#Schmerzhaft: Grand Theft Auto IV

Von Andreas Held am 03. November 2018

Neue Releases von Rockstar Games werden fast immer mit einem riesigen Hype begleitet. Aber nicht jeder muss auf diesen Hypetrain aufspringen.

Ein Jahrzehnt der Dominanz

Red Dead Redemption 2 wird Ende des Jahres 2018 mit Game-of-the-Year-Awards und anderen Auszeichnungen überhäuft werden wie kein anderes Spiel aus diesem Jahr. Und das stand im Prinzip schon vor der Fertigstellung des Titels fest; lange bevor Tester und Spieler das finale Produkt überhaupt unter die Lupe nehmen konnten. Diese Situation ist für Rockstar Games mittlerweile wohl schon so sehr zur Gewohnheit geworden wie die jährliche Meisterfeier für Bayern-München-Fans. Denn der Industriegigant hat für seine Spiele, die sich mittlerweile an die 100 Millionen Mal verkaufen, gigantische Budgets zur Verfügung und kann allein deshalb Dinge auf die Beine stellen, die für andere Publisher schlichtweg nicht bezahlbar sind.

Den Beginn dieser Dominanz markierte der Release von Grand Theft Auto IV. Der Open-World-Titel steht mit einem Metascore von 98 Punkten weit oben auf der Liste der bestbewerteten Spiele aller Zeiten - lediglich Ocarina of Time kann da noch einen draufsetzen. Auch ich ließ mich damals vom Hype mitreißen, konnte mich der vorherrschenden Meinung jedoch nicht wirklich anschließen. Und damit meine ich nicht, dass ich einfach nur enttäuscht von GTA IV war und vielleicht nur eine solide 8/10 vergeben würde. Ich fand den Titel regelrecht grausam und zähle ihn bis heute zu meinen größten Fehlkäufen aller Zeiten - eine Erfahrung, die dafür sorgte, dass ich bis heute keinen weiteren Rockstar-Titel (mit Ausnahme von L.A. Noire, das ich sogar recht gut fand) mehr angerührt habe.

Dunkle Erinnerungen

Natürlich ist es schwierig, zu einem Spiel, das ich vor zehn Jahren maximal eine Woche lang gespielt habe, noch eine ausführliche Analyse zu formulieren. Doch an viele Kernaspekte meiner damaligen Kritikpunkte kann ich mich bis heute gut erinnern. Da war zum Beispiel die Art und Weise, wie Rockstar der Fachpresse und den Kunden seine Dominanz geradezu aufs Auge drückte. Die Engländer entwickelten für die Fahrzeuge in GTA IV ein Physik-System mit einem Detailgrad, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal in Rennsimulationen zu sehen war und jeden Stoßdämpfer einzeln simulierte. Das Problem: Damit jeder noch so dumme Spieler auch ja bemerkte, dass Rockstar eine ganz tolle Physik-Engine programmiert hat, wurden die Stoßdämpfer völlig überzeichnet. Autos wankten wie ein Schiff im Karibischen Ozean während eines Hurricanes hin und her, sodass das reine Fahren von A nach B zur Tortur wurde. Über Verfolgungsjagden mit der Polizei oder andere Situationen, in denen Schnelligkeit und Präzision gefragt waren, brauchen wir erst gar nicht zu reden.

Genauso dunkel wie meine zehn Jahre alten Erinnerungen war und ist übrigens auch das Spiel selbst. GTA IV erschien zur absoluten Hochzeit der Farbenphobie großer AAA-Publisher und bildete hier keine Ausnahme. Yahtzee brachte es in seiner Youtube-Serie „Zero Punctuation“ meiner Meinung nach auf den Punkt: „You're shooting dark blobs in a dark environment“. Bei vielen Schießereien hatte ich nur deshalb eine Chance, weil alle Gegner mit roten Dreiecken markiert wurden und das Auto Aiming den Rest erledigte. Die tatsächlichen Gegner konnte ich auf meinem Fernsehbildschirm, der während der vielen Nachtmissionen nicht viel mehr als verschiedene Schwarztöne darstellte, hingegen kaum mehr erkennen.

Auch die Open World wusste mich damals nicht zu begeistern. Soweit ich mich erinnere, konnte man zu zufälligen Zeitpunkten eine SMS auf sein Handy erhalten - zum Beispiel mit einer Einladung zu einer Partie Bowling. Also wankte man mit seinem Auto zur Wohnung des Absenders, von dort aus zur Bowling-Allee, spielte die Partie und chauffierte seinen Gast anschließend noch zurück zu seinem Domizil. Während das Bowling-Minispiel recht gut umgesetzt war, lag der spielerische Wert des ganzen Drumherums quasi bei null. Hier ist Rockstar meiner Meinung nach mit dem Ansatz, GTA IV möglichst detailliert und realistisch zu gestalten, über das Ziel hinausgeschossen und hat einen Punkt erreicht, an dem diese Detailverliebtheit das Spielerlebnis eher beeinträchtigt.  

Missionsdesign aus der Hölle

Die bisher angesprochenen Punkte sind im Vergleich zu meinen eigentlichen Frustmomenten aber eigentlich nur Kleinigkeiten. Mein Eindruck könnte natürlich etwas verzerrt sein, weil ich bis heute nur das Early Game von GTA IV kenne, aber dieses bestand zu großen Teilen aus Missionen mit extrem langweiligen Gameplay-Sequenzen. Ich erinnere mich konkret an Szenen, in denen man im normalen Straßenverkehr eine Autofahrerin oder sogar einen einfachen Fußgänger minutenlang verfolgen musste, um einen Zielort zu finden. Eine andere Mission beinhaltete eine Fahrt mit einem Aufzug, die sehr lange dauerte - und die man nach einem kurzen Gameplay-Einspieler in die andere Richtung wiederholen durfte. Dort angekommen gab es eine Schießerei - und wer diese verlor, was angesichts des sehr hohen Schwierigkeitsgrads vor allem für Genre-Muffel wie mich keine Seltenheit darstellte, musste nicht nur die komplette Mission neu starten (und somit auch die äußerst langweiligen Abschnitte wiederholen), sondern erstmal vom Krankenhaus aus zum Startpunkt der Mission fahren.

Ich verstehe, dass GTA IV viel Wert auf seine Handlung legte und viele dieser Missionsabschnitte, in denen faktisch kein Gameplay stattfand, nur dazu dienten, den Charakteren Zeit für Dialoge und das Vorantreiben der Handlung zu geben. Dieses Argument fällt aber spätestens dann flach, wenn ich Sequenzen, deren spielerischer Wert auf dem absoluten Nullpunkt liegt, mehrmals wiederholen muss, weil ich mit dem anschließenden Actionteil Probleme habe. Wenn eine Mission aus fünf Minuten Autofahrt, fünf Minuten Story und drei Minuten Action besteht, möchte ich nicht nach jedem Scheitern im Action-Teil zehn Minuten meines Lebens verschwenden müssen, um einen neuen Versuch starten zu dürfen. Dass dieser schwere Designfehler in keinem Review wirklich erwähnt wurde und stattdessen in allen Magazinen brav die Höchstwertung gezückt wurde, ist einer der Gründe dafür, dass ich die Glaubwürdigkeit professioneller Reviews mittlerweile stark anzweifle. Vor allem, wenn es um AAA-Titel mit gigantischen Marketing-Budgets geht.

Noch frustrierender war jedoch die Diskussionskultur, die aufgrund dieses Medienechos in einigen Internetforen entstand. Die von mir losgetretenen Diskussionen über GTA IV endeten meist mit dem Satz: „Naja, aber es hat einen der höchsten Metascores aller Zeiten, also bist wohl eher du derjenige, der keine Ahnung hat und falsch liegt.“ Nach solch plumpen Phrasen musste ich mir dann manchmal leider auch die Frage stellen, wie viele der Rockstar-Fans, die GTA IV tatsächlich für eines der besten Spiele aller Zeiten halten, sich diese Meinung auch dann gebildet hätten, wenn die internationale Fachpresse den Open-World-Titel eher in den Acht-Punkte-Bereich einsortiert und Rockstars Marketing-Abteilung kein mehrstelliges Millionenbudget investiert hätte. Jedem, der wirklich so viel Spaß im virtuellen New York hatte wie in keinem anderen Videospiel, gönne ich das natürlich. Mich stört lediglich die Art und Weise, wie eine Meinung manchmal als Fakt angesehen wird, nur weil sie extrem populär ist.

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17 Kommentare:


Denios
vor 2 Wochen | 0
ich habe von R* tatsächlich nur GTA Vice City bisher gespielt. War mal für 2,50€ in nem Saturn, hab es einfach mal mitgenommen. Nach so 2-3h hab ich aufgegeben, es war einfach überhaupt nichts für mich.

Asinned
vor 2 Wochen | 0
Hab GTA 4 nie gezockt, da es ja zu den schwächsten Ableger der Serie gehören soll. Dagegen empfand ich GTA5 als sehr gelungen und extrem unterhaltsam.

michi1894
vor 2 Wochen | 0
Ich kann den Artikel nur ganz dick unterstreichen, auch wenn die Spiele handwerklich solide gemacht sind.

CaptainSatan
vor 1 Woche | 0
Sehr guter Beitrag!
Mir ging und geht es ähnlich, ich habe GTA zwar komplett durchgespielt und auch einen großen Teil der Nebenaufgaben gelöst und dabei (meist) Spaß gehabt. Aber eine Wertung die dieses Spiel als eines der Besten aller Zeiten auszeichnet kann ich absolut nicht nachvollziehn. Mich persönlich stört am meisten die rokstartypische englische Sprachausgabe. Ein Großteil der Imersion der duch die Story erzeugt wird bleibt mir verwehrt.

McClane
vor 1 Woche | 0
Darüber kann man streiten. Ich würde die englische Sprachausgabe unbedingt beibehalten wollen und begrüße den von Rockstar eingeschlagenen Weg, auf eine Syncho in anderen Sprachen zu verzichten. Die Charaktere sind zu eigen um das auf diversen Sprachen so umzusetzen. Das würde aus meiner Sicht nicht funktionieren.
CaptainSatan
vor 1 Woche | 0
Natürlich wäre eine Vertonung in weitere Sprachen sehr aufwändig und kostenintensiv. Aber so wie es jetzt ist bevorzuge ich lieber eine schlechte Synchronisation als eine Fremdsprache mit Untertitel. Andere AAA-Spiele schaffen es ja auch, Skyrim, Gears u.v.m

McClane
vor 1 Woche | 0
Es ist nur nicht Rockstars Anspruch, eine schelchte Synchro abzuliefern. Das wird nicht passieren. In einen RDR wäre es gar nicht möglich, verschiedene Dialekte des Englischen Deutsch zu synchronisieren. Abseits davon: Das gesprochene Englisch ist im Grund nicht schwer zu verstehen in Rockstartiteln.


McClane
vor 1 Woche | 0
Du störst dich im Endeffekt nicht an dem Spiel, du störst dich am Erfolg und vor allem störst du dich an den Spielern, die das Spiel mögen. Für dich sind es unterm Strich verblendete Fanboys, die sich von der großen Rockstar-Verschwörung haben täuschen lassen.

Dass man das Spiel nicht mag, who cares, ist absolut legitim. Dass du in deinem Text aber recht hoch zu Ross geschrieben und einige Dinge als "faktisch" bezeichnest ist schon eher kritisch zu betrachten.

prog4m3r
vor 1 Woche | 1
Stimme Vyse zu, guter Mann, gute Schmerzi und leider bist du einer dieser Rockstar Fans die keine Kritik an ihrem Heiland zulassen und die 97-98er Wertungen als absolut gerechtfertigt ansehen. Ich will nicht behaupten GTA IV wäre ein grundsätzlich schlechtes Spiel, allerdings sind alle von Vyse angesprochenen Aspekte auch welche die mich dazu bewogen diesen Titel abzubrechen.

RDR ist dahingehend aber schon eine andere Geschichte, könnte er ruhig mal eine Chance geben, auch wenn dies meiner Meinung nach nur ein solider 8er Titel ist. Nächstes Jahr wirst du dann meine Meinung zu RDR2 über dich ergehen lassen können, auch wenn ich recht zuversichtlich bin auch hier mindestens eine acht vergeben zu können.

Natürlich schön wenn du damit Spaß hast und eine 10/10 vergibst, hat Belphegor aber für The Walking Dead: Survival Instinct auch getan.

Tobsen
vor 1 Woche | 1
Stimme komplett zu!
Grau-brauner Amok-Simulator ohne jegliche Substanz. Wenn ich von A nach B fahren möchte, hole ich mir ein Gyros im RL - da brauche ich kein mittelmäßiges Videospiel für.

TraxDave
vor 1 Woche | 0
Naja, die Szenen wo man gegen den Randstein oder eine Laterne fährt und aus der Windschutzscheibe gepfeffert wird, sind doch Kult. ^^
Die extrem hohen Wertungen finde ich auch überzogen, speziell in Anbetracht von GTA V zB. Noch dazu, da die meisten Fachmänner dem generellen Echo der letzten Jahre trotzdem nachgehen und GTA IV als eher mauen Ableger behandeln...nachdem sie vor ein paar Jahren fast eine perfekte Wertung hinlegten.
Ich fand's spaßig, aber auch nur im Oldschool-GTA-Style - herumdüsen und sinnloses Zeug machen. Erst ab GTA V konnte ich ein ernsthaftes Game erahnen. ^^

McClane
vor 1 Woche | 0
doof

McClane
vor 1 Woche | 0
https://nplusx.de/story/2189-normies-dead-redemption-oder-warum-man-rockstar-titel-hassen-muss

Falco
vor 1 Woche | 0
Spiele wie GTA leben halt von den aufwendig gestalteten Welten, in denen man gerne rumtobt.
Ich persönlich habe es aber noch nie geschafft, ein GTA Spiel durchzuspielen. Dafür hat es mich nie lange genug unterhalten und wenn, dann hab ich eher Freude an anderen Dingen gefunden.
Wieso das Spiel so mainstreamtauglich geworden ist, liegt an der Historie und geschicktem
Marketing. Ich finde, die Spiele haben ihre Daseinsberechtigungen, erweitern sinnvoll die Branche, stimme aber auch zu, dass sie von der spielerischen Tiefe, der Qualität und dem Konzept recht austauschbar und langweilig sind.

McClane
vor 1 Woche | 0
DIe Qualität des Spiels ist in der Tat austauschbar. Jährlich erscheinen mehrere Spiele dieser Güte.
Falco
vor 1 Woche | 0
Spielerische Qualität.
Technisch ist es sauber. Da gibt es keine zwei Meinungen.
Ich hoffe, du erträgst eine andere Meinung, ohne sie gleich mal ins Lächerliche zu ziehen ;)


Knusel
vor 1 Woche | 0
Ich hab gta4 damals auf der 360 geliebt und auch lange gespielt.
Aber nicht durch und nicht die dlc add on Storys...

Ich würde es gerne noch mal für die switch haben wollen .