Test: Ys VIII: Lacrimosa of Dana (Nintendo Switch)

Von Deniz Üresin am 17. Juli 2018

Nach und nach füllt sich das JRPG-Sortiment für Nintendo Switch mit Titeln verschiedenster Couleur. Wie sich der Port des Action-RPGs mit dem seltsamen Namen für die Hybridkonsole macht, erfahrt ihr in unserem Test.

Das japanische Entwicklerstudio Nihon Falcom, das hierzulande eher weniger bekannt ist, existiert bereits seit 37 Jahren und produziert seitdem fast ausschließlich Rollenspiele. Schon 1984, zwei Jahre bevor Enix mit der Dragon-Quest-Reihe das Genre in Japan massen- und Heimkonsolentauglich machte, brachte Nihon Falcom mit Dragon Slayer ein Action-RPG auf die japanischen Computersysteme der PC-8800-Serie. Einige Nachfolger später erschien mit Dragon Slayer: The Legend of Heroes erstmals ein Titel mit rundenbasiertem Kampfsystem. The Legend of Heroes wurde fortan eine eigene Reihe, die wiederum eigene Unterreihen (wie beispielsweise Trails of Cold Steel) hervorbrachte. Das actionbasierte Kampfsystem der ursprünglichen Dragon-Slayer-Teile hingegen lebte in einer anderen Serie von Nihon Falcom weiter: Das 1987 erschienene Ancient Ys Vanished markierte den Start der Ys-Reihe, deren neuester Ableger ursprünglich für PlayStation Vita und PlayStation 4 entwickelt und veröffentlicht wurde, inzwischen aber auch auf Steam und Nintendo Switch erhältlich ist. 

Die dringendsten Fragen, die sich nun stellen dürften: Was genau ist die Ys-Reihe? Muss ich die Vorgänger gespielt haben, um die Story zu verstehen? Außerdem muss leider besonders bei der Nintendo Switch gefragt werden: Wie gut ist der Port? All diese Fragen werden natürlich im Laufe des Tests adressiert.

Lahmer Einstieg

Eine Besonderheit der Ys-Reihe ist das actiongeladene, ultraschnelle Gameplay. In kaum einem anderen JRPG rennt ihr derart geschwind durch die Spielwelt, während ihr mit spektakulären Combos und Spezialattacken eure Gegner auf dem Bildschirm schreddert. Von alledem bekommt ihr zu Beginn des Spiels aber erst einmal nichts mit: Die Geschichte vom achten Hauptteil der langjährigen Reihe beginnt eher gemächlich – wenn nicht sogar langweilig.

Held der Story ist wie auch schon in den meisten Vorgängern der rothaarige Abenteurer Adol Christin, der zusammen mit seinem treuen Kumpanen Dogi auf dem Passagierschiff Lombardia angeheuert hat, um neue Welten zu entdecken und das zu tun, was er immer macht: Abenteuer erleben! Auf dem Schiff gibt es allerdings nicht sonderlich viel zu tun, da euch die Entwickler erst einmal einen Großteil des Casts des Spiels vorstellen wollen: die Schiffspassagiere. In einem vor sich hindümpelnden Prolog sprecht ihr mit so gut wie allen Passagieren und erfahrt belanglose Dinge über sie. Da ist das gigantische Krakenmonster, das mit seinen Tentakeln die Lombardia angreift, fast schon ein Glücksgriff: Zwar kentert das Schiff und die Überlebenden stranden verstreut auf einer extrem gefährlichen, einsamen Insel, vor der euch Käpt‘n Barbaros noch vor gefühlt fünf Minuten ausdrücklich gewarnt hat, aber dafür geht das Spiel auch endlich richtig los.

Auch wenn die Story im späteren Spielverlauf noch deutlich interessanter wird, hält sie sich über weite Teile eher im Hintergrund und überlässt dem Gameplay und den Charakteren das Rampenlicht. Auf der Insel trifft euer kampflustiger Protagonist schnell auf seinen Freund Dogi und den Käpt’n Barbaros sowie auf die ersten beiden zusätzlichen Partymitglieder: die noble Laxia von Roswell und den Fischermann Sahad. Zusammen baut ihr an einem einigermaßen sicher wirkenden Ort ein behelfsmäßiges Dorf für die Gestrandeten auf und plant von dort eine Erkundung der Insel mit dem Ziel, die anderen Überlebenden zu finden sowie eine Möglichkeit auszumachen, wieder von der Insel herunterzukommen – was laut dem Gemunkel einiger gestandener Seemänner noch nie jemand geschafft hat. Um eine der vorab gestellten Fragen zu beantworten: Es ist nicht nötig, einen früheren Teil der Ys-Reihe gespielt zu haben, da die verschiedenen Abenteuer Adols alle in sich geschlossen sind.

Jetzt geht die Post ab!

Mit seinen neuen Gefährten Laxia und Sahad brecht ihr nun auf ins Unbekannte und fangt damit an, die Insel zu kartografieren. Dabei misst ein Ingame-Zähler bis auf das Hundertstel Prozent genau, welchen Anteil von welchem Gebiet auf der Spielwelt ihr bereits abgelaufen seid. In den großen und kleinen Arealen, die jeweils durch minimale Ladezeiten voneinander getrennt sind, könnt ihr eurem Erkundungsdrang völlig freien Lauf lassen: Hinter jeder Ecke und unter jedem Stein warten versteckte Schatzkisten, sammelbare Materialien, nützliche Abkürzungen und vor allem haufenweise Gegner.

Dieser erwehrt sich eure Truppe aus bis zu drei aktiven Kämpfen mit einem üppigen Repertoire an Aktionen: normale Angriffe, Spezialattacken, Blocks und Ausweichrollen wollen von euch gut eingeübt sein, wenn ihr dem Game-Over-Bildschirm fern bleiben wollt. Ihr könnt – und sollt – jederzeit den von euch gesteuerten Charakter per Tastendruck auswechseln, während die anderen beiden computergesteuert sind und dabei eine gar nicht mal so schlechte Figur machen. Jeder Charakter steuert sich anders und kann andere Skills erlernen, wobei es elementar ist, die Movesets von jedem eurer Partymitglieder zu lernen. Die Waffen eurer Protagonisten lassen sich nämlich in drei Kategorien einteilen: Slash, Strike und Pierce. Viele Gegner sind schwach gegenüber einem dieser drei Angriffskategorien, sodass häufiges Wechseln eures spielbaren Charakters fast unumgänglich ist, wenn ihr effizient kämpfen wollt. Außerdem ist es vorteilhaft, die Angriffsmuster eurer Gegner zu erlernen, da eine gekonnte Ausweichrolle im allerletzten Moment einen Zeitlupenmodus ähnlich wie bei Bayonetta aktiviert, in welchem sich eure Gegner kurzzeitig deutlich langsamer bewegen als ihr. Das wiederum könnt ihr nutzen, um mit verheerenden Spezialattacken massiven Schaden anzurichten.

Die sehr präzise Steuerung, die das rasante Gameplay erst ermöglicht, ist komplett frei konfigurierbar, was bedeutet, ihr könnt jede Taste auf eurem Controller mit einer Aktion eurer Wahl belegen. Das Gameplay ist spaßig, kurzweilig und gehört zu den Hauptverkaufsargumenten des Spiels. Die Handlung braucht leider etwas Zeit, bis sie an Fahrt aufgenommen hat, wird aber immerhin in den ersten Stunden bereits angedeutet: So träumt Adol gelegentlich von einem mysteriösen blauhaarigen Mädchen namens Dana, die im späteren Spielverlauf eine Hauptrolle einnehmen und auch spielbar sein wird.

Erkunden, Looten, Leveln, Questen

Jeder Schiffbrüchige, den ihr auf der Insel aufgabelt, erfüllt im Dorf eine spezifische Rolle. So kann die Schmiedin beispielsweise eure Waffen verbessern und Rüstungen schmieden, während der Arzt Heiltränke brauen kann. Da ihr alle an einem Strang ziehen müsst, um zu überleben, verlangt auch niemand etwas für seine Dienstleistungen, ihr müsst die benötigten Materialien aber selbst ranschaffen. Gelegentlich pinnt einer eurer Kameraden eine Sidequest an das Brett am Dorfeingang, die ihr optional erledigen könnt. Dabei handelt es sich zwar meist um weniger spektakuläre Fetch- und Killquests, allerdings hilft deren Absolvierung beim Ausbau des Dorfes und Adol erntet die Anerkennung des Auftraggebers. So verlangen die Damen bereits möglichst früh einen Vorhang für ihre Schlafgemächer, um etwas Privatsphäre zu haben, während Dogi gerne ein Boot bauen würde, um kleine Angel- und Erkundungsausflüge machen zu können. Die meisten Sidequests haben ein „Ablaufdatum“, können also ab einem bestimmten Punkt in der Story nicht mehr abgeschlossen werden, weswegen es empfehlenswert ist, gelegentlich am Brett vorbeizuschauen und erhaltene Sidequests so früh wie möglich zu absolvieren. Neben dem Ausbau des Dorfes ist auch die Anerkennung der Dörfler nicht zu unterschätzen: Gelegentlich wird nämlich euer Dorf von einer fast schon organisierten Horde Monster in Wellen angegriffen. Während dieser Raids kümmert sich eure aktive Party um die Verteidigung der einen Seite des Dorfes, während alle anderen Bewohner die andere Seite halten. Dabei aktivieren die Dorfbewohner bestimmte Boni, die euch während der Kämpfe unterstützen, was häufiger geschieht und effektiver ist, wenn die jeweiligen Bewohner euch gern haben. Nebenbei könnt ihr den Erfolg der Raids auch mit dem Errichten von Zäunen, Fallen, Katapulten und weiteren und Befestigungen steigern. Abseits davon und von manchen Sidequests geschieht der Dorfausbau aber automatisch mit fortschreitender Story, sodass euer Einfluss darauf bedeutend kleiner ist als beispielsweise in Dragon Quest Builders. Trotzdem ist das Dorf ein lebendiger Ort, der schnell zu einer richtigen Heimat wird, anstatt nur zu einem Speicherpunkt zu verkommen. Die Dörfler gehen ihrer Arbeit nach und haben alle ihre eigenen Probleme, reagieren auf Vorkommnisse in der Story und interagieren auch gelegentlich miteinander. Nicht selten werdet ihr einen der Bewohner bei einem Arztbesuch oder einem kurzen Plausch mit dem Käpt’n erwischen. Die Anzahl der gefundenen Dörfler hat aber auch einen weiteren positiven Effekt: Überall auf der Insel gibt es natürliche Hindernisse wie Felsen, die einen Höhleneingang versperren. Erst ab einer gewissen Anzahl an Helfern könnt ihr diese aus dem Weg räumen, um neue Gegenden erkunden zu können. Die Suche nach den Überlebenden ist also nicht nur moralisch motiviert, sondern bringt auch für euch viele Annehmlichkeiten.

Das Kampfsystem und das Dorf sind zwei tolle Aspekte und es gibt viele weitere Dinge, die man auf der Insel tun kann, wie beispielsweise angeln. Leider ist ein Element des Spiels nicht ganz so souverän implementiert: Die Karte. Beziehungsweise die Karten. Es gibt zwei verschiedene Karten, die unabhängig voneinander aufgerufen werden und verschiedene Informationen bereitstellen. Auf der Minimap ist nur das momentan besuchte Areal zu sehen, dafür mit hohem Detailgrad. Ihr könnt sehen, wo ihr herkamt, welche Ausgänge es noch so gibt, wo Sammelstellen für Items oder Schatzkisten sind. Wollt ihr einen etwas gröberen Überblick über euren Standort, müsst ihr auf die Weltkarte zugreifen, die euch jedoch lediglich verrät, in welchem Gebiet ihr seid und wo es Speicher- und somit Schnellreisepunkte gibt. Das Hin- und Herwechseln und Vergleichen zwischen den beiden Karten dient nicht gerade der Orientierung und kann, gerade in verzweigteren Gegenden, schnell dazu führen, dass ihr alle paar Sekunden die Karte aufrufen und abschätzen müsst, ob ihr gerade richtig gegangen seid. Bei einem Spiel mit Fokus auf Erkundung der Spielwelt ist das leider ein ernstzunehmendes Problem. Das Spiel wird dadurch keineswegs unspielbar und ihr werdet euch nach einiger Eingewöhnungszeit auch damit zurechtfinden, aber gut gelöst ist dieser Aspekt dennoch keineswegs.

Kein Technikwunder

Auch über die Qualität der Portierung können nicht nur Lobeslieder gesungen werden. Das Spiel läuft relativ flüssig in 720p bei 30 FPS, egal ob docked oder im Handheldmodus. Gelegentliche Framerateeinbrüche und verringerte Auflösungen der Grafik sind aber spürbar, auch wenn sie nicht so krass ausfallen wie beispielsweise bei Xenoblade Chronicles 2. Das ist schade, denn das Spiel sieht zwar mit seinem Animestil und den abwechslungsreichen, detaillierten Gebieten keineswegs schlecht aus – die PlayStation-Vita-Wurzeln sind aber dennoch klar zu erkennen. Ys VIII läuft auf der PlayStation 4 bei 1080p mit 60 FPS ziemlich flüssig, sodass ihr abwägen müsst, wie wichtig euch die Mobilität der Switch-Version ist, wenn ihr beide Konsolen besitzt.

Die Lokalisierung der Switch-Version hatte zu Beginn auch einige grobe Fehler (nicht übersetzte oder doppelte Texte beispielsweise), welche durch mehrere Patches behoben wurden. Während der Testzeit mit Version 1.04 des Spiels sind mir keine dieser Probleme aufgefallen. Einzig das „Zittern“ der Kamera während mancher Cutscenes ist noch nicht behoben worden – weitere Patches für das Spiel sollen aber noch im Laufe des Jahres veröffentlicht werden.

Technisch läuft das Spiel somit nicht einwandfrei, aber solide, und auf Abstürze oder weitere größere Probleme sind wir glücklicherweise auch nicht gestoßen.

Wie auch die anderen Versionen von Ys VIII lässt sich die Switch-Version nur auf Englisch spielen, während die Sprachausgabe auf Englisch oder Japanisch gestellt werden kann. Untermalt wird das Geschehen übrigens von einem sehr facettenreichen Soundtrack, der von ruhigen, märchenhaften Klängen während des Aufenthalts im sicheren Dorf bis hin zu schweißtreibendem Power Metal während der Bosskämpfe reicht.

Fazit:

Ys VIII Lacrimosa of Dana ist trotz seiner kleinen Probleme eine echte Bereicherung für die Switch-Ludothek. JRPG-Enthusiasten konnten bisher neben Xenoblade Chronicles 2 fast ausschließlich Abenteuer mit rundenbasiertem Kampfsystem erleben. Eine anfangs etwas maue Story, eine unausgereifte Weltkarte und ein nur durchschnittlicher Port stehen dem grandiosen Gameplay, den tollen Charakteren, der wunderschönen Spielwelt und dem interessanten Soundtrack entgegen. Eine Empfehlung für alle Freunde von Action-RPGs kann ich dennoch ruhigen Gewissens aussprechen und wer neidisch auf die Konkurrenzkonsolen schielt, die Anfang nächsten Jahres Kingdom Hearts III serviert bekommen, kann sich hiermit vielleicht ein wenig trösten.

Wertung:

8.0

Deniz Üresin meint:

"Das rasante Action-RPG mit Fokus auf Erkundung und tollem Gameplay ist auch auf der Switch ein tolles Spiel, macht technisch aber lediglich eine annehmbare Figur."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Durchschnittlich

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5 Kommentare:


Falcon
vor 1 Monat | 1
Testet ihr aktuell nur JRPGs?^^

prog4m3r
vor 1 Monat | 0
Nein, aber Deniz bekommt halt von Kamil jedes JRPG vorgeworfen was rein kommt.
Denios
vor 1 Monat | 0
bald heißen wir JRPGplusX <3

Terry
vor 1 Monat | 1
Hey, Deniz will das so!!!


Tobsen
vor 1 Monat | 1
Ich hab das Spiel für die Vita und kann Deniz in allen Punkten zustimmen. Besonders den Punkt mit der benutzerunfreundlichen Kartografie unterstreiche ich - wenn ich daran denke, rolle ich innerlich mit den Augen. Das hätte man so leicht so viel besser machen können.