Test: Agony

Von Jeremiah David am 24. Juni 2018

Hier ist der Name Programm. Das englische Wort Agony bedeutet ins Deutsche übersetzt so viel wie Qual oder Leid. Aber beschreibt der Titel ein teuflisch gutes Spiel in den tiefsten Abgründen der Hölle, oder eher die Qualen, die ein Spieler beim Zocken des Games durchlebt?

Das Survival-Horrorspiel Agony wurde im Jahr 2016 zunächst durch eine Kickstarter-Kampagne finanziert und landete aufgrund verschiedener Werbevideos und Screenshots auf etlichen Listen mit den am sehnlichsten erwarteten Horrorspielen 2018. Die neu gegründeten Madmind Studios aus Polen bestehen nach eigenen Angaben aus Teammitgliedern, die schon an Spielen wie The Witcher 3, The Division oder Sniper: Ghost Warrior 2 gearbeitet haben; davon merkt man allerdings nicht viel.

In Agony spielen wir einen Mann, der nach seinem Ableben in der Hölle erwacht. Wie er gestorben ist? Keine Ahnung. Daran kann er sich nicht erinnern. Wieso er in der Hölle ist? Das weiß er ebenso wenig, auch wenn einige Leidensgenossen im Spielverlauf widerwärtige Gründe andeuten. Was er in der Hölle soll? Zumindest diese Frage vermag er nach kurzer Zeit mehr oder weniger zufriedenstellend zu beantworten: Er muss Schädel und andere Gegenstände sammeln, um so Türen zu neuen Gebieten zu öffnen. Er will zudem eine rote Göttin finden, die über die Hölle herrscht. Außerdem muss er nackten Dämonen aus dem Weg gehen – ist doch logisch!

Dunkler als nötig

Während unser Protagonist zu Beginn des Spiels wenig Verständnis für seine Situation hat, wird ihm und uns als Spieler immerhin eines gleich klar: Die Welt von Agony ist nichts für zartbesaitete Kameraden. Die brutale Dystopie der Hölle wird blutig, dreckig und vor allen Dingen düster dargestellt. Das mag zunächst super klingen, denn genau so soll die Hölle ja auch sein, aber Agony ist zu düster – und das meine ich wörtlich. Im normalen Tageslicht, wohlgemerkt mit wolkenverhangenem Himmel vor den Zimmerfenstern, ist Agony vor allem im ersten der insgesamt vier Kapitel stellenweise nahe an der Unspielbarkeit. Ich erkenne gemütlich auf dem Sofa anderthalb Meter vor meinem Bildschirm sitzend häufig weder wo ich hin soll, noch wo sich Gegner befinden. Nur hellere Orte, meist mit Hilfe von Fackeln beleuchtet, sind gut auszumachen. Unser Protagonist kann die Fackeln aufheben und mit sich herumtragen. Dann spenden sie zwar Licht, aber locken auch Gegner an und das erweist sich nach den ersten Zusammentreffen mit den widerwärtigen Wesen als nicht ratsam. In einem abgedunkelten Zimmer oder mit stark angepasstem Gamma-Wert spielt sich Agony besser, aber so oder so haben es die Entwickler mit dem Einsatz starker Hell-Dunkel-Kontraste zur Erzeugung von Atmosphäre übertrieben.

Die bereits erwähnten Gegner sind in erster Linie höllische Dämonen auf Hufen mit gespaltenen Gesichtern, Hörnern und großen, nackten Frauenbrüsten. Später kommen noch eine kleine Anzahl anderer Monster dazu. Sie durchstreifen die Gebiete im Spiel auf der Suche nach Opfern, wobei sie überraschend wenig Interesse für andere Gestrandete in der Hölle zeigen und sich eigentlich nur für die vom Spieler gesteuerte Figur interessieren. Diese Dämonen sind nahezu allmächtig und so bleibt uns in ihrer Gegenwart angesichts eines akuten Waffenmangels nichts anderes übrig als uns zu verstecken, was besonders in dunkleren Gebieten nicht einfach ist. Die Höhlen und Nischen, die als Verstecke herhalten müssen, sind völlig willkürlich verteilt. Viel zu häufig ist gerade dann, wenn ein Dämon auftaucht, kein Versteck in der Nähe und dann bekommen wir folgerichtig schnell eine von unzähligen Sterbeanimation zu sehen. Häufige, unfair erscheinende Tode sind aufgrund des schlechten Leveldesigns vorprogrammiert, wobei man sich an dieser Stelle berechtigterweise die Frage stellen sollte, wie ein Toter in der Hölle überhaupt noch einmal sterben kann. Ist er dann doppel-tot? Tatsächlich stirbt man nach einem Angriff eines Dämons nicht sofort. Stattdessen wird für einige Sekunden eine kleine Sanduhr eingeblendet und während dieser Zeit schweben wir als körperlose Seele durch den Hades und dürfen nach einem Ersatzkörper suchen. Passende Sünder tauchen in regelmäßigen Abständen auf, können jedoch nur übernommen werden, wenn wir ihnen vorher schon einen Sack vom Kopf gezogen haben. Wieso sie das nicht selbst schon längst getan haben? Reine Faulheit vermutlich.

Später im Spiel kann in einem relativ klassischen, aber sehr überschaubaren Skill-Tree die Fähigkeit neben den Sündern auch noch Dämonen zu übernehmen freigeschaltet werden. Weitere Skills lassen unseren Charakter leiser schleichen oder den Atem länger anhalten, wobei vor allem die zuletzt genannte Fähigkeit einfach nur sinnlos ist, denn das Anhalten des Atems verhindert nicht, dass wir von Gegner entdeckt werden. Es bewirkt lediglich, dass die Dämonen bis zum Tötungsakt so lange reglos vor uns warten, bis wir wieder einen tiefen Atemzug nehmen.

Abgesehen von den Sündern, die uns als letzte Rettungsleine dienen, gibt es Check-Points in der Form von Seelenspiegeln. In der ersten PC-Fassung des Spiels konnte jeder Seelenspiegel nur drei Mal verwendet werden. Wer in einem Gebiet öfter das Zeitliche segnete, fand sich dann schnell nicht am letzten, sondern vorletzten Checkpoint wieder. Dieses frustrierende Feature wurde in den Konsolenfassungen glücklicherweise deaktiviert, kann aber im Hauptmenü wieder aufgerufen werden. Letzteres sollten allerdings nur wirklich Hartgesottene tun, denn so oder so ist Agony aufgrund der oben beschriebenen Dämonen kein einfaches Spiel.

Auf der Suche nach dem Nichts

Agony versteht sich als Survival-Horror-Spiel, legt jedoch auch einen Fokus auf Rätsel, sofern man unter Rätsel die langweilige Suche nach verschiedenen Gegenständen versteht. Gleich zu Beginn des Spiels müssen wir menschliche Herzen auf eine Art Waage legen, um ein Tor zu öffnen. Kurze Zeit später sind es Schädel, die irgendwo in der Umgebung gefunden und auf kleinen Steinsäulen abgelegt werden müssen, damit sich ein weiteres Tor öffnet. Dieses Schema wiederholt sich in verschiedenen Abwandlungen. Dazwischen wollen höllische Symbole mit etwas blutroter Farbe vervollständigt werden. Die Malvorlagen dazu finden sich stets nach kurzem Erkunden der Umwelt in nächster Nähe. Hirnschmalz ist grundsätzlich nie von Nöten.

Die Spielewelt ist, wie bereits erwähnt, absolut morbide gestaltet. Es gibt kaum ein Tabu, das Agony nicht zu brechen versucht – ob explizit oder nur angedeutet. Manche Bereiche der labyrinthartigen Gänge und Hallen der Hölle pulsieren wie menschliche Herzen, andere glänzen wie nässendes Fleisch oder sind mit zersplitterten Knochen und Gedärmen geschmückt. Ein zerstückelter Körper hängt in einem Dornenbusch, ein abgemagerter, nackter Mann an einem riesigen Holzkreuz. Eine riesige, erstarrte Hand greift in den Weg, ein Durchgang besteht aus menschlichen Backenzähnen. Anderswo zertrümmert ein Höllenbewohner mit einem Stein einem Säugling den Schädel, während wieder anderswo rektal aufgespießte Männer und Frauen uns aus weit aufgerissenen Augen und mit gut erkennbarem Herzschlag beobachten. Die Liste ähnlicher Beispiele ist lang und beschränkt sich nicht nur auf visuelle Elemente. Die Akustik gleicht sich dem Geschehen an: Überall sind wimmernde oder schreiende Menschen zu hören, wahnsinnige Stimmen flüstern Worte aus dem Nirgendwo, eine Frau stöhnt und schreit, als würde sie vergewaltigt. Agony hat sich seine 18er-Wertung absolut verdient. 

Manche Spieler werden diese abartigen Umgebungen, die objektiv gesehen durchaus fantasievoll sind, zu den größten Stärken des Spiels zählen, andere werden sie einfach nur als pervers abstempeln. Unabhängig vom eigenen Geschmack fällt die optische Seite des Spiels jedoch leider oft einem sehr starken Kantenflimmern, spät ladenden Texturen, gelegentlichen Rucklern und grob modellierten Charaktermodellen zum Opfer. Unser Protagonist bleibt zudem immer wieder an Ecken und Kanten in der Spielwelt hängen. Beim Speichern gibt es wiederholt Fehlermeldungen und beim Verlassen des Spiels stürzte mir zwei Mal das gesamte System ab. Die Sprachausgabe ist außerdem einfach nur lachhaft schlecht, und zu allem Überfluss wurden nicht genug Sprüche für die verschiedene NPCs aufgenommen, weshalb unterschiedliche Charaktere mit identischen Texten und Stimmen versehen wurden.

Fazit:

Agony versucht mit einer übertrieben brutalen, verkommenen Darstellung der Hölle zu punkten und schafft dies stellenweise auch, kann Spielern mit starken Magen darüber hinaus allerdings kaum etwas bieten. Eine Story ist praktisch nicht vorhanden, die simplen Rätsel sind langweilig und eintönig, die Bosskämpfe frustrierend und das Leveldesign schlicht unfair. Die Technik hätte zudem deutlich mehr Feinschliff vertragen können.

Von uns getestet: PlayStation-4-Version

Wertung:

3.5

Jeremiah David meint:

"Diesen Höllentrip sollte niemand wagen."
Spielerlebnis: Mangelhaft
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Mangelhaft

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1 Kommentare:


michi1894
vor 3 Wochen | 1
Eigentlich echt schade, ich hatte mir schon ein bisschen mehr von dem Spiel erhofft. Danke für den Test.