Test: Home Sweet Home

Von Jeremiah David am 10. August 2019

Thailändischer Horror mit VR-Kompatibilität

Ursprünglich wurde Home Sweet Home, das von einem thailändischen Indie-Studio stammt, bereits 2017 für den PC veröffentlicht. Seit Oktober 2018 ist der Horrortitel auf der Xbox One spielbar, seit Ende Mai des aktuellen Jahres auch auf der PlayStation 4. Der PS4-Fassung wurde neben einer physischen Version auch noch ein VR-Modus spendiert. Ob sich der Kauf lohnt, klärt unser Test.

Jane, wo bist du?

Nach dem unerklärlichen Verschwinden seiner Frau Jane, erwacht der Spieler als Hauptprotagonist Tim in einem seltsamen, verfallenen Gebäude, das zunächst verlassen scheint. Schnell begegnet er jedoch dem ersten Gegner im Spiel: Das untote Mädchen aus dem Horrorfilm-Klassiker The Ring hat sich eine neue Frisur und eine schicke, wenn auch etwas blutige Schulmädchenuniform zugelegt, ist aber ansonsten noch genauso biestig unterwegs wie eh und je. Vielleicht handelt es sich hier auch nur um eine Verwandte – so oder so rückt sie Tim mit einem Teppichmesser gefährlich nahe. Ihm bleibt nur die Flucht. Zum Glück gibt es in nächster Nähe einen Spind, in dem er sich verstecken kann. Im weiteren Spielverlauf tauchen ähnliche Spinde immer wieder auf und bieten so Schutz vor der Irren, die in regelmäßigen Abständen mit Hilfe blutbefleckter Portale in der düsteren Welt von Home Sweet Home auftaucht. Die junge Frau mit dem Messer ist zum Glück nicht die Hellste und öffnet die Verstecke nur, wenn sie Tim beim Hineinspringen beobachten konnte. Ansonsten folgt sie relativ stur fest vorgegebenen Pfaden und lässt sich mit etwas Geduld leicht umgehen.

Auf der Suche nach seiner Frau Jane durchstreift Tim abwechselnd sein eigenes Zuhause und verschiedene andere, gruselige Gebäude, wie beispielsweise einen alten Bürokomplex, ein bizarres Künstleratelier oder eine heruntergekommene Polizeistation. Die Abschnitte in Tims eigenen Haus erinnern ein wenig an die berühmte P.T.-Demo, mit der Konami einst ein inzwischen gestrichenes Silent-Hill-Spiel bewerben wollte. Mit jedem Besuch der durchaus ansehnlich gestalteten Räume ändern sich Details, bis zum Ende des Spiels hin praktisch kein Gegenstand mehr an seinem ursprünglichen Platz steht und seltsame rote Fäden sich wie Teile eines großen Spinnennetzes durch alle Räume ziehen. Tim scheint mehr und mehr dem Wahnsinn zu verfallen, ähnlich wie seine Frau, von der er an unterschiedlichen Orten unzählige Tagebuchseiten mit beunruhigen Einträgen findet.

Außerhalb seines Zuhauses wandert Tim vor allem durch lange Korridore und Zimmer, stets auf der Suche nach Schlüsseln, mit denen er verschlossene Türen öffnen kann, um seiner Frau zu folgen. Manche Schlüssel sind leicht zu finden, während für andere erst Rätsel gelöst werden müssen. Die Rätsel, von denen es zugegebenermaßen nicht sehr viele gibt, sind kaum mehr als Standardkost, in der Regel aber dennoch unterhaltsam. Vor einer negativen Ausnahme möchten wir an dieser Stelle jedoch explizit warnen: Nach etwa der Hälfte des Spiels muss für einen Tresor eine Zahlenkombination bestehend aus drei zweistelligen Zahlen gefunden werden. Passend erscheinende Zahlen stehen an der Unterseite eines Schreibtisches, diese stehen aber auf dem Kopf, müssen von rechts nach links gelesen werden und geben selbst dann nur Zahlen an, die am Zahlenschloss des Tresors gegenüber (!) der tatsächlich benötigten Zahlen stehen. Diverse Foreneinträge und Youtube-Videos zu dem Thema zeigen, dass dieses Rätsel schon so manchen Spieler zur Verzweiflung gebracht hat.

Neben den Rätseln muss Tim sich in den Räumen außerhalb seines Zuhauses noch mit der oben beschriebenen Irren und einem riesigen Dämon auseinandersetzen. Da es im gesamten Spiel keine Waffen gibt, heißt das konkret: Viel schleichen, möglichst unentdeckt bleiben und notfalls einen Spind als Versteck verwenden!

Weniger ist mehr (?)

Home Sweet Home zeigt sich in vielerlei Hinsicht minimalistisch. Es gibt im gesamten Spiel lediglich die zwei oben beschriebenen Gegner und außer der hin und wieder aufblitzenden Jane keine NPCs. Die Umgebungen sind wenig interaktiv und Tim ist in seinen Möglichkeiten so beschränkt, dass einige Tasten des Controllers schlicht unbelegt geblieben sind. Er kann seine Taschenlampe ein- und ausschalten, langsam oder schnell laufen und zudem in die Hocke gehen. Alle anderen Aktionen sind kontextgebunden und werden allesamt mit X ausgeführt, wobei für viele dieser Vorgänge passende Animationen fehlen. So öffnen sich beispielsweise Türen auf Tastendruck wie von Geisterhand, und auch Gegenstände wie Schlüssel werden nicht aktiv aufgehoben, sondern erscheinen einfach im Inventar.

Seltsamerweise stört dies aber kaum, denn während einige Teile des Spiels sicher mehr Feinschliff und Abwechslung vertragen könnten, führt der Minimalismus gleichzeitig zu einer interessanten Reduzierung des Gameplays auf das Notwendigste. Die Entwickler haben sich nicht mit einem unnötig ambitionierten Projekt übernommen, sondern sich auf das Wesentliche konzentriert. Home Sweet Home erinnert so an atmosphärische old-school Horrorspiele der Playstation-2-Ära, wie beispielsweise Project Zero oder Siren, gepaart mit einer nicht überragenden, aber doch ausreichend guten Optik mit einigen überraschend coolen Grafikeffekten sowie einem absolut kompetenten Sounddesign. Die englische Sprachausgabe weiß jederzeit zu überzeugen und die Hintergrundgeräusche sind klasse. Die Tatsache, dass Home Sweet Home in Thailand spielt und immer wieder thailändische Mythen und Traditionen aufgreift, verleiht dem Spiel zudem ein zumindest stellenweise sehr frisches Setting. Thailändische Schriftzeichen an den Wänden oder in den von Jane hinterlassenen Tagebucheinträgen wurden für deutsch- beziehungsweise englischsprachige Spieler nicht mit westlichen Buchstaben ersetzt, stattdessen helfen Untertitel bei Verständnisproblemen. Leider führen hier Übersetzungsfehler sowohl im Englischen als auch im Deutschen gelegentlich zu ungewollt komischen Texten.

Weit störender als das minimalistische Gameplay und die Ausrutscher bei der Übersetzung ist, dass Home Sweet Home mit rund fünf Stunden Spielzeit ein nur sehr kurzes Abenteuer bietet und zu allem Überfluss mit einem Cliffhanger endet. Das Spiel stellt die erste Episode einer Horrorspielreihe dar und endet wenig charmant und sehr abrupt mit einer Texteinblendung, die auf die nächste – noch nicht veröffentlichte – Episode verweist. Das hätten die Entwickler zweifelsohne besser lösen können. Für Besitzer einer VR-Brille gibt es hier immerhin eine kleine Entschädigung: Sie können das gesamte Spiel in VR spielen, sollten aufgrund der schnellen Steuerung jedoch mit Motion-Sickness umgehen können. Zur Vermeidung von Schwindelgefühlen kann die Kamera so eingestellt werden, dass Tims Blick ruckartig von Punkt zu Punkt springt, dies nimmt dem Titel jedoch einiges an Immersion.

Fazit:

Man merkt Home Sweet Home jederzeit an, dass es von einem kleinen Entwicklerstudio kommt. Die Gegner-KI, die Grafik und das Gameplay hätten allesamt mehr Feinschliff vertragen können. Trotzdem macht der Titel aber weitestgehend Spaß, was vor allem an der starken, wirklich gruseligen Atmosphäre und dem teilweise frischen Setting liegt. Genrefans und/oder Besitzer eines VR-Headsets dürfen einen Blick riskieren, sollten aber nicht mit zu hohen Erwartungen an den Indie-Horror herantreten.

Wertung:

6.5

Jeremiah David meint:

"Atmosphärisches Horrorspiel mit minimalistischem Gameplay und durchschnittlicher Präsentation "
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Durchschnittlich

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