Test: Shadow of the Tomb Raider

Nutzer-Story von Jerry am 14. März 2019

Der dritte Teil der „neuen“ Tomb Raider Serie ist noch düsterer als die beiden Vorgänger, setzt zudem auf eine offenere Welt und mehr auf Stealth statt auf brachiale Action. Aber wird Shadow of the Tomb Raider dadurch auch zu einem besseren Spiel? Kann es sich inhaltlich wie spielerisch von den Vorgängern absetzen?

Laras Apokalypse

Nach den Ereignissen in Rise of the Tomb Raider macht Lara Jagd auf die Geheimorganisation Trinity. Die Spur der Trinity-Handlanger führt Frau Croft zusammen mit ihrem Freund Jonah, der bereits aus dem Reboot bekannt sein sollte, an verschiedene Orte rund um den Globus. In einem alten Maya-Tempel in Mexiko stoßen die beiden so auf ein Relief mit uralten Schriftzeichen, die von einem legendären Dolch, einer metallischen Kiste und der wortwörtlichen Apokalypse berichten. Den Beginn Letzterer löst Lara aus Versehen aus.

Es geht in dem Spiel um das Streben nach Macht, um das Ende der Welt, um magische Rituale und ein geheimes Volk, das unberührt von der modernen Zivilisation tief im peruanischen Urwald lebt und dennoch aus irgendeinem Grund Englisch versteht. So ganz habe ich die B-Movie-Geschichte nicht verstanden, muss aber auch gestehen, mich nicht sonderlich bemüht zu haben. Was ich während meiner Spielzeit von rund 20 Stunden von der etwas wirren Story doch mitbekam, erinnerte bestenfalls an alte Indiana-Jones-Filme, schlimmstenfalls an miese Groschenromane, die Logikfehler einfach mit pseudo-mystischem Hokus-Pokus zu kaschieren versuchen. Wieso muss Lara einen silbernen Dolch in eine metallisch glänzende Box stecken (beziehungsweise herausziehen), um die Welt zu retten? Na, weil das eben aus irgendeiner uralten Prophezeiung hervorgeht. Wichtig ist eigentlich nur: Lara muss wieder einmal Trinity zuvorkommen. Mit einer mitreißenden, logischen Story kann auch Laras neusten Abenteuer also nicht punkten, muss es aber zum Glück auch nicht, denn auch ganz ohne kohärente Geschichte bietet Shadow of the Tomb Raider ein fantastisches Spielerlebnis. Es lebt vom Erkunden der super detailliert gestalteten Spielewelt, vom Lösen diverser, zum Teil durchaus knackiger Rätsel in und um verschiedener Tempel, Krypten und Gräber, und vom Kampf gegen Dr. Dominguez, dem großen Boss von Trinity.

Von der Gejagten zur Jägerin

Um sich gegen Dominguez‘ Söldnertruppen durchzusetzen, darf Lara nicht nur auf ein gewohnt großes Waffenarsenal bestehend aus verschiedenen Bögen, Pistolen, Schrotflinten und Maschinengewehren zurückgreifen. Auch Molotov-Cocktails und Rauchgranaten sind wieder mit von der Partie. Neu sind Giftpfeile, die bei Gegnern Halluzinationen hervorrufen und dafür sorgen, dass sie sich gegenseitig anfallen. Außerdem führt das Spiel einige frische Stealth-Mechaniken ein, die Lara zu einer effektiveren und kaltblütigeren Kämpferin machen als jemals zuvor. Durch Morast watend kann sie sich Schlamm ins Gesicht und um die Arme schmieren, um so den Blicken einfacher Soldaten oder sogar den Wärmebildkameras raffinierterer Gegner für eine kurze Zeit zu entweichen. Sie kann sich zudem flach gegen von Kletterpflanzen überwucherte Wände pressen, um im Dickicht unsichtbar zu werden. Aus dem Hinterhalt heraus vermag sie Söldner auf noch unterschiedlichere Arten ins Jenseits zu befördern als in den Vorgängern.

Tatsächlich ist in der fortschreitenden kämpferischen Kompetenz der Hauptprotagonistin ein roter Faden zu erkennen, der der Story des Spiels zu häufig fehlt. Im Tomb Raider-Reboot ist Lara noch eine junge Frau, die nahezu Hilflos der Wildnis ausgeliefert scheint und angesichts der Ereignisse des Spiels kurz vor dem Burnout steht. In Rise of the Tomb Raider wächst Lara zu einer kompetenten Kämpferin heran. In Shadow of the Tomb Raider ist sie eine Ein-Mann-Armee, vor der selbst Trinity gehörigen Respekt hat. Gegner haben Angst vor ihr und geben dies in Gesprächen mit anderen Söldnern auch mehr oder weniger offen zu. Dass Lara sich gekonnt zur Wehr setzen kann, ist aber auch absolut nötig. Während einem Level, in dem es Lara mit einem uralten, bizarr entstellten Dschungel-Volk zu tun bekommt, wird Shadow of the Tomb Raider so düster und packend, dass es atmosphärisch problemlos mit reinen Horrorspielen mithalten kann.

Menschlichere Züge zeigt Lara in erster Linie dann, wenn sie mit Jonah oder anderen freundlich gesinnten NPCs interagiert, hinzu kommen Rückblenden, die Lara als kleines Mädchen mit ihren Eltern zeigen. Vor allem die Gespräche mit dem gutmütigen Jonah offenbaren, dass Lara trotz ihrer bisweilen abgebrühten Art durchaus von Selbstzweifeln geplagt wird und eine emotionalere Seite besitzt, die sie sonst zu verbergen versucht.

Technisch beeindruckend

NPCs findet Lara vor allem an zwei Orten wieder: In einem peruanischen Dorf namens Kuwaq Yaku und in der geheimen Urwald-Stadt Paititi. Die Personen, die sich hier tummeln wirken zum Teil etwas steif animiert und manche stehen einfach nur planlos in der Gegend herum und scheinen lediglich darauf zu warten, dass sie von Lara angesprochen werden. Die weitläufigen Ortschaften an sich sind jedoch interessant und überraschend authentisch gestaltet. Speziell Paititi strotzt vor Details. Man bekommt als Spieler wirklich das Gefühl sich durch eine Inka-Stadt zu bewegen, in der die Leute ihre eigene Kultur mit eigenen Traditionen haben. Noch beeindruckender ist jedoch, was Crystal Dynamics außerhalb dieser Ortschaften auf den Bildschirm zaubert. Einige der dunkleren Gebiete in riesigen Felshöhlen oder im dichten Dschungel können technisch mit Naughty Dog’s Spielen nicht nur mithalten. Die Licht und Partikeleffekte in Shadow of the Tomb Raider sind bisweilen sogar besser als in Uncharted 4. Wenn sich vor Lara ein enger Durchgang öffnet und sie eine riesige steinerne Halle betritt, in der silberne Lichtstrahlen dutzende Meter über ihr die Front eines düsteren, von Nebelschwaden umhangenen Maya-Tempels beleuchten, dessen Wände mit perfekt ausgearbeiteten Reliefs, Moospolstern und anderen Details ausgearbeitet wurden, sieht das einfach umwerfend gut aus. Besonders beeindruckend sind auch hektischere Szenen, in denen Lara beispielsweise vor einem Tsunami flüchten oder durch die in sich zusammenstützenden Areale unterirdischer Tempel hetzen muss. Dann scheint jeder Teil der Umgebung irgendwie in Bewegung. Häuser stürzen ein, Straßen und Wege brechen auseinander, Geröll geht in Staubwolken oder im brodelnden Wasser unter. Einige vorgerenderte Zwischensequenzen setzen sogar noch eins drauf und sind optisch auf dem Niveau eines Spielfilms. Damit der Titel seine audiovisuellen Muskeln zeigen darf, muss allerdings unbedingt der Day-One-Patch installiert sein, sonst können Pop-Ups und andere Grafikfehler das Gesamtbild trüben.

Die oben bereits genannten Ortschaften dienen als Hub-Level. Dort darf Lara nicht nur mit Händlern interagieren und Informationen über ihre nächsten Aufgaben einholen. Dutzende Leute bieten ihr darüber hinaus Aufträge an, für deren Erfüllen Lara Erfahrungspunkte, neue Waffen oder Kleider erhalten kann. Abgesehen davon gibt es neben den altbekannten optionalen Gräbern neuerdings auch Krypten, die wie kleine Gräber aufgebaut sind und ebenfalls erkundet werden wollen. Zudem gibt es natürlich haufenweise Relikte der Mayas, Inkas und Azteken zu sammeln. Lara steuert sich dabei so präzise wie eh und je, und wird im Englischen einmal mehr von Camilla Luddington synchronisiert, die einen hervorragenden Job macht. Selbiges gilt auch für Luddingtons deutsches Gegenstück Maria Koschny, die Cineasten als Jennifer Lawrences Synchronsprecherin bekannt sein dürfte. Leider bewegen sie die restlichen deutschen Synchronsprecher im Spiel nicht auf demselben Niveau. Wer also des Englischen mächtig ist, sollte auf die deutsche Tonspur verzichten.

Fazit: 

Shadow of the Tomb Raider erfindet das Rad nicht neu, zeigt aber einen deutlichen Fortschritt gegenüber den ersten beiden Teilen der Serie - technisch und spielerisch. Die Atmosphäre ist darüber hinaus zum schneiden dick und die Story, die zwar insgesamt nicht über B-Movie-Niveau hinaus kommt, weiß immerhin gut zu unterhalten. Emotionalere Momente verleihen Lara außerdem neue Charaktereigenschaften, die in den Vorgängern nie beleuchtet wurden. Tomb Raider-Fans können bedenkenlos zugreifen. 

Wertung:

9.0

Jerry meint:

"Krönender Abschluss der Tomb Raider Trilogie"
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Herausragend

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