Grinder's Guide Level 9: Liebe auf den 2. Blick

Nutzer-Story von Deniz Üresin am 22. November 2018

Ys VIII hat mich echt sehr positiv überrascht. Nach über 20 Spielstunden. Manche Games sind richtig cool, aber eben Spätzünder.

Heutzutage stehen einem ja viele Möglichkeiten zur Verfügung, sich vor dem Kauf eines Spiels ein recht genaues Bild desselbigen zu machen. Testberichte, Let’s Plays, Werbung und gelegentlich auch Demos können die Frage aller Fragen, ob jenes Game denn auch für mich ganz persönlich was sein könnte, zumindest teilweise beantworten. Doch trotz all der Hilfestellungen und jahrelanger Erfahrung kann so manch ein Spiel aber dennoch völlig anders sein als erwartet – und manche können sich als ganz anders herausstellen, als es der erste Eindruck beim Anzocken noch vermittelte. Entweder startet das Game richtig cool und wird dann nach ein paar Stunden langweilig oder in irgendeiner anderen Art und Weise enttäuschend – oder es fängt eher mau an und entfaltet seine wahren Stärken und damit seine Anziehungskraft erst später im Spielverlauf. Da ich kürzlich Ys VIII durchgespielt habe und das Action-RPG in letztere Kategorie fällt, wollte ich diesen Grinder’s Guide zum Anlass nehmen, über ein paar JRPGs zu quatschen, in die mich eben erst auf den zweiten Blick verliebte.

Lacrimosa of Denios

Ys VIII: Lacrimosa of Dana ist mein erster Berührungspunkt mit der ewig und drei Tage alten Action-RPG-Reihe Ys von Nihon Falcom. Die nur sehr lose zusammenhängenden Teile erzählen jeweils eine in sich geschlossene Geschichte von einem der vielen Abenteuer, die der draufgängerische Rotschopf Adol Christin erlebt hat. Im 8. Teil, der es neben PS Vita, PS4 und Steam auch auf die Nintendo Switch geschafft hat, strandet der Abenteurer mit seinem Homeboy Dogi und anderen Schiffbrüchigen auf einer mysteriösen Insel. Sofort beginnt er mit der Erkundung derselben, um eine Möglichkeit zu finden, diese wieder zu verlassen. Trotz meines recht positiven Testberichts (Link) muss ich gestehen, dass mir persönlich anfangs irgendwas gefehlt hat. Das rasante, actiongeladene Gameplay machte Spaß, aber die Charaktere kamen mir anfangs etwas zu blass und klischeehaft vor, die Areale waren viel zu klein und unübersichtlich und die Story war quasi… nicht vorhanden. Aus diesem Grund ließ ich das Spiel nach etwa 20 Spielstunden für eine ganze Weile links liegen. Glücklicherweise startete ich es aber irgendwann dann doch wieder und, oh boy, was war da denn plötzlich los?

Auf einmal zeigten die Charaktere viel interessantere Züge von sich, die Areale wurden weitläufiger und angenehmer zu bereisen und die Story zog mich tatsächlich doch noch richtig in ihren Bann, als sie dann endlich anfing! Klar, einige Klischees ist das Spiel dann doch nicht losgeworden, aber gestört hat mich das keinesfalls. Ich bin wirklich froh, noch weitergespielt zu haben, denn auch wenn das Ende sehr over-the-top-JRPG-Asspull-Kitsch ist, so ist mir nach dem Durchspielen der Abschied von all den lieb gewonnen Charakteren und der insgesamt doch sehr nice gestalteten Insel Seiren  tatsächlich sehr schwer gefallen. So habe ich, um meine Zeit mit dem Spiel noch etwas in die Länge zu ziehen, die gesamte Map zu 100% aufgedeckt, alle verfügbaren Sidequests gemacht und auch viel optionalen Kram noch erledigt.

Ich habe mir auch gleich im Anschluss Ys: Memories of Celceta für die PS Vita zugelegt (ein Remake des 4. Teils der Reihe) und werde den beizeiten auch angehen. Irgendwann 2019 soll in Japan dann auch schon der bisher noch namenlose 9. Teil rauskommen. Ich bin auf jeden Fall gespannt darauf!

Geschichten eines abgrundtief nervigen MC

Obwohl ich Tales of Symphonia wirklich grandios fand, hat es danach einige Zeit gedauert, bis ich einen weiteren Teil von BandaiNamcos Animehafter Action-RPG-Reihe spielen konnte. Das liegt vor allem daran, dass ich früher extremer Nintendo-Fanboy war und einfach keine anderen Konsolen hatte. Ein Port des zuerst PS2-exklusiven Tales of the Abyss schaffte es aber glücklicherweise auf den Nintendo 3DS und wurde somit für mich zugänglich – doch anfangs war ich gar nicht gut auf das Spiel zu sprechen und das lag vor allem am Protagonisten Luke. 

Diese verweichlichte, egoistische, saudumme Memme soll ich das ganze Spiel über ertragen? Dazu dann noch einer dieser peinlichen Versuche in Unterhaltungsmedien, Magie zu vernaturwissenschafteln, indem man einige der NPCs mit fiktiven Fachbegriffen und sinnlosen Formeln um sich werfen lässt... sehr nervig. Das coole Kampfsystem, die deutlich angenehmeren Partymitglieder, die nach und nach hinzukommen und die emotionale und spannende Story um den Kampf zwischen verschiedenen Überzeugungen haben mich dennoch am Ball gehalten und tatsächlich wird das Spiel etwas später (nämlich nachdem Luke aufhört, so eine elende Pussy zu sein und anfängt, gelegentlich sein Gehirn zu benutzen) richtig cool. Im Nachhinein ist es wohl auch genau dieser Wandel und diese Entwicklung des Hauptcharakters, die das Spiel so cool machen. Denn auch wenn Luke anfangs wirklich nervt, so kann man wenigstens nicht behaupten, dass er einer der zahllosen selbstlosen 08/15-Helden ist, derer sich die Tales-Entwickler nur zu gerne bedienen. Ich kann das Spiel jedem Tales-Fan und jedem Fan von JRPGs, die in ihrer Struktur und Thematik einem spielbaren Fantasy-Anime ähneln, nur wärmstens empfehlen. Gut, dass ich weitergespielt habe. In nicht einmal zwei Monaten kommt übrigens Tales of Vesperia für alle aktuellen Konsolen heraus. Es wird mein 8. Tales-Spiel und aller Wahrscheinlichkeit nach das 6., das ich durchgespielt haben werde (Phantasia hab ich noch nicht angefangen und Symphonia 2 hab ich nach kurzer Zeit abgebrochen – vielleicht ist letzteres aber auch ein Liebe-auf-den-2.-Blick-Game???). Gespannt bin ich darauf aber auch sehr!

Vom Monstergejagten zum Monsterjäger

Der König der Spiele, die erst nach einer sehr langen Eingewöhnungszeit Spaß machen, dürfte wohl Monster Hunter sein. Mein Einstieg in die Serie begann auch nicht gerade glorreich – ich wollte unbedingt einen Pro Controller für die Wii und stolperte auf eBay über die Monster Hunter Tri Limited Edition, die eben diesen Controller enthielt. Da der Preis des Spiels mit Controllers nicht signifikant höher lag als der eines einzelnen, neuen Controllers, schlug ich zu. Und dann schlug der Großjaggi zu. Ich sah einfach kein Land in diesem Spiel. Die behäbige Steuerung, das Fehlen jeglicher Tutorials und die Geschwindigkeit, Aggressivität und Stärke der zu erjagenden Monster waren einfach zu viel für mich und ich legte das Spiel frustriert zur Seite.

Manchmal scheine ich aber irgendwie mehr Glück als Verstand zu haben, denn ein paar Monate vor Release von Monster Hunter 3 Ultimate für WiiU, eine inhaltlich und optisch stark aufgebohrte Version von MH Tri, kramte ich das Spiel zufällig nochmal aus dem Schrank und warf es einfach mal in die Wii. Ich probierte alle verfügbaren Waffen durch und schaute mir im Internet die damit jeweils möglichen Combos an. Überhaupt überflog ich jede Menge Tutorials für das Spiel auf Youtube und mir wurde so langsam einiges klar: Monster Hunter ist kein intuitives, leicht zu erlernendes Spiel. Das Recht, mit dieser Serie Spaß haben zu dürfen, muss man sich hart erkämpfen. Das Spiel konnte beginnen. Mit einem Langschwert und einem neuen Selbstbewusstsein stellte ich mich dem großen, bösen Dinosaurier, der mich Monate zuvor vernichtend geschlagen hatte – und ging tatsächlich siegreich aus dem langen, anstrengenden Kampf hervor! Ich konnte mein Glück kaum fassen, nahm den geschlagenen Großjaggi aus und konnte mir auch gleich ein neues Rüstungsteil aus den Awards für den erfolgreichen Questabschluss schmieden. Ich biss mit voller Wucht in den Haken, den ich bisher erfolgreich ignoriert hatte. Schließlich war der Großjaggi das kleinste und schwächste aller großen, bösen, imposanten Monster, die das Spiel zu bieten hatte – und ich wollte sie alle besiegen! Und mir Waffen und Rüstungen aus ihnen basteln!

Die Online-Server des Spiels wurden zwar kurz darauf geschlossen, aber mir war sowieso klar: Ich würde mir 3 Ultimate für die WiiU holen und eine Menge Spaß damit haben. Und ich hatte eine Menge Spaß damit. 275 Stunden lang. Und insgesamt über 1000 Stunden mit der ganzen Monster-Hunter-Reihe. Was ein Glück, dass ich weitergespielt habe! Aktuell sitze ich auch gelegentlich an Monster Hunter Generations Ultimate für die Switch, also wenn ihr mal mit mir jagen wollt, sagt einfach Bescheid!

Der sich vor dem Himmel hütete

Das dürfte für einige jetzt ein Schock sein: Ich bin zwar ein riesengroßer Dragon-Quest-Fan, aber genau genommen noch gar nicht so lange. Meine erste Begegnung mit der traditionsreichen JRPG-Reihe fand Ende 2012 statt, als ich auf der Suche nach einem neuen Spiel für meinen Nintendo DS eBay durchkämmte und ein Dragon-Ball-Spiel im Augenwinkel erspähte. Als großer Dragon-Ball-Fan klickte ich natürlich sofort drauf und war dann erstmal enttäuscht – das war ja gar nicht Dragon Ball, sondern Dragon Quest IX: Hüter des Himmels… Aber es sah genau so aus, also wahrscheinlich nur ein billiger Abklatsch oder so. Für die 10€, die das Spiel kosten sollte, kaufte ich es aber trotzdem und probierte es mal aus. Ich erstellte meinen spielbaren Charakter und bildete für meine stumme Party auch ein paar meiner Freunde im Spiel nach und stürzte mich ins Abenteuer – jedenfalls kurzfristig. Das Kampfsystem erinnerte mich, der in seinem Leben bis dahin nur Pokémon und Tales of Symphonia an JRPGs kannte, eben direkt an Pokémon, nur in langweilig, da man zu Beginn des Spiels nur normale Attacken ausführen kann und so eher wenig los ist. Die leblose Party tat ihr Übriges und so landete das Spiel fürs Erste wieder im Schrank – ich hatte schließlich gerade meinen Pokémon-Hype überwunden und keine Lust auf ein Spiel, das mich daran erinnert.

Nachdem mich Metroid Prime Hunters, New Super Mario Bros. und Zelda Spirit Tracks aber doch ein wenig enttäuschten und ich Fire Emblem Shadow Dragon nicht zum 9001. Mal durchspielen wollte, steckte ich eine ganze Weile später doch wieder genervt DQIX in den DS-Modulschacht und zwang mich dazu, wenigstens bis in die nächste große Stadt zu gehen und dort die Story ein wenig weiter zu machen. Ich bin so dankbar, dem Spiel eine zweite (oder besser gesagt überhaupt eine „richtige“ erste) Chance gegeben zu haben! Auch wenn das viele anders sehen mögen, hat Dragon Quest IX für mich eine wirklich schöne, charmante und herzergreifende Story und die vielen liebevoll gestalteten Charaktere mit all ihren kleinen und großen Problemen tragen dazu bei, dass ich mich unheimlich in das Spiel und seine Welt verliebt habe. Nur wenige Spiele haben mich bis dahin so sehr emotional berührt, das Kampfsystem entfaltet sich noch, es kommt ein ausgereiftes, cooles Job-System hinzu, es gibt unzählige Sidequests (darunter auch ein paar sehr skurrile und coole) und generell steckt Dragon Quest IX (und auch die anderen Teile der Reihe) einfach so voller Magie und schöner Momente, an die ich mich noch lange Zeit zurückerinnern werde.

Falls ihr keinen (3)DS habt oder generell keine Lust auf alte Handheldspiele, aber die Reihe trotzdem mal ausprobieren wollt: Dragon Quest XI: Streiter des Schicksals ist für PS4 und Steam erhältlich und wird von mir allen klassischen JRPG- und Märchenfans bedingungslos empfohlen!

Ja, manchmal kann der Schein trügen. Manchmal lohnt es sich wirklich, einen zweiten Blick zu wagen. Ich jedenfalls habe so zu vielen meiner absoluten Lieblingsreihen und –Spielen gefunden. Habt ihr auch JRPGs, mit denen ihr erst ein wenig warm werden musstet, bevor sie euch in ihren Bann ziehen konnten? Lasst es mich in den Kommentaren wissen!

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