Test: The Lost Child

Von Michael Prammer am 16. Juli 2018

Nintendo Switch erlebt gerade eine Flut an JRPG-Titeln und einen davon wollen wir euch im nachfolgenden Test vorstellen.

Wenn auf Nintendos Hybridkonsole in diesem Sommer ein Genre im Überfluss bedient wird, dann ist es das der Rollenspiele aus Fernost, auch JRPGs genannt. Allen voran dürfte Square Enix' Exklusiv-Perle Octopath Traveler (zum NplusX-Test) am Horizont erstrahlen, es gibt jedoch noch einige andere Spiele, die die Fanherzen höher schlagen lassen könnten. The Lost Child ist ein eher unbekannter Titel, bringt jedoch einige Einflüsse großer Rollenspiel-Hits mit und dürfte somit für so manchen Genre-Veteran interessant werden. Da Shin Megami Tensei oder Persona auf Nintendo Switch bislang nicht in Sicht sind, dürften vor allem Freunde dieser Spiele mit The Lost Child auf der Konsole ihre Freude haben.

Himmel gegen Hölle

Die Geschichte führt - wie soll es auch anders sein - nach Japan und greift ein altbekanntes Thema auf: Himmel gegen Hölle. Protagonist Hayato ist Redakteur eines okkulten Magazins namens LOST und untersucht mysteriöse Suizidfälle. Junge Menschen springen ohne erkennbaren Grund vor die U-Bahn, schon relativ bald stellt sich jedoch heraus, dass hier höhere Mächte am Werk sind. Als Hayato selbst beinahe „Opfer“ eines solchen Anschlages wird und diesem nur knapp entkommt, beschließt er, der Sache auf den Grund zu gehen. Mit Hilfe des Engels Lua begibt sich der Journalist auf Spurensuche und gerät schon bald in einen Konflikt mit einer Horde Dämonen.

The Lost Child ist ein Dungeon-Crawler und bietet verschiedenen Spielelemente. Ausgangspunkt ist immer das eigene Büro, in dem wir unsere bereits gewonnenen Erkenntnisse mittels einer Pinnwand im Überblick behalten. Diese dient als eine Art Orientierung, was wir als nächstes zu tun haben. Über eine Karte suchen wir uns dann je nach Spielfortschritt unterschiedliche Areale aus, in denen wir zunächst mit mehreren Personen sprechen und dadurch Informationen beschaffen. So werden neue Wege freigeschaltet und als „Höhepunkt“ jedes Areals gibt es einen Dungeon, den es ausführlich zu erkunden gilt. Dabei dürfen wir uns ausschließlich in der Dungeons bewegen und diese frei erkunden, ansonsten bleiben nur wenige Auswahlmöglichkeiten. Ein ausgiebiges Erkunden einer Oberwelt, wie zum Beispiel in der Persona-Serie, gibt es in The Lost Child nicht.

Ein bisschen Persona, ein bisschen Pokémon

Die Dungeons werden aus der Ego-Perspektive unter die Lupe genommen und bestehen aus mehreren Stockwerken. Dabei klappert der Spieler einen Korridor nach dem anderen ab, sucht Schalter und schaltet mit ihnen neue Wege frei. Hin und wieder gibt es Schatztruhen mit Ausrüstung, mehr bieten die Verliese allerdings nicht. So besteht das Ziel darin, immer tiefer in einen Dungeon einzudringen und letztlich auf einen großen Boss zu stoßen. Einfach nur durchrennen ist allerdings auch nicht, denn in den Leveln wimmelt es vor Gegnern, die zufallsbasiert auf den Journalisten stoßen und unvorhersehbar die Kämpfe eröffnen. In typischer Rollenspielmanier geht es dann in Runden abwechselnd zu Gange und wir müssen alle Feinde vom Bildschirm fegen.

Dabei sind nicht nur die beiden Hauptcharaktere Hayato und Lua mit von der Partie, sondern auch noch bis zu drei Mitstreiter, die wir „rekrutieren“ müssen. Hier kommt ein wenig Pokémon mit ins Spiel, den die Mitstreiter waren einstige Feinde, die wir nach dem Sieg über sie einfangen mussten. Diese lassen sich nun verbessern, aufwerten und beliebig austauschen, um je nach Kampfbedingung passend einzusetzen. Das bringt eine schöne Dynamik mit ins Spiel und kann in einem scheinbar unschaffbaren Kampf eine positive Wendung herbeiführen. Die dämonischen Mitstreiter sind auch für die Spezialangriffe des Haupthelden wichtig. Dieser kann nämlich gegen besonders starke Gegner eine wirkungsvolle Attacke beschwören, ist dabei allerdings auf die Mithilfe seiner Recken angewiesen. Auch hier gibt es dann Unterschiede und je nachdem, welche Schützlinge eingesetzt werden, fällt die Attacke unterschiedlich stark aus.

Nach einem Kampf gibt es neben Erfahrungspunkten auch Karma in drei unterschiedlichen Formen. Dieses unterscheidet sich allerdings nur in der Wirkung und hat den Zweck, die Dämonen - im Spiel werden diese übrigens Astrale genannt - aufzuwerten. Die eigentlichen Erfahrungspunkte wiederum dienen nur den beiden Protagonisten. Es ist demnach vor allem wichtig, das Karma sinnvoll zu verteilen und die Astrale, mit denen wir kämpfen, sinnvoll zu leveln. Karma erhält der Spieler übrigens auch durch Gespräche in den Oberwelten, je nach Entscheidung in den Dialogen kann die Belohnung unterschiedlich hoch ausfallen. Die Kombination aus dem Erkunden der Dungeons, den Kämpfen und dem Aufwerten der Astrale motiviert extrem und lässt den Spieler kaum los - wenn man sich darauf einlässt.

Der Stil des Spiels könnte nämlich abschrecken. Entweder man mag The Lost Child von Beginn an und daddelt es stundenlang oder man legt das Spiel nach wenigen Minuten beiseite. Das liegt vor allem am Grafikstil. Die Dungeons sind nämlich teilweise potthässlich und sehen aus, als wären sie direkt aus einem unterdurchschnittlichen Videospiel der 90er-Jahre entnommen. Eine etwas liebevollere Gestaltung hätte dem Spiel wirklich nicht geschadet. Dagegen stehen teils schön gezeichnete Manga-Charaktere, die genretypisch nicht mit ihren Reizen geizen, vor allem die weiblichen Charaktere zeigen, was sie körperlich zu bieten haben. Die Atmosphäre und die musikalische Untermalung passen ebenfalls bestens zum Spiel und es kommt so jede Menge Laune auf. Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, sollte allerdings der englischen Sprache mächtig sein. Die Story ist mitunter nicht ganz einfach zu verfolgen und auf deutsche Texte wurde leider verzichtet.

Fazit:

The Lost Child ist ein Spiel der Kategorie: „entweder ich mag dich sofort und spiel dich, bis ich umfalle oder ich werf' dich gleich weg“. Der Stil des Spiels ist eigenartig und verbindet mehrere Aspekte bekannter Serien. Wer sich darauf einlässt, bekommt ein außergewöhnliches, aber auch sehr spannendes Videospiel, das für Stunden begeistern kann. Die Kombination aus Erkunden, Sammeln, Leveln von Astralen und dem Vorantreiben der gelungenen Story motiviert und begeistert zumindest JRPG-Fans sicher. Man darf sich allerdings nicht von der lieblosen Optik der Dungeons abschrecken lassen und sollte sich vor dem Kauf darüber bewusst sein, dass die Grafik ein Stimmungskiller sein könnte. Die Atmosphäre passt ansonsten aber stets und ich kann das Spiel, abseits der angesprochenen Optik, nur empfehlen.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

8.0

Michael Prammer meint:

"Entweder man liebt es oder man hasst es - wer mit der Optik klar kommt, wird es aber lieben."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Mangelhaft

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2 Kommentare:


Falcon
vor 1 Monat | 1
Schöner Test!

Denios
vor 1 Monat | 0
jo, also ich bin nach Shin Megami Tensei erstmal mit Dungeon-Crawlern versorgt :D aber gut zu wissen, dass es neues Futter gibt, sollte mein Hunger eines Tages wieder erweckt werden^^