Test: The Crew 2

Von Andreas Held am 09. Juli 2018

Ubisoft erweitert seinen in den USA angesiedelten Always-Online-Racer um Motorräder, Flugzeuge, Schnellboote, Helikopter, Monster Trucks, ...

Racing Transformed

Die Marketing-Floskel "zu Lande, zu Wasser und in der Luft" blieb bisher Funracern vorbehalten. Diddy Kong Racing machte es vor, Mario Kart 7 und Sonic & All-Stars Racing Transformed griffen die Idee wieder auf. Mit The Crew 2 bringt Ubisoft das Konzept nun in einem Arcade-Racer unter, orientiert sich dabei aber am Morphing-Feature der beiden letztgenannten Titel: Treffen wir mit unserem Boot auf eine am Ufer gelegene Rampe, fliegen wir an Land, verwandeln uns in der Luft in einen Straßenflitzer und das Rennen geht auf Asphalt weiter. Das Feature ist nicht schlecht, auch wenn es sich etwas mit der ansonsten eher realistischen Aufmachung des Titels beißt.

Letztendlich kommen diese Transformationen aber nur in der Open World und einigen wenigen ausgewählten Karriere-Rennen zum Einsatz. Ansonsten treten wir in vier "Familien", die jeweils noch einmal in drei bis vier Renndisziplinen unterteilt sind, gegen KI-Gegner oder verschiedene Zielvorgaben an. Die Disziplinen reichen von klassischen Straßenrasereien über Tourenwagen- und Formel-1-Rennen auf realen Strecken bis hin zu Akrobatik-Sessions im Flugzeug - dazwischen liegen Querfeldein-Rallys mit Offroad-Fahrzeugen, Drift- und Drag-Events, Motocross-Rennen und natürlich Wasserschlachten, in denen Schnellboote im Fokus stehen. Monster Trucks, mit denen wir in einer Art Skate-Park durch Half-Pipes oder Loopings düsen, gibt es auch noch - weil es geht. Im August sollen Hovercrafts als kostenloser DLC erscheinen, danach will Ubisoft das Spiel noch mindestens ein Jahr lang im Drei-Monats-Rhythmus mit komplett neuen Disziplinen versorgen.

Mit den unzähligen Renndisziplinen hat sich Ubisoft einiges aufgebürdet - und vielleicht auch übernommen. Denn letztendlich kann keine dieser Disziplinen auch nur annähernd dem das Wasser reichen, was andere Rennspiele abliefern, die sich auf eine Fahrzeugart spezialisiert haben. Die Physik-Modelle wurden extrem vereinfacht, sodass bei einem Großteil der Events nach einiger Zeit echte Langeweile aufkommt. Das liegt nicht nur an der anspruchslosen Fahr- bzw. Flugphysik, sondern zum Teil auch an der lächerlichen KI, die mit einem überzogenen Gummiband-Effekt ausgestattet ist. Manche Gegner rauschten bereits wenige Sekunden nach einem Crash wieder an uns vorbei und bremsten dann, sobald sie 50 Meter weit vor uns lagen, ohne erkennbaren Grund wieder ab. In einem 40 Minuten langen Ausdauerrennen holten einige KI-Gegner auf den ersten 95% der Strecke einen Vorsprung von 25 Sekunden heraus, wurden auf den letzten Kilometern deutlich langsamer und ließen uns das Rennen gewinnen. Eine solche KI führt das komplette Rennspiel-Gameplay ad absurdum.

Loot-Boxen like it's 2017

Wenn wir ein Rennen trotzdem verlieren liegt das in der Regel nicht an unseren spielerischen Fähigkeiten, sondern am Performance-Level unseres Fahrzeugs. Dieses wird durch den Inhalt von Loot-Boxen aufgerüstet, die wir nach dem erfolgreichen Abschluss eines Events erhalten. Der Loot ist dabei nicht wirklich zufällig, sondern immer marginal besser als die Teile, die wir bereits besitzen. Bis eines unserer Fahrzeuge voll aufgerüstet ist, wird extrem viel Grinding notwendig: Etwa 50 bis 100 Events müssten wir dazu - je nach Disziplin - gewinnen. Wollen wir in jeder der 14 Disziplinen mit einem wettbewerbsfähigen Fahrzeug antreten, dürfen wir die Prozedur noch entsprechend oft wiederholen. Es gibt in The Crew 2 bisher keine Möglichkeit, Loot-Boxen mit Echtgeld zu kaufen, obwohl mit den sogenannten Crew Credits eine käufliche Premium-Währung existiert. Das ist durchaus überraschend, denn The Crew 2 wirkt durch und durch wie ein Titel, der um kostenpflichtige Lootboxen herum aufgebaut wurde. Möglicherweise hatte Ubisoft bei Entwicklungsstart noch andere Pläne für das Spiel und sich dann aufgrund der negativen Presse gegen Star Wars Battlefront II oder das hauseigene Shadow of War später gegen derartige Mikrotransaktionen entschieden.

Wirklich viel machen könnten wir mit diesem Loot ohnehin nicht, denn die Online-Features von The Crew 2 sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht freigeschaltet. Wir haben lediglich die Möglichkeit, mit bis zu drei anderen Spielern eine "Crew" zu bilden (was auch immer uns das dann bringen würde) und können nach bestimmten Stunts, zum Beispiel einem besonders weiten Sprung, Challenges an andere Spieler senden. Wie beliebt diese Features sind, hat unser Test recht eindrucksvoll demonstriert: Während der gesamten Spielzeit erhielten wir keine einzige Einladung und keine einzige Herausforderung. Es bleibt dabei: Der Großteil der mit Videospielen verwobenen Social-Features wird für eine imaginäre, nicht existierende Zielgruppe entwickelt. Obwohl es noch keinen brauchbaren Multiplayer-Modus gibt, verlangt The Crew 2 eine ständige Online-Verbindung. Wenn wir nicht in einen zwingend erforderlichen uPlay-Account eingeloggt sind, dürfen wir The Crew 2 nicht starten und erhalten auch auf die Single-Player-Kampagne keinen Zugriff.

Fragwürdige Präsentation

The Crew 2 zielt eindeutig auf eine junge Zielgruppe ab. Das wichtigste Statussymbol, das quasi unseren kompletten Spielfortschritt repräsentiert, ist die Anzahl unserer Social-Media-Follower. Ansonsten zeigt sich im Charakterdesign von The Crew 2 eine weitere Auffälligkeit: Praktisch alle wichtigen NPCs sind Frauen mit Kurzhaarfrisuren oder Angehörige einer ethnischen Minderheit (oder beides), während die Antagonistenriege zum größten Teil aus weißen Männern besteht. Einem von ihnen wird dann obendrein noch ein irrationales Festhalten an konservativen Werten angedichtet: Der Widersacher in der Street-Racing-Familie setzt sich dafür ein, dass die Rennen illegal und lebensgefährlich bleiben - weil das halt in der Vergangenheit schon so war und deshalb so bleiben soll. Parallelen zur realen Politik sind sicherlich rein zufällig. Aus unserem Blickwinkel erleben wir hingegen eine von Nächstenliebe und Selbstlosigkeit geprägte Handlung, in der wir Podestplätze opfern um verletzte Konkurrenten ins Krankenhaus zu fahren, und Geld für einen guten Zweck sammeln indem wir durch Hafenanlagen driften.

Während die Handlung also voll auf Progressivität setzt, ist The Crew 2 in vielen Punkten im direkten Vergleich zu seinem Vorgänger ein Rückschritt. Am meisten haben wir bei unserem Test eine vernünftige Navigationshilfe vermisst: Das Streckendesign ist oft nicht klar gekennzeichnet, sodass wir regelmäßig auf eine kleine Mini-Map in der rechten unteren Ecke schielen müssen, um keine Abzweigung zu verpassen. Im ersten Teil wurde eine blaue Linie über den Streckenverlauf gelegt, und eigentlich waren derartige, direkt im Spiel eingeblendete Wegmarkierungen schon damals ein absoluter Standard im Open-World-Genre. Warum Ubisoft dieses Feature nun wegrationalisiert hat, obwohl The Crew 2 offenbar in derselben Engine läuft, weiß wohl nicht mal Yves Guillemot persönlich. Ein weiteres Ärgernis ist die generell sehr unkomfortable Menüführung. Auch grafisch wirkt der zweite Teil gefühlt schwächer als der Erstling, was aber auch daran liegen könnte, dass wir in den vergangenen dreieinhalb Jahren echte Grafikblender wie Uncharted 4 oder Horizon genießen durften und Ubisofts Racer nun einfach nicht mehr mithalten kann. Immerhin haben wir im virtuellen Amerika keine schwerwiegenden Bugs vorgefunden.

Fazit:

Ubisoft ist bekannt dafür, nach dem Fehlstart einer IP trotzdem noch einen zweiten Versuch in Form eines Nachfolgers zu lancieren. Assassin's Creed 2 schaffte es im zweiten Anlauf zur Erfolgsstory - Watch Dogs 2 konnte sich trotz erheblicher Verbesserungen nicht durchsetzen. Bei The Crew 2 hat man nun den Eindruck, dass Ubisoft selbst nicht an den Erfolg des Rennspiel-Sequels glaubte und deshalb nur das Nötigste getan hat, um noch einmal einen Verkauf zum Vollpreis zu rechtfertigen. Das Hauptargument sind die vielfältigen Renndisziplinen, aber die Fahr- und Flug-Physik wurde in diesem Arcade-Racer derart vereinfacht, dass viele Events nur noch einen Minispielecharakter haben. Dazu kommen das auf Lootboxen und stundenlanges Grinding ausgelegte Gameplay und eine Gummiband-KI, die das eigentliche Gameplay im Prinzip kaputtmacht. Ein guter Multiplayer-Modus könnte viele dieser Probleme lösen, aber dieser existiert de facto noch nicht - womit The Crew 2 durch seinen Online-Zwang kein MMO mehr ist, sondern zu einem AOS (Always Online Singleplayer) wird. Ubisofts Open-World-Rennspiel ist kein Totalausfall, denn einige der Events (zum Beispiel die Drifts oder die Air Races) wissen durchaus zu unterhalten, doch die Liste der objektiven Kritikpunkte ist einfach zu lang, als dass wir hier noch ein oder zwei Augen zudrücken könnten.

Von uns getestet: PlayStation-4-Version

Wertung:

6.0

Andreas Held meint:

"Online-Zwang, Grinding durch Loot-Boxen und anspruchsloses Gameplay: The Crew 2 ist ein Musterbeispiel für alles, was in aktuellen AAA-Titeln falsch läuft."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Gut
Technik: Gut

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1 Kommentare:


Matthew1990
vor 2 Monaten | 0
Mein Bruder fragte mich mal, wieso ich trotz Mario+Rabbids Ubisoft keine Beachtung schenken würde. Danke für den Test, denn dieser sollte als nachträgliche Antwort reichen. :)