Test: Kingdom Hearts 3

Von Michael Prammer am 08. Februar 2019

13 lange Jahre mussten Fans warten, nun ist es soweit: Kingdom Hearts 3 ist erschienen. Ob sich die lange Wartezeit gelohnt hat, verrät unser Test.

Kingdom Hearts hat sich über die Jahre unter Rollenspielfans als wichtige Serie etabliert. Zwar erschien jetzt erst der dritte Hauptteil, über die Jahre wurden jedoch zahlreiche Spin-Offs veröffentlicht, welche immer neue Storypfade rund um die Helden von Square Enix und dem Disney-Universum geschürt haben. Die Kollaboration mag auf den ersten Blick eigenartig erscheinen, die typisch gestalteten Helden aus der Final-Fantasy-Schmiede wirken an der Seite von bekannten Disney-Protagonisten aber so vertraut, als hätte es nie etwas anderes gegeben. Der dritte Hauptteil der Saga verknüpft nun über 30 verschiedene Disney-Welten miteinander - die Kunst der Entwickler war es also, nicht nur ein vernünftiges Story-Geflecht daraus zu kreieren, sondern auch Spieler abzuholen, die ohne jegliche Vorkenntnisse der Serie ins Rennen starten wollten.

Square Enix und Disney – das passt einfach

Und egal, ob ihr schon einmal einen Teil der Kingdom-Hearts-Spiele gespielt habt oder nicht, die Ausflüge in die unterschiedlichen Disneywelten sind einfach fantastisch. Ob ihr nun Herkules auf dem Olymp unterstützt und seinem Vater Zeus im Kampf gegen Hades und die Titanen beisteht oder zusammen mit Captain Jack Sparrow an Bord der Black Pearl kämpft - an hochklassigen Lizenzen mangelt es der Story nicht; höchstens die Synchronisation und der Soundtrack hätten umfangreicher ausfallen können. Meistens ist das ikonische Helden-Trio um Protagonist Sora, Goofy und Donald dafür verantwortlich, dass den einschlägig bekannten Disney-Geschichten ein Happy End beschert wird. Diese drei Recken nämlich sind die Hauptdarsteller im Rollenspiel und bringen alle Welten wieder ins Lot. Dabei verfolgen sie natürlich ihre eigenen Ziele, denn Sora hat irgendwann einmal seine Kräfte verloren und möchte diese wieder erlangen.

Während der etwa 40-stündigen Story gibt es immer wieder Querverweise auf Vorgänger und Spin-Offs, die Serienfans wohlwollend mitnehmen. Neulinge werden zu Beginn dank Tutorial und Erinnerungsarchiv etwas abgeholt, den vollen Durchblick haben dennoch natürlich nur Veterane. Die Geschichte des dritten Teils der Haupthandlung ist erzählerisch auf einem sehr hohen Niveau und die Entwickler haben es hinbekommen, die einzelnen Handlungsstränge geschickt miteinander zu verweben, sodass ein erzählerischer Fluss das Spielgeschehen vorantreibt. Gegen Ende der Story allerdings verzetteln sie sich dann doch etwas und gehen viele Kompromisse ein, um die Geschichten alle unter einen Hut zu bringen. Bei dieser Vielfalt ist das aber auch kein Wunder.

Zäher Einstieg, aber dann Vollgas

Spielerisch gesehen ist Kingdom Hearts 3 ein Action-Rollenspiel mit meistens drei Helden. Je nach Welt gesellt sich ein vierter Charakter zur Party hinzu. Gespielt wird in der Third-Person-Perspektive in einer meist linearen Spielwelt. Die Level sind dabei je nach Welt unterschiedlich gestaltet und immer dem Thema des Disney-Franchise angepasst, in dem sich das Helden-Trio gerade aufhält. Es gibt zwar abseits der Lizenzwelten einige Eigenkreationen von Square Enix, der überwiegende Teil dürfte euch jedoch aus Kindheitstagen bestens bekannt sein. Der Einstieg ins Spiel gestaltet sich als relativ zäh und wir werden gefühlt alle fünf Minuten mit Tutorials oder Cutscenes „ausgebremst“. Spielfluss kommt erst nach einigen Stunden auf, dann allerdings richtig. Die Steuerung beschränkt sich auf wesentliche Befehle, bietet allerdings dank Kombos und den Spezial-Moves der Charaktere einige Kniffe. So laden wir, während fröhlich einige Gegner vermöbelt werden, eine Spezial-Leiste auf, die sich dann in einige interessante Manöver entladen lässt.

Hier kann das Heldentrio zum Beispiel eine Achterbahnfahrt heraufbeschwören und die Feinde mit ordentlich Treffern eindecken, oder aber ihr zaubert eine riesige Schiffsschaukel auf den Bildschirm und verpasst euren Widersachern bei jedem Ausholen ausreichend Dresche. Bei den Spezialevents, die herbeigerufen werden können, haben sich die Entwickler einiges einfallen lassen und gerade in Bosskämpfen können diese über Sieg oder Niederlage entscheiden. Als Hauptwaffe dient ein sogenanntes Schlüsselschwert, von dem es immer wieder neue Formen zu finden gibt und die in einem Upgrade-System auch verbessert werden können. Auch diese können Spezialfähigkeiten heraufbeschwören und Sora für einige Zeit mit zusätzlicher Power ausstatten. Bei diesen Aktionen und auch bei den vorher erwähnten Events läuft stets ein Timer oben im Bildschirmrand. Innerhalb dieser Zeit lässt sich die Attacke einsetzen, ungeduldige Spieler dürfen aber auch auf einen Finisher setzen und die geballte Kraft der Attacke nutzen. Wer dies erst am Ende des Timers macht, verwendet folglich den ganzen Effekt der Attacken.

Das Abenteuer besteht nicht nur aus dem Vorantreiben der Story, auch wenn dies einen Hauptteil des Spiels einnimmt. Abseits der Geschichte gibt es noch einiges zu tun und Langeweile kann ohnehin kaum aufkommen. Überall in den linearen Welten gibt es nämlich hin und wieder Abzweige, die neue Levelwege öffnen und Truhen oder versteckte Orte zum Vorschein bringen. Hier warten Schätze, Symbole, die sich fotografieren lassen (dadurch werden zusätzliche Gegenstände freigeschaltet), Obst, das ihr zu Gerichten verarbeiten lassen könnt und vieles mehr. Wer also mal weniger Interesse an der gelungenen Haupthandlung haben sollte oder das Spiel komplettieren möchte, darf sich abseits der vorgegebenen Wege nach Herzenslust austoben. Darüber hinaus gibt es freischaltbare Minispiele, die im Retrolook gehalten sind. Auch die Ausflüge im Weltraum sollte man an dieser Stelle nicht vernachlässigen: Um zu den einzelnen Welten zu gelangen, ist eine Fahrt im Raumschiff vonnöten, welche intergalaktische Abenteuer nebst Orbitalschlachten mit sich ziehen. Letzteres klingt allerdings interessanter, als es in Wirklichkeit ist und lockert das ganze Geschehen nur etwas auf.

Technisch ist Kingdom Hearts 3 eine Wucht. Die Grafik ist einfach nur wunderschön, die Disney-Welten sind so liebevoll gestaltet, wie sie in originalen Zeichentrick- oder Animationsfilmen kaum besser hinzubekommen sind. Dazu überzeugen die wirklich überragend gestalteten Charaktere, die ihren Vorbildern wie aus dem Gesicht geschnitten sind. Das Geschehen läuft stets butterweich über den Bildschirm und macht einfach nur Spaß. Meckern darf man, wenn überhaupt, etwas an der Musik, bzw. am Sound allgemein. Die Synchronsprecher sind nicht alle aus den Originalfilmen und Deutsch wurde leider überhaupt nicht eingebunden, was mich als Disneyfan aus Kindheitstagen etwas enttäuscht hat. Natürlich ist das ein eher persönlicher Eindruck, denn die englische Synchronisation ist durchaus weitestgehend gut umgesetzt. Der Soundtrack wurde ebenfalls nicht immer originalgetreu übernommen, was wohl einiger fehlender Lizenzen geschuldet sein dürfte. Ansonsten wird hier auf sehr hohem Niveau gemeckert, da das Gesamtpaket einfach nur gelungen präsentiert wird.

Fazit:

Kingdom Hearts 3 ist vermutlich das geworden, was sich Fans immer gewünscht haben. Warum vermutlich? Nun, ich persönlich habe noch keinen einzigen Ableger der Serie gespielt. Und trotzdem konnte mich der Titel auf Anhieb begeistern - das spricht für die Entwickler. Sie haben es geschafft, mich in alle Facetten abzuholen und mir ein grandioses Rollenspiel zu liefern, das vor allem mit einer tollen Story zu begeistern weiß. Hätte ich die anderen Spiele gespielt und hätte noch ein paar mehr Hintergrundinformationen, wer weiß, wie sehr ich noch von der Serie schwärmen würde. Aber auch so stimmt hier fast alles: Eine gelungene Präsentation trifft ein einfaches, aber dennoch interessantes Spielprinzip mit einer tollen Mechanik. Dazu kommt, dass Square Enix es geschafft hat, trotz linearer Level einen Anreiz zur Erkundung mit einzubauen. Diese sammelbaren Zusatzinhalte wirken keinesfalls aufgezwungen, sondern werten das Spiel eher noch auf. Abzüge gibt es allerdings für einige fehlende Lizenzen. Außerdem werden Neulinge nicht vollständig in die Story eingebunden, hier musste ich mir nicht wenig Vorwissen anlesen. Fans der Serie muss man vom Kauf nicht überzeugen, die haben es sowieso schon. Doch generell machen Rollenspielfans mit Kingdom Hearts 3 überhaupt nichts falsch und bekommen ein fantastisches Abenteuer mit einem ganz großen Disney-Anteil.

Wertung:

8.5

Michael Prammer meint:

"Ein Rollenspiel-Fest, das nicht nur Kingdom-Hearts-Fans restlos begeistern dürfte."
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Sehr gut
Technik: Sehr gut

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9 Kommentare:


Matthew1990
vor 10 Monaten | 0
"Der Soundtrack wurde ebenfalls nicht immer originalgetreu übernommen, was wohl einiger fehlender Lizenzen geschuldet sein dürfte."
Der Part würde mich interessieren, wo eine Lücke bei den Soundtracks wäre.
Ein sehr schöner Test, finde ich gut geschrieben und als Kingdom Hearts-Fan muss ich doch das erste Mal neidisch auf die Konkurrenz rüber schauen. :)

michi1894
vor 10 Monaten | 1
Fluch der Karibik ist ein relativ prominentes Beispiel.
Matthew1990
vor 9 Monaten | 0
Schade. In Kingdom Hearts II gab es noch die bekannte Fluch der Karibik-Musik als Oberwelt Soundtrack, wenn ich mich richtig erinnere. :/

Asinned
vor 9 Monaten | 0
Der Soundtrack wird für KH spiele neu interpretiert. In früheren Teilen hat der Produzent die Orginale gehört, ein paar Tage sacken lassen und dann neu nachkomboniert. Finde es aber auch komisch dass dieses mal bekannte Themen ausgelassen wurden.


prog4m3r
vor 9 Monaten | 0
Ich mag fast drauf wetten, dass sich Kingdom Hearts III bei mir irgendwo zwischen 7-7.5 einordnen würde, auch wenn das Kampfsystem flüssiger wirkt und der Titel die Möglichkeiten der heutigen Hardware hat um einige Aspekte welche ich an KH1 so gehasst habe zu verbessern... die grundlegende Struktur des ersten Teils wurde wie es scheint nicht ausreichend verändert, nein man hält sogar an dem Star Fox für arme fest, wenn man zwischen den Welten reisen möchte - und ich bin schon kein Star Fox Fan...

Asinned
vor 9 Monaten | 0
Zwischen den Gummi Jets aus 1 und 3 liegen Welten. Im 1er wars halt richtig nervig, weshalb man im 2er drauf verzichtet hat. In KH3 ist das Comeback aber sehr gelungen.
TraxDave
vor 9 Monaten | 0
Da geb ich meinem Vorredner Recht; ich konnte nie etwas mit diesen Gumi-Jet-Abschnitten anfangen, beim 3er hingegen machen sie das erste mal wirklich Spaß. Es ist einfach offener und weniger Shoot 'em up. ^^


TraxDave
vor 9 Monaten | 2
No offense, aber dieses "13 Jahre warten etc. blablabla" ist einfach nur mehr nervig zu lesen/hören, da es schlicht und einfach nur falsch ist. Birth By Sleep 2010, Dream Drop Distance 2012, KH 2.8 (oder wenn man schlicht bei originalen Games bleibt KH X Unchained 2015/16) - nur weil im Titel keine ganze Zahl steckt, heißt das nicht, dass es kein vollwertiges Spiel ist. Vor allem bei Kingdom Hearts gibt es in jedem Spin-Off mehr Story-Input als beispielsweise in Teil 1.

Ansonsten finde ich den Test ganz angenehm geschrieben und gut, vor allem deswegen, weil er das transportiert, was KH ausmacht - Spielspaß.
Ich persönlich hätte noch die teils etwas in den Sand gesetzte Kameraführung (speziell bei Spezialattacken) erwähnt. Die Fortbewegung ist leider auch eher rückschrittlich, wenn man den letzten richtigen vollwertigen Teil Dream Drop Distance als Maßstab heranzieht. Und dass man die Story ohne Vorkenntnisse versteht ist nach wie vor die größte Lüge des KHIII Pressetextes auf Amazon. Man versteht sie prinzipiell nicht mal, wenn man alle Teile gespielt hat. ^^'

Falco
vor 9 Monaten | 0
Auf YouTube gibt es tolle 2h Zusammenfassungen zu der Story, die ich absolut empfehlen kann. Das Ende in KH3 war der Hammer. So viele Fäden aus dem letzten Jahrzehnt, die zusammenlaufen und gleichzeitig die Einläutung des großen Finale.

Spielerisch muss man es halt mögen. Präsentation top, aber ich kann auch verstehen, dass es nichts für einen ist.