Test: Go Vacation

Von Andreas Held am 26. Juli 2018

Seit 1-2-Switch hat scheinbar selbst Nintendo den Glauben an klassische Minispielesammlungen verloren - Bandai Namco bringt sie nun in Form eines portierten Wii-Spiels zurück. 

„Geh Urlaub!“ - Kaya Yanar

Go Vacation ist tatsächlich ein Trip in die Vergangenheit, denn die kaum angepasste Switch-Portierung des sieben Jahre alte Partyspiels erinnert uns beim Spielstart an eine Zeit, in der Publisher eine vermeintlich lukrative Zielgruppe ausgemacht hatten: Familien, die sich sonntags gemeinsam vor die Konsole setzen, um sich zu viert in ein paar Minigames aus der neuesten Collection zu messen - und dabei lachend und tanzend mit ihren der Bewegungssteuerung fähigen Controllern das Wohnzimmer mit guter Laune füllen. Deshalb müssen wir beim Spielstart erstmal angeben, welches Familienmitglied wir denn nun sind: Sohn/Tochter, Mutter/Vater oder ein Vertreter der Großeltern? Als alleinstehender Mann fühle ich mich da doch gleich einmal ausgegrenzt und nehme Anstoß an der Tatsache, dass ich in diesem Spiel nicht repräsentiert werde.

Wie auch immer: Nach der Charakterwahl finden wir uns auf einer Insel wieder, die mit ihrem Namen Kawawii Island wahrscheinlich nur eine kurze Bootstour vom aus Wii Sports bekannten Wuhu Island entfernt liegt. Die Insel ist in vier Resorts eingeteilt, die jeweils beliebte Urlaubsziele repräsentieren: Ein tropischer Strand, eine Großstadt, eine Gebirgsregion und ein Wintersportgebiet warten darauf, von uns erforscht zu werden. Tatsächlich gibt es in Go Vacation auch so etwas wie einen Open-World-Part: Im Rahmen diverser Suchaufgaben dürfen wir Schatzkisten und Ballons sammeln und Fotos von Tieren schießen, was mit Punkten und neuen Outfits belohnt wird. Den Kern des Spiels bilden jedoch die zahlreichen NPCs, von denen wir zu den einzelnen Minispielen gelassen werden.

Partyspaß in vernünftig

Die überall in den Resorts platzierten Entertainer schicken uns in Wettbewerbe, die an ihr jeweiliges Setting angepasst sind. In der Stadt düsen wir auf Inline-Skates und Skateboards durch diverse Parks und führen Tricks aus, am Strand spielen wir Beach Volleyball oder vollführen Tricks auf dem Surfbrett, und im Wintersportresort dürfen wir auf diversen Skipisten um Bestzeiten fahren. Die Qualität der Minispiele schwankt ganz ordentlich und einige der Niedrigkaräter, zum Beispiel die Jahrmarktspiele aus dem Stadt-Resort, erinnern an die glücklicherweise ausgestorbene Gattung der Billig-Minispielesammlungen. Die meisten der Disziplinen sind jedoch recht ordentlich: Gegen Rennen in diversen Fahrzeugen, eine Partie Minigolf oder einen Hauch von Pilotwings, wenn wir mit dem Gleiter oder einem Fallschirm unterwegs sind, kann man pauschal wenig sagen. 

Viele Minispiele kommen obendrein noch in verschiedenen Variationen daher. Die meisten Renndisziplinen warten zum Beispiel mit über 10 Strecken auf, bei denen es sich teilweise um reine Time-Trial-Kurse handelt, auf denen wir durch Slalomtore oder Ringe manövrieren müssen. Bis wir alle Herausforderungen absolviert und uns den entsprechenden Ordern verdient haben, kann pro Minispiel gut und gerne eine halbe Stunde vergehen. Damit kommt Go Vacation insgesamt auf einen Umfang, der eines Vollpreisspiels absolut würdig ist. Dasselbe Lob können wir leider nicht über das Gameplay aussprechen: Die Steuerungskonzepte der einzelnen Minispiele sind grundsätzlich so simpel wie möglich gehalten, sodass sich fortgeschrittene Spieler sehr schnell unterfordert fühlen. Auch der Schwierigkeitsgrad ist natürlich extrem niedrig - Herausforderungen, die sich nicht bequem beim ersten Versuch absolvieren lassen, muss man in Go Vacation wirklich suchen.

Lieblose Wii-Portierung

Die wohl wichtigste Neuerung im Vergleich zum Original: Zumindest beim Spielen mit dem Pro Controller bleibt uns eine Bewegungssteuerung meistens erspart. Umso unverständlicher ist es, dass sie nicht komplett gestrichen wurde: Denn in den Minispielen, die uns weiterhin zum Nutzen einer Bewegungssteuerung zwingen, fungiert diese grundsätzlich als Analogstick- oder Knopfersatz. Die entsprechenden Steuerungskommandos würden mit traditionellen Eingabemethoden besser funktionieren. Ansonsten wurde das sieben Jahre alte Wii-Spiel technisch nicht aufpoliert - und da die Optik des Spiels schon damals nicht mehr zeitgemäß war, macht Go Vacation im Jahr 2018 einen wirklich schäbigen Eindruck. Noch liebloser ist übrigens die akustische Gestaltung des Spiels ausgefallen - die Musik ist absoluter Handyspiel-Schrott und die Soundeffekte erinnern an einen Teleshopping-Kanal. Angesichts der veralteten Technik sind die häufigen und unangenehm langen Ladezeiten wirklich ärgerlich. 

Zuletzt muss ich noch auf einen Spielmodus eingehen, der in Go Vacation eher ein Anhängsel bildet: Mit den durch das Absolvieren von Herausforderungen verdienten Punkten lässt sich neues Möbiliar einkaufen, das anschließend in einer Villa platziert werden darf, die wir im Verlauf des Spiels geschenkt bekommen. Der Sinn dieses Modus bleibt jedoch fraglich, denn das Einrichten der Villa gestaltet sich extrem umständlich und es ist kaum möglich, ansprechende oder wirklich individuelle Ergebnisse zu erzielen. Doch auch ohne diese Probleme würde sich weiterhin die Frage stellen, welchen Zweck die virtuellen Luxusanwesen nun erfüllen sollen. Dieser Punkt beleuchtet sehr anschaulich das Hauptproblem von Go Vacation: Bandai Namco hat bei der Konzeptionierung des Titels haufenweise Ideen in einen Topf geworfen, die jedoch nicht miteinander synergieren und kein stimmiges Gesamtbild ergeben. Somit entpuppt sich der Fußboden, der Go Vacation als Fundament dienen soll, bei näherem Hinsehen als Flickenteppich.

Fazit:

Als NplusX noch NintendoWiiX hieß gehörte das Testen von Minispielesammlungen zu den absolut frustrierendsten Aufgaben, die in unserer Redaktion anfielen. Beim Review solcher Kronjuwelen wie "Yetisports: Penguin Party Island" oder "Der Total Verrückte Gartenspaß" wusste man irgendwann auch gar nicht mehr, was man über derartige Spiele überhaupt noch schreiben soll. Go Vacation, das eher zum Ende des Lebenszyklus der Party-Konsole erschien, war da schon ein echter Lichtblick und wurde von uns entsprechend großzügig mit einer 7.8 bewertet. Auch sieben Jahre später ist Namcos Minispielesammlung weit von einem Totalausfall entfernt. Wenn ihr zu der ominösen Zielgruppe gehört, die sich regelmäßig mit leicht zugänglichen Party-Spielen vor der Spielekonsole versammelt und mit diesem Programm Familienabende ausfüllt, gehört Go Vacation sicherlich zum besten, was ihr in diesem Genre bekommen könnt. Auch ohne Blick auf den Multiplayer-Modus ist Go Vacation ein wirklich tolles Spiel für Kinder, die sich an dem simplen Gameplay und den zahlreichen, abwechslungsreichen Aufgaben sicherlich eine ganze Zeit lang erfreuen können. Eine wirklich gute Wertung kann ich dem Titel dennoch nicht geben, denn letztendlich verhindern die extrem simplifizierten Spielkonzepte, das bei irgendeinem der Minispiele langfristiger Spielspaß aufkommt. Die Portierung lässt ebenfalls viele Wünsche offen, da die Bewegungssteuerung beim Einbau der durchaus löblichen Pro-Controller-Unterstützung nicht konsequent entfernt wurde und die Entwickler des Ports auf optische und technische Verbesserungen verzichtet haben. Überhaupt muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen, dass Bandai Namco für die Portierung eines sieben Jahre alten Wii-Spiels noch einmal den Vollpreis verlangt. Das ist eigentlich schon ziemlich dreist.

Wertung:

6.5

Andreas Held meint:

"Eine verhältnismäßig gute Minispielesammlung ist leider immer noch eine Minispielesammlung."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Sehr gut
Technik: Mangelhaft

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2 Kommentare:


Tobsen
vor 1 Monat | 0
Ich habe das Original recht zeitnah zum Launch gekauft und kann mich noch sehr genau an die Situation erinnern und erschrak gerade als ich las, dass das schon fast acht Jahre her ist... shit, ey.^^

Piisworld
vor 1 Monat | 0
Weniger wär mehr :(