Kommentar: Warum Stadia (bisher) nur heiße Luft ist

Von Andreas Held am 20. März 2019

Google kündigt mit viel Gebrüll seine eigene Streaming-Plattform an - hält sich mit Informationen jedoch auffällig bedeckt. Das hat vermutlich gute Gründe.

Laut brüllender Löwe als Katze im Sack

Google hat gestern auf der GDC seine neue Streaming-Plattform angekündigt. Stadia funktioniere auf "allen" Geräten mit einem Bildschirm und soll Streaming in 4K und 60 FPS ermöglichen. Der Service kommt ohne dedizierte Hardware aus, allerdings veröffentlicht Google einen eigenen Controller. DOOM Eternal wird auf dem Service verfügbar sein, und Google möchte First-Party-Exklusivtitel entwickeln. Starten soll das Ganze noch 2019.

Viele Kernfragen ließ die Präsentation noch unbeantwortet. Wird Stadia eine Bibliothek zur Flatrate à la Netflix, oder muss man weiterhin alle Spiele einzeln kaufen? Wie sehen die Spiele aus, die Google selbst entwickelt? Gibt es Exklusivtitel von namhaften Studios? Welche Publisher werden Spiele für den Service bereitstellen? Welche Nicht-Android-Geräte werden Stadia unterstützen? Wie hoch (in Millisekunden) fällt der Input Lag aus? Für ein Produkt, das in fünf bis neun Monaten veröffentlichungsreif sein soll, ist das ein ziemlich langer Fragenkatalog.

Mich erinnern derartige Situationen an einen Fall vor vielen Jahren, als Square-Enix eine Teaser-Seite schaltete, auf der lediglich das Logo von The World Ends With You und ein Countdown zu sehen waren. Das Internet lief heiß, doch nach Ablauf des Countdowns folgte lediglich die Ankündigung einer Smartphone-Portierung des DS-Titels. Hätte Square-Enix von Anfang an offen gelegt, dass es um ein Handyspiel geht, hätte sich niemand für die Teaser-Seite interessiert. Diese Schlüsselinformation wurde also bewusst zurückgehalten, damit sie dem Ziel - der Generierung von Aufmerksamkeit - nicht im Weg steht. Seitdem gilt für mich die Faustregel: Wann immer wichtige Informationen bewusst zurückgehalten werden liegt es daran, dass die Antwort auf diese Fragen ernüchternd ausfallen und dem Hype-Train einen Bremsklotz in den Weg legen würden.

Fragwürdige Erfolgsaussichten

Stadia steht und fällt mit dem Spieleangebot - und hier kämpft Google in gewisser Weise gegen Windmühlen. Sony und Nintendo werden aller Wahrscheinlichkeit nach nicht einmal im Traum daran denken, Google ihre großen Exklusivtitel zur Verfügung zu stellen. EA dürfte einer Konkurrenz zu Origin bzw. EA Access ebenfalls kein Öl ins Feuer gießen wollen. Ubisoft will den Service "unterstützen" - aber in welchem Umfang, ist noch völlig unklar. Auch viele japanische Entwickler könnten Stadia fern bleiben - schon allein deshalb, weil das von Jade Raymond geleitete Projektteam Franchises wie Dead or Alive, Hyperdimension Neptunia und Senran Kagura eher kritisch sehen dürfte, sodass sich deren Entwickler und Publisher nicht auf eine reibungsfreie Zusammenarbeit verlassen könnten, sondern Angst vor einem Deplatforming haben müssten.

Interessant könnte Microsofts Haltung gegenüber dem Service ausfallen - wenn der zunehmend hardwareagnostisch denkende Industriegigant die Streaming-Plattform als Sprungbrett für seine eigenen Marken nutzen möchte und Stadia gleichzeitig für Nintendo Switch erscheint, wo der Service potentiell eine sehr gute Ergänzung zum bestehenden Spieleangebot darstellen würde, könnten sich die Gerüchte eines Games Pass für Switch zumindest über Umwege bewahrheiten. Aber ohne FIFA, Call of Duty, The Division, Monster Hunter, Final Fantasy oder Dark Souls hat der Service trotzdem kaum eine Chance. Selbst DOOM Eternal, den einzigen bisher bekannten Titel, hat sich Google vermutlich teuer erkauft.

Viele kleine Probleme

Einen kleinen Sonderpreis gibt es von mir übrigens noch für den Namen - den sich nur eine Tech-Firma aus dem Silicon Valley ausdenken könnte. Stadia ist ein fluffiger, für möglichst viele Ohren wohlklingender Name ohne irgendeine Bedeutung - und somit auch ohne Bezug zu Gaming oder Streaming. Vor dem Verfassen dieses Artikels musste ich die genaue Schreibweise erst noch einmal nachschlagen, da ich mir die in der Mitte stehenden Buchstaben nicht merken konnte. Die Autokorrekturfunktionen vieler Smartphones dürften dafür sorgen, dass das Süßungsmittel Stevia plötzlich in aller Munde ist. Wer den Namen ohne Kontext hört kann nicht nachvollziehen, ob es sich um eine Gaming-Plattform, eine Automarke oder einen Hersteller von Bananen-Smoothies handelt.

Natürlich kann man Stadia nicht von vorneherein zur Totgeburt erklären. Aber bis der Service ein großes Publikum erreichen kann, muss Google neben dem Spieleangebot noch viele weitere Probleme lösen. Die Kritik an PC-Spielen, die exklusiv für den Epic Games Store veröffentlicht werden hat gezeigt, dass sich die meisten Spieler nur sehr ungern mehrere Accounts für mehrere Clients einrichten - aber genau das sollen sie für Google jetzt tun. Leaks zufolge wird Stadia kein Netflix-Modell verfolgen, sondern nur ein weiterer Online-Store werden, in dem Spiele dann gestreamt statt heruntergeladen werden - sodass ich mich persönlich sofort fragen muss, wo denn eigentlich der Mehrwert dieser Plattform liegen soll, wenn ich dieselben Spiele bei anderen Anbietern ohne Latenz und potentielle Serverausfälle spielen kann. Einen Mehrwert hat der Service derzeit also nur für Menschen, die sich nicht für Videospiele interessieren, deshalb keine Gaming-taugliche Hardware besitzen und sich durch einen Stadia-Account die Anschaffungskosten sparen. Ob Menschen die keine Videospiele mögen eine lukrative Zielgruppe für einen digitalen Videospiele-Fachhandel darstellen, muss sich zeigen. 

Viele Analysten gehen deshalb schon jetzt davon aus, dass Stadia eher ein strategisches Projekt ist - falls der Streaming-Technologie dann tatsächlich ein Durchbrch gelingt, hätte sich Google bereits im Markt positioniert, Sony und Microsoft müssten ihre Marktanteile dann erst einmal zurückgewinnen. Diese Einschätzung ist wahrscheinlich deutlich realistischer als die selbstbewussten Phrasen von Raymond, laut derer Stadia schon 2019 die "Zukunft des Gamings einläuten" soll.

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12 Kommentare:


NXPro
vor 4 Monaten | 0
Der Vorteil ist doch, dass auch Wenig-Spieler Geld für den Hersteller generieren, da eben die Hardware geteilt wird. Außerdem wird die große Hürde "teuren PC kaufen", "Spiel kaufen/runterladen/installieren/updaten" umgangen. Ich stelle mir das selber grandios vor um z.B. Demos auszuprobieren. Endlich keine Stunden verbringen um dann ein paar Minuten ein Spiel auszuprobieren (Steam).

Google hat einfach so eine große Marktmacht und Kanäle wo auf den Dienst hingewiesen werden kann und schon wird es ein Erfolg.

Google Suchmaschine -> nach einem Spiel suchen -> "jetzt in 5 Sekunden selbst spielen"
Youtubestreams/videos -> "jetzt selbst kostenlos ausprobieren"
Android App vorinstalliert -> "Smartphonespiele mit alten Handy in voller Pracht jetzt spielen"

Da werden Milliarden Menschen angesprochen!

Vyse
vor 4 Monaten | 1
Das ist mir schon klar, aber wie viele dieser Milliarden Menschen gehen wohl sofort wieder verloren, wenn sie dann eine Store Page sehen, auf der das Spiel 59,99€ kostet? Und wie viele von ihnen kaufen sich dann mehr als 1-2 Spiele im Jahr, sodass Google auch wirklich Geld mit ihnen verdient?
Es wurde schon mehrmals versucht, eine große Masse von Nichtspielern anzusprechen. Einmal mit Nintendo Wii und einmal, als die ersten Smartphone-Spiele kamen. Beides sorgte für einen kurzlebigen Boom, der dann nach 1-2 Jahren wieder abebbte. Weil sich die Leute eben nur oberflächlich und somit nicht dauerhaft für die Produkte interessiert haben und sie dadurch zu einer Modeerscheinung wurden. Genauso wie Tamagochis, Sudokus oder Lavalampen.

Demos sind ja heutzutage sehr selten geworden. Und ich persönlich warte lieber ein paar Stunden auf einen Download, wenn ich das Spiel dafür ohne zusätzliche Latenzen und potentielle Bruchstellen spielen kann.
NXPro
vor 4 Monaten | 0
Bei Apple oder Steam kann man die Spiele/Apps doch auch innerhalb einer kurzen Zeit zurückgeben, warum sollte man also nicht die Spiele 15-60min anspielen dürfen? Hier muss man sogar nichts installieren und deinstallieren, sondern kann direkt über den Google Browser Chrome das Spiel ausprobieren. Für mich bisher eine Hürde, gerade bei kleineren Spielen wo man sich unsicher ist.

Bisher mussten die Leute immer eine Hürde meistern. Entweder PC kaufen, eine Konsole, ein "Tamagochi-Gerät"... das fällt einfach weg und daher ist es so interessant. Ebenso ist der große Vorteil für Google die Skalierbarkeit. Ob jemand 24 Stunden zockt oder 24 Personen jeweils 1 Stunde ist egal. Am Ende wird immer Geld verdient. Viel mehr als 2 Spiele holen sich übrigens auch keine Konsolenbesitzer im Durchschnitt.

Genau aus den Gründen bin ich auch auf die Preismodelle gespannt.


Vyse
vor 4 Monaten | 1
Wenn das so kommt, teste ich die Spiele bei Stadia an und kaufe mir dann bei Gefallen die Steam- oder PS4-Version. ^^

Das kann von Google nicht gewollt sein, also denke ich auch nicht, dass es so kommen wird.


Asinned
vor 4 Monaten | 0
Sehe das ganze auch nicht so pessimistisch. Klar bei den Spielen muss google noch verblüffen, aber davon abgesehen wirkt das ganze schon sehr reif und hat mit Project Stream bereits einen Härtetest hinter sich. Die unterstützte Hardware wurde übrigens schon genannt und zwar alles was einen Chrome hat.

An den Leak, dass man trotzdem noch Spiele einzeln kaufen muss glaube ich übrigens nicht. Das würde das komplette Konzept zerstören, bei dem man mal eben aus nem youtube Video selbst in das Spiel rein springen kann.Gehe daher von Abo Modell aus oder ne Stunden pauschale.

prog4m3r
vor 4 Monaten | 0
Ich gehe eher von einer Kombination aus. Abo wie es u.A. auch Gamepass bietet für ältere Spiele und Googles hauseigene Titel + "Stundenpauschale" bzw. Leihgebühren für 24/48/100/200/500 Stunden für aktuelle Veröffentlichungen von Drittherstellern.
Vyse
vor 4 Monaten | 0
Die Leaks sind (meiner Einschätzung nach) zwar glaubwürdig, beziehen sich aber auf die Beta-Version. Das Preismodell von PSNow hat sich zwischen Beta- und Releaseversion auch drastisch geändert. Heißt also nix.

Ich traue Google aber tatsächlich zu, dass sie den Wegfall einer Einstiegsbarriere in Form der Hardwareanschaffungskosten als ausreichenden Mehrwert ansehen. Im Englischen werden solche Barrieren als "Gatekeeping" bezeichnet, da steckt eine komplette Ideologie hinter. Mir ist aber noch kein Fall bekannt, wo sowas funktioniert hat - dafür viele Fälle in denen die Ausrichtung auf Neukunden zu sinkenden Verkaufszahlen führte, weil sich bestehende Fans abwendeten und der Zulauf von Neueinsteigern ausblieb. Siehe z.B. Nintendo Wii, Magic the Gathering, Dungeons & Dragons, Star Wars oder Marvel-Comichefte.


michi1894
vor 4 Monaten | 0
Der Kommentar ist gut und zeigt die allgemeinen Bedenken, die wohl noch allgemein herrschen. Da ist Google selbst schuld, man hätte ja die Katze komplett aus dem Sack holen können.

Nichtsdestotrotz freue ich mich auf den Service und hoffe echt, dass das was gutes bei rum kommt.

Samus_Aran
vor 4 Monaten | 0
Egal wie viele Server und Rechenzentren sie haben, ich kann mit Stadia kein Mario Kart spielen. Aber wenn ich eben Mario Kart will, dann will ich Mario Kart. Dann brauche ich eine Switch. Und EA wird wohl kaum sein Königspaar FIFA und Sims für Stadia rausrücken. Ich ahne, dass Google die Bedeutung von Exklusivtiteln unterschätzt. Spannend wird es 2020. Dann könnte Google gewinnen. Denn vielleicht will ich zwar das neue Spiel XY spielen, deswegen aber nicht direkt schon 600€ für eine PS5 berappen, wenn die Konsole danach nur vollstaubt. Hier könnte Google viele Kunden abgreifen. Vermutlich sind aber Microsoft und Sony schon so weit in den Vorbereitungen für die kommende Generation, dass auch sie bereits mit Studios gesprochen und sich entsprechende Titel gesichert haben.

Tobsen
vor 4 Monaten | 0
"Google hat einfach so eine große Marktmacht und Kanäle wo auf den Dienst hingewiesen werden kann und schon wird es ein Erfolg."

So wie bei Google+ oder doch eher wie bei Hangouts?

McClane
vor 4 Monaten | 0
Ne, so wie bei Google Wave.
NXPro
vor 4 Monaten | 0
Wenn das Produkt scheiße ist wie bei Google+ und keinen Mehrwert liefert, dann scheitert das natürlich auch! Dabei muss man aber auch sagen, dass Google einfach viel zu spät dran war und sehr schnell selbst nicht mehr an einen Erfolg geglaubt hat.

Trotzdem ist es für Google viel einfacher ein gutes Produkt in den Markt zu drücken als für die meisten anderen Anbieter mit einem neuen, ähnlichen Produkt. Spielestreaming steht am Anfang und entsprechend kann sich Google in dem Bereich auch gut und günstig positionieren durch z.B. die eigene Suchmaschine und Youtube.