Test: Battlefield V

Von Ramy el Shalakany am 29. Dezember 2018

Es knallt und kracht wieder vor gewaltiger Kulisse! Zwei Jahre nach Battlefield 1 geht es mit Battlefield V im 2. Weltkrieg weiter, womit die Reihe zu ihren Wurzeln zurückkehrt. Wie dem schwedischen Entwicklerstudio DICE die Zerstörungsorgie im neuen bzw. alten Schauplatz gelungen ist, lest ihr in unserem Test.

Kriegsgeschichten mit toller Zerstörungsphysik und genialem Sound

Während sich Call of Duty - zumindest mit dem aktuellen Ableger Black Ops 4 - vorerst von Singleplayer-Kampagnen verabschiedet hat, bietet EAs Militärshooter erneut Futter für Solisten. Wie schon beim Vorgänger lassen sich mehrere für sich alleine stehende Kriegsgeschichten erleben, die euch nach Nordafrika, Norwegen oder Frankreich verschlagen. Dabei macht das Spiel auf den ersten Blick vieles sehr ordentlich. Die Inszenierung ist spannend, die Charaktere sind greifbar und laden zum Mitfiebern ein und die Präsentation ist ein absolutes Brett. Gerade bei Rauch, Nebel, Schneetreiben oder Hitzeflimmern lässt die Frostbite Engine ihre Muskeln spielen. Vor allem aber bei den wuchtigen Explosionen mit ihren vielen herunterregnenden Trümmerteilen sowie dem Zerstörungsgrad haben die Entwickler im Vergleich zu Battlefield 1 noch einmal zugelegt. Es ist wahnsinnig beeindruckend und beängstigend zugleich, wenn ihr euch in einem Haus versteckt, euch in Sicherheit wähnt und der plötzliche Einschlag eines Panzergeschosses mit einer krachenden Explosion alles um einen herum einfach wegfegt. Da wo einst das Haus stand, ist nur noch ein Teil einer Treppe übrig, auf der ich gerade auf dem Weg zum Obergeschoss war. 

Generell lässt sich sagen: In Battlefield V ist Holz kein verlässlicher Partner. Hütten und Häuser dienen wirklich nur als Versteck. Als Schutz kaum, da ihr bereits mit einfachen Schusswaffen gut durch Wände hindurchschießen könnt. Doch auch stabilere Bauwerke aus Backstein lassen sich mit der richtigen Feuerkraft erschüttern und zumindest teilweise zum Einsturz bringen. Allerdings ist - wie schon beim Vorgänger - nicht alles komplett zerstörbar. Bestimmte Teile der Wände oder der Grundmauern bleiben immer erhalten. Intensiviert wird das Kriegsgeschehen durch die hervorragende Akustik. Das Rattern der Panzerketten, das Bersten des Eises eines zugefrorenen Sees oder herabstürzende Flugzeuge, um nur ein paar wenige Beispiele für das erstklassige Sounddesign zu nennen. Sehr gut gelungen sind auch wieder die Waffensounds und ihre Charakteristiken je nach Aufenthaltsort. Schießt man innerhalb eines Hauses wird die räumliche Akustik unheimlich laut und direkt wiedergegeben, auf offenem Feld ist dagegen ein Echo in weiter Ferne zu vernehmen. Was die Ohren zu hören bekommen ist mit zum Besten zu zählen, was die Branche aktuell zu bieten hat. Schön auch, dass Briten, Deutsche, Norweger oder wer auch immer spricht, dies in seiner Landessprache tut. Somit wird die Authentizität nicht unnötig durch eine durchgehende Deutschsynchronisation verwässert.

Interessante Ansätze, altbekannte Schwächen

Aus technischer Sicht lässt sich dem Shooter also kaum etwas vorwerfen, ganz im Gegenteil. Und doch reihen sich die Kriegsgeschichten von Battlefield V nahtlos in die Riege der sehr mittelmäßigen Kampagnen der Militär- und Kriegsshooter der letzten zehn Jahre ein. Es hapert vor allem mal wieder am Spieldesign. Der Prolog ist zwar sehr atmosphärisch, doch mit der ersten Kriegsgeschichte „unter keiner Flagge“ sieht man sich recht schnell mit Dauergeballer und schon oft gesehenem Missionsdesign konfrontiert. Immerhin ist dieses Kapitel solide, was sich allerdings von „Tirailleur“ mit seinen repetitiven Schusswechseln nicht behaupten lässt. Schade eigentlich, denn die Geschichte um senegalesische Soldaten, die für Frankreich in den Krieg ziehen, ist prinzipiell sehr interessant. Einzig „Nordlys“ weiß hinsichtlich Abwechslung, Spieltiefe und Atmosphäre besonders zu gefallen. 

Als norwegische Freiheitskämpferin seid ihr komplett auf euch alleine gestellt. Es gibt keine Kameraden oder Vorgesetzte, die euch sagen, was ihr zu tun habt oder wo sich eurer Spielziel auf der Karte befindet. Spieltempo und Marschroute werden dem Spieler also selbst überlassen - sehr schön! Zudem gibt es einige spielerische Kniffe, die in dieser Form nur in dieser Story erlebbar sind und sich somit gut vom Multiplayer abgrenzt. In den verschneiten Bergen Norwegens ist es an bestimmten Stellen z.B. möglich, sich mit Skiern fortzubewegen. Nach Einbruch der Dunkelheit müsst ihr jedoch Ausschau nach Hitzequellen halten, um euch in deren Nähe aufzuwärmen und somit den Kältetod zu vermeiden. Außerdem lässt sich dadurch das Kältezittern aus den Händen bekommen, das vorher noch das Zielen mit der Waffe erschwert hat.

Trotzdem zeigt auch diese Kriegsgeschichte einige Schwächen. Es ist zwar schön, dass dem Spieler die Wahl überlassen wird, ob er schleichend vorankommen möchte oder direkt die Konfrontation sucht, doch wurde gerade die Schleichmechanik nicht konsequent zu Ende gedacht. Es wäre z.B. schön gewesen, wenn anhand einer optionalen Anzeige deutlich gemacht werden würde, wie laut man zu hören bzw. wie gut man zu sehen ist. Manchmal kroch ich langsam auf dem Boden – nutzte also laut Tipp des Spiels die leiseste Fortbewegungsart – und wurde trotzdem recht schnell von Wachen entdeckt, obwohl sie mich ziemlich sicher nicht gesehen, noch gehört haben konnten. Warum Gegner auf einen aufmerksam werden, ist häufig einfach nicht nachzuvollziehen. Auch ist es nicht möglich ausgeschaltete Feinde wegzutragen und in einer dunklen Ecke verschwinden zu lassen. Solche und weitere Mechanismen hätten dem Stealthansatz wesentlich mehr Tiefe verliehen.

Auch die Gegner-KI lässt teilweise arg zu wünschen übrig, denn Deckung zu suchen halten viele Gegner offenbar nicht für nötig. Vielleicht kommt dieses lebensmüde Selbstbewusstsein daher, dass die Gegner ab und an mit Ortungsfähigkeiten ausgestattet zu sein scheinen, die Robocop und den T-1000 gleichermaßen neidisch machen würden. Wie ist es sonst zu erklären, dass Truppen auf Anhieb wissen, wo ich liege, wenn ich aus 200 Metern Entfernung mit einem Scharfschützengewehr (mit Schalldämpfer) aus einem Gebüsch heraus zu Schießen beginne? Komischerweise habe ich kurz vorher aber noch mit dem selben Gewehr aus 10 Metern einen von zwei nebeneinanderstehenden Wachmännern ausgeschaltet, wobei der andere nicht einmal mitbekam, dass sein Kamerad gerade tot umgefallen ist. Durch solche Inkonsequenzen bei der Gegner-KI hat man beim Spielen häufig das Gefühl, mit einer offenen und direkten Konfrontation schneller und trotzdem leichter zum Ziel zu gelangen. Schade.

Die kürzlich per Update nachgelieferte Kriegsgeschichte „Der letzte Tiger“, die aus deutscher Sicht erzählt wird, ist ähnlich wie die anderen War-Storys einzuordnen. Interessante Ausgangslage. Gutes Storytelling. Technisch top. Spielerisch aber - nur in Ordnung. Alles in allem ist die Kampagne solide und im Vergleich zu den schwachen Call-of-Duty-Kampagnen der letzten Jahre etwas besser. Battlefield V liefert, wie schon sein Vorgänger, das abwechslungsreichere und technisch beeindruckendere Spielerlebnis in weniger schlauchigen Levels ab. Trotzdem bleibt der gut inszenierte Singleplayer nach Abschluss nicht sehr lange im Gedächtnis hängen.

Die Kernkompetenz: der Multiplayer

Wie bei der Singleplayer-Kampagne lässt sich auch über den Multiplayer sagen, dass Battlefield V auf den ersten Blick sehr vieles sehr gut macht. Auch beim zweiten oder dritten Blick bestätigt sich dieser Eindruck. Ich nehme es an dieser Stelle aber vorweg: Ich empfinde Battlefield 1 als das spaßigere Spiel. 

Es sind keineswegs offensichtlich gravierende Designfehler, die Battlefield V zu einem schwächeren Spiel machen. Der Teufel steckt hier eher im Detail. Dabei gibt es grundsätzlich einige sehr sinnvolle Änderungen. So ist nun z.B. deutlich mehr Vielfalt bei den Panzern vorhanden, die sich allesamt unterschiedlich steuern lassen. Außerdem ist es mit ihnen möglich Häuserwände einzureißen. Auch das Movement wurde überarbeitet, wodurch ihr als Soldat nun agiler seid und z.B. auch im geduckten Zustand rennen könnt. Auch ist nun möglich aktiv nach Hilfe zu rufen, wenn ihr schwer verwundet am Boden liegt. Jeder Soldat aus eurem Trupp kann euch dann wieder zurück auf die Beine holen, allerdings ist es nur der Sanitäter, der die Lebensenergie zu 100% wieder auffüllt. Zudem regeneriert dieser seine Kameraden in Battlefield V um einiges schneller als Spieler anderer Klassen. Des weiteren lassen sich auch Barrikaden in der Nähe der Hotspots errichten, hinter denen man Deckung suchen, anbahnende Gegner unter Beschuss nehmen oder mit denen der Zugang zu einem Gebiet erschwert werden kann. Diese und weitere Detailveränderungen in Battlefield V machen Sinn und verhelfen dem Spiel zu noch mehr Tiefe. 

Doch was auf dem Papier toll aussieht, wirkt sich in der Praxis nur bedingt spielspaßsteigernd aus. Im Prinzip ist das Spielgefühl dem des Vorgängers recht ähnlich. Für meinen Geschmack jedoch zu ähnlich. Hinzu kommt aber, dass sich die Matches über die gesamte Rundenzeit gleichbleibend anfühlen. Gerade in den Spielmodi für bis zu 64 Spieler - wie dem Standardmodus „Eroberung“ - kommt nicht ganz die Dramaturgie zustande, die den Vorgänger so auszeichnete. Was im neuesten Ableger der Reihe in Erinnerung bleibt, ist ein dauerhaftes Kriegsgetümmel ohne großartige Höhepunkt. Ohne die ganz außergewöhnlichen Momente.

Doch woran liegt es, dass der Spielspaß nicht so recht zünden will? Schaut man sich einmal die Maps an, sind wir direkt wieder bei dem Thema, welches sich wie ein roter Faden durch diesen Test zieht: Der erste (positive) Eindruck. Es gab beim Testen ziemlich häufig Situationen, in denen ich mir dachte, wie sehr doch die Entwickler Herzblut in das Design der Karten gesteckt haben. Einige unter ihnen sind authentischer, detaillierter und dadurch beeindruckender, wenn auch gefühlt etwas kleiner als in Battlefield 1. Doch lassen sie sich einfach nicht ganz so gut spielen, wie die im Vorgänger, weil es ihnen häufig an Übersicht fehlt.

Zum einen sind die einzelnen Gebiete nicht mehr ganz so charakteristisch, wodurch die Orientierung auf der Map schwerer fällt (bestes Beispiel hierfür: Hamada). Schwerwiegender ist jedoch, dass sich der Weg zu den einzunehmenden Gebieten als auch diese Gebiete an sich, unheimlich schwer durchschauen lassen, wie auf der Karte „Vernichtung“. Die Folge: Sehr häufig läuft man ins Verderben, weil sich Spieler die fehlende Übersicht zu nutze machen und campend auf ihr nächstes Opfer warten. Die Karten mögen mit ihrer Sperrigkeit realistischer sein, spaßiger wird es dadurch aber nicht. In Battlefield 1 konntet ihr die einzelnen Situationen und kriegerischen Auseinandersetzungen schlichtweg besser im Blick behalten. Dadurch bot der Titel einem noch mehr die Möglichkeit, so zu spielen, wie man spielen möchte. Egal mit welcher Klasse, ob im Team oder alleine, ob zu Fuß oder hinterm Steuer eines Fahrzeugs -  die nächsten Schritte ließen sich bewusster wählen. In Battlefield V habe ich dagegen oft das Gefühl, mich der gegebenen Matchdynamik anpassen zu müssen statt die Möglichkeit zu haben, ihm meinen Stempel aufzudrücken. So hechte ich von Deckung zu Deckung, oft nur um dann kurz vor Erreichen des Zielgebiets doch noch aus einem Versteck heraus abgeknallt zu werden. Ein flüssiges Spiel kommt so seltener zu Stande. Und das obwohl das Spawnen zu den Truppmitgliedern jetzt noch komfortabler geworden ist. Trotzdem dauert es insgesamt zu lange bis ihr wieder auf dem Schlachtfeld stehen dürft, was bei der Häufigkeit an Toden, die ihr stirbt, zu einer recht zähen Angelegenheit werden kann.

Bei all der Kriegshektik und dem damit einhergehenden Fehlen der Übersichtlichkeit, ist es unerlässlich, dass die Steuerung jederzeit reibungslos funktioniert. Doch für mich ist die Steuerung immer noch etwas schwammig. Ich habe nichts dagegen, wenn Waffen einen Rückstoß haben und der richtige Umgang mit ihnen erst erlernt werden muss. Zudem lässt sich das Handling durch Aufsätze optimieren. Doch dem Drehen um die eigene Achse und damit auch dem Zielen beim Spielen mit dem Controller, fehlt es an Direktheit. Egal, wie ich sehr ich mich in den Einstellungen austobe, die gewünschte Griffigkeit erreiche ich nicht. Was beim Vorgänger nicht so sehr störte, fällt beim neusten Teil, aufgrund der Übersichtsprobleme, umso mehr ins Gewicht.

Fazit:

„Na das klingt ja alles nicht so toll“, wird der ein oder andere Leser nun denken. Doch um keinen falschen Eindruck zu hinterlassen, muss an dieser Stelle ausdrücklich gesagt werden, dass Battlefield V trotzdem ein gutes Spiel geworden ist. Die tolle Schlachtatmosphäre zieht euch direkt in seinen Bann, die sehr gute Technik mit ihrer stimmungsvollen Musikuntermalung und dem herausragenden Sound weiß zu begeistern und wenn der Spielfluss nicht ausgebremst wird und vor allem, wenn man Teil eines sehr gut zusammenarbeitenden Trupps ist, kommt eine Menge Spaß auf. Battlefield punktet außerdem auch im neuesten Teil mit dem Gefühl, in eurer Truppe einfach nützlich zu sein. Es geht nicht nur um das Erreichen möglichst vieler Kills oder einer guten K/D. Ob man nun die Kameraden mit ihrem knapp bemessenen Munitionsvorrat mit neuer Munition versorgt, Soldaten wiederbelebt, eigene Fahrzeuge repariert oder gegnerische zerstört, oder Feinde aufspürt - es gibt eine Menge zu tun, womit sich fleißig Erfahrungspunkte sammeln lassen und man seiner Fraktion helfen kann. Dazu gesellt sich das neue Feature rund um das Bauen von Barrikaden, das sich wunderbar ins Aufgabenportfolio einreiht. Außerdem scheint EA aus dem Desaster um bezahlbare Lootboxen in Star Wars Battlefront II Konsequenzen gezogen zu haben. So gibt es für Battlefield V keinen kostenpflichtigen Season Pass mehr, stattdessen werden weitere Inhalte wie Maps, Spielmodi oder Fraktionen als kostenloser Service angeboten. So erwartet uns in den ersten Monaten des kommenden Jahres der Koop-Modus „Combined Arms“ und etwas später die Battle Royal-Variante „Firestorm“. So kann im nächsten Jahr der gute Umfang noch zu einem sehr guten heranwachsen.

Wertung:

8.0

Ramy el Shalakany meint:

"Auf dem Papier ein klasse Shooter. Doch in der Praxis entfaltet sich das vorhandene Spaßpotenzial nicht vollends."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Gut
Technik: Herausragend

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5 Kommentare:


Hakuo
vor 3 Wochen | 1
Atmosphärisch gesehen echt eine Wucht.
Wie oft schaut man als Brite angespannt in den Himmel wenn man die Sirenen der StuKa's hört. Oder der Suchende Blick wenn das Knattern einer V1 am Himmel zu hören ist, nur um sicher zu gehen dass sie nicht am jetzigen Standort einschlägt.
Soundtechnisch haben sie echt ordentlich was auf die Beine Gestellt.
Ansonsten stimme ich eigentlich auch dem Test zu. Es ist halt Battlefield, entweder man mag es, oder eben nicht. War seit langem mal wieder ein EA Spiel dass ich mir im Säle gekauft habe, und man muss schon sagen dass sich die Investition gelohnt hat :)

Falcon
vor 2 Wochen | 0
Ich mag das Spiel mehr als den Vorgänger - bin da wohl eher die Ausnahme ;-)

Ramy
vor 2 Wochen | 0
So eine krasse Ausnahme bist du da glaube ich gar nicht :)
Aber mal aus reiner Neugierde: Was macht Battlefield 5 für dich besser als sein Vorgänger?
Schöne Grüße
Falcon
vor 2 Wochen | 0
Ich kann es noch niht einmal so richtig beschreiben. Aber unter dem Strich hab ich im Multiplayer btw. Online einfach mehr Spaß, alles wirkt zudem noch realistischer, rauer und opulenter. Und Panzer fahren ist sehr viel cooler!

Hakuo
vor 2 Wochen | 0
Finde es vor allem sehr cool, dass die Geschützturme jetzt feste rotationsgeschwindigkeiten haben, so hat man als Fußsoldat auch endlich mal ne chance gegen nen panzer :D