Test: Guacamelee! 2

Von Nico Zurheide am 21. August 2018

Bei der heiligen Guacamole, Mexiko schwebt in höchster Gefahr!

Juan Aguacate genießt sein wohlverdientes Familienleben. Nachdem er im ersten Teil der Platformer-Reihe das böse Skelett Carlos Calaca besiegen konnte, zog er sich mit seiner geliebten Frau Lupita auf seine Agavenfarm zurück und legte sich eine ansehnliche Wohlstandsplauze zu. Alles ist idyllisch und friedlich - allerdings ist das hier der Beginn eines neuen Videospiels, also lässt die nächste Katastrophe natürlich nicht lange auf sich warten. Der bereits aus dem Erstling bekannte Ziegenmagier Uay Chivo wendet sich an Juan, um mit ihm die Machtergreifung des nach der Weltherrschaft strebenden Luchadors Salvador zu verhindern. Juan muss dafür in eine finstere Dimension des Mexiversums reisen, in der Calaca über den Helden obsiegte.

Somit wird direkt nach der Startsequenz eine Neuheit eingeführt: Der Wechsel zwischen verschiedenen Dimensionen gesellt zum aus dem ersten Teil bekannten Umschalten zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten hinzu. Anders als der Übergang von Dies- zu Jenseits per Knopfdruck geschieht das Reisen zwischen den vielen Dimensionen allerdings ausschließlich an einigen Stellen im Spiel durch dafür vorgesehene Portale. Mit den verschiedenen Welten können die Entwickler von Drinkbox den bereits etablierten charmanten Humor ihrer Spiele wieder aufgreifen und gleichzeitig liebevolle Grüße an andere Indiespiele schicken. Und um die Varianz im Gameplay perfekt zu machen, kommt zu den beiden Spielwelt-Wechseln auch noch eine Verwandlung für Juan selbst hinzu - der Luchador kann sich hier ab einem bestimmten Punkt jederzeit in einen kampfbereiten Hahn verwandeln.

Viele kleine Zahnräder greifen für eine solide Steuerung ineinander

Die Startsequenz selbst übrigens ist eine Rückblende samt Bosskampf in das Finale des Vorgängers. Hier erlernen wir bereits wieder die grundlegenden Moves und Attacken von Juan, daher ist das daran anschließende eigentliche Tutorial eher unnötig. Immerhin verfügt der Held hier über einige andere Aktionen - das friedliche Familienleben erweist sich als perfekter Grund für die zu Beginn des zweiten Teils verlernten Luchador-Fähigkeiten. Die Geschichte nimmt dann schnell Fahrt auf und bereits vor der 2-Stunden-Marke erreichen wir den ersten Boss. Dieses Tempo bleibt auch während der gesamten Spielzeit erhalten, damit wird Guacamelee! 2 zu einer für ein Metroidvania äußerst kurzen Erfahrung und nach acht bis zehn Stunden ist das Mexiversum gerettet und ausführlich erkundet.

Obwohl die Bezeichnung Metroidvania für diesen Titel eher irreführend wäre. Es existieren zwar viele Bereiche, die erst mit einer später erhaltenen Fähigkeit verfügbar werden, im Kern handelt es sich hier aber um einen Action-Platformer mit einem Fokus auf schnellen und direkten Kämpfen. Von diesen stehen Juan auf seiner Reise einige bevor - hauptsächlich in vielen abgetrennten Räumen, die erst nach dem Besiegen aller Gegner wieder verlassen werden können. Diese Pflichtkämpfe machen den Großteil des Spiels aus; das hat positive wie negative Seiten. Einerseits kann Juan auf ein umfangreiches Repertoire aus Schlägen zurückgreifen und rundet das mit einem Doppelsprung und einer Ausweichrolle ab, andererseits wirkt die Steuerung für ein modernes 2D-Actionspiel etwas zu langsam, gerade im direkten Vergleich mit Titeln wie Dead Cells (zum NplusX-Test). Trotz der vergleichsweise trägen Spielweise bereiten die Kämpfe aber gerade aufgrund der verschiedenen Spezialmoves und der möglichen Verwandlung in einen brutalen Hahn durchaus Spaß.

Juans gefederte Seite und die ganz eigene Story um diese Fähigkeit ist ganz klar das Highlight des Spiels. Der verrückte Kult der Hühner-Illuminati sorgt ob seiner Skurrilität immer wieder für Lacher und die erinnerungswürdigsten Augenblicke im ganzen Spiel. Dazu gibt es einige Areale, die Juan nur als Hahn betreten kann und die gut durchdachte Platforming-Abschnitte bieten, durch welche wir die Spezialfähigkeiten des Hähnchens erlernen. Diese Spezialattacken sind, genauso wie Juans besondere Fähigkeiten, einer bestimmten Farbe zugeordnet. Haben sich Gegner mit einer farblichen Aura umgeben, können wir ihnen erst dann Schaden, wenn wir sie mit der richtigen Spezialattacke getroffen haben. Diese Mechanik sorgt für äußerst dynamische Kämpfe, in denen wir zu keinem Augenblick den Überblick verlieren dürfen, denn Juan kann schnell den virtuellen Tod erleiden.

Feelgood-Erlebnis

In Guacamelee! 2 wird ein Ableben allerdings nicht allzu hart bestraft. Die Speicher- und Rücksetzpunkte sind generös über die ganze Spielwelt verteilt und vereiteln so die ständige Wiederholung einiger Abschnitte vor härteren Kämpfen. Besonders fordernd wird das Spiel jedoch ohnehin zu keinem Zeitpunkt, selbst die Bosskämpfe sollten für die meisten Spieler kaum eine Herausforderung darstellen. Das ändert sich auch im Multiplayer nicht. Dieser ist aber wieder herrlich chaotisch und sorgt für viele lustige Momente - zumal im zweiten Teil direkt vier Spieler gleichzeitig am Spiel teilnehmen können. Der Ein- und Ausstieg von Spieler zwei bis vier geschieht dabei ohne Unterbrechung des Spielflusses. Während die Kämpfe durch eine erhöhte Spieleranzahl nicht härter werden, haben es die Platforming-Herausforderungen dann erst absolut in sich. Vor allem der fliegende Wechsel zwischen dem Reich der Lebenden und dem Reich der Toten sorgt dafür, dass einige Abschnitte mit mehr als einem Spieler beinahe unmöglich schaffbar sind. Auch hier ist ein Lachen natürlich vorprogrammiert.

Spaß bereiten auch wieder die zahlreichen Schilder, die hauptsächlich in den Städten der Spielwelt aufgestellt wurden. Waren es im Erstling noch Internet-Memes, die mexikanisiert und auf die Gamesbranche zugeschnitten wurden, verweisen die Reklametafeln nun hauptsächlich auf andere bekannte Indiespiele und stellen so eine liebevolle Hommage dar. Das Feedback der Fans, die bei Guacamelee die Verwendung alter Memes kritisierten, wurde also ernstgenommen - allerdings nicht ohne einen kleinen Gruß der Entwickler in einem gesonderten Spielabschnitt. Juan kann sich dazu auch wieder verschiedenste Kostüme überstülpen und so für Erheiterung sorgen.

Fazit:

Guacamelee! 2 ist eher ein Feelgood-Erlebnis als ein herausfordernder Platformer. Das ist ganz sicher kein Grund für Kritik, sind doch in letzter Zeit bereits einige hervorragende Titel der zweiten Kategorie erschienen. Drinkbox will den Spielern deutlich spürbar einfach nur Spaß bereiten und sorgt deshalb für einen niemals zu hohen Schwierigkeitsgrad und zahlreiche Speicherpunkte. Aufgrund einer neuen Engine sieht der zweite Teil der Reihe noch einmal deutlich schicker aus, dabei spielt er sich sogar noch etwas besser als der Vorgänger. Die neue Hühnerform ist eine perfekte Ergänzung für das dynamische Kampfsystem und erweitert Juans Repertoire sinnvoll um eine ganze Reihe neuer Fähigkeiten. Während die Hauptstory wieder beinahe den selben Aufbau wie im ersten Teil besitzt, sorgen vor allem die kleinen Geschichten am Rande und die Nebenschauplätze für ein immersives Erlebnis. Und obwohl die Schwierigkeit im Multiplayer deutlich ansteigt, ist der Spaßfaktor hier noch einmal deutlich höher. Lediglich die kurze Spielzeit sorgt für einen schlechten Eindruck, auch wenn nach dem Durchspielen ein schwieriger Modus zur Verfügung steht.

Von uns getestet: PC-Version

Wertung:

8.5

Nico Zurheide meint:

"Eine äußerst gelungene Fortsetzung mit einigen unvergesslichen Momenten. Stecken die Hühner-Illuminati dahinter?"
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Gut
Technik: Sehr gut

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