#Herzhaft: Partyspaß mit VR

Von Niko Schopinski am 15. November 2018

Kann das Zocken in der virtuellen Realität auch gemeinsam Spaß machen? Ist es sogar partytauglich? Oder ist VR nicht sozial, wie Nintendos Reggie einmal behauptete?

In einem Gespräch mit Polygon sagte Nintendos amerikanischer Präsident Reginald Fils-Aimé vor gut drei Jahren, dass Virtual Reality keinen Spaß mache und nicht sozial sei. „[…] based on what I've seen to date, it's not fun, and it's not social. It's just tech. Seine Aussagen bezogen sich natürlich auf den damaligen Stand von Technik und Software, allerdings halte ich die generelle Behauptung, VR würde keinen Spaß machen, für völligen Quark. Auch die Aussage, dass Virtual Reality nicht sozial ist, mag ich überhaupt nicht teilen. Ganz im Gegenteil!

Übelkeit vs. Partyspaß

Zunächst muss ich einräumen, dass der „Aufenthalt“ in der virtuellen Realität einen nicht unerheblichen Nachteil mit sich bringen kann. Bedingt dadurch, dass dem Gehirn bestimmte Abläufe räumlich vorgegaukelt werden, die dann aber gar nicht als tatsächliche Kräfte auf den Körper einwirken, kann es zu mehr oder weniger ausgeprägter Übelkeit und Schwindelgefühlen kommen. Wie in einer echten Achterbahn aber auch, reagieren manche Spieler sehr empfindlich, während andere sich stundenlang ohne Probleme austoben können. Dieser Motion Sickness können die Entwickler aber unter Zuhilfenahme bestimmter Darstellungsoptionen sowie auch intuitiver Bewegungssteuerung zumindest etwas entgegentreten. Mir hilft es zum Beispiel gewaltig, wenn ich beim Zocken von Gran Turismo Sport per Neigungssteuerung lenke. So gehe ich mit dem Körper beim Lenken wirklich mit, was mir zumindest gegen den Schwindel hilft. Je schneller das Fahrzeug, desto eher meldet sich aber mein Magen mit dem Drang zum Rückwärts-Essen; spätestens nach 20 Minuten brauche ich in der Regel einen Boxenstopp.

Was zunächst wie ein #Schmerzhaft-Artikel klingt, beschreibt für mich aber eine Art Zweitkonsole für die besonderen Momente. Und - wer hätte das gedacht - mein letzter Zockabend mit meinem guten alten Kumpel Ramy geriet für mich gefühlt zu einem zünftigen Partyspiel-Abend. Es war lustig, es war aufregend - und wie bei jeder guten Party wird mir früher oder später übel. Hier hilft dann eben die richtige Dosierung.

Zu meiner Überraschung konnte mich bereits das gruselige und teils auch echt eklige Until Dawn: Rush of Blood in seinen Bann ziehen. Sprüche wie „Schmeiß´ mal die Brille rüber, ich will den kranken Scheiß auch in VR erleben!“ waren da keine Seltenheit. Obwohl ich allein beim Gedanken daran, diesen Trip in VR ertragen zu müssen, bereits ordentlich die Hosen voll hatte, wollte ich das einfach selbst erleben. Und es entfaltete sich auf wundersame Weise ein albern-absurdes Gefühl des Partyspaßes. Ein Spaß, den wir stets teilen und aufgeregt darüber plappern konnten, weil sich zumindest der Ablauf des Spiels auch für den Nicht-Brillenträger immer am TV mitverfolgen lässt. Und weil man sich wunderbar mit der VR-Brille abwechseln kann, kommt nach und nach auch wirklich jeder Anwesende in den Genuss der räumlichen Erfahrung. Und diese hitzigen Diskussionen über das soeben Erlebte fühlten sich so gar nicht nach „nicht sozial“ an.


Herzilein

Es gab noch weitere coole Spiele wie z.B. den Tauchgang in Playstation VR Worlds oder den Team-Shooter Firewall: Zero Hour (zum Testvideo), der mir richtig gut gefallen hat. Was mein kleines Zockerherzchen aber ganz besonders erobert hat, war Astro Bot: Rescue Mission. Unweigerlich musste ich beim Anzocken dieses absolut knuffigen Jump & Runs daran denken, was mich immer bei Nintendo so sehr fasziniert hat. Ich zitiere mich jetzt mal selbst aus meiner ersten Kolumne bei WiiUX und behaupte, Astro Bot ist „vollgepackt mit Kreativität, Spaß und Zauberhaftigkeit an jeder Ecke.“ Man kann „immer wieder liebevolle Details entdecken und die Lust der Entwickler anhand der produzierten Qualität geradezu schmecken."

Auch wenn ich mir dieses Spiel mit ein paar Anpassungen durchaus als konventionellen 3D-Hüpfer vorstellen kann, so profitiert Astro Bot doch sehr von VR und bietet ein verdammt rundes und überaus faszinierendes Spielerlebnis. Sogar das Touchpad und die Bewegungssteuerung des PS4-Controllers, die die Entwickler für bestimmte Gameplayelemente eingebaut haben, fühlen sich hier intuitiv und gut an. Immer wieder hatte ich das Gefühl „Ach deshalb haben die den Controller so gebaut! Dafür ist das ganze Zeug da drin“. Ich könnte jetzt zu weiteren Liebesarien ausholen, aber schaut euch am besten mal Ramys Testvideo an.


Erleben und erleben lassen

Auch wenn der VR-Konsum für mich nicht komplett frei von gelegentlicher Übelkeit ist, so habe ich mich an jenem Abend ein bisschen neu in diese Technik verliebt. Nicht nur, weil ich insbesondere Astro Bot für ein herausragendes Spiel halte, sondern weil das räumliche Sehen und Bewegen aus jedem der genannten Titel ein faszinierendes Erlebnis gemacht hat. So sehr, dass ich sogar einen Rail-Shooter, den ich im Normalfall recht öde finden würde, plötzlich als launigen Partyspaß empfinde. Einen Spaß, den ich gar nicht unbedingt allein haben, sondern mich mit Freunden abwechseln und aufgeregt über das Erlebte diskutieren möchte. Ich kann mich köstlich darüber amüsieren, wenn Ramy wie ein Comic-Superheld völlig übertrieben mit der leuchtenden Brille und dem Aim-Controller im Anschlag posiert. Und wie er bei den Jump-Scares bei Until Dawn brüllt wie eine Gruppe Teenie-Mädels im Looping der Riesenachterbahn. Außerdem quassle ich ununterbrochen hektisch darüber, wie putzig ich meinen Astro Bot finde, während mir dieser - in luftiger Höhe über einen schmalen Steg balancierend - noch so drollig zuwinkt. Und mein lieber Freund beömmelt sich wahrscheinlich genüsslich darüber, wie ich wild gestikulierend fast vom Sofa falle. Ja, dieses Gefühl von Partyspaß war für mich die vielleicht größte Überraschung des Abends.

Und vielleicht sollten auch die hohen Herren bei Nintendo mal darüber nachdenken, ob sie wirklich die Einzigen sind, die wissen und entscheiden, was Spaß macht. Nicht wahr, Herr Fils-Aimé?

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4 Kommentare:


Ramy
vor 3 Wochen | 2
Sollte das London Heist-"Sequel" Blood & Truth den Unterhaltungswert seines Vorgängers bestätigen und vielleicht noch ein paar spannende Features zusätzlich bieten, steht uns in den nächsten Monaten übrigens ein ähnlich kurzweiliges Entertainment-Bonbon wie Rush Of Blood an.

TraxDave
vor 3 Wochen | 0
Der für mich am interessantesten klingende VR-Titel wird eigentlich nie von irgendwem genannt oder...irgendwie...irgendwie kenn ich keinen, der den gespielt hat - wie ist eigentlich Rigs?

Ich bin großer VR-Fan, trotzdem bin ich bis jetzt außerhalb von Test-Sessions noch nicht in den Genuss gekommen. Mit den derzeitigen Steuerungsmöglichkeiten beschränken sich sinnvolle VR-Games derweil allerdings bloß auf geführte oder indirekt gesteuerte Spiele, was eben schade ist - sozusagen Nische. Nichts desto trotz hoffe ich auf VR 2.0 und freue mich schon auf die Zukunft!

Ramy
vor 3 Wochen | 2
Naja meine Lieblings VR-Titel würde ich schon als direktgesteuerte Spiele bezeichnen: Astro Bot, Firewall Zero Hour und Skyrim VR. ;)
TraxDave
vor 3 Wochen | 1
Touché. ^^
Wobei ich Astro Bot (obwohl ich es nicht gespielt habe und deswegen ganz ehrlich nicht beurteilen kann) da trotzdem einen kleinen Abzug zukommen lasse, weil es mehr oder weniger die VR "nur" als kleinen Bonus hat. ABER ich habe den Test gesehen und die Schilderungen gelesen, es fügt sich sehr gut ein und das glaube ich auch. Besser im Hintergrund und nicht aufgesetzt. :)