Test: Cadence of Hyrule – Crypt of the NecroDancer feat. The Legend of Zelda

Von Tim Herrmann am 15. Juni 2019

Ocarina, Taktstock oder Harfe: Musik war oft ein Stargast in The Legend of Zelda. In Cadence of Hyrule bekommt sie die Hauptrolle. Sogar in abendfüllende globale Konzerttourneen haben es die Gaming-Kompositionen geschafft. Als Nintendo im Frühjahr ein Zelda-Crossover mit dem Indie-Rhythmusadventure Crypt of the NecroDancer für Switch ankündigte, war das deshalb gleichermaßen nachvollziehbar wie vollkommen irre: Nintendos heiliger Spiele-Gral? Bei einem Indie-Studio? Unser Test zeigt: Die Komposition klingt sehr harmonisch – obwohl beide Seiten Kompromisse füreinander eingehen mussten.

Der Takt des Todes

Ich hatte keine Ahnung, was Crypt of the NecroDancer war. Doch um Weihnachten 2018 herum kostete es im eShop nur 3,99 Euro (wie momentan übrigens auch). Das Risiko war also überschaubar. Nach etwa 105 Stunden mit dem Spielchen (diese Zahl schockiert mich grad selbst) steht fest: Es waren die wohl bestinvestierten 3,99 Euro meines Lebens – und die Ankündigung eines Crossovers mit The Legend of Zelda im Frühjahr: ein Feiertag!

Dabei war und ist das rhythmusbasierte Spielsystem erstmal reichlich irritierend: Mit jedem Beat der Hintergrundmusik springt Protagonistin Cadence ein Feld weiter. Auch ihre Gegner folgen dem Takt; stürmen frontal heran, hüpfen umher, schleichen sich von hinten an, jeder nach einem eigenen Bewegungsmuster. Im Takt des Todes tänzeln Helden und Monster umeinander herum, greifen an, weichen aus. Mit ihren wuchtigen Beats brennt sich die Grusel-Elektrodisco in den Gehörgang und entfacht mit ihrer steilen Lernkurve schnell eine ausgeprägte Hassliebe. Wer die düsteren Höhlen durchqueren will, muss Bewegungsmuster der Gegner lernen und die zahlreichen Items clever einsetzen. Das galt für das Original – und gilt für das Zelda-Crossover ebenso.

Zelda – inspired by NecroDancer. NecroDancer featuring Zelda.

Doch ist das neue Spiel mit dem wenig griffigen Namen „Cadence of Hyrule – Crypt of the NecroDancer feat. The Legend of Zelda“ nun ein NecroDancer mit Zelda-Anstrich? Oder ein Zelda-Spiel mit NecroDancer-Gameplay? Nunja: Beides. Oder keins von beidem. Ein Crossover eben.

Ja, das Spiel basiert auf dem rhythmusbasierten Gameplay-Konzept von Crypt of the NecroDancer: Einige Gegner, ihre Bewegungsmuster und viele Items stammen eins zu eins aus dem Originalspiel und kommen jetzt im niedlichen 2D-Zelda-Comicstyle daher, der am ehesten an A Link to the Past oder The Minish Cap erinnert. Trotzdem ist Cadence of Hyrule kein NecroDancer-Spiel. Denn es ist (bis auf wenige Ausnahmen in den Boss-Verliesen) kein Dungeon-Crawler. In der Vorlage wurde jeder Run durch die Grabeshöhle zufällig generiert, was für enorme Abwechslung und Wiederspielwert sorgte (Stichwort: 105 Stunden). Das Crossover hingegen ist ein klassisches, zusammenhängendes Abenteuer, das sich auf einer feststehenden Weltkarte abspielt, wie man sie aus isometrischen 2D-Zelda-Spielen kennt. Zwar wird auch sie mit jedem Save-File neu generiert, folgt dabei aber bestimmten Grundregeln und bleibt dann für den Rest des Spiels unverändert. Sie besteht aus zehn mal zehn rechteckigen Arealen, die mit Gegnern, Schätzen und ab und zu kleinen Höhlen gespickt sind, jedes für sich eine kleine Herausforderung, mit Time-Challenges, versteckten Geheimnissen oder Mini-Rätseln. Das Spiel experimentiert auch mit unterschiedlichen Ebenen, die ihr erklimmen könnt.

Sobald Feinde in der Nähe sind, nimmt die Musik plötzlich Fahrt auf und wird rockiger: Dann greift das Ein-Beat-ein-Schritt-Prinzip. Erst wenn alle Monster besiegt sind, können sich die Protagonisten, Cadence, Link oder – aufgepasst – Zelda herself, frei bewegen. Das ist zwar ein bisschen inkonsequent, dient aber der schnelleren Fortbewegung durch befreite Areale oder Dörfer, die die Spielwelt gleich viel glaubwürdiger machen. Im Rahmen der kleinen Hintergrundgeschichte (die ironischerweise weniger komplex ist als die des Indie-Originals) müssen die Helden außerdem vier Mini-Dungeons durchqueren und ihre kniffligen Bosse besiegen. Dann ist das Spiel auch schon (fast) vorbei, nach etwa vier, fünf Stunden. Den enormen Wiederspielwert des immer wieder überraschenden Crypt of the NecroDancer mit seinen unterschiedlichen Charakteren, Regeln und Spielmodi erreicht das Zelda-Crossover also leider nicht - obwohl es sich wegen der zwei unterschiedlichen Startcharaktere, Link und Zelda, und der zufällig neu generierten Spielwelt durchaus lohnt, mindestens zweimal durch Hyrule zu stapfen. Dennoch hätten die Entwickler nach den Credits durchaus noch das eine oder andere Extra einbauen dürfen. Der Preis von 24,99 Euro dürfte also mindestens zehn Euro Zelda-Aufschlag beinhalten.

Kompromisse in Hyrule

Spielerisch ist Cadence of Hyrule ein klassischer Kompromiss: Zugunsten eines eher zelda-typischen Abenteuerformats gibt Crypt of the NecroDancer sein blitzschnelles, zufallsgeneriertes Dungeon-Crawling auf. Für das schnelle rhythmusbasierte NecroDancer-Gameplay verzichtet Zelda auf viele seiner klassischen Rätsel und komplexen Dungeons – obwohl sich kleinere Rätseleinlagen durchaus ab und zu untermischen. Einerseits bedeutet das schmerzhafte Einschnitte für zwei Spiele, die sich allein vollständiger anfühlen. Andererseits ist es erstaunlich, wie gut die beiden Konzepte miteinander harmonieren. Die überragend inszenierten Zelda-Medleys – von Wind Waker über A Link to the Past bis hin zu klassischen Jingles – reißen von Minute Eins an mit und die hochwertig gestalteten 2D-Welten sehen sofort nach Zelda aus. Das schnelle, clevere Kampfsystem à la NecroDancer lässt klassische 2D-Zelda-Kämpfe, in denen man einfach draufhaut, ziemlich alt aussehen.

Und doch ist das Crossover nicht frei von Inkonsistenzen. Das beginnt beim Schwierigkeitsgrad. Wer gedacht hat, dass die Fusion eines knallharten Indie-Spiels mit Nintendos beliebtester Adventure-Serie zu einem seichteren Schwierigkeitsgrad führen würde … liegt völlig richtig. Zwar ist Cadence of Hyrule im Serienvergleich immer noch ziemlich fordernd, insgesamt aber natürlich einsteigerfreundlich und keine Hardcore-Tortur. Das liegt maßgeblich am Fortschrittsystem: Weil Cadence of Hyrule ein klassisch fortschreitendes Abenteuer ist, wird der Spielstand regelmäßig an Shiekah-Steinen gespeichert. Im Tod verlieren Link, Cadence oder Zelda zwar alle gesammelten Rubine und Power-Ups, etwa Fackeln, Statusringe oder Schuhwerk. Bestimmte Items, die ihr im Spielverlauf findet, bleiben euch aber auch nach dem Tod erhalten. Vor allem: die Waffen. Und das ist ein Knackpunkt. Denn mit freier Waffenwahl könnt ihr euch Gegner immer exakt so zurechtlegen, wie es euch passt. Improvisation unnötig.

Speere oder Langschwerter waren in Crypt of the NecroDancer beispielsweise sehr wertvolle Items, über die man sich in der Zufallslotterie freuen durfte. Denn sie halten Gegner auf sicherer Distanz und geben dem Spieler Luft zum Atmen und Ausweichen. Weil man sie nun permanent einsetzen kann, wird Cadence of Hyrule plötzlich recht simpel: Die Strategie, anlaufende Gegner einfach auf Abstand zu halten und aus der Ferne auszuschalten, funktioniert fast immer. In Crypt of the NecroDancer wäre sie ein sicheres Todesurteil gewesen. Diese Spielmechanik hätte sich leicht ändern lassen, indem man Waffen (wie etwa in The Legend of Zelda – Breath of the Wild) irgendwo in der Spielwelt findet und dann abnutzt (wie fast alle anderen Items im Spiel).

An anderer Stelle haben die Entwickler Items aus beiden Serien eingebaut, die kaum spielerischen Mehrwert bringen. Eis- und Feuerstäbe sind nett und gut und Zelda-typisch, in der Spielpraxis aber in 90 Prozent der Fälle ziemlich nutzlos. Nur für eine Handvoll optionaler Schatzrätsel braucht man sie. Hier wird deutlich: The Legend of Zelda und Crypt of the NecroDancer tragen ein Tauziehen um Spielelemente aus dem jeweils anderen aus, an dessen Ende The Legend of Zelda einen leichten Vorsprung hat. Dieses Duell zwischen zwei völlig unterschiedlichen und doch irgendwie ähnlichen Spielkonzepten zu begleiten, ist trotz aller Kompromisse sehr unterhaltsam: Cadence of Hyrule ersetzt weder The Legend of Zelda noch Crypt of the NecroDancer. Es ist etwas Neues und damit im besten Sinne: ein richtig gutes Crossover.

Fazit:

Man nehme: Das eingängige Rhythmus-Gameplay eines erfolgreichen, minimalistischen Indie-Spiels. Und einen der größten Namen der Videospielgeschichte. Verrühre das Ganze sorgfältig. Und am Ende entsteht daraus nicht einfach eine Mischung, sondern etwas Neues, mit wahnsinnig guter Musik, einem schnellen und eingängigen Spielprinzip und vielen cleveren Spielideen. Cadence of Hyrule ist ein mutiges und erfolgreiches Spieleexperiment, das trotz seiner so unterschiedlichen Vorlagen wirkt wie aus einem Guss. Sicherlich: Wer beide Spiele-Zutaten gut kennt, wird manche Besonderheiten der einzelnen Komponenten nicht mehr wiederfinden – und womöglich vermissen. So haben es einige Spielmechaniken ins fertige Crossover geschafft, die es ein bisschen weniger fordernd machen. Und andere, die seinen Wiederspielwert hätten erhöhen können, tauchen nicht auf. Betrachtet man das spielerische Duett unabhängig von diesen Details, bleibt unterm Strich ein durch und durch empfehlenswertes Genre-Experiment, das sich frisch anfühlt und ausgezeichnet zu unterhalten weiß.

Wertung:

8.5

Tim Herrmann meint:

"Eine wohlklingende Komposition - beide Spiele demonstrieren eindrucksvoll, wie gut Kompromisse sein können."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Sehr gut

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5 Kommentare:


Terry
vor 5 Monaten | 1
Hättet ihr vor 10 Jahren gedacht, dass Nintendo solche Art von Spielen in Kombination mit ihren großen Franchises zulässt? Ich finds sehr spannend, auch zb nach Mario + Rabbids, dass Nintendo da offenerer denn je ist.

michi1894
vor 5 Monaten | 0
Ich habe gerade mit crypt of the necromancer angefangen und werde langsam warm damit. Aber 25€... Ich bin hin und her gerissen, weil zelda geht eigentlich immer.

prog4m3r
vor 5 Monaten | 1
Ich warte ja noch irgendwie auf die Retail Version mit Candence of Hyrule sowie Crypt of the Necrodancer auf dem Modul - man muss ja irgendwie rechtfertigen es teurer als im eShop anzubieten, meinetwegen auch für 39,99€... aber 24,99€ für den DL mag ich nicht ausgeben.

TraxDave
vor 5 Monaten | 0
Sehr cool. Für 25€ noch nicht, aber wie immer kommt es auf die Wunschliste und bei der ersten Aktion dann auch auf die Switch!

michi1894
vor 5 Monaten | 0
Ich bin letztlich doch schwach geworden und muss sagen, dass der Titel einfach verdammt gut geworden ist. Die 8.5 von Tim kann ich nach zwei Stunden voll unterschreiben.