Test: Jurassic World Evolution

Von Andreas Held am 22. Juni 2018

Die Macher von Planet Coaster spendieren uns ein Spiel, in dem wir unseren eigenen Dinosaurier-Zoo aufbauen dürfen.

Mein lustiger Dinosaurierpark

Um Dinosaurier zu züchten, müssen wir erst einmal ein Forschungsteam zu einer Ausgrabungsstätte schicken. Die so gefundenen Fossilien liefern uns Informationen über die DNA der Urechsen. Haben wir diese genau genug rekonstruiert, dürfen wir in einer Brutstation neue, lebende Dinos züchten und diese in ihr Gehege entlassen. Anschließend brauchen wir noch Mitarbeiter, die sich um die Pflege der Reptilien kümmern: Ranger heilen kranke Dinos mit Medizin-Projektilen, füllen Futterstationen auf und reparieren kaputte Gebäude. Die Asset Control Unit ist wiederum dafür zuständig, ausgebüchste Dinosaurier zu betäuben, zurück in ihr Gehege zu fliegen oder tote Dinosaurier aus diesem abzutransportieren. Darüber hinaus brauchen wir noch eine kleine Infrastruktur, die die Stromversorgung unserer Gebäude sicherstellt und unsere Gäste mit Fast Food und Merchandise versorgt.

Mit diesem kurzen Absatz wäre dann schon fast das gesamte Gameplay von Jurassic World Evolution erschlagen. Der einzige Spielmodus ist ein Story-Modus, in dem wir sechs bereits aufgebaute Parks erweitern und mit Dinosauriern befüllen dürfen - einen Sandbox-Modus gibt es nicht. Auf späteren Inseln kommen noch ein paar Gameplay-Elemente hinzu, die dessen Komplexität aber nie auf ein für Fans von Aufbaustrategiespielen akzeptables Niveau bringen. Den Gedanken, dass Jurassic World Evolution in irgendeiner Weise eine Wirtschaftssimulation sein will, dürfen wir eh begraben: Unser Kleidungs-Shop zum Beispiel verursacht Personalkosten von $11 und generiert Einnahmen von $15. Das ist aber ziemlich egal, wenn uns die Stromversorgung unseres Parks $15.000 kostet. Auch diese Kosten können uns aber nichts anhaben, da die Parkgäste allein für den Eintritt das Zehnfache locker machen.

Informierte Leser werden jetzt festgestellt haben, dass bei den obigen Preisangaben noch die Zeiteinheit fehlt. Pro Minute? Pro simuliertem Ingame-Tag? Das wissen wir selbst nicht, weil es uns das Spiel nicht sagt. Aber angesichts des völlig seichten Gameplays ist es ja auch absolut egal: Der ultraniedrige Schwierigkeitsgrad sorgt dafür, dass ein Abstimmen der Finanzen einfach nicht notwendig ist.

Gute Ansätze, undurchdachte Umsetzung

Was unterscheidet den Vollpreistitel also von einem Aufbauspiel für Smartphones? Ein Aspekt, der uns tatsächlich ein bisschen zum Aufpassen zwingt, ist das Management der Dinsoaurier. Alle Dinos haben Anforderungen an die Größe ihres Geheges und die Anzahl der Artgenossen bzw. der insgesamt vorhandenen Riesenechsen, die dieses mit ihnen teilen. Dumm ist nur, dass wir diese Informationen erst dann einsehen können, wenn wir bereits einen lebenden Dinosaurier in sein neues Revier entlassen haben. Gehört dieser einer noch unbekannten Rasse an, könnte uns das Spiel nach dessen Geburt mitteilen: Dieser Dino akzeptiert nur bis zu vierzehn andere Echsen in seinem Gehege, du hast aber schon siebzehn. In diesem Fall müssen wir die Asset Control Unit rufen, den Dinosaurier betäuben und verkaufen. Eine Übersicht über unsere Gehege, deren Größe und die in ihnen lebenden Echsen gibt es übrigens nicht. Wollen wir sicherstellen, dass es allen Echsen in unserem Park gut geht, müssen wir alle Dinos einzeln anklicken und dabei hoffen, dass wir keinen übersehen.

Wenn wir unsere Saurier nicht füttern oder sie in ein zu kleines oder zu volles Gehege pferchen, brechen sie irgendwann aus. Damit das Spiel für den durchschnittlichen Konsumenten nicht langweilig wird, brechen die Dinos regelmäßig auch völlig grundlos durch unsere Zäune und gehen auf Gäste los. In diesem Fall dürfen wir die Asset Control Unit auch selbst steuern und dann in einer Art Shooter-Sequenz mit Betäubungsgewehren auf die herumwütenden Echsen schießen. Auch das Beschießen kranker Dinos mit Medizin (die im Spiel als transparente, blaue Kugel dargestellt wird) dürfen wir auf Wunsch selbst übernehmen. Diese Action-Sequenzen sind das letzte Indiz dafür, dass Fans traditioneller Aufbaustrategiespiele einfach nicht die Zielgruppe von Jurassic World Evolution sind.

Auch technisch lässt das Lizenzspiel viele Wünsche offen. Das größte Ärgernis ist die Art und Weise, wie Parkgäste unsere Gebäude betreten: Statt verschlossene Türen zu öffnen, wandeln sie einfach durch diese hindurch. Das geht in einem Vollpreisspiel im Jahre 2018 schon deutlich unter die Gürtellinie. Auch sonst sehen die virtuellen Parks in der von uns getesteten PlayStation-4-Version sehr durchschnittlich aus, während ständige Grafikfehler - insbesondere in Form von plötzlich erscheinenden Bäumen - das Gesamtbild weiter stören. Auch die Dinosaurier selbst, eigentlich die Hauptattraktion des Spiels, können nicht überzeugen. Ein Anjanath in Monster Hunter World sieht deutlich beeindruckender aus als das, was uns Frontier hier als T-Rex präsentieren will.

Fazit:

Fans von komplexen Aufbaustrategiespielen und Wirtschaftssimulationen sind nicht die Zielgruppe von Jurassic World Evolution. Stattdessen soll das Lizenzspiel in erster Linie den durchschnittlichen Kinobesucher anlocken, der nach dem Ansehen des Films noch Bock auf das Spiel hat und es anschließend neben Uncharted und Call of Duty in sein Regal stellt. Tatsächlich würde ich aufgrund des übersimplifizierten Gameplays und der Dinosaurierthematik auch Jungs im Alter von 10 bis 14 Jahren noch als potentielle Zielgruppe des Spiels ansehen. Das allein ist kein K.O.-Kriterium, entschuldigt aber nicht die völlig lieblose Präsentation und das undurchdachte Spieldesign. Dass Parkbesucher einfach durch geschlossene Türen hindurchgehen, wichtige Informationen entweder gar nicht oder erst zu spät verfügbar sind oder das komplette Finanzmanagement aufgrund des nicht vorhandenen Balancings obsolet wird, ist in einem Vollpreisspiel einfach inakzeptabel. Das grundlegende Gameplay von Jurassic World Evolution funktioniert, aber Frontier ruht sich hier viel zu sehr auf der großen Lizenz aus. Dass das Studio so etwas nötig hat, ist nach dem starken Planet Coaster wirklich etwas traurig.

Von uns getestet: PlayStation-4-Version

Wertung:

5.0

Andreas Held meint:

"Jurassic World Evolution ist keine Wirtschaftssimulation, sondern eher eine Art Viva Piñata mit Dinosauriern. Viva Piñata war aber wenigstens liebevoll gestaltet."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Gut
Technik: Mangelhaft

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1 Kommentare:


NXPro
vor 4 Monaten | 0
Immer schwierig, wenn man Spiele passend zu Filmen herausbringen muss und eben nicht wie bei Planet Coaster sich Zeit lassen kann bzw. eine längere Open Beta macht. Sieht man leider an den Endresultaten immer wieder.

Eigentlich spricht mich das Setting an, aber so bleibe ich bei PlanetCoaster. Hoffentlich wird das neue Anno und Tropico gut und anspruchsvoll. :)