickler hier nicht die “Handel blockieren”-Funktion aus Catan adaptiert haben, ist leider nicht klar.

Alle Kritik wiegt umso schwerer, bedenkt man den happigen Preis von 20€ im Vergleich zur Smartphone-Version, die nur mit 5€ zu Buche schlägt. Zwar sollen die DLC-Inhalte der Mobil-Variante für die Switch kostenfrei sein, werden aber erst im September nachgereicht. Dabei sei gesagt, dass diese Zusatzinhalte sich auf alternative Epidemiekarten und neue Rollen beschränken. Spannende Add-ons wie der mutierende Virenstamm aus der Brettspiel-Erweiterung “On the Brink” oder das Forschungslabor aus der zweiten Erweiterung “In the Lab” bleiben den Fans der Analog-Variante vorbehalten. 

Mit dem gebotenen Paket verfliegt der Spielspaß schon nach wenigen Runden. Während bei Catan noch eine komplette Kampagne mit verschiedenen Szenarien enthalten war, müssen Spieler in Pandemic mit dem nackten Basisspiel auskommen. Dabei wäre mit etwas Mehraufwand viel möglich gewesen. Denkbar wäre etwa ein Puzzle-Modus, bei dem der Spieler in ein vordefiniertes Spiel geworfen wird und dort ein bestimmtes Ziel mit einer festgelegten Anzahl an Aktionen erfüllen muss. Auch der Modus “Bioterrorist” aus der Erweiterung “On the Brink” wäre ein spannender Zusatz gewesen. Hier transformiert sich das Spiel in ein kompetitives 4vs1-Setting, bei dem die KI die Rolle des Bioterroristen hätte übernehmen können.

Fazit:

Wer im Hauptmenü auf “Credits” oder “Regeln” klickt, der erlebt etwas Kurioses: Auf dem Bildschirm werden die Navigationselemente des versteckten Browsers der Nintendo Switch eingeblendet. Offenbar haben die Entwickler  diese Infos als HTML-Seiten in das Spiel integriert. Wer an dieser Stelle nun die Zoom-Funktion nutzt, kann dann dabei zusehen, wie sich das HTML-Layout selbst zerpflückt. Kurzum: die Switch-Version von Pandemic ist ein überteuertes und an Lieblosigkeit wohl kaum zu übertreffendes Stück Software. Dabei ist die außerordentlich gute Vorlage der Zeuge vieler liegengelassener Chancen. Diese Umsetzung sollte man jedoch besser unter Quarantäne stellen. Hier gibt es nichts mehr zu retten.

Wertung:

3.0

Lars Peterke meint:

"Inhaltlich und audiovisuell absolut enttäuschende Umsetzung des modernen Brettspiel-Klassikers von Matt Leacock."
Spielerlebnis: Mangelhaft
Umfang: Mangelhaft
Technik: Mangelhaft

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