Test: The World Ends With You -Final Remix-

Von Andreas Held am 10. Oktober 2018

Das vielleicht beste für den Nintendo DS erhältliche Spiel erscheint nach 11 Jahren erneut - in abgewandelter Form.

Do what you want, when you want, where you want

The World Ends With You startet mit einer kurzen Intro-Sequenz, in der Neku Sakuraba ohne Erinnerungen in Shibuya zu sich kommt. Was er wahrnimmt entspricht nicht seinem immer noch vorhandenen, natürlichen Gespür für die Naturgesetze: Er kann andere Menschen nicht berühren, aber dafür ihre Gedanken lesen. Außerdem nimmt er offensichtlich an dem sogenannten „Reaper's Game“ teil und bekommt per SMS (so hießen damals die Kurznachrichten, mit denen die Besitzer eines Mobiltelefons schriftlich kommunizierten) eine Mission auf sein Handy, während auf seiner Handfläche ein Zeitlimit erscheint. Schnell trifft er auf Shiki, die sich für das Reaper's Game mit ihm verbünden will - was Neku nur widerwillig tut, da er eigentlich ein krasser Einzelgänger ist. Das zeigt sich zum Beispiel dadurch, dass er Shiki in diversen Dialogszenen gar nicht zuhört und stattdessen über irgendetwas anderes nachdenkt.

Die Mischung aus dem realen Japan der Gegenwart und abgedrehten Fantasy-Storybausteinen weckt nicht zu Unrecht Erinnerungen an Persona oder das Shin-Megami-Tensei-Franchise. Dieser Eindruck setzt sich auch im restlichen Spiel fort: Der Grafikstil und insbesondere die Manga-artigen Dialogszenen orientieren sich eng an Atlus' Flagschiff-Franchise. Noch offensichtlicher sind diese Parallelen bei der Musikuntermalung: Den Vocal-Soundtrack von The World Ends With You könnte man in dieser Art auch in einem neuen Persona zu hören bekommen. Zum Glück schmückt sich der von Jupiter entwickelte Titel nicht nur mit fremden Federn, sondern liefert auch eine vergleichbare Qualität ab. Die Handlung und die Charaktere von The World Ends With You waren schon auf dem Nintendo DS die größte Stärke des Spiels - daran ändert sich in der Switch-Version natürlich nichts.

Vereinfachtes Gameplay

Die Switch-Version von The World Ends With You wird entweder über den Touchscreen oder mit dem Pointer eines JoyCon-Controllers gesteuert; der Pro Controller wird grundsätzlich nicht unterstützt. Die Pointer-Steuerung funktionierte bei unserem Test eher schlecht als recht, da der Cursor ständig neu zentriert werden muss oder nach der Inbetriebnahme linkswärtig über den Bildschirm wandert, was einen kompletten Neuaufbau der Verbindung erfordert. Außerdem ist die Steuerung per Fernbedienung natürlich viel unpräziser als die direkte Kontrolle über den Touchsceen, sodass der Handheld-Modus (der übrigens sowohl mit angeschlossenen als auch mit abgetrennten JoyCons funktioniert) die erste Wahl bleibt. Eine Ausnahme bildet der Coop-Modus: Haben wir beide JoyCons mit der Switch verbunden, können wir einen davon einem zweiten Spieler geben, der dann in den Kämpfen die Kontrolle über Nekus Begleitperson übernimmt.

In den Adventure-Abschnitten lotsen wir Neku wie den Protagonisten aus einem Point-and-Click-Adventure durch das aus einer isometrischen 2D-Perspektive gezeigte Tokyo. In typischer RPG-Manier dürfen wir NPCs in Gespräche verwickeln, neue Ausrüstung erwerben und müssen allerlei Suchaufgaben und Rätsel lösen, um in der Story voranzuschreiten. Das in der Story eingeführte Zeitlimit ist für das tatsächliche Gameplay übrigens vollkommen irrelevant - ihr dürft in Shibuya beliebig lange forschen und grinden. Zufallskämpfe gibt es grundsätzlich keine, allerdings dürft ihr jederzeit nach den überall herumschwirrenden Gegnern scannen, um euch auf die verpflichtenden Auseinandersetzungen mit den diversen Zwischen- und Endbossen vorzubereiten.

Das Kampfsystem von The World Ends With You nutzte auf dem DS alle Features von Nintendos experimentierfreudigem Handheld aus. In der Originalfassung steuerten wir Neku auf dem unteren Bildschirm mit dem Stylus, während seine Begleitung auf dem oberen Bildschirm gegen dieselben Gegner kämpfte und mit den Knöpfen gesteuert wurde. Da sich beide Figuren eine HP-Leiste teilten, musste der Spieler beide Bildschirme im Auge behalten und durfte keinen Aspekt des Kampfsystems vernachlässigen. Die Smartphone-Portierung aus dem Jahr 2012 verzichtete angesichts der fehlenden Hardware-Features auf diese Innovationen - und Switch-User bekommen nun quasi eine 1:1-Kopie der Smartphone-Adaption, in der Nekus Partner von der KI gesteuert wird, sodass die Hälfte des Gameplays während der Kämpfe einfach wegfällt. Dadurch wird The World Ends With You in seinen Remix-Ausgaben zugänglicher und weniger hektisch, neigt aber stellenweise auch dazu, seine Spieler zu unterfordern.

Sammeln und Leveln durch Nichtstun

Zum Glück hat das Kampfsystem von The World Ends With You trotz Smartphone-Downgrade immer noch einiges zu bieten. Im Menü könnt ihr Neku mit einer ganzen Reihe von Pins ausrüsten, die euch im Kampf verschiedenste Aktionen ermöglichen. Offensive Pins lösen diverse Attacken aus, wenn ihr auf dem Touchscreen Neku, seine Gegner oder die Arena Antippt, Striche oder Kreise malt oder sogar Gegenstände wie Autos greift und in die Gegner werft. Eine nicht weniger große Anzahl passiver Pins belegt euch und eure Gegner vor oder während der Kämpfe mit Buffs bzw. Debuffs, verstärkt andere gleichzeitig ausgerüstete Pins oder stellt Nekus HP ein paar Mal wieder her. Insgesamt gibt es über 300 solcher Pins zu finden, und einige davon entwickeln sich sogar zu anderen Pins weiter - Pokémon lässt grüßen. Darüber hinaus verfügt jeder Pin über seine eigenen "Erfahrungspunkte". Das Sammeln und vollständige Aufleveln aller Pins ist nach dem erstmaligen Abschließen der Story, für die ihr etwa 25 Stunden benötigen werdet, die zeitaufwändigste Beschäftigung.

Die Art und Weise, wie ihr eure Pins auflevelt, ist allerdings ziemlich skurril: Neben den üblichen Erfahrungspunkten für gewonnene Kämpfe könnt ihr ziemlich viele Bonus-EP erwerben, indem ihr The World Ends With You nicht spielt. Lasst ihr eure Switch ein paar Tage lang ausgeschaltet, erhaltet ihr nämlich nach eurer Rückkehr einige hundert Bonus-Erfahrungspunkte (für einen einzelnen gewonnenen Kampf gibt es hingegen etwa 15 bis 20). Könnt ihr euch also gedulden und die Konsole nach dem Tutorial erst einmal ausgeschaltet lassen, werdet ihr nach einer einwöchigen Pause ziemlich übermächtig durch die ersten Kapitel spazieren. Es gibt übrigens keine Option, mit der sich dieses Feature deaktivieren ließe.

Fazit:

The World Ends With You ist ein sehr gutes RPG, dessen Optik, Handlung und Charaktere sich sowohl stilistisch als auch qualitativ am Shin-Megami-Tensei-Universum orientieren. Spielerisch sind die Versionen für Switch und Nintendo DS ziemlich unterschiedlich und welche man bevorzugt, ist eher Geschmackssache - auch wenn sich die meisten Spielertypen klar auf eine Lieblingsversion festlegen werden. Das Kampfsystem auf dem Nintendo DS, wo ihr zwei Charaktere gleichzeitig auf zwei verschiedenen Bildschirmen und mit zwei verschiedenen Eingabemethoden steuern musstet, ist herausfordernd und einzigartig, dafür aber auch überladen und hektisch. In der Nintendo-Switch-Version dürfen wir uns auf Neku konzentrieren, aber mit der Komplexität und dem Schwierigkeitsgrad sinkt eben auch der während der Bosskämpfe anliegende Adrenalinpegel. In meinem persönlichen Fazit kommt die Switch-Version auch deshalb deutlich schlechter Weg, weil The World Ends With You mit dem schlankeren Gameplay seine Eigenständigkeit einbüßt - denn ähnliche Kampfsysteme sind auf Touchscreen-fähigen Spielgeräten keine Seltenheit und die Pointer-Steuerung mit einem einzelnen Joy-Con erwies sich bei meinem Test als fehleranfällig und unpräzise. Allerdings gibt es genug Spieler, für die die zugänglichere Steuerung überhaupt erst der Auslöser sein wird, sich zum ersten Mal ausführlich mit The World Ends With You auseinanderzusetzen - weil sie von der steilen Lernkurve der DS-Version abgeschreckt waren. Immerhin dürfen sich beide Lager auf eine ausgefallene und spannende Handlung freuen, die von ihren tollen Charakteren und einem auf den Punkt getroffenen audiovisuellen Stil getragen wird.

Wertung:

7.5

Andreas Held meint:

"The World Ends With You ist spielerisch zugänglicher als die DS-Version - aber genauso abgedreht."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Gut
Technik: Gut

Schreibe einen Kommentar:

4 Kommentare:


Tobsen
vor 2 Monaten | 1
Ich brauche das in meinem Leben!
Sehr geuter Test auch übrigens! Ich habe den DS-Teil übrigens genau deswegen, was du ansprachst, nicht beendet, weil mir das Steuern auf zwei Bildschirmen parallel zu hektisch war. Mir kommt das Remastered also sehr gelegen.
Da ich es nicht durchgespielt hatte damals, wusste ich natürlich ebenfalls nicht, dass es so kurz ist^^. 25h - das ist man ja gar nicht mehr gewöhnt^^.

Asinned
vor 1 Monat | 0
Was ist mit dem neuen Storyabschnitt? Das Game war mit großem Abstand mein absolutes DS-Highlight.

Vyse
vor 1 Monat | 2
Den neuen Story-Abschnitt durfte ich in meinem Review nicht einmal erwähnen. :(
Denios
vor 1 Monat | 0
typisch bescheuerte NDAs^^ wieso soll das nicht beworben werden, ergibt doch gar keinen Sinn?
ich hole mir das Spiel demnächst, aber jetzt noch nicht. noch genügend anderen Kram auf Switch zu tun^^