Test: Forgotton Anne

Von Nico Zurheide am 11. Mai 2018

Stellt euch vor, eure alten Schuhe wandern nicht in den Müll oder die Altkleidersammlung, sondern in eine abstruse Parallelwelt, in der sie sogleich zum Leben erwachen. Sie gehören jetzt zu den Vergesslingen.

So werden die Bewohner des Vergessenen Reichs genannt, in dem sich das 2D-Adventure Forgotton Anne abspielt. Alltägliche Gegenstände, die in der realen Welt nicht mehr gebraucht werden, kaputt sind oder schlicht in Vergessenheit geraten, wandern auf magische Weise in dieses verquere Reich, wo sie dann ein eigenständiges Bewusstsein erlangen. So bildete sich eine ganze Gesellschaft, in der die verschiedenen Dinge ihrer täglichen Routine nachgehen - in der Fabrik, am Bahnhof oder in der Kneipe nebenan. Anne, die Protagonistin des Spiels, ist ein Mensch. Sie kam vor einiger Zeit zusammen mit ihrem Lehrmeister Bonku in das Vergessene Reich und geht hier ihrer Tätigkeit als Hüterin nach, indem sie recht rigoros für Ordnung sorgt. Die beiden Menschen wollen in ihre Heimat zurückkehren, dafür lassen sie von fleißigen Vergesslingen eine „Ätherbrücke“ errichten. Sie versprechen den Gegenständen ein neues Leben in der realen Welt, wo es ihnen mit neuen Besitzern besser ergehen soll. Einige Rebellen haben allerdings starke Zweifel an der Ehrlichkeit der Menschen und versuchen mit allen Mitteln, den Bau der Brücke zu verhindern.

Anne ist in ihrem Job als Hüterin eines Tages stark gefordert, denn die Rebellen haben in einer koordinierten Aktion sabotierende Angriffe in der ganzen Stadt durchgeführt. Die Heldin besitzt ein kleines Handgerät, mit dem sie das sogenannte „Anima“ umleiten kann. Anima ist die Energiequelle des Reichs, außerdem verleiht sie den Gegenständen erst ihr eigenes Bewusstsein. So ist Anne dazu in der Lage, jeden Einwohner der Stadt bei Bedarf ruhigzustellen - eine mächtige Waffe. Natürlich wird das Verteilen von Anima im Spiel dazu verwendet, verschiedene Rätsel zu lösen. Hier gibt es die gewohnte Puzzlespiel-Palette mit Schieberätseln, Licht- und Türschaltern, Kombinationsaufgaben, die Suche nach der richtigen Reihenfolge und kleine Sprungpassagen. Letztere bleiben aber immer auf einem niedrigen Schwierigkeitsgrad, der Fokus liegt hier eindeutig auf den Rätseln und natürlich der originellen Story.

Gut geklaut, gut selbstgemacht

Obwohl: Für jemanden, der den Fantasyroman „Un Lun Dun“ von China Miéville gelesen hat, erscheint die Story rund um die Parallelwelt mit lebenden Gegenständen gar nicht mehr so originell. Das Buch spielt in dem Londoner Pendant UnLondon, auch hier leben alte und beschädigte Gegenstände in einer vielfältigen Gesellschaft, während einige Menschen den Weg zurück in die reale Welt suchen. Doch bei dem „Ausborgen“ der grundsätzlichen Storyidee bleibt es auch, die eigentliche Geschichte spielt sich ausreichend verschieden ab. Nach dem Großangriff der Rebellen macht sich Anne auf eine regelrechte Odyssee durch das Vergessene Reich; die abwechslungsreichen Rätseleinlagen werden dabei immer wieder von Storysequenzen aufgelockert. So entfaltet sich über etwa zehn Spielstunden eine packende Geschichte, auch wenn sie an einigen Stellen arg vorhersehbar ist.

Ironischerweise zeigt sich Forgotton Anne selbst zwiegespalten: Einerseits muss die grafische Gestaltung des Titels hervorgehoben werden. Die handgezeichneten Bilder erinnern stellenweise an Werke des japanischen Studio Ghibli, das ganze Spiel ist liebevoll und detailreich aufgemacht. Auch musikalisch lassen die dänischen Entwickler von ThroughLine Games die Muskeln spielen und konnten das Kopenhagener Symphonieorchester für das Einspielen des ruhigen Soundtracks gewinnen. Andererseits gab es beim Testen leider immer wieder leichter Ruckler und die Steuerung zeigte sich oft träge und manchmal sogar ungenau. Die Animation der Figuren ist für einen cineastischen Eindruck zwar absichtlich stockend, mit einer flüssigen Bewegung zumindest für Anne selbst hätte man dem Gameplay aber sicher einen Gefallen getan.






Fazit:

Forgotton Anne ist ein wunderschönes Sidescroller-Abenteuer, das sich optisch und akustisch von anderen Titeln dieser Art locker absetzen kann. Trotz der mangelnden Action ist die Story spannend gehalten und die kurzweiligen Gespräche können mit Dialogoptionen aufwarten, auch wenn diese keinen Einfluss auf die Handlung nehmen. Viele kuriose Charaktere machen außerdem stets Lust darauf, noch mehr von dem Vergessenen Reich zu erkunden und weitere verrückte Dinge kennenzulernen. Die intelligenten Rätsel hätten ruhig noch etwas knackiger sein dürfen, obwohl die Schwierigkeit im Verlauf des Spiels etwas anzieht. Mit der Umverteilung der Anima-Energie gibt es hier außerdem noch ein einzigartiges Feature, das einige interessante Rätsel ermöglichte, leider konnten die Entwickler das Potenzial dieses Gameplay-Elements nicht ganz ausschöpfen. Material für einen zweiten Teil? Gerne!

Von uns getestet: Steam-Version

Wertung:

8.0

Nico Zurheide meint:

"Spannendes Adventure im tollen Ghibli-Look und mit netten Rätseln."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Sehr gut

Schreibe einen Kommentar:

1 Kommentare:


Evoli
vor 5 Monaten | 1
Ich glaube, das Spiel ist genau mein Ding :)