Test: RAGE 2

Von Nico Zurheide am 31. Mai 2019

ER DACHTE ER KENNT SCHON ALLES DOCH WAS ER HIER SAH HAT SEINEN VERSTAND GEBLASEN!!! (PRANK) (GONE SEXUAL!) (EPIC CRINGE) (GIVEAWAY) XDDD

Wenn Videospiele YouTube-Videotitel wären...

Das sollte euch bereits einen guten ersten Eindruck von Rage 2 verschaffen, dem Nachfolger zum 2011 erschienenen Ego-Shooter von id Software. Das legendäre Studio war auch in die Entwicklung von Rage 2 involviert, die meiste Arbeit ging hier aber auf die Kappe der Avalanche Studios (Just Cause, Mad Max), die mit der Apex-Game-Engine auch das technische Grundgerüst stellten (Rage nutzte noch id Tech). Den Einfluss und die Erfahrung der Entwickler spüren wir in Rage 2 an allen Ecken der großen Open World. Diese erinnert zwar teilweise stark an die postapokalyptische Wüstenwelt aus Mad Max, kann aber durch einen Sumpf, einen Dschungel und zahlreiche Canyons mit deutlich mehr visueller Abwechslung auftrumpfen. Die verschiedenen Biotope kann die Story durch sogenannte EcoPods erklären - diese gigantischen Gebilde wurden vor dem Einschlag des Meteoriten, der die Welt von Rage ebenfalls zur postapokalyptischen und lebensfeindlichen Einöde umformte, in die Erdumlaufbahn geschossen, um den Überlebenden zu einem neuen Start zu verhelfen. Die EcoPods landeten nach dem Meteoriteneinschlag wieder auf der Erde und konnten anschließend mehr oder weniger erfolgreich ganze Landstriche mit Leben füllen.

Damit ist aber ausschließlich die Flora gemeint, ein echtes Wildleben gibt es in Rage 2 nämlich nicht. Dafür bildeten sich verschiedene menschliche Gruppierungen, die jeweils die Spielwelt mit Handelsstädten, Außenposten, Sendeanlagen und Ressourcenlagern bevölkern. Zusätzlich zu diesen Orten finden wir auf der Karte auch noch die Archen, die beim Ende von Rage aus der Erdoberfläche ans Tageslicht traten. In diesen warten neben Kapseln mit ausgewählten Menschen auch neue Waffen und Fähigkeiten auf euch. Im zweiten Teil, der 30 Jahre nach den Ereignissen des Vorgängers ansetzt, haben sich um diese Rettungskapseln zahlreiche Banditen angesiedelt. Öffnen lassen sich die Archen allerdings nur von Rangern des Eden Projects, das mit den EcoPods und den Archen das Überleben der Menschheit sichern wollte. Natürlich übernehmen wir einen dieser Ranger als Protagonisten und nach einem intensiven Einstieg werden wir auch schon auf die offene Spielwelt losgelassen. Im Gegensatz zum Vorgänger bekommen wir hier sogar eine echte Open World vorgesetzt, in der wir nun verschiedene Points of Interest abklappern dürfen.

Das Spielprinzip haben die Entwickler direkt aus Ubisofts aktuellen Far-Cry-Titeln übernommen. Heißt also: Wir fahren von Außenposten zu Lager zu Arche, um dort stets eine Horde von Gegner wegzuknallen und uns den Loot unter den nimmersatten Nagel zu reißen. Auf dieser Tour werten wir nach und nach unsere Waffen und Fähigkeiten auf, um diese hin und wieder in den anstehen Storymissionen vollumfänglich auszutesten. Unser Ranger ist nämlich eine derartige Kampfmaschine, dass er oder sie höchstens mal von den Bossgegnern einer Mission vor mittelgroße Schwierigkeiten gestellt wird. Dafür sorgen einerseits die überall großzügig verteilten Munitionspackungen und andererseits die durch sogenannte „Nanotriten“ herbeigeführten Fähigkeiten, die uns zuverlässig aus jeder noch so auswegslosen Situation retten. So können wir Gegner mit Schockwellen katapultieren, kleine Gravitationsfelder und Barrieren erzeugen, oder eine ganze Masse von Gegnern mit einem einzigen Slam pulverisieren. Sollte das noch nicht genügen, füllen wir zusätzlich mit jeder Aktion die Overdrive-Leiste, um dann im Overdrive-Modus mehr Schaden, Heilung und eine höhere Feuerrate zu erhalten.

Gestaltet sich der Nutzen der verschiedenen Fähigkeiten noch einigermaßen ausgeglichen, so findet ein Waffenwechsel fast ausschließlich zwischen Sturmgewehr und Schrotflinte statt (mit einigen Ausflügen zum Raketenwerfer), da diese beiden Wummen jeden Gegner problemlos erledigen konnten. Das ist zwar einerseits aufgrund des Spieldesigns notwendig, da die meisten Waffen abseits der Story zu finden sind und damit nicht unbedingt aufgesammelt werden müssen, andererseits aber schade, da Spieler immer den leichtesten Weg nehmen und ohne Anreiz auch nicht unbedingt auf eine andere Waffe wechseln. So sehr man das Wörtlichnehmen von „Open World“ auch loben kann, sollten die Entwickler für derlei leicht behebbare Probleme doch eine zufriedenstellende Lösung finden. Das Gameplay ist also kein großes Handwerk und bietet auch keine neuen Aspekte, funktioniert wie bei Bethesda üblich aber immerhin schnörkellos gut.

Hey guck' mich an, ich bin so individuell

Nicht wirklich etwas Besonderes ist auch die Spielwelt mit ihren sechs Regionen. In jedem Teilgebiet können wir eine Handelsstadt finden, in denen wir Aufträge annehmen und Handel treiben können, und stolpern über die bereits genannten Örtlichkeiten, die großzügig verteilt die Landstriche bevölkern. Leider wiederholen sich mit zunehmender Spieldauer die verwendeten Assets merklich und auch die zu erledigenden Banditen lassen im späteren Spielverlauf an Abwechslung vermissen. Dabei dürfte Rage 2 der feuchte Traum jedes Charakterdesigners sein: Die gegnerischen „Goons“ sollen möglichst nach Anarcho-Punk aussehen - oder zumindest wie sich ein Zwölfjähriger Anarcho-Punk vorstellt - und dementsprechend galt beim Design wohl die Regel, dass es keine Regeln gibt. Die bunten Farbexplosionen der Trailer drücken sich vor allem in den Goons aus, auch einige Entwicklungszeit dürfte in diese Gegner geflossen sein. Sie führen in ihren Lagern ein kleines Eigenleben, albern herum, unterhalten sich und erinnern in ihrer Art etwas an die Bokoblins aus Breath of the Wild, die ohne ein Wort zu sagen sicher zu den stärksten Charakteren des Spiels zählten.

Neben den Goons existieren mit den „Shrouded“ und der Obrigkeit noch zwei weitere große Gegnergruppen, die letztendlich einen spielgewordenen Schwierigkeitsgrad darstellen. Die Shrouded mit ihren Rüstungen und Elektrowaffen setzen unserem Ranger schon etwas übler zu und die Obrigkeit mit ihren Kampfmutanten und schweren Geschütztürmen stellt mit General Cross schließlich auch den Endgegner des Spiels. Cross ist übrigens einer von mehreren Charakteren, die die 30 Jahre zwischen den beiden Teilen überlebt haben. Bei all den Camps und Gegnern haben wir trotz Postapokalypse nie das Gefühl, besonders alleine in der Spielwelt zu sein. Für eine effektive Verkürzung der Reisezeit zwischen zwei Lokalitäten sind natürlich auch die zahlreichen fahrbaren Untersätze mit ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen eine große Hilfe. Außerdem existieren etwas abgekoppelt von der restlichen Welt auch noch die beiden Institutionen MutantBashTV und ChazCar Racing, also ein Arena-Modus mit Gegnerwellen und Autorennen zum Zeitvertreib. Beide Spielmodi bieten aber keine besondere Motivation fürs mehrmalige Spielen.

Fazit:

Die ganze Thematik der postapokalyptischen Anarchie wirkt in Rage 2 so, als ob ein professionelles Designteam dafür verantwortlich zeichnet - und genau das ist ja auch der Fall. Von der in Trailern suggerierten Farbenfrohheit bleibt im Spiel effektiv nur wenig übrig und was genau das Niederballern gegnerischer Punkerhorden mit Anarchie zu tun haben soll, kann uns wohl auch der einfallsreichste Gesellschaftsphilosoph nicht beantworten. Unsere Aktionen werden nebenbei wenig eindrucksvoll mit generischer Rockmusik unterlegt, die bei Sendestationen als typisch pseudo-satirisches Kontrastprogramm klassischer Opernmusik weichen muss. Das wirkt alles so, als hätte man lediglich die ersten fünf Ideen der obligatorischen Brainstorming-Mind-Map im Spiel umgesetzt. Immerhin: id Software hatte die Finger im Spiel und das heißt, dass das Shooter-Gameplay absolut soliden Spaß bereitet. Die Idee der Open World wurde außerdem konsequent umgesetzt, dafür konnte Avalanche allerdings keine neuen Ideen in dieses Genre einbringen, das vor allem durch Far Cry doch bereits prominent und auch besser ausgefüllt wird.

Von uns getestet: Xbox-One-Version

Wertung:

7.0

Nico Zurheide meint:

"This will blow your mind? Nun, nicht wirklich. Der Videospiel gewordene Clickbait."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Gut
Technik: Sehr gut

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1 Kommentare:


Tobsen
vor 1 Monat | 2
Richtig stabiler Test! Hat Bock gemacht, den zu lesen!