Test: Earthbound

Von Andreas Held am 13. Mai 2018

The Abstract Art tried Hypnosis. It didn't work on the Teddy Bear.

Ich habe noch nie Earthbound gespielt.

Nein, das ist nicht ganz richtig. Tatsächlich hatte ich mir den Beginn des Spiel schon einmal als Teenager angesehen. Damals konnte mich Earthbound aber nicht fesseln und verlor mich nach einem größeren Frustmoment. Das goldene Zeitalter der JRPGs, als PlayStation-Besitzer von Klassikern wie Grandia oder Wild Arms verwöhnt wurden, war wohl die falsche Zeit um sich mit dem etwas in die Jahre gekommenen Retro-Titel auseinanderzusetzen. Das ist heute anders: Gute JRPGs wären ohne Atlus beinahe ausgestorben, und somit ist eine Reise in die Vergangenheit - eine Zeit, als Frauen in JRPGs noch Kleidung trugen und realistisch proportionierte Brüste hatten - wieder sehr reizvoll. Vor allem, wenn man große Teile des auf dem Mini SNES installierten Spiels noch nicht kennt.

Retro - mit allem, was dazugehört

Earthbound erschien 1994 in Japan - und damit eher spät in der Lebensspanne des SNES. Tatsächlich war das RPG, an dessen Entwicklung neben Shigesato Itoi auch Satoru Iwata federführend beteiligt war, schon damals vielen Spielern und Kritikern zu altbacken. Earthbound orientierte sich grafisch an seinem NES-Vorgänger und hinkte damit hinter Final Fantasy VI und Chrono Trigger hinterher, die bereits ein paar Monate vor Earthbound erschienen sind. Auch die Handlung und das Kampfsystem konnten nicht mit der direkten Konkurrenz mithalten. Während Squaresoft gerade das Storytelling in Videospielen revolutionierte, begnügte sich Nintendo mit einer simplen „Ein Held rettet die Welt“-Story. Das Kampfsystem lässt Features wie das aus Final Fantasy bekannte Job-System komplett vermissen - dazu kommen einige Balancing-Probleme, die einen Großteil der spielerischen Möglichkeiten quasi nutzlos machen. Die meisten Spieler werden in ihren Durchläufen ausschließlich normale Angriffe, Heilzauber und Angriffszauber verwenden.

Schaut man sich das Echo der Fachpresse an, stehe ich mit meiner persönlichen Erfahrung mit Earthbound nicht mal alleine da. 1995 begegnete die amerikanische Fachpresse dem Spiel mit wenig Enthusiasmus, und Nintendo musste sich mit Reviews im Bereich der 75%-Marke zufrieden geben (was damals noch eine wirklich gute Wertung war). Die Veröffentlichung war aus kommerzieller Sicht ein Flop, sodass sich Nintendo gegen einen Europa-Release entschied. Erst fünf bis zehn Jahre später wurde der Titel als absoluter Top-Titel gehandelt - einen Status, den er bis heute behalten hat. Auf eBay wird das aufgrund der geringen Verkaufszahlen sehr seltene Spiel mittlerweile für rund 700 US-Dollar gehandelt. Einige aktuelle Releases, darunter Citizens of Earth oder Undertale, sind eine klare Hommage an Earthbound.

Das richtige Spiel zur falschen Zeit

Dass Spiele mit dem Prädikat „schlecht gealtert“ versehen werden, ist keine Seltenheit. Aber woran liegt es, dass sich Earthbound erst nach einigen Jahren wirklich im Rampenlicht platzieren konnte? Dieses Phänomen ist tatsächlich recht schwierig zu erklären. Ein möglicher Faktor ist, dass das JRPG-Genre Mitte der 90er gerade ins Rollen gebracht wurde. Die Spieler hatten gerade Lust auf neue Innovationen und technische Verbesserungen bekommen und ältere Spiele noch recht frisch in Erinnerung, sodass der Retro-Charme noch nicht zündete und erst recht nicht für Nostalgie sorgen konnte. Hinzu kam die damals noch verbreitete Ansicht, dass es sich bei Videospielen um Kinderprodukte handele, während sich der Humor von Earthbound klar an erwachsene Spieler richtet. Viele Quellen machen außerdem die fehlgeleitete Werbekampagne mit (im wahrsten Sinne des Wortes) stinkenden Magazin-Anzeigen, die sich eher rufschädigend auswirkten als das Spiel zu promoten, und den durch den beiliegenden Strategy Guide sehr hohen Verkaufspreis für den Flop des Spiels verantwortlich.

Wer sich heute mit Earthbound auseinandersetzt weiß hingegen, dass er sich auf einen Retro-Titel einlässt und deshalb Rückschritte bei Grafik, Story und Gameplay einlassen muss. Deshalb fallen die damaligen Kritikpunkte aus heutiger Sicht kaum mehr auf und das Spiel darf seine eigentlichen Stärken ausspielen. Denn während die Optik technisch hinter anderen SNES-Titeln hinterherhinkt, ist sie doch äußerst charmant, detailliert und aus heutiger Sicht eine willkommene Abwechslung zum Realgrafik-Einheitsbrei. JRPG-Veteranen können sich außerdem darauf freuen, dass ihnen Earthbound echte Hindernisse in den Weg legen wird. Der Game-Over-Bildschirm ist ein ständiger Begleiter und in den Adventure-Abschnitten müssen wir nicht nur ohne einen auf der Minimap blinkenden Quest-Marker auskommen, sondern uns beim Spielen ohne eine Komplettlösung sogar auf echte Hänger einstellen. Hätte ich mir den Endkampf gegen Giygas nicht schon mal auf YouTube angesehen, wäre mir der Abspann vermutlich für immer verborgen geblieben.

Ein Spiel, das nur Japaner machen können

Earthbounds größter Charme-Faktor ist aber die Möglichkeit, noch einmal ein echtes Kindheitsabenteuer erleben zu dürfen. Die Storyautoren führen uns mit einfachen Mitteln durch eine abwechslungsreiche Spielwelt, die uns immer wieder mit äußerst skurrilen Ideen überrascht. Wenn wir einen riesigen Eisen-Bleistift aus dem Weg schaffen müssen, indem wir ihn mit einem Radiergummi einfach ausradieren, ist das im Kontext des Spiels sogar noch relativ harmlos. Gegen Ende des Spiels erwacht Ness auf einer Wiese zwischen riesigen Tomaten und Karotten - und als Spieler wundert man sich schon gar nicht mehr darüber, sondern stempelt es als den ganz normalen Wahnsinn ab. Und dann wäre da natürlich noch der berüchtigte Endkampf gegen Giygas, der sich aus mehreren Gründen in das Gedächtnis der Spieler einbrannte. Dank des Ideenreichtums der Entwickler ist es immer ein aufregender Moment, wenn wir eine neue Stadt oder einen neuen Dungeon erforschen dürfen.

Eine echte Innovation gibt es dann übrigens doch. Nehmen wir im Kampfsystem Schaden, zählt die HP-Anzeige der Partymitglieder nur recht langsam herunter. Selbst nach eigentlich tödlichen Attacken haben wir dann immer noch die Möglichkeit zum Eingreifen: Sprechen wir einen Heilzauber aus, bevor die Lebensenergie unseres Weggefährten den Nullpunkt erreicht, wird er ganz normal geheilt. Das ist zu Beginn des Spiels kaum relevant, wird aber später, wenn die HP-Zahlen größer werden, zu einem echten Kernfeature. Dann nämlich können selbst normale Gegner mal eben die gesamte Party auslöschen und ich muss hektisch alle Texte wegklicken und so schnell wie möglich alle Kommandos für die nächste Kampfrunde eintippen, damit der Heilzauber noch früh genug Wirkung zeigt. Dieses Feature ist nicht nur ziemlich einzigartig, sondern wäre selbst mit modernen Entwicklungswerkzeugen nur sehr schwierig umsetzbar. Satoru Iwata wird nachgesagt, dass er in seiner Zeit als Programmierer ein genialer Coder war. Dass der spätere Nintendo-CEO ein Kampfsystem wie das von Earthbound mit den Mitteln und der Hardware der 90er Jahre umsetzen konnte, bestätigt diesen Ruf.

An anderen Stellen ist Earthbound technisch jedoch sehr unausgereift: Die Engine kann nicht sehr viele Sprites gleichzeitig darstellen, und wenn Ness mit seinen Begleitern in der zweiten Hälfte des Spiels als Vierergespann durch die Gegend läuft, stören fast ständige Slowdowns vehement den Spielfluss. Das hat übrigens nichts mit der Emulation zu tun - es liegt am Spiel selbst.

Fazit:

Wer Earthbound noch nie gespielt hat, auf JRPGs steht und dem Gros der modernen Genrevertreter eher abgeneigt ist, kann sich ernsthaft überlegen, allein wegen dieses einen Spiels zum Mini-SNES zu greifen. Nintendos Retro-Konsole ist derzeit die einfachste und vor allem die mit Abstand günstigste Möglichkeit, den Titel legal und in 60Hz zu spielen. Der Retro-Charme des storytechnisch und spielerisch eher simpel gestrickten RPGs zündet heute viel besser als vor über 20 Jahren, als Earthbound zum ersten Mal auf die Bevölkerung losgelassen wurde. Gleichzeitig sorgen die Kreativität der Entwickler und der fordernde Schwierigkeitsgrad dafür, dass man auch heute noch sehr gut von dem SNES-Titel unterhalten wird - vielleicht sogar besser als von vielen aktuellen Open-World-Grafikblendern. Selbst der Umfang kann sich sehen lassen, denn Earthbound lässt sich nicht mal eben an einem Wochenende wegspielen. Ich bin jedenfalls sehr froh darüber, Earthbound seine verdiente Chance gegeben haben und kann im Nachhinein recht gut verstehen, warum es von vielen Spielern zu den besten Spielen der SNES-Bibliothek gezählt wird.

Wertung:

8.5

Andreas Held meint:

"Earthbound hält dem direkten Vergleich mit seinen modernen Genrevertretern locker stand."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Gut
Technik: Durchschnittlich

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2 Kommentare:


Matthew1990
vor 3 Monaten | 1
Ich finde, dies erneut aufzusetzen wäre bestimmt sehr cool. Schade, dass diese Marke aktuell tot ist.

nibez
vor 3 Monaten | 2
Mir gefiel Undertale schon ganz gut, einem Earthbound mit aktueller Technik würde ich also auch eine Chance geben.