Abo-Services: Rosige Zukunft oder Dystopie?

Von Andreas Held am 25. November 2018

Sie heißen Xbox Game Pass, PlayStation Now oder EA Access: Abo-Services sind schon jetzt weit verbreitet. Für einen festgelegten monatlichen Obulus erhalten Abonnenten Zugriff auf eine vom Anbieter zusammengestellte Spielebibliothek. Nicht jeder begrüßt die digitale Zukunft, doch unter Umständen kann sie den Konsumenten viele Vorteile bringen.

Die Abo-Modelle im Überblick

Das derzeit erfolgreichste Modell ist mit Abstand PlayStation Now - Sonys Abo-Service hat im Segment der Streaming-Dienste einen Marktanteil von über 50%. Das liegt aber sicherlich nicht daran, dass Sony den tollsten jemals erdachten Service auf die Beine gestellt hat, sondern an der riesigen Verbreitung der PlayStation-4-Konsole an sich. Abonnenten von PlayStation Now erhalten Zugriff auf eine über 500 Spiele umfassende Bibliothek - von denen der allergrößte Teil jedoch aus alten PS3-Titeln besteht. Immerhin: Die wenigen über den Service verfügbaren PlayStation-2- und PlayStation-4-Spiele dürfen seit Ende 2018 auch heruntergeladen werden. Titel für die dritte PlayStation-Generation können hingegen nur gestreamt werden, was eine spürbare Verzögerung bei der Verarbeitung von Nutzereingaben zur Folge hat: Ein Knopfdruck auf dem Controller wird erfasst, an ein Rechenzentrum versendet, dort von einem Server ins Spiel umgesetzt, woraufhin das vom Spiel gerenderte Videosignal komprimiert, zurückgesendet, schließlich von eurer PlayStation 4 wieder dekomprimiert und auf dem Fernseher dargestellt wird. Bei den meisten Spielen ist das kein Problem, aber wenn ihr zum Beispiel versucht, Ninja Gaiden Sigma 2 über diesen Service zu spielen, ist Ryu Hayabusa längst tot, bevor die Datenpakete ihre Weltreise beendet haben.

Etwas besser macht es der Xbox Game Pass: Hier dürfen alle Spiele, auch die für Xbox 360, grundsätzlich heruntergeladen werden. Außerdem hat Microsoft versprochen, dass alle First- und Second-Party-Titel bereits am Releasetag für Game-Pass-Abonnenten zur Verfügung stehen. Das waren 2018 immerhin drei Stück - drei mehr als bei PlayStation Now. Die große Achillesferse des Games Pass bleibt leider immer noch die Anzahl der Spiele, die nicht einmal halb so groß ist wie bei Sony. Nintendo könnte man derweil vorwerfen, mal wieder einen Trend verschlafen zu haben - so halb. Denn Besitzer von Nintendo Switch erhalten lediglich Zugriff auf eine kleine Bibliothek aus NES-Spielen, die im Schneckentempo erweitert wird. Einen Vorteil hat der Service von Nintendo jedoch: Online-Gaming und ein Spiele-Abo sind hier in derselben Mitgliedschaft enthalten, der Kunde muss also nicht mehrere verschiedene Abos abschließen, um auf alle Services zuzugreifen. EA macht es mit seinen Access-Programmen noch einmal anders: Auf Xbox One und PC stehen verschiedene Service-Modelle zur Verfügung, die unter anderem Early-Access-Versionen aller Neuveröffentlichungen zum Anspielen beinhalten. Mit diesem Modell lässt sich EA gewissermaßen für spielbare Demos bezahlen, schafft aber gleichzeitig eine erhöhte Transparenz gegenüber dem Kunden, der sich durch die Vorab-Veröffentlichungen sehr gut vor Fehlkäufen absichern kann. Dieses eine Beispiel zeigt schon: Wenn Abo-Modelle richtig umgesetzt werden, können sowohl Publisher als auch Kunden davon profitieren.

Die Nachteile für den Kunden...

Dieser Artikel soll aber keine naive Lobeshymne an zukünftige Streaming-Modelle werden, denn die Abo-Services beherbergen genug Potential für Monetarisierungskonzepte, mit denen die Publisher ihre Kunden noch weit über eine monatliche Gebühr hinaus zur Kasse bitten können. Tatsächlich geschieht dies schon jetzt: Games-Pass-Besitzer bekommen freilich kostenlosen Zugriff auf Forza Horizon 4, aber den DLC Fortune Island müssen auch Abonnenten dazukaufen. Und wer alle Achievements sammeln will, wird schon vorher zur Kasse gebeten: Die über 200 im virtuellen England verteilten Collectibles werden nämlich nur dann auf der Ingame-Karte angezeigt, wenn man den „Treasure Map“-DLC dazukauft. Kritiker befürchten, dass sich dieser Trend - wenn Abo-Modelle erst einmal zum Standard geworden sind - noch deutlich verstärkt. Neue Spiele könnten dann zu kleinen Basis-Paketen mit wenig Umfang verkommen oder nur noch sehr selten erscheinen, während alte Titel auch Jahre nach ihrem Release noch mit kostenpflichtigen DLCs erweitert werden. Ein Best-Case-Szenario zu erwarten, in dem wir am Anfang eines Spiele-Jahres eine Gebühr entrichten und dafür uneingeschränkten Zugriff auf Titel wie Monster Hunter World, God of War, Spider-Man, Assassin's Creed Odyssey und Red Dead Redemption 2 erhalten, ist wohl tatsächlich etwas zu optimistisch - denn es würde dazu führen, dass deutlich weniger Geld für Videospiele ausgegeben wird, was natürlich nicht im Sinne der AAA-Publisher sein kann.

Ein weiteres Gegenargument ist eher emotionaler Natur: Viele Spieler legen auch heute noch Wert darauf, Hüllen mit Discs im Regal stehen zu haben und kaufen deshalb grundsätzlich keine Download-Titel. Selbst die Tatsache, dass die Spyro Reignited Trilogy nur den ersten Teil auf Disc enthält, während die beiden Nachfolger als Day-One-Patch veröffentlicht wurden, konnte einige potentielle Kunden zum Boykott der Remakes bewegen. Für diese Personen würde ein kompletter Wechsel zu digitalisierten Abo-Modellen wohl bedeuten, dass sie ihr Hobby aufgeben müssten. Es ist aber noch gar nicht sicher, dass es so kommen muss: Im Musik- und Filmsektor koexistieren Streaming-Dienste wie Netflix oder Spotify relativ friedlich mit traditionellen Retail-Abteilungen in den großen Elektronikmärkten. Auch Microsoft und EA, die bereits aktuelle Spiele über ihre Abo-Services anbieten, stellen dieselben Titel auch weiterhin als Retail-Version in die Läden. Gut möglich also, dass auch Spielepublisher in Zukunft zweigleisig fahren.

...und die Vorteile

Wenn es aber tatsächlich zu einer vollständigen Verlagerung auf Streaming-Dienste kommt, dürfen sich Kunden immerhin den Preis für Hardware sparen. Services wie der Xbox Games Pass wären dann stattdessen in anderen Endgeräten wie dem PC oder dem Smartphone verbaut. Sony hat dies sogar schon einmal versucht und eine Zeit lang alle hauseigenen Bravia-TVs und Blu-Ray-Player mit PlayStation-Now-Unterstützung ausgeliefert. Der Support für diese Geräte wurde jedoch 2017 eingestellt. Ein vollständiger Wegfall von Spielekonsolen würde natürlich wiederum bedeuten, dass das Herunterladen von Spielen generell nicht mehr möglich sein wird und das technisch nicht vollständig lösbare Problem der Eingabeverzögerung zum Alltag wird. Diese Entwicklung würde aber wiederum von PC-Spielern boykottiert werden, die Titel mit einer Framerate von 30 FPS für „unspielbar“ halten und selbst mit 60 FPS oft nicht zufrieden sind, weil auch niedrige Framerates bereits zu einer wahrnehmbaren Eingabeverzögerung führen können. Gut möglich also, dass die Hardware-Hersteller auch in diesem Aspekt zweigleisig fahren und sowohl dedizierte Spielekonsolen als auch Streaming-Dienste für andere Endgeräte anbieten müssen, um alle wichtigen Zielgruppen zu erreichen.

Bei aller Spekulation über die unsichere Zukunft - einen großen Vorteil werden die Abo-Services der Zukunft wohl garantiert mitbringen: Die Situation, dass man gerade einen 70 Euro teuren Neukauf eine Stunde lang angespielt hat und feststellen musste, dass der vermeintlich tolle Titel so gar nicht den eigenen Geschmack trifft, wäre weitestgehend Geschichte. Spiele wie No Man's Sky oder Fallout 76, die am Releasetag völlig verbuggt waren, hätten in einer solchen Welt keine Chance mehr, weil sich alle Spieler sofort wieder abwenden würden. Gleichzeitig hätten es viele Indie-Titel wohl deutlich leichter ein Publikum zu finden, weil Interessenten sie ohne Risiko beliebig lange antesten könnten und nicht erst für 10 bis 20 Euro die Katze im Sack kaufen müssten. Auch der Umfang eines Spiels wäre nicht mehr so wichtig, denn die vielkritisierte „Kosten pro Stunde“-Rechnung, die vor allem von Schülern und Studenten ohne eigenes Einkommen aufgestellt wird, hätte sich ohne Kaufpreise für einzelne Spiele erledigt. Zu guter Letzt könnte man sich auch die Zeit dafür sparen, sich mit Reviews oder Gameplay-Videos zu informieren und stattdessen alle neuen Spiele einfach selbst antesten.

Dieser letzte Punkt wäre für mich persönlich der absolut reizvollste Aspekt eines theoretischen Abo-Services, der einen Großteil aller neuen Releases abdeckt. Dabei ginge es mir nicht mal wirklich darum, den Kaufpreis für Neuveröffentlichungen zu sparen oder den Ärger über Fehlkäufe zu vermeiden. Stattdessen reizt mich der Gedanke, mich Sonntags einfach mal ein paar Stunden vor die Konsole setzen und ein paar Indie-Titel antesten zu können, von denen ich noch niemals etwas gehört habe. Ein Abo-Service, der es mir erlaubt, jedes im PSN erhältliche Spiel 90 Minuten lang anzutesten, wäre mir deutlich lieber als jedes denkbare Streaming-Modell. Wenn sich Modelle wie der Xbox Game Pass in Zukunft noch viel stärker durchsetzen, würde ich diese Entwicklung also absolut begrüßen - auch als alter Hase, der neumodischen Entwicklungen sonst eher kritisch gegenübersteht.

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3 Kommentare:


kraid
vor 2 Wochen | 0
Ein großes Problem, was ich bei der ganzen Sache sehe: genau wie beim Film- und Serien-Streaming will wieder jeder halbwegs große Publisher seinen eigenen Service an den Start bringen.

Da braucht man dann eben nicht nur Prime und Netflix sondern auch noch Sky und diverse weitere Streaming Angebote von DC, Disney, Hulu usw. um wirklich jede Serie sehen zu können, welche einen interessiert.
Während man je nach Plattform dann auch 50-80% zeug mitgeliefert bekommt, das man überhaupt nicht sehen will. (bei mir z.B. irgendwelche Arzt- oder CSI-Serien)

Auf Spiele übertragen wäre das dann in etwa so als wenn ich EA's Service abonieren muss nur um 1-2 gute Spiele spielen zu können, während mich die restlichen 90% aus Sportspielen komplett kalt lassen.

Außerdem begibt man sich mit soetwas komplett in die Abhängigkeit vom jeweiligen Anbieter.
Spiele können jederzeit aus dem Angebot verschwinden ohne das man etwas dagegen tun kann.

Künftige Retro-Spiele-Sessions wären somit von vornherein ausgeschlossen, bzw. könnten nur stattfinden mit den Spielen, welche der Anbieter in sein Retro-Sortiment aufnimmt.
(siehe Nintendo Online NES Spieleauswahl)

JimmydieGrille
vor 1 Woche | 1
Da meine Switch zur Zeit ein wenig einstaubt, da für mich abgesehen von Broforce (Danke für den Tip 2null3, hatte ich im eshop völlig übersehen) im letzten halben Jahr nichts verwertbares erschienen ist, habe ich Freitag bei der One X zugeschlagen und mir gleich den Game-Pass zum halben Preis mit gesichert.
In meinen Fall eine super Investition, da ich alleine für Halo und Forza deutlich mehr hingeblätter hätte. Ob ich dann nächstes Jahr verlänger hängt natürlich dann vom aktuellen Inhalt ab, aber für Neueinsteiger generell eine tolle Sache.

TraxDave
vor 1 Woche | 0
Prinzipiell bin ich starker Abo-Service-Verweigerer. Hängen sie dann auch noch mit Streaming zusammen, wird es umso schlimmer.
Solange das Angebot noch nebeneinander besteht, gibt es zwar noch die Möglichkeit "normal" zu kaufen, jedoch ist es dann eben für einen rational denkenden Mensch schwierig meist den deutlich höheren Preis "nur" für seine Vorlieben zu zahlen.
Sollte es viele verschiedene Abo-Dienste geben um das Angebot abzudecken, sehe ich es als noch problematischer an, speziell falls Bindung bestehen sollte.

Von des jetzigen Gaming-Abo-Services nutze ich keinen.

Kleine Anmerkung zum Vergleich mit der Musik: Für die Konsumenten scheint sich wenig geändert zu haben, Musiker jedoch verdienen seit dem Boom der Streaming-Dienste grds nichts mehr an ihrer neuen Musik, sondern bloß noch an dessen Begleiterscheinungen -- Merchandise, Touring, etc.