Test: Pro Evolution Soccer 2019 | Testvideo

Von Ramy el Shalakany am 12. September 2018

Die Fußballsimulation im Videotest - was tut Konami gegen den Lizenzverlust?

Während EA mit der Champions- und Euroleague die Lizenzmacht der FIFA-Reihe in diesem Jahr ausbauen wird, scheint Konamis Kampf um die Gunst der Fußballfans nun noch schwieriger zu werden. Dabei zeigt Pro Evolution Soccer auch im neuesten Teil, wie man dort punkten kann, wo es am wichtigsten ist - nämlich auf dem Platz! Was genau PES 19 dabei so gut macht, welche Neuerungen es gibt und worin Steigerungsbedarf besteht, lest ihr hier in unserem Test - oder seht ihr im noch ausführlicheren Testvideo.

Note „Sehr gut“ in Physik  

Fußball ist eine Sportart, bei der es kaum vorherzusehen ist, welche Reise der Ball in den nächsten Sekunden und Situationen machen wird. Nicht umsonst kommt es immer wieder zu den berühmt-berüchtigten „Toren aus dem Nichts“. Umso wichtiger ist es, dass die Darstellung des gespielten Balls realistisch und nachvollziehbar daherkommt. Stichwort: Ballphysik! Und damit wären wir bei einer DER großen Stärken von Pro Evolution Soccer 2019. So wie sich das Leder hier verhält, fühlt es sich richtig gut, nach echtem Fußball, einfach spaßig an. Sei es bei Pässen, Schüssen, Flanken oder Abprallern. Mit der Ballphysik, die Konami im Vergleich zum Vorjahr weiter verfeinert hat, kann ich mich mit meiner Erfahrung aus einem Vierteljahrhundert als Vereinsfußballer sehr gut identifizieren. In dieser Hinsicht ist PES der Konkurrenz aus dem Hause EA nach wie vor ein ganzes Stück voraus. Aber nicht nur darin:

Denn was versetzt Anhänger dieses Sports besonders in Ekstase? Ja, natürlich das Toreschießen! Und damit ein ausgewachsener Knaller mit Vollspann ins Tor erst so richtig zur Geltung kommt, ist es wichtig, dass auch das Tornetz nachvollziehbar auf den Ball reagiert. Wo bei FIFA das Einschlagen des Runden ins Ecke immer noch etwas steif wirkt, hat Pro Evo ein wesentlich spektakuläreres Tor-Erlebnis zu bieten. Und in diesem Jahr ist das Netzverhalten noch einmal ein Stück besser geworden – mit dem Effekt, dass nicht nur ein Sahne-Schlenzer in den Knick gut aussieht, sondern auch das Anschauen eines nüchternen Abschlusses befriedigt - weil er eben realistisch aussieht.

Pro Evolution Soccer liefert darüber hinaus ein wahnsinnig gutes und freies Spielgefühl. Die tolle Ballphysik begünstigt die eingangs beschriebene Unberechenbarkeit und sorgt stets für spannende Matches und unerwartete Spielsituationen: Tempowechsel, blitzschnelles Umschalten oder Ball-Hin-und-Hergeschiebe auf der Suche nach der Lücke: In PES wirkt kaum ein Match wie das andere. Auch die Dynamik innerhalb der virtuellen 90 Minuten sorgt dafür, dass sich das Spielgeschehen immer abwechslungsreich anfühlt. Schön auch, dass man durch den herrlichen Kombinationsfußball, den Konamis Simulation erlaubt, auch mit einer schwächeren Mannschaft zumindest nicht völlig chancenlos ist. So ist ein – auf dem Papier – stärkeres Team durchaus schlagbar und man neigt weniger dazu, immer nur die Mannschaften mit den allerhöchsten Werten für sich zu wählen.

Spielerische Neuzugänge?

Im Vergleich zur 18er Version gibt es Unterschiede bei den Torabschlüssen: Der Standardschuss wurde etwas entschärft. Ganz die Raketen vom letzten Jahr, die zudem in sehr vielen Fällen kontrolliert aufs Tor gegangen sind, gibt es nun nicht mehr. Damit ist nicht mehr jeder Spieler zwingend dafür geeignet, den Ball direkt Volley aus der zweiten Reihe abzufeuern. Gleichzeitig sind aber die kontrollierten Schüsse mit der Innenseite etwas stärker geworden, vor allem aus der Entfernung. Noch wichtiger ist es nun zu beachten, wie man zum Ball steht bzw. welche Bewegungen dem Schuss vorausgegangen sind. 

Was ich schade finde ist, dass Konami keine weiteren Tastenkombinationen eingeführt hat. Ich würde gern selbst entscheiden, ob ich aus aussichtsreicher Postion lieber mit der Innenseite des schwachen oder doch mit dem Außenrist des starken Fußes abschließe. Schön wäre es auch, wenn ich die Entscheidungsgewalt über die Art des Kopfballs hätte. Will ich ihn nach einer Flanke direkt mit Schmackes auf´s Tor bringen oder soll er in Form eines Aufsetzers für Gefahr sorgen? Und auch beim Elfmeterschießen würde ich mir mittlerweile eine andere, tiefgründigere Mechanik wünschen. Es geht also mehr - auch was die KI angeht. Es kommt hin und wieder zu Momenten, in denen ich zu einem Mitspieler passen möchte, er aber so nah neben mir steht, dass er eben nicht mehr anspielbar ist und ich Gefahr laufe, ihn vielmehr anzuschießen, so dass es zum Ballverlust kommt. Dabei besticht PES doch gerade durch die schön öffnenden Pässe und die schnellen Gegenangriffe, die man ansonsten einleiten kann. 

Neuerungen gibt es beim Erschöpfungszustand der Spieler. Sind sie am Ende ihrer Kräfte, ist es ihnen jetzt merklich anzusehen. Etwas riskantere Pässe sind schwieriger an den Mann zu bringen und Tricks, die vorher noch funktionierten, gelingen nicht mehr auf Anhieb. Allerdings wirkt das alles nicht aufgesetzt. Man hat somit nicht das Gefühl nach gespielten 65 Minuten die komplette Mannschaft auswechseln zu müssen, weil das Spiel zum Fehlpassfestival verkommt. Hier haben die Entwickler ein gesundes Maß gefunden. Gut auch, dass man sich die Idee mit einer Schnellwechselfunktion bei FIFA abgeschaut hat und man nun zügiger für frisches Blut sorgen kann.

Pro Presentation Soccer

Das Repertoire der ohnehin schon sehr ansehnlichen Animationen hat Konami um weitere Bewegungen erweitert. Diese tragen dazu bei, dass sich Pro Evo nun noch realitätsnäher anfühlt. Stolperer und Verlust des Gleichgewichts, Rettungsversuche, Aufreger, gerade so noch angenommene Pässe - die Vielfalt an Animationen ist inzwischen wirklich beeindruckend. Auch die Spielermodelle können sich wirklich sehen lassen. Dies bezieht sich, wie bei der Konkurrenz, aber vor allem auf bekanntere Profis und Spieler prominenterer Clubs. Bei weniger namhaften Spielern kleinerer Vereine schwankt dagegen die Grafikqualität, die ansonsten in diesem Jahr hinsichtlich Lichtstimmung, Farbgebung und Textur des Rasens verbessert wurde.

Akustisch gibt es wenig zu meckern. Zumindest von dem, was so von den Zuschauerrängen zu hören ist. Das ist dynamisch, macht Stimmung und sorgt vor allem durch die Fans der Mannschaften, die Premiumpartner von Konami sind, für Authentizität. Auch das Reinrufen der Trainer, die Ansagen der Stadionsprecher oder das schöne Klatschen des Balls an Pfosten oder Latte runden den sehr guten auditiven Eindruck ab. Was das Kommentatorenduo Marco Hagemann und Hansi Küpper angeht: Sie haben sich im Vergleich zu letzter Saison zumindest gesteigert. Das Gesagte klingt nun weniger nach Stückwerk. Trotzdem gibt es immer noch übertriebene Betonungen und unpassende Aussagen. Dennoch muss ich sagen: Sie können mittlerweile mehr Stimmung entfachen, was aber nichts daran ändert, dass ich wieder auf die besseren englischen Kommentatoren umgeschaltet habe.

Alle Jahre wieder

Bei den Lizenzen ist das ja immer so eine Sache bei Pro Evo. Trotzdem bleibt erstmal festzuhalten: Das Lizenzpaket bei PES 19 ist so groß wie noch nie. Viele neue Ligen haben den Weg ins Aufgebot gefunden. Und trotzdem hat die Reihe in diesem Jahr schmerzhafte Abgänge zu verzeichnen. Ohnehin sucht man die Bundesliga seit langer Zeit vergebens, doch hatte man letztes Jahr zumindest noch das Revier-Derby mit Dortmund und Schalke im Gepäck. Außerdem RB Leipzig. Übrig geblieben ist von diesen Dreien nur noch der FC Schalke 04, der zum Premiumpartner geworden ist. Dazu gesellt sich noch Bayer Leverkusen, das war es dann aber schon mit der deutschen Eliteklasse. Abgesehen von der Bundesliga sind jedoch alle größeren europäischen Ligen vertreten, auch wenn es in den jeweiligen Spielklassen dann wieder zu Abstrichen hinsichtlich Original-Club-Namen, Wappen oder Trikots gibt.

Es ist einfach schade, dass die Entscheidung vieler Fußballfans gegen PES auch in diesem Jahr wohl wieder an den mangelnden Lizenzen hängen wird. Klar, auch ich spiele gerne eine Saison in der voll lizenzierten Bundesliga oder Premier League. Aber wenn entscheidend ist, was auf dem Platz passiert, dann ist PES 2019 die derzeit beste Fußballsimulation. Spielen des Gamesplays wegen. Doch auch die Inszenierung ist gerade bei den Partner-Clubs wirklich, wirklich gut. Auch deswegen wünschte ich mir, Konami hätte noch mehr Lizenzen und Partnerschaften, so dass man noch häufiger und vor allem mit der eigenen Lieblingsmannschaft in den Genuss der hübschen Präsentationen kommen kann. 

Fazit:

Pro Evolution Soccer ist nach einem langjährigen Reifeprozess an einem Punkt angelangt, an dem es hinsichtlich Gameplay und Ballphysik wie zu seligen Glanzzeiten den großen Konkurrenten FIFA wohl recht klar in die Schranken weisen wird. Aber: Schon der Vorgänger war super und hat auch nach einem Jahr kaum etwas von seinem Reiz verloren. Die Neuerungen machen PES 2019 durchaus besser; es ist das hübschere, vielfältigere, einfach das geschliffenere Spiel. Ein verbessertes Spielgefühl gibt es somit schon, doch besonders signifikant oder wirklich bahnbrechend sind die Änderungen nicht. Besitzer des Vorgängers müssen also abwägen, wie sinnvoll die Anschaffung des neuesten Ablegers für sie ist. Allen anderen, die eine längere Pause von der Reihe genommen - oder gar noch nie Kontakt mit ihr hatten, kann ich nur raten, Pro Evolution Soccer 2019 eine Chance zu geben. Lässt man sich auf Konamis Fußball ein und schöpft das spielerische Potenzial aus, lässt sich Fußball zelebrieren, der einfach nur Bock macht!

Von uns getestet: PlayStation-4-Version

Wertung:

8.5

Ramy el Shalakany meint:

"Auf dem Platz ein Weltklasse-Spielerlebnis und die derzeit beste Fußballsimulation! Die etwas zu klein geratenen Fortschritte beim Gameplay und die verpasste größere Weiterentwicklung der Spielmodi verhindern jedoch eine noch höhere Wertung. "
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Gut
Technik: Gut

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3 Kommentare:


JoWe
vor 6 Tagen | 0
Ja PES ist echt ein Underdog. Aber es hat auch seine guten Seiten. Ich habe das Gefühl, dass Konami sich dadurch hier ein bisschen mehr traut, was Weiterentwicklungen an geht. Für die Wii gab es ja auch ein PES mit einer ziemlich guten Steuerung - EA hatte es nicht nötig, dafür zu entwickeln, sondern gammelt auf ihrem Fifa-Erfolg rum.

Schniko
vor 6 Tagen | 0
Inzwischen finde ich es wirklich bitter, dass PES verkaufszahlentechnisch derart Prügel bezieht, zumal es mir hinsichtlich Gameplay wesentlich besser gefällt, als FIFA. Natürlich werde ich ab morgen mal die Demo von FIFA 19 zocken und auch diesem Spiel eine faire Chance geben. Leider fand ich FIFA 17 und 18 sehr unaufregend und öde, weshalb ich auch in diesem Jahr nicht übermäßig optimistisch bin. Schönes Video, lieber Ramy.

Jerry
vor 6 Tagen | 1
Cooles Video! Gerne mehr davon!