Test: F1 2019

Von Niko Schopinski am 08. Juli 2019

Was hat sich gegenüber den Vorgängern geändert und bietet der neue Teil nun die ultimative Formel-1-Erfahrung?

- Testsystem: PS4 Pro
- die optional erhältlichen Inhalte der Legends-Edition wurden für den Test nicht berücksichtigt

Manch einer mag sich noch erinnern, wie er mit quer gehaltener Wii-Remote in F1 2009 auf der Wii über die virtuellen Pisten gebrettert ist. Zehn Jahre ist das nun schon her, weshalb die Standard-Ausgabe des diesjährigen Serienablegers mit dem Beinamen „Jubiläums Edition“ veröffentlicht wurde. Nun liegt F1 2019 also frisch auf dem Tisch: Mit dem Erstlingswerk von Codemasters auf Wii und PSP hat der neue Ableger sowohl technisch als auch inhaltlich nicht mehr allzu viel gemein. Nachdem die Serie bei ihrem Einstieg auf den (noch) aktuellen Konsolen im Jahr 2015 technisch auf ein neues Level gehievt wurde, so ging es ein Jahr später inhaltlich spürbar voran. Mit den letzten beiden Ausgaben hat Codemasters die Serie behutsam weiterentwickelt, ohne aber wirklich revolutionäre Sprünge zu machen.

Wie auch schon die Vorgänger legt F1 2019 enorm viel Wert auf die umfangreiche  Karriere. Am grundsätzlichen Spielerlebnis hat sich seit dem letzten Jahr nicht übermäßig viel getan, weshalb jedem interessierten Leser für weitere Detailinformationen auch das Review zu F1 2018 ans Herz gelegt sei. Analog zu anderen jährlich erscheinenden Serien wie FIFA und PES liegen die Veränderungen und Weiterentwicklungen im Detail, außerdem haben die Entwickler die Karriere um eine filmische Inszenierung erweitert, die aber noch deutlich Luft nach oben hat. Dazu später mehr.

The Fast and the Furious

Zunächst aber soll die Frage geklärt werden, wie gut sich die PS-Monster in diesem Jahr auf der Strecke anfühlen. Wie auch schon beim Vorgänger, steuern sich die Boliden wieder wahnsinnig griffig und betören vor allem mit einem tollen Geschwindigkeitsgefühl. Im direkten Vergleich mit F1 2018 fällt aber auf, dass die Fahrzeuge nun über einen Hauch mehr Schwere verfügen. Dadurch kommt es jetzt tendenziell etwas häufiger vor, dass ihr mal etwas zu spät bremst und euer Gefährt von der Piste rauscht. Dieses kleine Bisschen mehr an Physis fühlt sich aber durchaus nachvollziehbar und realistisch an. Nach ein paar Eingewöhnungsrunden könnt ihr glückselig über die Kurse brettern und eure Kontrahenten vernaschen. Wem zu schnell das Heck ausbricht, der schaltet einfach die Traktionshilfe in vollem Umfang hinzu.

Ein bisschen mehr Anpassung erfordern dann die neu ins Spiel integrierten Rennsemmeln der Formel 2. Während Optik und „Sitzgefühl“ im Cockpit der Fahrzeuge noch sehr den F1-Pendants ähneln, so stellt sich die Fahrphysik doch merklich anders dar. Die Autos sind langsamer und steuern sich im Vergleich zäher und behäbiger durch enge Kurven – auch die Bremswege sind spürbar länger. Es ist beileibe keine Katastrophe, aber die Renner der Formel 2 fühlen sich einfach nicht so dynamisch an, wie ihre großen Brüder aus der Königsklasse.

Game Night

Codemasters bewarb im Vorfeld der Veröffentlichung die überarbeitete Lichtstimmung bei nächtlichen Rennen. Und tatsächlich: Tragt ihr in Singapur, Bahrain und Abu Dhabi die Rennen bei Dunkelheit aus, so bemerken Kenner der Vorgänger sofort einen gewaltigen Unterschied. Während die Flutlichter in den letzten Jahren nur als einfache helle Texturen am Streckenrand vorhanden waren, so dienen sie nun als aktive Leuchtquellen, deren Lichtkegel die Luft durchfluten und die nächtliche Umgebung wirklich nachvollziehbar ausleuchten. Atmosphärisch ist das großartig. Die Intensität dieser neuen Beleuchtung wird aber mutmaßlich auch von der individuellen Qualität bzw. Fähigkeit bei der HDR-Darstellung eures Fernsehers abhängen. Auf hochwertigen Flachmännern mit ordentlicher HDR-Darstellung dürfte es beeindruckender aussehen als bei älteren TVs ohne den erhöhten Dynamikumfang.

Grafische Veränderungen bei Tageslicht lagen hingegen weniger im Fokus der Entwickler. Im direkten Vergleich mit F1 2018 fällt auf, dass die Lichtstimmung und Farbsättigung teilweise etwas angepasst wurden. Außerdem haben die Grafiker hier mal weitere Häuser auf den Berg über Monaco oder dort eine weitere Straßenlaterne neben die Piste gesetzt. Auch die Regenrennen sehen im Grunde genauso aus, wie beim Vorgänger – also immer noch absolut hervorragend.

In diesem Artikel findet ihr einige Splitscreen-Bilder für den Vergleich zwischen F1 2018 und F1 2019.

Insgesamt wirkt der Titel über die Jahre gereift. Die optische Darstellung ist über alle Tages- und Nachtzeiten sowie Witterungsbedingungen hinweg exzellent, außerdem läuft das Geschehen (auf der PS4 Pro) sauber und flüssig  über den Bildschirm. Neben den beschriebenen Fahrten bei Dunkelheit beeindrucken vor allem die Regenrennen mit ihrer dichten Atmosphäre. Die Charaktermodelle der Fahrer, der Agentin und eurer Teammitglieder gehören zwar nicht zur absoluten Oberklasse, sind inzwischen aber durchaus hinnehmbar. Weitere Anpassungen bei der visuellen Gestaltung wären dann das neu gestaltete Hauptmenü, überarbeitete Bildschirmanzeigen und ein paar neue Motive bei den Kamerafahrten über die Kurse. Dies fällt aber eher in die Kategorie Kosmetik, die man bei jährlichen Updates auch erwarten darf.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Wie seit F1 2016 üblich, liegt der Fokus der Entwickler auf dem umfangreichen Karrieremodus. Neu ist nun, das ihr mit eurem selbst erstellten Fahrer als Pilot zunächst in der Formel 2 an den Start geht. Eure beiden großen Ziele sind natürlich der Gewinn der Fahrermeisterschaft in „Liga 2“ sowie der Aufstieg in die Formel 1. Anders als bei der Karriere in der F1 fahrt ihr hier aber keine intensiven Trainingsläufe, um Punkte für Forschung und Entwicklung eures Fahrzeugs zu sammeln, sondern absolviert kurze Herausforderungs-Events, bei denen ihr euch in einer vorgefertigten Situation einige Runden vor Rennende wiederfindet. Hier sollt ihr dann nach Vorgabe eures Teams das Beste aus der entsprechenden Ausgangslage herausholen. Eingebettet ist dieses kurze Karriere-Intermezzo in eine kleine „Geschichte“, bei der ihr erleben dürft, wie euer Teamkollege sowie euer schärfster Konkurrent um den Titel nach den Rennen eindringlich auf euch einreden. An sich eine nette Idee, sorgt es doch für etwas Atmosphäre durch diese Gespräche aus der Boxengasse. Wirklich oscarverdächtig ist die Inszenierung aber nicht: Teamkollege und Konkurrent bewegen sich sowohl inhaltlich als auch hinsichtlich ihres Benehmens irgendwo zwischen nervig und unsympathisch. Dabei erinnern sie Jo-Gerner-like mehr an schnöde Seifenopern-Figuren als an echte Motorsport-Profis.

Erwähnt werden muss an dieser Stelle ausdrücklich: Die beschriebenen Fahrten der 2018er Formel-2-Saison beschränken sich innerhalb der Karriere auf nur drei dieser Kurzeinsätze. Ihr habt diese Episode also sehr schnell absolviert und startet danach als Aufsteiger in die inzwischen klassische - und hinlänglich bekannte - Karriere in der Königsklasse.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Diese Karriere beinhaltet dann wieder die üblichen Trainingsfahrten wie Streckenakklimatisierung, Reifen- und Benzinmanagement, Qualifying-Tempo usw., bei denen ihr Ressourcenpunkte für die Weiterentwicklung eures Flitzers einsackt. Natürlich werdet ihr zwischendurch auch wieder von einer Journalistin zu eurer Einschätzung der Geschehnisse befragt. Eure Antworten beeinflussen euer Ansehen bei eurem und auch den anderen Teams und ob ihr als fairer Sportsmann oder als Ego-Shooter wahrgenommen werdet. Was nett gedacht ist, kann nach mehreren absolvierten Läufen aber auch nerven. Zumal die Ausführungen der flotten Dame auch nicht immer dem tatsächlichen Rennverlauf entsprechen und euch somit gelegentlich auch gar keine der vorgefertigten Antworten schmecken wird.

Weiterhin werdet ihr zwischen den offiziellen Rennwochenenden zu diversen Herausforderungen bzw. Events in historischen Formel-1-Fahrzeugen eingeladen, die euren Alltag angenehm auflockern. Kenner des Vorgängers konstatieren: Abseits der drei kurzen Formel-2-Einsätze und der Soap-Opera-Einlagen zu Beginn hat sich bei der Karriere nicht entscheidend viel getan.

Das Schwergewicht

Dennoch ist F1 2019 inhaltlich immer noch sehr umfassend und auf gutem Weg zum Content-Schwergewicht. Wer die Formel-2-Fahrzeuge abseits der merkwürdig kurzen Einbindung im Karrieremodus häufiger fahren möchte, der kann diese genau wie die modernen und auch die historischen Formel-1-Fahrzeuge natürlich in selbst erstellten Grands Prix oder Zeitfahrsessions sowie in klassischen Meisterschaften und auch diversen Herausforderungen anwählen. Zum Release bietet euch das Spiel aber nur das  Abbild der 2018er-Saison der Formel 2. Wollt ihr mit Mick Schuhmacher und den aktuellen Fahrzeugen und Teams an den Start gehen, müsst ihr euch noch etwas gedulden: Codemasters hat versprochen, die 2019er-Daten der Formula 2 Championship während der laufenden Saison als kostenlosen Zusatzinhalt in das Spiel zu integrieren.

Neu anwählbar im Hauptmenü sind der Showroom, die Sektion F1eSports, ein Kinobereich und der Punkt „Anpassung“. Im Showroom könnt ihr die PS-Monster – natürlich auch die historischen – aus verschiedenen Perspektiven betrachten, heranzoomen und ein paar Informationen zu den Fahrzeugen und den Teams abrufen. Es geht aber nicht so weit, dass ihr wie in Forzavista (bei Forza Motorsport) auf Knopfdruck Klappen und Schalter bewegen oder auch den Motor starten könntet. Im Bereich F1eSports informiert ihr euch über anstehende Events und schaut euch entsprechende Videos an. Im Grunde wird hier aber nur der Browser der Konsole geöffnet, der dann die gewählten Untermenüs der Homepage f1esports.com anzeigt. Im „Kino“ schaut ihr euch bei Interesse Highlight-Zusammenfassungen eurer letzten Rennen an, während ihr unter „Anpassung“ euer Mehrspieler-Auto farblich gestalten, euren Avatar anpassen und aus diversen Fahrer-Abzeichen auswählen könnt. Unfassbar aufregend ist die Einführung der genannten Elemente zwar nicht, es ist aber alles „nice to have“ und fühlt sich insgesamt auch ganz rund an.

Wirklich aufregend wäre hingegen die Implementierung einiger klassischer Rennstrecken gewesen. Um das - trotz aller Neuerungen - inzwischen doch recht vertraut wirkende Gesamtpaket weiter anzufüttern, dürften die Entwickler auch gern eine Handvoll ehemaliger F1-Strecken wie z.B. Magny-Cours, Imola oder das Autódromo de Buenos Aires ins Spiel bringen. Damit würden die historischen Formel-1-Renner etwas mehr an Relevanz hinzugewinnen und hinsichtlich der über die letzten Jahre doch weitestgehend gleichen Kurse einen spürbaren Mehrwert schaffen.

Wirklich vorbildlich ist nach wie vor die große Individualisierbarkeit des F1-Titels: Ihr könnt den Schwierigkeitsgrad, die Fahrhilfen, die Bildschirmanzeigen und auch alle möglichen Kameraperspektiven sehr umfangreich und feinstufig an euren persönlichen Geschmack bzw. euer fahrerisches Können anpassen. Ihr könnt eines der vorgefertigten Fahrzeug-Setups wählen, die sich in fünf Stufen zwischen maximalem Abtrieb und maximaler Höchstgeschwindigkeit unterscheiden. Wer mag, darf sich aber auch näher mit dem Boliden befassen und nach Belieben Hand an die Aerodynamik, die Differentialeinstellung und den Radsturz legen.

Darüber hinaus könnt ihr euch wieder mit der Zusammensetzung des Benzingemischs, dem Energy Recovery System (ERS) oder auch dem Reifenmanagement und der Boxenstopp-Strategie für das Rennwochenende auseinandersetzen.

Einen lokalen Splitscreen gibt es für die Mehrspieler-Rennen in F1 2019 leider wieder nicht. Dafür lief das Spiel während der Testrunden im Online-Modus gewohnt flüssig und weitestgehend lagfrei über den Bildschirm. Habt ihr keine Lust auf das gewohnte Chaos in vielen offenen Sessions, so könnt ihr nun nach persönlichen Präferenzen eine eigene Liga erstellen und Mitglieder entsprechend zulassen oder abweisen. Natürlich dürft ihr auch bestehenden Ligen anderer Spieler beitreten und somit Freunde oder Fremde mit euren Fahrkünsten beglücken. Des Weiteren werden vom Spiel auch wöchentliche Events angeboten, bei denen ihr euch mit Spielern aus aller Welt messen könnt.

A.I. - Künstliche Intelligenz

Ein Ärgernis in den letzten Jahren war stets die KI der computergesteuerten Fahrer. Nicht nur, dass euch die gegnerischen Pisten-Rambos allzu häufig rücksichtslos von der Ideallinie geschubst haben: Die Interpretation des Geschehens sorgte auch häufig dafür, dass euch die Schuld am Unfall in die Rennfahrerschuhe geschoben und eine entsprechende Sanktionierung wie z.B. eine Zeitstrafe auferlegt wurde. Das war allgegenwärtig und überaus nervig und sorgte in der Konsequenz dafür, dass den Vorgängertiteln stets eine noch höhere Wertung verwehrt blieb. Nun scheinen die Entwickler die KI-Piloten endlich zum Anti-Aggressions-Training geschickt zu haben. Und obwohl die besagten Kollisionen auch hier beileibe nicht ausbleiben, lässt sich feststellen, dass sie in diesem Jahr nicht mehr ganz so penetrant und häufig vorkommen. Es geht also endlich in die richtige Richtung.

Fazit:

Auch wenn ich mein Fazit zu F1 2018 aus dem letzten Jahr oberflächlich betrachtet fast 1:1 übernehmen könnte, so haben die Entwickler mit dem neuen Beleuchtungssystem bei Nachtrennen, der Integration der Formel 2 und auch einigen Anpassungen und Erweiterungen im Detail dann doch wieder einen kleinen – aber feinen – Schritt nach vorn gemacht. Ob diese Neuerungen den Umstieg vom immer noch sehr guten F1 2018 rechtfertigen, muss jeder Interessent für sich selbst entscheiden - die neue Einleitung der Karriere stellt in meinen Augen zumindest keinen absoluten Kaufgrund dar. Dennoch halte ich den Start in der Nachwuchsserie grundsätzlich für eine richtig gute Idee, weil er mit den kurzen Herausforderungen einen angenehmen Kontrast zum bekannten Ablauf in der Königsklasse bildet. Inszenatorisch wirkt die Angelegenheit aber arg ungelenk, auch ist die Geschichte unglaublich schnell abgefrühstückt und stellt somit eigentlich nicht mehr als ein nett gemeintes Tutorial dar. Das ändert aber nichts daran, dass F1 2019 spielerisch sehr ausgereift daherkommt und auch inhaltlich schwer wiegt. Wie gewohnt bietet euch Codemasters schier endlos viele Möglichkeiten, das Spiel an euren Geschmack anzupassen und euch auch weitergehend mit technischen Belangen sowie diversen Setups und Strategien auseinanderzusetzen. Auch in diesem Jahr kann der Renntitel mit seinem rasanten und flüssigen Fahrerlebnis begeistern, darüber hinaus freut es mich sehr, dass die KI-Piloten nun endlich etwas weniger rabiat agieren und unnötige Kollisionen nicht mehr ganz so häufig vorkommen, wie zuvor. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist F1 2019 das bisher beste F1-Spiel aus dem Hause Codemasters und verdient sich nun eine Bewertung von 9.0.

Wertung:

9.0

Niko Schopinski meint:

"Nicht perfekt, aber inzwischen richtig stark: F1 2019 ist noch etwas besser als die Vorgänger."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Herausragend
Technik: Sehr gut

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