#Herzhaft: Chrono Trigger

Nutzer-Story von prog4m3r am 07. Mai 2018

Kein JRPG-Fan wird bestreiten: Wir erleben aktuell eine Renaissance des Genres. Spiele, die sonst zu den Highlights der Generation zählen würden, verkommen schnell einmal zur Randnotiz. Doch wollen wir bei der Flut an neuer Software auch die Klassiker nicht vergessen, welche einst das Genre definierten und Herzen höher schlugen ließen.

Es ist nicht einfach irgendein Spiel, sondern das Spiel, welches weithin als das beste (J)RPG aller Zeiten gilt. Seit Jahrzehnten diverse Top-Listen anführend – ein Umstand, der im Hinblick auf die Tatsache, dass es erst im Jahr 2009 auf dem Nintendo DS seinen Weg nach Europa fand, umso beeindruckender ist, erschien Chrono Trigger ursprünglich 1995 für das Super Nintendo Entertainment System, bevor es 1999 auf die PlayStation portiert wurde – die PlayStation-Fassung wurde 2001 in Nordamerika veröffentlicht. Basierend auf der erweiterten Nintendo-DS-Fassung folgte (ab Ende 2011) eine Version für Smart Devices, welche letztendlich die Basis für eine lieblose PC-Umsetzung (seit 27.02.2018 auf Steam erhältlich) bildete – diese bekam (nach dem erzürnten Aufschrei der Fangemeinde) mittlerweile einige Patches, welche die Original-Grafik wiederherstellten und eine optisch passende Schriftart einfügten.

„Creating a Top 100 RPGs list was quite the challenge, but placing Chrono Trigger at the very top of it was surprisingly easy.“ - IGN

Mit Einstellung Wii-Shop-Kanals, über welchen man seit Mitte 2011 auch an eine Virtual-Console-Fassung des Super-Nintendo-Spiels gelangen konnte, gibt es derzeit (es sei denn, man hat noch ausreichend Guthaben, welches bis zum 31. Januar 2019 eingelöst werden kann) – abseits des Gebrauchtmarktes – keine Möglichkeit, Chrono Trigger in seiner ursprünglichen Fassung legal zu erwerben. Das Spiel, welches auf jeder Liste der auf dem Nintendo Mini Classic: Super Nintendo Entertainment System „fehlenden“ Spiele auftaucht: Chrono Trigger. Interessenten mit dem nötigen Kleingeld und/oder dem Wunsch, eine Einzelhandelsversion zu besitzen, sollten – sofern der englischen Sprache mächtig – jedoch ohnehin zur Nintendo-DS-Fassung greifen; alle anderen werden auch mit der PC-Umsetzung zurande kommen.

Doch wieso gilt Chrono Trigger als eines der besten, beziehungsweise als das beste (J)RPG aller Zeiten? Weil ich dieser Meinung bin und darüber nicht grundlos ein #Herzhaft schreibe, ist für jeden der bis hierhin gelesen hat wohl keine befriedigende Antwort, also geht vorher noch einmal auf Toilette, dass könnte jetzt etwas länger werden…

Natürlich kann man nicht darüber sprechen, was Chrono Trigger so großartig machte, ohne zunächst das Dream Team hinter diesem Titel zu würdigen. Unter den Beteiligten befanden sich Größen wie Hironobu Sakaguchi, Schöpfer von Final Fantasy, Yuji Horii, Schöpfer von Dragon Quest und nicht zuletzt Akira Toriyama, den meisten als Schöpfer von Dragon Ball und Dr. Slump bekannt und der neben dem Charakter-Design von Chrono Trigger auch für das der Dragon-Quest-Reihe und Blue Dragon verantwortlich.

Trivia: Die Musik für Chrono Trigger wurde hauptsächlich von Yasunori Mitsuda komponiert. Dieser zeichnete sich zuletzt unter anderem für Xenoblade Chronicles 2 verantwortlich. Chrono Trigger war das erste Spiel an welchem Mitsuda als Komponist mitwirken durfte, nachdem er 1994 dem Vize-Präsidenten von Square mit seiner Kündigung drohte.

Die Drei erdachten eine der bis dahin komplexesten Geschichten des Mediums, dabei klingt die Rettung der Welt durch den jungen Protagonisten Crono (Das fehlende „h“ im Westen resultiert aus der Begrenzung der Namen auf fünf Zeichen der nordamerikanischen Veröffentlichung für das Super Nintendo und wurde in der Nintendo-DS-Fassung trotz Erhöhung der Zeichenbegrenzung auf sechs beibehalten. In der PC-Umsetzung wird der Name standardmäßig als „Chrono“ vorgeschlagen.) vor dem apokalyptischen Monster Lavos zunächst nicht sonderlich ausgefallen. Doch wir würden nicht vom besten RPG aller Zeiten reden, wenn die ganze Sache so simpel wäre wie in jedem Dragon Quest. Der Weg zur Rettung der Welt führt Crono und seine Gefährten nicht einfach von seinem Heimatdorf Truce zum Schloss eines archaischen Schurken, sondern durch diverse Epochen zwischen 65,000,000 B.C. und dem Ende der Zeit. Dieser Umstand resultiert nicht nur in einem ausgefallenem Ensemble an liebenswerten und unvergesslichen Charakteren: der stumme Held, das sprechende Tier, die Prinzessin in Verkleidung, welche heute zugegebenermaßen schon etwas klischeehaft wirken mögen – allerdings ist Chrono Trigger einer der Gründe, wieso diese Archetypen heutzutage jedem RPG-Fan bekannt sein dürften, sondern sie boten auch erzählerisch einen entscheidenden Vorteil.

Wo andere RPG den Spieler gerne zu einer langweiligen Filler-Quest nötigen, um die Zeit zwischen wichtigen Ereignissen zu überbrücken, wechselt man bei Chrono Trigger einfach die Epoche und somit meist direkt zum nächsten Höhepunkt. Der erzählerisch eigentlich interessantere Aspekt an all diesem, ist der asymmetrische Verlauf der Zeit zwischen den Epochen. Lasst mich dies anhand eines Beispiels aus dem frühen Spielverlauf verdeutlichen: Nach der Rettung von Queen Leene verhindert die zerstörte Zenan Bridge ein weiteres voranschreiten von Crono und seinen Gefährten. Andere RPG hätten nun vermutlich eine banale Aufgabe vergeben wie Materialien zur Reparatur der Brücke zu sammeln, doch in Chrono Trigger laufen die Uhren etwas anders. Crono und seine Gefährten werden gefangen genommen, entkommen, erleben ein Abenteuer in einer postapokalyptischen Zukunft und bekämpfen Monster beim durchqueren der Höhle, die sie von ihrem Bestimmungsort trennt. All dies ereignet sich in maximal einer Woche, doch wenn der Spieler zur Zenan Bridge zurückkehrt, scheint weit mehr Zeit verstrichen zu sein. Seit die Gefährten die Epoche verließen, wurde die Brücke repariert, der König hat eine Schlacht auf ihr geführt, wurde verwundet, evakuiert und den dort stationierten Ritter sind die Vorräte ausgegangen. Während der Spieler also spannende Abenteuer in anderen Epochen erlebt, geschehen Off-Screen die unwichtigen Dinge, welche normalerweise durch langweilige und unwichtige Quests manuell vom Spieler vorangetrieben werden müssten.

Ein weiterer beeindruckender Aspekt der Zeitreisemechanik und Beweis dessen, wie durchdacht die Struktur dieses Spiels tatsächlich ist, findet sich in der Schlüssigkeit der Ereignisse oder besser gesagt der Tatsache, dass die Handlungen von Crono und seiner zeitreisenden Gefährten – anders als in vielen Behandlungen der Thematik wie beispielsweise in Life is Strange, welches sehr schön den Butterfly Effect veranschaulicht – zunächst so gut wie keinen Einfluss auf die Epochen nehmen. Wer zu beginn des Spiels aufmerksam mit den Besuchern der Millenial Fair spricht, wird feststellen, dass der Ausgang einer eurer späteren Auseinandersetzungen so oder so gegeben war, lange bevor Crono sich in den Verlauf der Zeit einmischte. Diese und ähnliche Begebenheiten kann man im Verlauf des Spiels immer wieder beobachten, während der ikonischen Lagerfeuerszene reflektiert ein Charakter sogar darüber, dass sie im wesentlichen eine Führung durch die Geschichte des Planeten erhalten.

„What‘s the big deal? So what if we won a war against a Wizard hundreds of years ago“ - NPC

Easteregg: Das Lachen von Norstein Bekkler – einem der Aussteller auf der Millenial Fair – hat starke Ähnlichkeit mit dem von Kefka Palazzo (Final Fantasy VI), in einem seiner Minispiele tauchen unterdessen Biggs (in den Super Nintendo Übersetzungen: Vicks) und Wedge auf.

Im weiteren Verlauf der Handlung bewirken unsere Gefährten dann natürlich doch noch signifikante Veränderungen – mehr möchte ich dahingehend in diesem Text nicht vorwegnehmen. Ein Umstand, der dem Spiel darüber hinaus ein sehr persönliches Element verleiht sind die ausgedehnten Nebenhandlungen und Quest, welche Einblicke in die Hintergrundgeschichten und denkwürdigen Persönlichkeiten der Begleiter unseres stummen Helden erlauben.
x5uQrchrono3.jpgAngesichts der starken Erzählung könnte man beinah die technischen Aspekte übersehen, welche Chrono Trigger zur damaligen Zeit so beeindruckend machten. Anstelle der damals noch deutlich weiter verbreiteten Zufallskämpfe, finden sämtliche Kampfhandlungen direkt auf der Karte statt. Sowohl der natürliche Übergang von Erkundung zu Kampf ohne das Wechseln zu einem dedizierten Kampfbildschirm, als auch die Animation der Gegner während der Kämpfe war für damalige Verhältnisse erstaunliche Features – und angesichts der relativ schwachen Super Nintendo Hardware sicher nicht einfach umzusetzen. So schön die Kämpfe aufgrund der beeindruckenden Technik aber auch anzusehen sind, das Schönste an ihnen ist jedoch die Tatsache, dass ihr in Chrono Trigger eure Party gänzlich nach belieben zusammenwürfeln könnt und somit tatsächlich mit allen Charakteren spielen werdet – was einfach eine ganz andere Bindung zum Spieler ermöglicht als wenn irgendein Charakter unbenutzt in der Party vergammelt. Wo man in anderen Rollenspielen sicher seine Probleme haben wird, wenn man versucht, sich mit einer Party die womöglich nur aus rein offensiven Charakteren besteht, gegen stärkere Gegner zu stellen, straft einen Chrono Trigger nicht für unausgewogene Kombinationen ab. Diese Freiheit ist, im Hinblick auf die Möglichkeit, kombinierte Techniken zu nutzen, natürlich auch nötig – da sich diese erst durch das gemeinsame Nutzen dieser Charaktere im Kampf freischalten lassen, aber einen Exkurs über das vorzügliche Kampfsystem – eine Variation des Active-Time-Battle-Systems, welches so auch in den von Chrono Trigger inspirierten Spielen I am Setsuna (PlayStation 4Nintendo SwitchSteamund Lost Sphear (PlayStation 4, Nintendo Switch, Steam) Anwendung findet – vermeiden wir, um den Rahmen nicht noch mehr zu sprengen, nun besser.

Kommen wir also zum Ende, oder sollte man besser sagen: „den Enden“? Nachdem er den letzten Schlag gegen Lavos führte, wird Crono von einem Soldaten aus dem Schlaf und der Wärme seines Bettes gerissen und zum Schloss geschleppt. Es scheint als solle er für die Entführung der Prinzessin hingerichtet werden… doch dies ist nur eines der möglichen Enden von Chrono Trigger. Insgesamt verfügt Chrono Trigger nämlich über zwölf – beziehungsweise dreizehn, wenn wir über die Nintendo-DS-Fassung und den darauf basierenden Umsetzungen des Spiels reden – verschiedene Enden, welche zu unterschiedlichen Zeitpunkten des Spiels erreichbar sind. So könnt ihr Lavos beispielsweise frühzeitig die Stirn bieten, was im ersten Spieldurchlauf natürlich schwierig ist. Doch wozu gibt es ein New Game Plus, Chrono Trigger war eines der ersten Spiele die dieses - und somit die Möglichkeit den Fortschritt der Charaktere und Ausrüstung in eine neue Kampagne mitzubringen bot und gleichzeitig viel zur Popularität dessen beitrug. Nicht nur konnten Spieler vormals tödliche Bosse vollkommen auslöschen, sondern somit auch komfortabel die diversen Enden des Spiels erleben – vorausgesetzt, man fand heraus wie man zu diesen gelangt, aber dafür gibt es heutzutage ja das Internet… oder man guckt einfach alle auf YouTube an.

Chrono Triggers Vermächtnis ist monumental; es ist auch heute noch ein absolutes und vor allem zeitloses Meisterwerk und hat wenig von seiner Faszination verloren. Kauft euch die Nintendo-DS-Fassung auf eBay oder ladet euch die PC-Umsetzung über Steam, denn wer keine Aversion gegen Klassiker hat, sollte sich Chrono Trigger nicht entgehen lassen. Es ist nicht nur das beste RPG, sondern eines der besten Spiele aller Zeiten.

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2 Kommentare:


Denios
vor 2 Wochen | 0
Jo ist ein cooles Game, da muss ich dem guten Pro beipflichten. Mein absoluter Favorit ist er nicht, aber es ist tatsächlich eines der wenigen Spiele, bei dem mir einfach keine Negativpunkte einfallen wollen. Auf jeden Fall nicht zu Unrecht in so ziemlich allen ernsthaften JRPG-Top-10s vertreten.

michi1894
vor 1 Woche | 0
Geiles spiel, wäre was für ein Remake.