Test: Resident Evil (Nintendo Switch)

Von Jeremiah David am 17. Juni 2019

Das von vielen als Meisterwerk gefeierte Remake des ersten Teils von Resident Evil ist zurück – in HD! Erlebe in diesem Klassiker den wahren Survival-Horror, der ein ganzes Genre geprägt hat.

Wir schreiben das Jahr 1998. Zum Bravo-Team der Elite-Einheit S.T.A.R.S. ist jeglicher Kontakt abgebrochen. Das Alpha-Team wird zu den Wäldern um Raccoon City beordert, um das rätselhafte Verschwinden ihrer Kameraden zu untersuchen, als die Truppe plötzlich von seltsamen, wilden Hunden angegriffen wird. Den Alpha-Team-Mitgliedern Chris und Jill gelingt die Flucht zu einer mysteriösen Villa mitten im Wald. Das Grauen, das ihnen dort begegnet, ist allerdings weit schlimmer, als sie es je ahnen konnten...

Ein Klassiker der Videospielgeschichte

Die kursiv dargestellten Zeilen oben stammen direkt von der Resident-Evil-Spieleseite auf Nintendo.de. Normalerweise würden wir für ein Review keinen solchen Werbetext zitieren. Ein Review soll schließlich objektiv sein und Leser möglichst gut informieren, während eine Werbung lediglich ein Produkt verkaufen möchte und dazu gerne auch mal kleine Lügen und zumindest überspitzte Superlativen und andere Übertreibungen einsetzt. Wenn ein Publisher behauptet, ein als Meisterwerk gefeiertes Spiel hätte ein ganzes Genre geprägt, dann ist diese Aussage für gewöhnlich mit Vorsicht zu genießen. Im Falle von Resident Evil müssen wir jedoch ganz klar festhalten: Das passt!

Resident Evil erschien 1996 auf der PlayStation und lehrte trotz für heutige Verhältnisse detailarmer Pixelgrafik unzähligen Spielern das Fürchten. Im Jahr 2002 wurde der Titel grafisch ordentlich aufpoliert und als Remake zunächst auf dem Nintendo GameCube veröffentlicht. Diese Version wurde nun noch einmal überarbeitet, um in schickem HD die aktuelle Konsolengeneration unsicher zu machen.

Nintendos Hybridkonsole ist die inzwischen sage und schreibe zehnte Plattform, auf der der erste Teil der Resident-Evil-Reihe spielbar ist und diese Zahl allein unterstreicht noch einmal den Kultstatus des Videospiels. 1996 war Resident Evil zweifelsohne ein Meisterwerk. Auch 2002 verhalf die Frischzellenkur dem Titel zu Traumwertungen. Aber was ist mit 2019? Darf Resident Evil auch heute noch auf der Switch als Meisterwerk gefeiert werden? Die Antwort ist ein absichtlich vages „Jein!“.

Resident Evil ist noch immer ein Klassiker der Horrorspielgeschichte, ein wunderbar gruseliges Zombie-Spiel mit interessanten Rätseln und coolen Charakteren. Trotz B-Movie-Plot und billigen Dialogen macht es viel Spaß, und die vorgerenderte Grafik sieht in schickem HD zudem selbst heute noch relativ gut aus. In anderen Bereichen merkt man dem inzwischen 17 Jahre alten Remake aber durchaus sein Alter an. An manchen Stellen hätte Capcom das Spiel ruhig stärker überarbeiten dürfen, an anderen tatsächlich weniger.

Was ist neu?

Die erste Neuerung dürfte vielen Spielern gar nicht auffallen: Während Resident Evil 2002 noch im 4:3-Format über die Bildschirme alter Röhrenfernseher flimmerte, wurde die neue Version auf Breitbildfernseher im 16:9-Format angepasst. Auf das Spielgeschehen hat dieser Umstand jedoch praktisch keinen Einfluss. Gleiches gilt auch für die überarbeiteten Charaktermodelle und neuen Texturen, wobei Letztere stellenweise sehr grob daherkommen und auf dem kleinen Bildschirm der Switch zweifellos besser aussehen als auf einem großen Fernseher.  

Anders sieht es bei der Steuerung aus. Neben der klassischen Steuerung bietet Capcom uns in der HD-Version eine moderne Alternative an, diese bringt jedoch ein kleines Problem mit sich. In der originalen Variante steuern wir wahlweise Chris Redfield oder Jill Valentine wie einen tonnenschweren, unendlich langsamen Panzer durch das alte Herrenhaus. Durch Drücken der B-Taste bewegt sich der Charakter zwar schneller, aber jeder Richtungswechsel fällt trotzdem sehr langsam aus. Chris/Jill bewegen sich dabei in Relation zur eigenen Blickrichtung. Blickt Jill also beispielsweise zum rechten Bildschirmrand, bewegt sie sich auch in diese Richtung, wenn wir den Analogstick nach vorne (also nach oben) drücken. Die moderne Steuerung sorgt dafür, dass sich Chris und Jill deutlich schneller bewegen, was absolut super ist, allerdings bewegen sich beide dann in Relation zur Umgebung. Drücken wir also den Analogstick nach links, bewegt sich Jill zum linken Bildschirmrand, unabhängig davon, in welche Richtung sie vorher blickte. In der Praxis bedeutet das, dass sich der Spieler immer wieder den wechselnden, festen Kameraperspektiven anpassen muss, um nicht ständig im Kreis zu laufen. Ein konkretes Beispiel: Auf einer Treppe springt die Kamera zwischen der untersten und der obersten Stufe hin und her. Drücke ich den Analogstick einfach nur nach oben, läuft Jill zunächst die Treppe hinauf, nach dem abrupten Perspektivenwechsel dann aber wieder hinab, sofern ich nicht plötzlich den Analogstick in die umgekehrte Richtung reiße. Ich habe als Spieler also die Wahl zwischen einer präziseren, aber tödlich langsamen oder einer schnelleren, jedoch stellenweise unpräzisen Steuerung. Beide Varianten funktionieren, keine ist jedoch perfekt.

Eine weitere Neuerung, die speziell auf der Switch wenig Sinn macht, ist die Integration von Achievements beziehungsweise Trophäen. Während diese Belohnungen auf der PS4 und der Xbox One durchaus motivieren können, verkommen sie auf Nintendos Hybridkonsole zu völlig sinnfreien Texteinblendungen, die hin und wieder willkürlich auftauchen. Nach dem ersten Kampf gegen einen Crimson-Head-Zombie wird so beispielsweise ein sehr einfach gehaltenes Textfeld mit einem einzigen Wort – „Rotgesehen“ – eingeblendet. Das ist nicht unbedingt störend, aber zumindest irritierend.

Ebenfalls etwas nervig: Jeder Raumwechsel wird von einem Ladebildschirm begleitet. Die sich langsam öffnenden, quietschenden Türen genießen fast den gleichen Kultstatus, wie das Spiel selbst, aber sie stören den Spielfluss doch sehr und auf jede Tür folgt häufig für zwei oder drei Sekunden noch ein zusätzlicher schwarzer Bildschirm mit einigen Blutspritzern als improvisierter Ladebalken. Zwischen diesen Zwangspausen läuft Resident Evil einwandfrei, trotzdem hat man jederzeit das Gefühl die Entwickler haben nur das absolut Nötigste an Zeit und Aufwand in die Portierung gesteckt. Bedenkt man, dass die Switch-Version satte 10 Euro mehr kostet als die PS4- und X1-Umsetzungen, hinterlässt dieser Umstand einen etwas bitteren Nachgeschmack.

Dunkel, dunkler, Resident Evil

Switch-Spielern sollte vor einem Download des rund 16 GB großen Spiels zudem bewusst sein, dass Resident Evil im Handheld-Modus nur bedingt genießbar ist. Es liegt in der Natur des Spiels, dass die meisten Räume und Umgebungen sehr düster gehalten sind. Auf einem Fernseher mit ordentlichen Kontrasten ist das kein Problem, im Gegenteil! Die dunklen Schatten und zuckenden Lichter sorgen im heimischen Wohnzimmer für eine gruselige Atmosphäre. Wer allerdings auf dem kleinen Bildschirm der Switch zocken möchte, darf dazu entweder alle Vorhänge zuziehen oder alternativ stundenlang auf das eigene Spiegelbild starren. Mein Versuch während einer 30-minütigen Straßenbahnfahrt zu spielen, führte jedenfalls nur mit stärkster Bildschirmhelligkeit zu einem akzeptablen Ergebnis.

Etwas nervig ist auch das Inventarsystem, an dem seit 1996 nichts geändert wurde. Jill und Chris können nur eine sehr begrenzte Anzahl an Gegenständen bei sich tragen, wobei es völlig egal ist, wie groß diese Gegenstände sind. Ein winziger Edelstein nimmt im Inventar genauso viel Platz ein, wie ein Granatwerfer. Dies führt dazu, dass bestimmte Items immer wieder in Truhen abgelegt und später abgeholt werden müssen. Eigentlich unnötiges Backtracking wird dadurch unabdingbar. Besonders lästig ist hierbei, dass Gebrauchsgegenstände nur aus dem Inventar heraus verwendet werden können. Ein Erste-Hilfe-Spray, das praktischer Weise in einem Regal vor Jill steht, kann also nur benutzt werden, wenn ausreichend Platz im Inventar vorhanden ist.

Fazit:

Auch auf Nintendos Hybridkonsole ist Resident Evil ein atmosphärisch erstklassiges Horrorspiel. Über die Jahre hinweg ist das Remake insgesamt gut gealtert. Die überarbeitete Grafik ist sicher nicht auf dem Niveau moderner Toptitel, aber mehr als zufriedenstellend, und die Story und die Rätsel sind so unterhaltsam wie eh und je. Die Steuerung und ein paar antiquierte Gameplaymechaniken trüben das Gesamtbild allerdings ein wenig. Bei der Switch-Version sorgt zudem der höhere Preis für Frust. Allein diesem Preis ist es auch geschuldet, dass wir der Switch-Version - genau wie Resident Evil Zero - keine 8er-Wertung mehr geben möchten.

Wertung:

7.5

Jeremiah David meint:

"Gute, aber zugleich minimalistische HD-Portierung eines absoluten Klassikers."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Gut
Technik: Gut

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2 Kommentare:


2null3
vor 3 Monaten | 1
Nur als Idee:
Vielleicht kann man in Fällen von Remakes die Bewertungsrubrik "Umfang" in "Preis/Leistung" umbenennen und somit innerhalb der Bewertung noch einmal gesondert festhalten, ob sich Eurer Meinung nach der (erneute) Kauf eines bereits zuvor veröffentlichten Spiels lohnt.

RickGrimes
vor 3 Monaten | 1
Schön geschriebener Test und eure Wertung ist auch absolut nachvollziehbar. Schade das es scheinbar so lieblos auf die Switch portiert wurde, ich spiele nämlich schon mit dem Gedanken mir das Spiel auch auf die Switch zu laden. Für mich ist es immer noch ein Zeitloser Klassiker dem ich jeden Kritikpunkt verzeihe. Gerade das Backtracking und das knappe Inventar machen auch ein bisschen den Flair von resident Evil aus, nicht zu vergessen die Türen. Klar ist das alles nicht mehr Zeitgemäß und für die heutige Zeit ein NoGo aber wenn ich alle paar jährchen mal diesen Klassiker spiele, möchte ich auch genau das haben =D. Für mich immer noch ne 9/10