Test: Shenmue I & II

Nutzer-Story von Tobsen am 31. August 2018

Ryo, hol schonmal den Gabelstapler! Die HD-Collection zweier Kult-Klassiker im Test.

Wir befinden uns in den Jahren 1999 bzw. 2000: Die Dreamcast von Sega taumelt gewaltig und auch der Konzern selbst sieht sich harten Zeiten und Konkurrenten gegenüber. Besonders die am Horizont auftauchende PlayStation 2 sollte, wie wir heute wissen, der Sargnagel zu Segas Hardware(geschäft) werden. Doch der tokioter Konzern will nicht von der Bühne abtreten, ohne das vielleicht einflussreichste Spiel (neben Sonic the Hedgehog) seiner Historie zu veröffentlichen: Shenmue.

Ursprünglich war das Action-Adventure Shenmue als eine Art Edel-Spin-Off zum Leben und Wirken des Hauptprotagonisten der Virtua-Fighter-Reihe namens Akira für den Sega Saturn geplant. Doch die technische arge Limitation der Plattform und der mangelnde wirtschaftliche Erfolg selbiger ließen Yu Suzuki und sein Team das Spiel auf die – zwar nicht viel erfolgreichere, aber technisch deutlich stärkere – Nachfolgerin, die Dreamcast, hieven. Im Zuge dessen hat man den Gedanken des Spin-Offs fallen gelassen und eine eigenständige IP ersonnen. Natürlich inklusive eigener Charaktere und Handlungsstränge; Shenmue ward geboren.

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Und was Sega mit dem Titel anbot, war seinerzeit in puncto Weltendesign und Präsentation schlicht phänomenal und wurde wohl nur von Ocarina of Time, ein auch nicht gerade schlechtes Spiel, übertroffen. Es galt, eine japanische Kleinstadt in 3rd-Person-Perspektive zu erkunden, um den Mörder des Vaters der Hauptfigur, Ryo Hazuki, ausfindig zu machen. Die Stadt – Yokusuka – ist in all ihren Details nachmodelliert: Das Wetter und die Tageszeiten ändern sich, NPCs gehen ihren alltäglichen Geschäften nach, man kann sich an Getränke- und Capsule-Toy-Automaten bedienen. Darts zu spielen ist ebenso möglich wie eine Runde der komplett emulierten Arcade-Spiele Hang-On oder Space Harrier. Alle Charaktere sind voll vertont und antworten je nach Spielfortschritt immer unterschiedlich auf Ryos Fragen. Selbst das mittlerweile fast zum Meme gewordene Gabelstaplerfahren und Frachtkistenumladen ist wirklich unterhaltsam. Die Kampfsequenzen sind geerdet und gut. Man merkt, dass hier Virtua-Fighter-Leute am Werk waren. Wie gesagt: Und das alles auf einer Konsole, die deutlich schwächer als die PS2 war und Jahre vor dem Release von GTA III. Das ist eine Leistung gewesen, die sich in durchweg positiven Kritiken, jedoch nicht in Verkäufen niederschlug. Diesem Umstand geschuldet, gepaart mit den aberwitzigen Entwicklungskosten von um die 50 Millionen Dollar, was zur Jahrtausendwende ein unvorstellbarer Wert war, zog sich Sega mit der Veröffentlichung seines Magnum Opus, bestehend aus Shenmue und Shenmue II, aus dem Konsolenhardwaregeschäft zurück.

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Es war mir ein Anliegen, einigermaßen ausführlich auf die Entstehungsgeschichte und Rezeption des Titels einzugehen, da die Spiele heutzutage für sich genommen sicherlich den meisten Spielern kein müdes Lächeln mehr entlocken können. "Uff, das ist ja wie Yakuza in mistig." dürfte sicherlich in vielen Wohnzimmern dieser Welt in den letzten Wochen zu hören gewesen sein. Und das geäußert von Spielern, die die Collection ganz losgelöst von allem Kontext spielten und eben mit Spielen vergleichen, die im Prinzip 19 Jahre jünger sind. Das ist legitim, wird meiner Meinung nach dem Spiel und der Wegweisung, die es aufzeigte, nicht ganz gerecht. Hier bietet sich der Vergleich zu GTA III an: das Spiel ist heute an der Zumutbarkeitsgrenze, aber Anfang der 2000er war es absolut gigantisch und genre-begründend. Es ist "schlechter" als GTA V, ja, natürlich, aber nur wenige würden wohl GTA III als per se schlechtes Spiel betiteln. Es ist, eben wie Shenmue, einfach älter als viele der jetzigen Spieler.

Das eigentliche Spielgeschehen lässt sich durchaus fluchs erläutern. Nach dem eingangs erwähnten Mord an seinem Vater, macht sich Ryo auf, den Mörder selbigens aufzuspüren. In bester Detektiv-Manier befragt er Passanten, Verkäufer, Nachbarn und Familie und hangelt sich so von Hinweis zu Hinweis, von Spur zu Spur. Der Teil "Adventure" in Action-Adventure ist deutlich in den Fokus gerückt! Kämpfe sind zwar nicht an einer Hand abzuzählen, aber viel mehr als 15 Stück im kompletten Spieldurchlauf von Shenmue 1 dürften es nicht sein (in Shenmue II sind es spürbar mehr). Und auch sonst lässt es Shenmue sehr ruhig angehen. Das Spiel ist eben kein Yakuza. Leitet man dort in aberwitzigen Minispielen Hostessen-Clubs und feilt an seinen Carrera-Bahn-Skills, ist eine der wichtigsten Nebenbeschäftigungen in Shenmue, die streunende Katze mit Dosen-Thunfisch zu versorgen. Haut man sich in Yakuza mit Fahrrädern, Wasserkesseln, Telefonhörern oder Break-Dance-Moves zu Klump, ist in Shenmue für manche Gegner der Kampf nach einem Treffer eines Faustschlags aus Ryos Jiu-Jitsu-Repertoire vorbei. Auch gestalterisch ist Shenmue eher gesetzt-rural. Häuser sind in der Regel grau, Schaukeln leicht verrostet und auch die Fassade des Reisebüros hat schon bessere Tage gesehen. Dies ist das Japan des Hinterlandes. Ganze Orte, die eben einfach normal sind und kein Klein-Tokio. So wie es in Deutschland nicht nur Hamburg und München, sondern auch Herford gibt, gibt es in Shenmue eben Yokosuka. In Shenmue II bewegen wir uns mit Hong Kong zwar in etwas anderen Gefilden, allerdings auch hier vornehmlich in den Gassen und Ecken abseits der touristischen Areale.

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Diese Verhaftung an realistischen Darstellungen und Spielmechaniken lassen die Welt glaubhaft werden und das Schicksal Ryos dem Spieler ans Herz gehen. Die Rachethematik ist natürlich nicht neu – auch damals war sie das nicht – aber die Geschichte und die Welt sind einfach glaubhaft und schlüssig.

Die vor Kurzem veröffentlichte Collection selbst ist ein zweischneidiges Schwert. Zum einen ist es einfach schön, zwei Spiele auf einer Disc (bzw. einem Download) zu haben und nicht, wie noch zu Dreamcast-Zeiten, auf insgesamt sechs und angenehm dürfte ebenfalls sein, die Spiele auf aktuellen Plattformen und nicht auf der Dreamcast (Shenmue und Shenmue II) oder der klassischen Xbox (Shenmue II) spielen zu müssen. Auch der Preis ist mit 35€ fair angesetzt. Allerdings ist die Collection, was die technischen Verbesserungen anbelangt, wirklich an der unteren Grenze der Bemühungen anzusetzen. Die zwei größten Pluspunkte sind zum einen das nun echte 16:9-Bildformat (das Puristen auch auf das originale 4:3 verkleinern können), durch das man einfach mehr von seiner Umgebung sieht und das erheblich die Navigation und die Orientierung in den Straßen erleichtert. Und zum anderen ist die Möglichkeit, beide Spiele in entweder englischer oder japanischer Vertonung erleben zu können, positiv. Shenmue war hierzulande nur auf englisch, Shenmue II (aus Kostengründen) in der Dreamcast-Version nur auf japanisch vertont (die Xbox-Version hatte etwas später dann auch englische Sprachausgabe).

Die Malus-Seite ist im Gegenteil dazu leider auch nicht kurz: An der Grafik wurde so gut wie nicht geschraubt, bis auf die Auflösung und die Draw-Distance. Polygonanzahl aller Objekte und Figuren blieben, ebenso wie, und vor allem, die Texturen unberührt. Man betrachtet jetzt einfach immens matschige Texturen in 1080p. Wer Resident Evil Revelations auf der PS4 oder X1 gespielt hat, kann sich in etwa vorstellen, was einen hier erwartet. Mit dem Unterschied, dass das Ausgangsmaterial für Revelations technisch ungleich besser als das Shenmues war. Die Steuerung ist durch den zweiten Stick der aktuellen Controller zwar um eine angenehme Schwenkoption bereichert, allerdings hakelt sich Ryo besonders in engeren Gässchen oder bei entgegenkommenden Passanten eher schlecht als recht seines Weges.

Und auch die Sprachausgabe ist zu Anfang wirklich erschreckend blechern. Stimmen hören sich tatsächlich an, wie in eine Gießkanne gesprochen. Man gewöhnt sich zwar daran, genußvoll ist dennoch anders. Offenbar ist Sega nicht mehr im Besitz der Studio-Aufnahmen, sondern hatte nur noch die heftig komprimierten Samples des Dreamcasts-Originals zur Hand. Speicherplatz für Audiosamples in CD-Qualität böten aktuelle Medien ja durchaus genug.

Abschließender Fun-Fact: Wer oder was das titelgebende Shenmue ist, wird in Teil 1 nicht erwähnt. Erst am Ende von Teil 2 wird dieses Mysterium gelöst. Wie Ryos Reise weitergeht, werden wir voraussichtlich, nach anderthalb Jahrzehnten des Wartens, im Herbst 2019 erleben können, wenn endlich Shenmue III erscheint.

Wertung:

7.0

Tobsen meint:

"Sega legt Fans, Enthusiasten und Retro-Freunden eine Zeitkapsel zweier grandioser Spiele vor. Nahezu unbearbeitet wirken diese aber 20 Jahre nach Erscheinen sehr archaisch."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Gut
Technik: Mangelhaft

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4 Kommentare:


Tobsen
vor 2 Wochen | 0
Das Review oben ist, soweit es mir möglich war, eine sachliche Bestandsaufnahme der Collection.
Für mich persönlich - ganz subjektiv - sind Shenmue und Shenmue II zwei der tollsten Spiele, die ich je gespielt habe und auf jeden Fall in meiner bisherigen Lifetime-Top-5. Ich kann es immernoch kaum glauben, wenn ich die PS4 anmache und das sind tatsächlich SM1&2 drauf spielbar. Einfach traumhaft! 10/10. Flaws egal -> 10/10!

Vyse
vor 2 Wochen | 0
Sehr schönes Review, das die Titel fair beleuchtet.

Ich hatte zwar eine Dreamcast als die Konsole aktuell war, aber Shenmue ging trotzdem an mir vorüber. Als ich den Titel nachgeholt habe dürfte es so 2005 gewesen sein, als GTA schon bei San Andreas angelangt war. Aus diesem Blickwinkel war ich ehrlich gesagt recht enttäuscht von Shenmue, weil ich es doch arg limitiert fand und es - was angesichts der Aufteilung auf drei GDs nicht zu erwarten war - extrem kurz war. Shenmue II hat das aber wieder aufgewogen. Mir kam es wirklich so vor, als sei Shenmue I eine Idee gewesen, die dann in Shenmue II zu einem fertigen Spiel entwickelt wurde.

Auf jeden Fall freue ich mich auf die Collection, da ich beide Spiele zwar sehr weit, aber jeweils nicht durchgespielt habe.

Denios
vor 2 Wochen | 0
nicer Test. Die Spiele jucken mich leider null, aber es freut mich, dass du deinen Spaß mit ihnen hast^^

Sefgodio
vor 2 Wochen | 0
Mich interessiert das Spiel ja schon.......mmm aber irgendwie bin ich ein zu langsamer Videospieler geworden und ich komme schon mit der Switch nicht hinterher.