Test: Fallout 76

Von Nico Zurheide am 26. Dezember 2018

Almost heaven, West Virginia...

Nun, John Denver wusste damals natürlich noch nichts von Fallout 76, das 47 Jahre nach „Take Me Home, Country Roads“ erschien. Der neuste Titel der langjährigen Fallout-Reihe beschreitet unbekannte Pfade, bzw. Landstraßen, und verlässt das bekannte Singleplayer-RPG-Schema, um zum zweiten MMO von Bethesda zu werden. Der US-amerikanische Entwickler und Publisher ist natürlich als ausgewiesener Experte für Einzelspieler-RPGs bekannt, doch der Ausflug ins Onlinemodell funktionierte bereits mit The Elder Scrolls Online überraschend gut. So startete ich Fallout 76 als absoluter Fallout-Neuling mit von etlichen Stunden TESO herführenden positiven Erwartungen, allerdings erst nachdem eine zweiwöchige Testphase für Xbox Live Gold gestartet wurde. Fürs Onlinespielen bezahlen, wo gibt's denn sowas?

Blue Ridge Mountains, Shenandoah River

Fallout 76 spielt im US-Bundesstaat West Virginia, wo die Bewohner des Bunkers „Vault 76“ im Jahre 2102, also 25 Jahre nach dem verheerenden Atomkrieg, den Atombunker öffnen und das stark in Mitleidenschaft gezogene Ödland wieder besiedeln. Der sogenannte „Rückeroberungstag“ am 21. Oktober 2102 ist der geplante Termin für die Öffnung von Vault 76. Das alles spielt sich etwa 60 vor dem ersten Teil der Fallout-Reihe ab. Vault 76 ist einer von 17 Kontroll-Vaults und wurde daher als Referenzbunker konzipiert, der 500 Bewohnern Platz bietet. Diese stehen vor der herausfordernden Aufgabe, das vom Großen Krieg zerstörte Land wieder aufzubauen und für nachfolgende Generationen zu erhalten. Das West Virginia im Spiel ist eine visuell eintönige, aber dennoch wilde Welt voller Geschöpfe aus der örtlichen Folklore. Zwischen Bergketten, trostlosen Ebenen, heimtückischen Sümpfen, Waldhütten, überfluteten Bergwerken, abgelegenen Dörfern und verlassenen Fabrikanlagen bildet die Spielwelt auch einige der Wahrzeichen West Virginias nach. So sind im Spiel beispielsweise der Vergnügungspark „Camden Park“ oder die kleine Stadt Helvetia zu finden. Dort haben Schweizer Emigranten die Tradition eines Pappmaché-Masken-Festivals eingeführt.

Life is old there, older than the trees

Die verseuchte Landschaft voller verstrahlter Flora und Fauna dient als ein logischer Nährboden für das Einbinden vieler mystischer Kreaturen, die dem Aberglauben und Brauchtum der Bewohner des Staates entspringen. So können wir hier etwa auf das Monster von Grafton oder den mysteriösen Mottenmann treffen. Dazu gesellen sich zahlreiche mutierte Tiere und intelligente Pflanzen; das nächste feindselige Lebewesen ist hier also nie weit entfernt. Und das, obwohl die Spielwelt in Fallout 76 viermal größer als in Fallout 4 ist. Sie bietet sechs unterschiedliche Regionen, die jeweils einen eigenen Schwierigkeitsgrad aufweisen und uns damit trotz eigentlicher Open World einen natürlichen Spielfortschritt vorgaukeln sollen. Das Erforschen unbekannter Gebiete ist dadurch immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Dazu trägt auch das Wettersystem bei, das dynamisch über die Map rollt und uns aufhalten oder helfen kann.

Younger than the mountains, blowing like a breeze

Ein nicht unerheblicher Faktor des Gefahrenpotentials rührt vom Spielprinzip selbst her: Andere Spieler. Bis zu 24 Spieler können in derselben offenen Welt Abenteuer erleben und miteinander interagieren. Die begrenzte Bevölkerungsdichte jedes Servers sorgt immerhin dafür, dass jedes der seltenen Zusammentreffen mit anderen Personen einzigartig wird. Der Wechsel zu einem MMORPG erklärt auch die deutlich größeren Dimensionen der Spielwelt. Jeder Spieler soll genügend Freiraum haben, die Welt auf eigene Faust und in seiner eigenen Geschwindigkeit zu erkunden. Das Ziel jedes Spielers ist zu überleben - und zwar die Konfrontation mit der KI genauso wie die mit anderen menschlichen Spielern. Abseits von Mutanten, Robotern und weiteren computergesteuerten Gefahren müssen wir auch entscheiden, ob wir uns anderen Spielern nähern sollen. Sind sie freundlich gesinnt? Oder lieber keine Fragen stellen und direkt das Schießeisen zücken? Diese Entscheidung kann bei jedem Aufeinandertreffen anders ausfallen. Natürlich ist es auch möglich, zusammen in Teams von bis zu vier Spielern durch das Ödland zu marodieren. So lässt es sich deutlich entspannter looten und leveln; das Spielen im Team ist sicherlich ein Highlight von Fallout 76.

Country roads, take me home
To the place I belong

Das Sammeln von Materialien zum Bau von Verteidgungsanlagen und Unterkünften oder zur Versorgung der Vaults ist ein zentrales Element der Spielmechanik von Fallout 4 und Fallout Shelter. In Fallout 76 sind diese Baumöglichkeiten noch einmal deutlich erweitert worden, gehört doch der Wiederaufbau des Landes zu den hauptsächlichen Aufgaben der Bewohner des Vaults 76. Im Zuge dessen führt Bethesda hier auch das neue C.A.M.P.-System ein (Computer-Assistenzsystem für Mobile Produktion). Dadurch können wir quasi an jedem Ort der Map etwas bauen und zusätzlich schnell und einfach unser Lager versetzen, um so gut wie überall unsere Zelte aufschlagen zu können. Doch auch dieses neue System kann uns nicht vor den im Spiel enthaltenen Atomraketen schützen. In über die Karte verteilten Bunkern können wir verschiedene Startcodes zu Nuklearraketen finden, welche sich auf bestimmte Gebiete der Karte abfeuern lassen. Der betroffene Abschnitt ist dann zwar ordentlich verstrahlt, als Folge der Explosion kommen aber auch seltene Ressourcen zum Vorschein.

West Virginia, mountain mama

Neben C.A.M.P. haben es auch die altbekannten Fallout-Akronyme V.A.T.S. (Vault-Tec Assisted Targeting System) und S.P.E.C.I.A.L. ins Spiel geschafft. Das Zielunterstützungssystem von Vault-Tec existiert bereits seit Fallout 3 und erlaubt es, den Gegner auf Basis einer Prozentwahrscheinlichkeit zu treffen. Mit ausgerüsteten Skill-Karten lassen sich im Gefecht verschiedene Körperteile anvisieren und der Ausgang des Kampfes besser bestimmen. In Fallout 76 wird das System nun zum ersten Mal in Echtzeit eingesetzt - das ändert am Kampf aber eher wenig, sollte man nicht wirklich in Panik verfallen. Das SPECIAL-Charaktersystem basiert wie gewohnt auf den sieben Hauptwerten Stärke, Wahrnehmung, Ausdauer, Charisma, Intelligenz, Beweglichkeit und Glück. Als Anpassung an die Multiplayer-Mechanik ist das System nun auf Skill-Karten fokussiert, die wir im Spiel verdienen können. Hunderte von Individuellen Karten verleihen uns beim Ausrüsten bestimmte Skills und Boni. Steigen wir eine Stufe auf, können wir eine weitere Karte auswählen und diese unserer Sammlung hinzufügen. Glücklicherweise können diese Karten nicht mit Echtgeld erworben werden. Microtransactions beschränken sich (bisher) auf kosmetische Items.

Take me home, country roads

Das größte Problem von Fallout 76 ist der Mangel an interessantem Inhalt. Eine große und im Prinzip recht leere Spielwelt verliert schnell ihren Reiz und so müssten eigentlich interessante Quests - die in der Fallout-Reihe normalerweise keine Mangelware sind - das Gameplay vor sich selbst retten. Unsere Aufgaben beziehen wir hauptsächlich von Robotern und Terminals, bei denen wir uns durch vollkommen unpersönliche Menüs quälen müssen, um irgendwann mittels einer Audionachricht auf das nächste Ziel aufmerksam gemacht zu werden. Der Inhalt einer solchen Quest bleibt dann auch noch so belanglos, dass die einzig interessante Aufgabe darin besteht, genügend Waffen, Munition und Nahrung ranzuschaffen, um überhaupt noch weiter durch West Virginia streifen zu können. So kommt angesichts der zu geringen Anzahl an Mitspielern für MMO-Veteranen und der unheimlich lieblosen Ausgestaltung der für Einzelspieler relevanten Quests doch die Frage auf, wer denn überhaupt zu diesem „place“ namens Fallout 76 „belongen“ soll?

Bugs fühlen sich offensichtlich ganz wohl im digitalen West Virginia. Die von uns getestete Xbox-One-Version hatte immer wieder mit Framerate-Einbrüchen zu kämpfen und die zahlreichen Glitches von unsichtbaren Items und Questmarkern bis hin zu Rauswürfen aus der Onlinesitzung trotz bestehender Internetverbindung sind für einen AAA-Titel heutzutage ein K.O.-Kriterium. Falls wir allerdings mal wieder durch den Boden geglitcht sind und das Spiel resetten müssen, ist unser letzter Einstiegspunkt nie weit entfernt. Die einzige Strafe für das Ableben ist das Zurücklassen des gesammelten Schrotts, der in einem Rucksack an dem Tatort zurückbleibt und erst wieder aufgenommen werden muss.

Fazit:

Was Bethesda in The Elder Scrolls Online noch ausgezeichnet gelang, nämlich eine Einzelspielererfahrung mit Fokus auf Quests in eine MMO-Umgebung zu pressen, scheitert mit Fallout 76 quasi grandios. Mit den Begrenzungen von 24 Spielern pro Server und vier Spielern pro Team kann das Spiel keine ernsthafte Multiplayer-Erfahrung sein und sämtlichen Singleplayer-Fans vergeht bei dem derart langweiligen Questdesign schnell jegliche Lust am Überlebenskampf in der verstrahlten Welt. Auch wenn wir uns beim Erkunden mit dem ausgezeichnet gelungenen Radio unterhalten können, das sicherlich ein Highlight des Spiels darstellt. Der negative Eindruck wird durch zahlreiche Bugs noch verstärkt und auch beim sonstigen Krisenmanagement zeigte Bethesda sich nicht gerade von der besten Seite. Manche Entwickler sollten sich den Spruch zu Herzen nehmen: Schuster, bleib bei deinen Leisten!

Wertung:

3.5

Nico Zurheide meint:

"Das digitale West Virginia - sicher nicht der Himmel."
Spielerlebnis: Schlecht
Umfang: Gut
Technik: Schlecht

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5 Kommentare:


Tobsen
vor 2 Wochen | 1
Richtig guter Test, der den Finger in die Wunde(n) legt, ohne reißerisch zu werden - sauber!
Das obligatorische Switch-Port-Gebegge soll aber natürlich auch hier nicht zu kurz kommen: Ich will das für Switch, denn dadurch wird es automatisch ein gutes Spiel!

YxinX
vor 2 Wochen | 0
Das stimmt. Das beste Beispiel hierfür ist Arc. :D

michi1894
vor 2 Wochen | 0
Ich verzichte hierbei freiwillig auf eine Nintendo Version. Den Schrott muss man nicht auch noch unterwegs spielen.

2null3
vor 2 Wochen | 1
Bethesda könnte an dieser Stelle die selbe Aktion durchziehen wie EA bei der WiiU:
Das Spiel mit allen Fehlern portieren und Ende 2019 zum Vollpreis anbieten und hinterher den Support für die Konsole einstellen, weil ja keiner ihre Spiele auf der Switch kauft. :P

_Kate_to_Switch_
vor 1 Woche | 0
Schrott.