Test: Octopath Traveler

Von Deniz Üresin am 12. Juli 2018

Mit Octopath Traveler erscheint über ein halbes Jahr nach Xenoblade Chronicles 2 der zweite große JRPG-Exklusivtitel für Nintendo Switch. Wie groß das Spiel wirklich ist, erfahrt ihr in unserem Test.

Die Final-Fantasy-Reihe, die 1987 auf dem NES startete und mittlerweile zu den größten und erfolgreichsten JRPG-Franchises der Welt gehört, hat nicht nur 15 Haupttitel hervorgebracht, sondern auch zahlreiche Spin-Offs in allen Farben und Formen. Nach den gelungenen Remakes von Final Fantasy III und IV für den Nintendo DS durfte das Team um Produzenten Tomoya Asano und Masashi Takahashi erstmals einen eigenen Titel der Reihe entwickeln. Final Fantasy: The 4 Heroes of Light für den Nintendo DS sollte sich dabei im Gegensatz zu den neueren Final-Fantasy-Ablegern wieder zu den Wurzeln der Reihe zurückbesinnen, mit klassischen Job- und Kampfsystemen und einer mittelalterlichen Fantasy-Welt, die im starken Kontrast zu den technologisch deutlich weiterentwickelten Welten der späteren Teilen der Final-Fantasy-Reihe steht. Auf dem 3DS erschienen dann die geistigen Nachfolger dieses Spin-Offs, Bravely Default und Bravely Second, die sich immer noch stark an die älteren Final-Fantasy-Titel, insbesondere III und V, anlehnen, aber zumindest namentlich auf eigenen Beinen stehen.

Mit all dieser Erfahrung im Gepäck setzte sich das Team bei SquareEnix erneut ans Reißbrett, um auch für Nintendo Switch ein klassisches JRPG zu entwickeln, das Fans an die SNES- und PS1-Ära der Rollenspiele erinnern soll. In Zusammenarbeit mit dem japanischen Entwickler Acquire (Tenchu, Way of the Samurai, Akiba’s Trip) ist dabei Octopath Traveler herausgekommen: ein Pixelart-JRPG mit rundenbasiertem Kampfsystem. 16bit-JRPGs sind jedoch technisch nicht sonderlich anspruchsvoll und dank einfach zu bedienender Software wie der RPG-Maker-Reihe heutzutage nicht unbedingt Mangelware. Das Konzept, ein „klassisches“ Rollenspiel zu entwickeln, das an alte Zeiten erinnern soll, ist ebenfalls nicht unbedingt neu. Kann sich Octopath Traveler also gegen die immense Konkurrenz an Nostalgie-RPGs behaupten?

Acht Reisende, acht Geschichten

Eines der größten Alleinstellungsmerkmale des Spiels ist seine Struktur: Wie die Geschichte startet, liegt nämlich allein bei euch. Octopath Traveler gibt euch acht verschiedene Protagonisten zur Auswahl an die Hand, die allesamt eine eigene kleine Story mit sich bringen. Welchen Charakter ihr als eure Spielfigur wählt, entscheidet darüber, wo auf dem fiktionalen Kontinent Orsterra, der genretypisch zu großen Teilen dem mittelalterlichen Europa nachempfunden wurde, eure Reise startet. Die tragische Geschichte der Tänzerin Primrose beginnt im orientalischen Wüstenstädtchen Sonnschatt. Sie ist undercover unterwegs, auf der Jagd nach den drei Männern, die vor vielen Jahren ihren Vater vor ihren Augen ermordeten. Um ihr Ziel zu erreichen, nimmt sie tapfer jede Demütigung hin, die ihr während ihrer Tätigkeit in dem verruchten Etablissement, in dem sie zurzeit arbeitet, widerfährt. Alfyns Geschichte startet weit weg von der Wüste, im verschlafenen kleinen Dorf Klarach. Alfyn ist ein hoffnungsloser Gutmensch und hat es sich als wandernder Apotheker in Ausbildung in den Kopf gesetzt, die Welt zu bereisen und jedem zu helfen, der medizinischer Versorgung bedarf. Dabei stößt er auf mehr Probleme, als er es sich je hätte ausmalen können: Schnell muss er feststellen, dass Lug und Betrug fast überall auf der Welt an der Tagesordnung liegen. Der etwas eigensinnige Gelehrte Cyrus aus Atlasdamm hat ebenfalls einen sehr persönlichen Grund für seine Reise: Den Bestand der lokalen Bücherei kennt der wissbegierige Lehrer der hiesigen Prinzessin bereits auswendig, doch eines Tages erfährt er von einem interessanten Buch über dunkle Magie, das vor 10 Jahren gestohlen und seitdem nie wieder gesehen wurde. Dieses Rätsel darf natürlich nicht ungelöst bleiben und so macht auch er sich auf, Orsterra zu bereisen und nach Anhaltspunkten zu dem Buch zu suchen. Die acht verschiedenen Geschichten der Protagonisten sind in ihrem Ton dabei extrem unterschiedlich, aber immer persönlich - niemand will die Welt vor einem zentralen Bösewicht retten und - das ist ein wenig der Knackpunkt: Es gibt generell kein gemeinsames Ziel. 

Der Titel des Spiels ist dabei so bildlich wie möglich zu nehmen: Octopath Traveler. Acht Reisende auf acht verschiedenen Pfaden. Im Prinzip handelt es sich also um eine Sammlung von acht kleinen JRPGs, die zufälligerweise zur selben Zeit im selben Universum stattfinden. Trotzdem müsst ihr das Spiel nicht achtmal neustarten, wenn ihr alle Geschichten erleben wollt: Die Protagonisten mögen unterschiedliche Beweggründe für ihre Reise haben, aber letztendlich müssen alle acht für das Erreichen ihrer persönlichen Ziele mehr oder weniger den gesamten Kontinent bereisen. Ein gefährliches Unterfangen bei der Vielzahl an starken Monstern und anderer Widersacher, die sich in den Dungeons, Wäldern und auf den Straßen zwischen den Ortschaften tummeln. Wie jeder gestandene JRPG-Held es also tun würde, könnt ihr, wenn eure Spielfigur während der Reise auf einen anderen Protagonisten trifft, euch dessen Vorgeschichte anhören und beschließen, ihm bei seinem aktuellen Problem zu helfen - heißt im Klartext: Ihr spielt den Prolog des Charakters aus dessen Sicht, bis er auf seinem Weg zum Boss seines ersten Kapitels auf eure Spielfigur trifft, die ihm anbietet, ihm bei seinem bevorstehenden Kampf zu helfen. Fortan reist dieser Charakter als spielbare Figur und neues Partymitglied mit euch mit. Nach Abschluss des Prologs eures neuen Kumpanen habt ihr erneut freie Wahl: Wollt ihr erst einmal ein, zwei oder gleich alle weiteren Charaktere einsammeln und eurer Truppe hinzufügen? Oder wollt ihr vielleicht vorher die Geschichte eines eurer aktuellen Partymitglieder weiterverfolgen? Wo ihr hingeht und welche Geschichte ihr wann weiterspielt, liegt fast komplett bei euch - mit einer kleinen Einschränkung.

Dieser Weg wird kein leichter sein

Öffnet ihr die Weltkarte im Menü, auf der ihr jederzeit zu bereits besuchten Städten per Schnellreise zurückkehren könnt, so findet ihr überall auf der Karte Markierungen, die euch anzeigen, wo das nächste Kapitel von welchem Charakter stattfindet; zusammen mit einer Levelempfehlung für dieses Kapitel. Der empfohlene Durchschnittslevel eurer Party steigt dabei von einem Kapitel zum nächsten beachtlich - ohne einige mehrstündige Grindingsessions ist es demnach fast unmöglich, sich auf einen Charakter zu fokussieren und dessen Story ohne Unterbrechungen von Anfang bis Ende am Stück mitzuverfolgen. Stattdessen erweist es sich einfach als deutlich effizienter, zuerst das 2. Kapitel eines jeden Reisenden zu absolvieren, bevor ihr euch Gedanken um das 3. Kapitel eurer Figuren macht. Da nur vier Charaktere gleichzeitig aktiv in der Party sein können und eure Kollegen auf der Ersatzbank während ihrer Abwesenheit keine Erfahrungspunkte erhalten, ist es außerdem ratsam, gelegentlich die Mitglieder eurer aktiven Party auszutauschen, um im späteren Spielverlauf nicht in die Verlegenheit zu geraten, einen selten genutzten Charakter erst einmal mühselig hochleveln zu müssen, bevor er wieder nützlich geworden ist.

Die meisten Kapitel sind dabei strukturell identisch aufgebaut - euer Charakter betritt die entsprechende Stadt, eine Cutscene startet, ihr sprecht ein wenig mit den Dorfbewohnern, erfahrt von einem lokalen Problem und begebt euch dann in den nahegelegenen Dungeon, wo ein fieser Bossgegner bereits auf euch wartet. Die Wege zwischen den Städten sowie die Dungeons sind dabei von Gegnern bevölkert, denen ihr in Zufallsbegegnungen (die Gegner sind nicht sichtbar auf der Oberwelt zu sehen, ein Kampf wird nach einer gewissen Anzahl an Schritten mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit initiiert) entgegentreten müsst. Das Kampfsystem von Octopath Traveler ist ein wichtiger Aspekt des Spiels, da ihr einen sehr großen Teil eurer Spielzeit in Kämpfen verbringen werdet. Es ist rundenbasiert, hat aber ein paar besondere Kniffe. Und auch wenn keiner davon wirklich etwas völlig neues darstellt, so harmonieren sie gut miteinander und sorgen für ein interessantes und vor allem strategisches Gameplay. 

Auf dem oberen Bildschirmrand könnt ihr jederzeit die Angriffsreihenfolge von Freund und Feind der aktuellen und nächsten Runde einsehen. Eure Charaktere können unterschiedliche Waffen ausrüsten und verschiedene Elementzauber wirken. Jeder Gegner hat einen Schild und eine Schwäche gegenüber verschiedenen Waffen und Elementen. Wird ein Monster mit einer Schwäche gegenüber Schwertangriffen von einem solchen getroffen, verringert sich seine Schildanzeige um eins. Ist die Schildanzeige bei null angelangt, findet ein sogenannter „Bruch“ statt - der Gegner wird kurzzeitig ohnmächtig und setzt für eine Runde aus. Während dieser Runde ist seine Verteidigung extrem geschwächt und Angriffe machen deutlich mehr Schaden. Diese Mechanik ähnelt ein wenig dem Kampfsystem der Shin-Megami-Tensei- und Persona-Reihen, in der das schnelle Finden und Ausnutzen der Schwächen der Gegner von zentraler Bedeutung ist. Zusätzlich dazu gibt es in Octopath Traveler aber noch das Boost-System. In jeder Runde, in der euer Charakter keinen Boost verwendet, bekommt er einen Boost-Punkt, von dem er bis zu fünf gleichzeitig aufbewahren und bis zu drei in einer Runde einsetzen kann. Mit den Boostpunkten könnt ihr, ähnlich wie die Brave-Option in Bravely Default, die Anzahl eurer Angriffe in der aktuellen Runde erhöhen. Der maximale Dreifachboost lässt eure Figur also viermal hintereinander angreifen. Zauber werden durch den Boost entsprechend in ihrer Stärke erhöht, zählen aber weiterhin als ein einzelner Angriff. 

Das Kampfsystem ist schnell erlernt, bietet aber durchaus taktische Tiefe. Es kann in vielen Situationen überlebenswichtig sein, seine Züge vorauszuplanen, Gegner zu brechen, bevor sie angreifen können und den zugefügten Schaden eurer Party effizient auf die Gegnergruppe zu verteilen. Gerade in den fulminanten Bosskämpfen wird euer Können auf die Probe gestellt, die je nach Level und Zusammenstellung eurer Party teilweise über eine halbe Stunde dauern können und in denen eine zu langsame Adaption an die manchmal inmitten des Kampfes wechselnde Strategie eures Kontrahenten den Game-Over-Bildschirm bedeuten kann. Die Levelempfehlungen jedes Gebiets und jedes Kapitels sind dabei ein angenehmes Mittel, dem Spieler die Freiheit zu geben, seinen Schwierigkeitsgrad selbst zu bestimmen. Während eure Party mit einem Durchschnittslevel von 20 in einer Gegend mit Levelempfehlung 30 keine 10 Sekunden überleben wird, so stapft sie sorgenfrei durch ein Gebiet mit Level-12-Gegnern. Je schwerer ihr es also haben wollt, desto weniger solltet ihr grinden, dabei aber trotzdem darauf achten, dass sich der Durchschnittslevel nicht zu weit unter dem der Gegner befindet, da diese ordentlich Schmackes haben und teilweise fiese Flächenangriffe besitzen, die eurer gesamten Party gleichzeitig massiven Schaden zufügen können. Im späteren Spielverlauf können die Jobs der acht Charaktere als Zweitjobs für die jeweils anderen Kämpfer freigeschaltet werden, was eine Menge neuer Kombinationsmöglichkeiten und noch mehr taktische Tiefe mit sich bringt. Das Kampfsystem ist somit nicht nur ein zentraler Aspekt von Octopath Traveler, es ist neben der audiovisuellen Präsentation auch eine der größten Stärken des Spiels.

Makellose Präsentation

Der orchestrale Soundtrack aus der Feder des relativ unbekannten Komponisten Yasunori Nishiki ist, gelinde gesagt, ein Meisterwerk. Selten schafft es ein Soundtrack, das Geschehen und die Szenerie derart gut zu untermalen, dass man tatsächlich Angst hat, etwas zu verpassen, wenn man das Spiel beispielsweise im Handheldmodus der Switch ohne Sound spielt. Das Thema der finsteren Stadt Sonnschatt lässt den Spieler beispielsweise bereits erahnen, welche zwielichtigen Geschäfte dort ablaufen, sobald er nur einen Fuß in die Ortschaft gesetzt hat. Die epischen Bosskampfmelodien untermauern die oft hitzigen Gefechte auf Leben und Tod, selbst die verschiedenen Field Themes zeichnen ein detailliertes Bild von der jeweiligen Umgebung.  

Der einzigartige Artstyle muss sich hinter dem Soundtrack jedoch keineswegs verstecken. Zwar ist die Grafik Pseudo-16bit-Pixelart, wie man es bereits von zahlreichen Indietiteln kennt, bei denen den Entwicklern das Budget und/oder das Know-how für aufwändigere Grafiken fehlten (oder die auf der Nostalgiewelle mitreiten wollen), allerdings gibt es einen bedeutenden Unterschied: Die sogenannte HD-2D-Grafik wäre keineswegs auf einem Super Nintendo oder einer PlayStation 1 machbar gewesen. Die extrem detaillierten, zweidimensionalen Pixelsprites bewegen sich in einem dreidimensionalen Raum, dessen Dreidimensionalität vor allem durch die exzellenten, aufwändigen Licht- und Schatteneffekte gegeben sind. Ein starker Blur-Effekt auf Objekte außerhalb der Fokusebene verdeutlicht weiter die Tiefe des Raumes. Octopath Traveler sieht, um es ein wenig greifbarer zu beschreiben, in etwa so aus, wie man als Kind seine ersten Videospiele beispielsweise auf dem SNES wahrgenommen hat - mit atemberaubender Grafik und einem viel größeren Detailgrad, als es die Konsole je hätte darstellen können. 

Etwas weniger spannend als der Sound und die Grafik des Spiels ist der Einsatz des HD-Rumble-Features geworden, der in keiner Situation des Spiels sinnvoll das Spielerlebnis intensiviert. Überhaupt bemerkt man das Feature nur dann, wenn man wirklich darauf achtet.

Retro-RPG von der Stange?

SquareEnix greift neben Nintendo auf eines der größten und ältesten IP-Repertoires der Videospielgeschichte zurück - vor allem im Bereich der japanischen Rollenspiele. Final Fantasy, Dragon Quest, Kingdom Hearts und Star Ocean sind nur einige Beispiele für die vielen Franchises, die seit Jahrzehnten Fans vor den Bildschirm fesseln - und immer noch aktiv mit Nachfolgern versorgt werden. Gerade die relativ frisch gegründete Tokyo RPG Factory wurde von SquareEnix damit beauftragt, klassische JRPGs zu produzieren, die an die Nostalgie der Fans appellieren und den Geist von Klassikern wie Chrono Trigger einfangen sollen. Mit ihren beiden ersten Gehversuchen, I am Setsuna und Lost Sphear, ist ihnen das jedoch noch nicht ganz gelungen - beide Spiele leiden an unterschiedlichen Problemen, die es schwierig machen, aus der Masse an japanischen Rollenspielen herauszustechen, die in den letzten Jahren wieder vermehrt entwickelt werden.

Eines der Alleinstellungsmerkmale von Octopath Traveler, das die Entwickler übrigens selbst als geistigen Nachfolger von Final Fantasy VI bezeichnen, soll neben der gelungenen Präsentation die dezentralisierte Story mit Fokus auf die persönlichen Abenteuer der einzelnen Protagonisten sein. Die viel umworbene Nonlinearität ist dabei wie bereits beschrieben nicht ganz gegeben, euren Startpunkt könnt ihr zwar selbst wählen, aber wenn ihr nicht zuerst alle Partymitglieder rekrutieren und dann sukzessive erst das zweite Kapitel eines jeden Reisenden abschließt, bevor ihr euch zu den dritten Kapiteln begebt, artet das Spiel in ein extremes Grindfest aus. Die Levelschranken zwingen euch mehr oder weniger, immer für eine gewisse Zeit in einem bestimmten Teil auf der Weltkarte zu bleiben und dort alles zu erledigen, was ihr erledigen könnt, bevor die Reise weitergehen kann. Dieser Aspekt ist aber einfacher zu verschmerzen als das größte Problem, das Octopath Traveler hat: Die fehlende Interaktion eurer Gruppenmitglieder. 

Während sich das Team tolle, detaillierte und persönliche optionale Dialoge ausgedacht hat, denen ihr während der Handlung gelegentlich lauschen könnt, mangelt es sonst stark an irgendeiner Form von glaubwürdiger Interaktion zwischen euren Partymitgliedern. Während der Cutscenes tut das Spiel beispielsweise immer so, als sei der gerade aktive Charakter alleine unterwegs und besonders die Rekrutierung neuer Charaktere ist nicht nur etwas lieblos, sondern teilweise auch etwas unglaubwürdig gestaltet. So will Therion, der Dieb, in seinem Prolog in eine gut bewachte Villa einbrechen, um einen wertvollen Schatz zu stehlen - die Hilfe diverser anderer Halunken lehnt er dabei ab, da er es bevorzugt, alleine zu arbeiten. Wieso also sollte er sich einer bunt gewürfelten Truppe vorbeilaufender Reisender anschließen? Und vor allem: Wieso sollten die anderen sieben Protagonisten, unter denen sich eine ehrliche Händlerin, ein etwas naiver Apotheker und ein ehrenhafter Ritter befinden, einem dreckigen Dieb bei dessen Tagewerk zur Hand gehen? Im späteren Verlauf von Therions Story gibt es einen Punkt, an dem das Zusammentun mit den anderen Charakteren deutlich nachvollziehbarer gewesen wäre.

Eine weitere Besonderheit des Spiels sind die sogenannten Wege-Aktionen der acht Protagonisten. Jeder Charakter kann auf unterschiedliche Arten und Weisen mit den NPCs der Spielwelt interagieren - Olberic kann beispielsweise nahezu jede Person zum Duell herausfordern und so blockierte Wege freiräumen, Therion kann Leute bestehlen und Alfyn hat die Fähigkeit, den Personen durch freundliches Zureden das eine oder andere Geheimnis zu entlocken. Die vier verschiedenen Wege-Aktionen haben dabei jeweils eine „böse“ und eine „gute“ Variante. Die Alternative zu Therions Stehlerei ist die Möglichkeit, die entsprechenden Items des NPCs mit der Wege-Aktion der Händlerin Tressa zu kaufen. „Gute“ Wege-Aktionen haben dabei immer gewisse Einschränkungen, während „böse“ mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit fehlschlagen können, was euren Ruf in der jeweiligen Stadt schädigt.

Die Wege-Aktionen müssen nicht nur gelegentlich in den Hauptstorys der acht Charaktere eingesetzt werden, sie finden auch in den zahlreichen Nebenquests Anwendung. Eine Besonderheit der oft sehr kurzen Sidequests in diesem Spiel ist, dass ihr meist selbst herausfinden müsst, was ihr eigentlich genau zu tun habt. Im Gegensatz zu den genretypischen Nebenmissionen der Marke „Besorge mir fünfmal das Item X!“ oder „Besiege zehn Gegner der Sorte Y!“ beschweren sich die NPCs in Octopath Traveler meist über irgendeine Begebenheit, ohne euch zu erklären, wie ihr das Problem lösen könnt. So klagt beispielsweise ein Minenarbeiter, dass seine Spitzhacke nicht mehr scharf genug für seine Arbeit sei. In einer weit entfernten Stadt trefft ihr auf dem Marktplatz auf einen Händler, den ihr mit Therion um sein Hab und Gut erleichtern könnt, unter dem sich ein besonders effizienter Wetzstein befindet. Alternativ könnt ihr allerdings auch mit der Händlerin Tressa um die Ware feilschen. Dass der Wetzstein möglicherweise von Nutzen für den Minenarbeiter sein könnte, den ihr vor einigen Spielstunden getroffen habt, wird euch nirgends gesagt - diese Verknüpfung müsst ihr selbst machen. So können durchaus simple und unoriginelle Sidequest-Typen von einer gewissen Würze profitieren, die einzigartig für Octopath Traveler ist. 

Um die Frage in der Überschrift zu beantworten: Auch wenn das Spiel nicht alles richtig macht und an manchen Stellen ein bisschen was von seinem Potenzial verschenkt, ist es keineswegs ein JRPG von der Stange, sondern tatsächlich eines der besten Rollenspiele dieses Jahres. Der Titel macht seine Fehler mit einem gelungenen Kampfsystem, einigen interessanten Gameplaymechaniken, einer abwechslungsreichen, großen Spielwelt mit vielen einzigartigen Charakteren und einer grandiosen Präsentation mehr als nur wett.

Fazit:

In seinem Kern ist Octopath Traveler ein Retro-RPG mit rundenbasiertem Kampfsystem, das anstelle einer langen, epischen Story über die Rettung der Welt vor einem gewaltigen Übel acht kleine, sehr persönliche Geschichten in einer mit viel Liebe zum Detail designten Welt erzählt. Auch wenn es die Entwickler nicht geschafft haben, die Beziehungen der Reisenden zueinander zufriedenstellend auszuarbeiten, wird sich kaum jemand der Schönheit der detaillierten Pixelgrafik oder der Qualität des facettenreichen Soundtracks erwehren können.

Die Schnitzer zu Beginn des Spiels stehen neben des etwas repetitiven Kapiteldesigns einer Höchstwertung leider im Weg, aber andererseits macht das Spiel auch zu viel richtig, um es einfach als ein weiteres Nostalgie-RPG abzustempeln. Wer die klassischen JRPGs auf Super Nintendo und PlayStation vermisst, wird mit Octopath Traveler endlich neues Futter erhalten. Konntet ihr weder von diesem Test noch von den wunderschönen Screenshots überzeugt werden? Dann macht euch einfach selbst ein Bild und ladet die kostenlose Demo aus dem eShop, in dem ihr drei Stunden pro Speicherstand die ersten Kapitel aller acht Protagonisten ausprobieren könnt. Auch wenn Octopath Traveler vielleicht nicht das beste RPG aller Zeiten geworden ist - wer eine Nintendo Switch besitzt, sollte auf jeden Fall einen Blick riskieren.

Wertung:

8.5

Deniz Üresin meint:

"Octopath Traveler ist ein vor Charme strotzendes klassisches Rollenspiel, das auf viele kleinere Episoden statt auf eine epische Story setzt und kleine strukturelle Probleme mit sich bringt, aber auch sehr vieles richtig macht."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Sehr gut

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15 Kommentare:


Matthew1990
vor 4 Monaten | 2
Toller Test!
Schade, dass nur die aktive Gruppe Erfahrungspunkte bekommt.

prog4m3r
vor 4 Monaten | 1
Ist in Final Fantasy VI auch so. Stört es? Nicht wirklich. Wobei der Titel auch ein paar Kniffe hat... .
Matthew1990
vor 4 Monaten | 2
"Stört es?" - Mich schon. Muss dann ja alles auf einen Stand halten, damit da die eine Hälfte nicht nach hängt.


Tobsen
vor 4 Monaten | 1
Danke für diesen sehr ausführlichen Test! Ich hole das Spiel direkt morgen!

[Dieser Blur-Effekt, den du beschreibst, heißt Vignettierung.] XOXO, Chocobro!

JoWe
vor 4 Monaten | 1
Ich glaube, er meint er den Tiltshift-Effekt bzw. die Tiefen(un)schärfe. Die Vignettierung (Abschattung zum Bildrand) ist aber bei Octopath Traveler auch recht ausgeprägt.

Falcon
vor 4 Monaten | 1
Danke für den super ausführlichen Test! Wird geholt :)

michi1894
vor 4 Monaten | 1
Ist bestellt. Der Test unterstreicht meine Erwartungen. Danke.

McClane
vor 4 Monaten | 3
Für ein so gehyptes Spiel ist eine Wertung von 8.5 unterm Strich etwas mau.

JoWe
vor 4 Monaten | 0
Sehr schöner ausführlicher Test! Der Pappkarton ist schon lange vorbestellt.

Ken_Sugisaki
vor 4 Monaten | 0
Insgesamt etwas wenig Text. Ich mein man sollte zum Lesen eines Spielreviews länger brauchen als für das eigentliche Spiel! Trotzdem Danke für den kurzen Einblick. :D

RickGrimes
vor 4 Monaten | 0
Die Demo hat mir sehr gut gefallen, hat mich schon an gute SNES Zeiten erinnert und Spaß macht es auch. Steht auf jeden Fall ganz oben auf meiner Liste, aber für den Vollpreis bin ich irgendwie nicht bereit, ich warte mal noch ab bis bzw. ob es günstiger wird.

Derkomai
vor 4 Monaten | 0
Es hat aber den Anschein laut eines Leaks, dass es einen geheimen Dungeon gibt mit einem finalen Endgegner, und die Stories der Reisenden miteinander verbunden sind, was das Erwachen einer dunklen Gottheit betrifft. Insofern wäre da doch eine epische Story die alle Geschichten eint.

Piisworld
vor 4 Monaten | 0
Hätte auch mit einer besseren Wertung gerechnet. Und eine Energieanzeige von Gegnern existiert auch nicht oder?

Denios
vor 4 Monaten | 0
nein, aber der Name der Gegner wird von weiß zu gelb zu rot, je weniger HP sie haben. eine höhere Wertung hätte es gegeben, wenn es innerhalb der Kapitel mehr Abwechslung und vor allem mehr Interaktion zwischen den Partymitgliedern gegeben hätte. Eine 8.5 ist aber keineswegs eine schlechte, sondern eine sehr gute Wertung.
Piisworld
vor 4 Monaten | 0
Da hast du recht. Eine 8,5 ist wirklich sehr gut. Da waren nur meine Erwartungen noch höher... werde euch heute Abend mal über die Schulter gucken und mir einen Eindruck verschaffen.