Die Allianz von Microsoft und Nintendo

Von Andreas Held am 28. Februar 2019

Man kennt es aus Strategiespielen wie Civilization: Wird der führende Spieler zu stark, können andere eine Allianz gegen ihn formen, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Gerüchten zufolge haben Microsoft und Nintendo genau das vor. 

Derartige Gerüchte sind sogar recht alt. Bereits im Vorfeld der E3 2018 hieß es, dass Nintendo und Microsoft in einer ihrer Pressekonferenzen eine gemeinsame Ankündigung vortragen könnten. Dazu kam es nicht, aber eine gewisse Kooperationsbereitschaft zwischen beiden Konzernen ist durchaus zu erkennen: Microsoft ist Publisher von Minecraft und brachte den Titel bereitwillig auch auf Wii U und Switch heraus. Außerdem ermöglichten die Hardware-Hersteller erstmalig das Cross-Play zwischen verschiedenen Konsolen und setzten damit sogar Sony so sehr unter Druck, dass der Platzhirsch nachziehen und zumindest in einigen wichtigen Titeln ebenfalls Cross-Play erlauben musste.

Wenn man allen Gerüchten glauben schenken darf, könnte sich dieser Druck in nächster Zeit sogar noch stark erhöhen. Diese sprechen nämlich nicht nur von weiteren Second-Party-Portierungen wie z. B. einer Switchversion von Ori and the Blind Forest, sondern auch davon, dass Xbox Live und der Xbox Game Pass (als Streaming-Dienst) für Nintendo Switch veröffentlicht werden könnten. Diese Ideen klingen zunächst einmal recht außergewöhnlich und vielleicht sogar lustig. Aber auf den zweiten Blick steckt hier tatsächlich ein nicht zu verachtendes Marktpotential.

Microsoft im Zugzwang

Microsoft hat in den letzten Jahren viel getan, um nach dem verbockten Xbox-One-Launch wieder Kunden anzulocken. Viel geholfen hat das bisher jedoch nicht. Die Marke Xbox hatte zwar anfangs die Nase vorn, aber durch den Red Ring of Death zuviele Kunden an Sony verloren. Diese haben sich mittlerweile auf der Sony-Plattform ihre Freundes- und Trophäenlisten aufgebaut und daher offenbar nur wenig Lust zu wechseln. Eine Xbox One als Zweitkonsole macht ebenfalls recht wenig Sinn, da sich die Konsolen und deren Spieleangebote einfach zu ähnlich sind. Die Kombination aus PS4 und Switch (oder auch Xbox One und Switch) dürfte deutlich verbreiteter sein. An dieser Situation werden auch Forza Motorsport 8 und die nächste Narrative Experience von Ninja Theory wenig ändern.

Nintendos Kunden sind da, aus Microsofts Sicht, deutlich angreifbarer. Online-Infrastrukturen sind für den kauzigen Konzern aus Kyoto immer noch Neuland, Achievements gibt es nicht. Auch spieletechnisch kann Microsoft viele Genres bedienen, die auf Switch überhaupt nicht vertreten sind. Es gibt aber viele Gründe, warum sich Switch-Besitzer trotzdem keine Xbox One als Zweitkonsole zulegen: Bei den meisten ist es wohl einfach eine Geld- oder Zeitfrage, andere haben vielleicht zusätzlich schon eine PS4 und wieder andere haben ihre Switch für den Nachwuchs gekauft, sind aber selbst bestenfalls Gelegenheitsspieler. Viele von ihnen hätten sicherlich durchaus Lust auf eine Runde Forza Horizon oder Gears of War, würden aber nicht so weit gehen, sich extra dafür eine zweite Hardware anzuschaffen. Sie alle wären also potentielle Kunden eines Game Pass für Switch.

Game Pass + Switch = Erfolgsrezept

Das klingt alles schon einmal nach einer Win-Win-Win-Situation: Nintendo würde von Microsoft eine kräftige Umsatzbeteiligung für Game-Pass-Abonnenten erhalten, Microsoft hätte die potentielle Kundschaft für seinen Abo-Service mit einem Schlag mehr als verdoppelt und Switch-Besitzer dürften sich ohnehin über das zusätzliche Angebot aus mittlerweile über 200 Spielen freuen. Tatsächlich hat dieses Konzept aber, vor allem für Microsoft, noch deutlich mehr Potential als einfach nur einen größeren Umsatz.

Ein Game Pass für Switch hätte nämlich die Eigenschaft, dass darin - anders als in allen anderen Abo-Services - fast ausschließlich Spiele enthalten wären, die man auf der Plattform auf keinem anderen Weg bekommt. Es wäre somit auch deutlich reizvoller für Dritthersteller, ihre Spiele auf dem Microsoft-Service anzubieten, da sie so mit einem Schlag eine viel größere Kundschaft erreichen würden, ohne Zeit und Geld in eine Switch-Anpassung investieren zu müssen. Diese bekämen das Spiel dann zwar geschenkt, hätten es aber ohnehin nicht kaufen können, und schlagen im Gegenzug vielleicht bei den Mikrotransaktionen und DLCs zu, die auch für Game-Pass-Besitzer natürlich nicht kostenfrei sind. 

Wenn diese Taktik aufgeht, könnte sich Microsoft in Sachen Spieleangebot und Nutzerzahlen einen riesigen Vorsprung gegenüber PlayStation Now herausarbeiten. Falls es dann in Zukunft tatsächlich dazu kommen sollte, dass Streaming-Dienste klassische Heimkonsolen vollständig ablösen, sieht Sony plötzlich richtig alt aus. Microsoft müsste natürlich erst einmal hinnehmen, dass die Xbox-One-Verkaufszahlen noch weiter stagnieren, könnte diesen Schachzug aber als kurzfristiges Bauernopfer ansehen, um Sony auf längere Sicht wieder einholen zu können. (Zeit-)Exklusive Spiele und DLCs oder die Möglichkeit, alle Titel auch herunterladen und im Offline-Modus latenzfrei bzw. in 4K spielen zu können, könnten Kunden, die mit dem Game Pass auf Switch angelockt wurden, sogar komplett auf die Xbox-Plattform ziehen.  

Bis das Konzept funktionieren kann, ist aber noch ein bisschen Arbeit nötig. Denn einen großen Haken gibt es bei der Sache, der die neuesten Gerüchte auch gleich etwas unglaubwürdig erscheinen lässt: Nintendo Switch unterstützt keine analogen Trigger - ohne die die meisten Xbox-Titel aber nur eingeschränkt spielbar wären. Mögliche Abhilfen gäbe es hier viele - neue JoyCons oder Controller, ein Switch-Pro-Modell oder gar die Möglichkeit, Xbox-Controller an die Hybridkonsole anzuschließen. In jedem Fall käme Nintendo aber nicht darum herum, den meisten Switch-Besitzern dann doch eine Einstiegsbarriere vor die Nase zu setzen - und das wäre mindestens ärgerlich. Microsoft müsste derweil wohl die nötige Online-Infrastruktur bereitstellen, damit potentiell Millionen von Nutzern in 1080p und mit angemessener Latenz streamen können - Nintendo dürfte die nötigen Kapazitäten dazu nicht haben.

Sony gräbt sich ein

Diese Gerüchte kommen übrigens auch in einer für Sony ziemlich ungünstigen Phase. Der Publisher hat der E3 2019 eine klare Absage erteilt und auf Nachfragen sogar irgendwann zugegeben, dass man auf der Messe einfach nicht viel zu zeigen hätte. Hier konzentriert sich offenbar bereits alles auf die PlayStation 5. Wenn Nintendo und Microsoft im Juni nun tatsächlich eine Kollaboration ankündigen und dadurch jede Menge Hype generieren, verschwindet der Name PlayStation für einige Wochen komplett aus den Schlagzeilen, während Sony-Fans vergeblich auf neue Spiele warten. Das kann nicht gewollt sein und erinnert an die Zeiten zum Ende der PlayStation-2-Ära, als Sony seinen Vorsprung schon einmal als uneinholbar einschätzte - und damit auf die Schnauze fiel. Mit Riiiiidge Racer, einer Giant Enemy Crab und five hundred ninety nine US Dollars. Wir erinnern uns.

Im Hintergrund brodelt derweil noch ein Vulkan, der Sony viele Kunden kosten könnte. Das US-Hauptquartier in Kalifornien hat es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, Sittenpolizei für alle auf der PlayStation-Plattform erscheinenden Titel zu spielen - selbst dann, wenn diese nur in Japan erscheinen sollen, sodass dem Land der aufgehenden Sonne nun die vergleichsweise prüden amerikanischen Moralvorstellungen aufgezwungen werden. Ähnliche Entwicklungen haben, vor allem in der Filmindustrie, jedoch bereits gezeigt, dass ein vernichtend großer Teil der zahlenden Kundschaft nichts von derartigen Eingriffen in die Kunstfreiheit hält. Bisher wirken sich Sonys neue Richtlinien nur auf extrem spezielle Titel aus, die ohnehin nicht viel Umsatz generiert hätten. Mittelfristig könnten einige japanische Studios aber auch größere Entwicklungen wie z. B. die Persona-Serie auf Switch verlagern, falls sie das Risiko, dass ihre Spiele den Starbucks-Kaffee-schlürfenden Hipstern im Silicon Valley nicht mehr genehm sein könnten, als zu groß einschätzen.

Fazit:

Zumindest eines zeigen diese Gedankenexperimente: Sonys aktuelle Marktdominanz ist alles andere als sicher. Vor allem die in den Gerüchten beschriebene Zusammenarbeit zwischen Nintendo und Microsoft könnte in dieser Hinsicht eine enorme Dynamik entwickeln. Ich persönlich besitze eine PS4 Pro, bin aber kein PlayStation-Now-Abonnent, da ich mir die wenigen guten Spiele auf dem Service bei Bedarf auch einfach kaufen könnte. Ein Xbox Game Pass für Nintendo Switch wäre da schon deutlich reizvoller - allein für Forza Horizon 4 würde sich die Jahresgebühr lohnen, und danach könnte ich noch monatelang stöbern und Dutzende unbekannte, aber potentiell interessante Indie-Titel risikofrei anspielen. Aber gerade weil es sich so toll und verlockend anhört, halte ich die Gerüchte für wenig glaubwürdig. Einige Xbox-Titel wären auf Switch wegen der fehlenden analogen Trigger gar nicht spielbar, und sowohl Microsoft als auch Nintendo geht es in erster Linie immer noch darum, Kunden an ihre eigene Plattform zu binden. Eine Kollaboration würde diesem Ziel widersprechen und deshalb nur Sinn machen, wenn sich Microsoft aus dem Hardware-Geschäft zurückzieht - aber Phil Spencer kündigte ganz am Ende der Pressekonferenz auf der E3 2018 bereits einen Xbox-One-Nachfolger an. Aber auch wenn es am Ende nicht so kommt: Für ein schönes Gedankenexperiment eignen sich die Gerüchte allemal.

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7 Kommentare:


Enigma22
vor 2 Wochen | 0
Wie gewohnt super geschriebene informative Analyse.
Nur eine Anmerkung: Zu Starbucks gehen in erster Linie Touris, Leute vom Land, die meinen, dass das Großstadtflair sei und gehetzte Geschäftsleute. Aber keine echten Hipster ;)

NXPro
vor 2 Wochen | 0
Microsoft oder Sony würden sich mit Nintendo perfekt ergänzen! Da Sony wohl auf Grund der Marktstellung kein Interesse hat, wäre Microsoft ein toller Partner für Nintendo. Ebenso scheint Microsoft ja auch die "XBox" auf den PC mit Windows 10 zu bringen.

Microsoft würde also mit ihren Spielen die XBox, Windows10 und Nintendo-Switch Besitzer erreichen und ich finde die Richtung längst überfällig. Dann wäre man von 4 Geräten bei 2 Geräten für alle Spiele.

Toller Artikel!

Fantasma
vor 2 Wochen | 1
Ich denke, Microsoft würde davon sogar am meisten profitieren.
Soweit ich mich erinnere war die Xbox 360 in Japan eher schwach und MS hatte es nicht wirklich geschafft sich auf diesen Markt auszuweiten.
Sofern sich das nicht geändert hat, sollte diese Partnerschaft ausreichend sein, um mit wenig Risiken einen erneuten Versuch zu starten, sich auf dem japanischen Markt auszuweiten.
Wäre jedenfalls nicht uninteressant.

YxinX
vor 2 Wochen | 0
Mit Adaptern ist es gar kein Problem mit dem besten Controller (der Xbox One) an der Switch zu spielen.

Tobsen
vor 2 Wochen | 0
Ich bin Sony-Fanboy und würde bei einer Xbox-Live-Einbindung ins Switch-Ökosystem die Konsole verkaufen.

TraxDave
vor 2 Wochen | 0
Ich persönlich brauche die Xbox-Inhalte jetzt nicht auf der Switch, würde mich aber trotzdem drüber freuen. Es kann ja gar nichts schlechtes sein, es kann ja wirklich nur positive Auswirkungen haben, die in dem Artikel wirklich gut und übersichtlich dargestellt wurden.
Wie gesagt: Für mich nicht wichtig, da ich auch Playstation-Besitzer bin und aufgrund dem Leistungsunterschied von Switch und PS, sowie der Abstinenz von Xbox in Japan dies auch höchstwahrscheinlich so weiterführen werde.

Pogopuschel
vor 2 Wochen | 0
Ich bin sehr gespannt, ob wir auf der GDC etwas zu diesem Thema hören werden und würde mich rießig freuen. Dieses Thema hat bei mir in letzter Zeit schon ordentlich Kopfkino erzeugt ^^

Ich bin einer der wohl eher wenigen mit der Switch - X1 - Kombo, was aktuelle Spielekonsolen betrifft. Von dem her hab ich mich auch kurz gefragt, ob eine Kooperationen zwischen Sony und Nintendo mir vielleicht doch mehr bringen würde, aber letztendlich wünsch ich mir doch eher eine Zusammenarbeit zw. MS und Nintendo.

Ich hoffe, dass es Gamerscore auf der Switch geben wird. Obwohl mich andere Achievemnt-Systeme total kalt gelassen haben (Steam und die Trophäen auf meiner PS3..), hat mich die Jagd nach Gamerscore immer wieder ein bisschen motiviert, gewisse Dinge in Spielen zu erreichen.
Ansonsten wäre ich einfach gespannt, was sonst noch kommt. In Sachen Online-Gaming kann Nintendo ja wohl nur profitieren und zumindest die Ori-Spiele würden sich bestimmt super auf der Switch verkaufen. Würde mich nicht, wenn sie sich dort nochmal um ein vielfaches verkaufen ^^