Test: Yakuza 6

Von Andreas Held am 30. April 2018

Yakuza 6 bringt Segas Flaggschiff-Franchise zurück in die Gegenwart - mit einer brandneuen Engine.

Der alte Dragon of Dojima

Kazuma Kiryu, der traditionelle Serienheld des Yakuza-Franchise, kehrt in Teil 6 als einziger spielbarer Charakter zurück. Der alternde Ex-Yakuza, der mittlerweile auf die 50 Lenzen zugeht, ist auf der Suche nach Haruka, die das Waisenhaus in Okinawa verlassen hat, damit ihre Verbindung zu den Yakuza dem Ruf der anderen dort lebenden Kinder nicht schadet. Man sieht schon: Die Story von Yakuza 6 knüpft nahtlos an den fünften Teil der Serie an. Neulinge finden sich trotzdem zurecht, das SEGA kurze Story-Zusammenfassungen der fünf Vorgänger mit auf die Disc gepackt hat. Während des Spiels werden alle bekannten Charaktere nochmal mit einem kurzen Flashback vorgestellt. Wer bisher nur wenig Kontakt mit dem Yakuza-Franchise hatte, muss sich also vom situativen Einstieg in die Handlung nicht abschrecken lassen.

Dass das Entwicklerteam hinter Yakuza eine sehr gute Story erzählen kann, hat es mittlerweile eindrucksvoll bewiesen. Auch Yakuza 6 nimmt nach kurzer Zeit Fahrt auf und überzeugt abermals mit facettenreichen Charakteren und spannenden Intrigen. Teilweise machen es sich die Story-Autoren aber auch etwas einfach und konstruieren haarsträubende Zufälle, die der Glaubwürdigkeit der Handlung eher schaden. Dafür hat SEGA wieder zwei Sub-Storys eingefügt, die man als „Spiel im Spiel“ bezeichnen könnte. In Onomichi, einem kleinen Vorort von Hiroshima, dürfen wir eine Baseball-Mannschaft neu aufbauen, Spieler rekrutieren und trainieren und während der simulierten Matches ab und zu auch selbst eingreifen. Ebenfalls in Hiroshima gründet Kiryu im Verlauf der Story den Kiryu-Clan, der sich mit JUSTIS anlegt - eine Straßengang, die ursprünglich für Gerechtigkeit sorgen wollte, ihre gewonnene Macht nun jedoch mehr und mehr dazu missbraucht, Andersdenkende zu unterdrücken.

Neue Engine, altes Spiel

Yakuza 6 wurde von Grund auf neu entwickelt. Anders als bei Monster Hunter World sorgt die neue Engine jedoch nicht für einen spürbaren Fortschritt, sondern nur für Detailverbesserungen. Wir können Kamurocho jetzt größtenteils ohne Ladezeiten erforschen und gleich aus der Spielwelt heraus in ein Darts-Match einsteigen. Auch die Zufallskämpfe im Open-World-Part starten jetzt ohne irgendeinen Übergang auf einen Kampfbildschirm direkt in der Spielwelt. Wenn es dann aber doch mal zu Ladezeiten kommt, müssen wir gefühlt eine halbe Ewigkeit lang warten - zum Beispiel in der Hostessenbar. Auch grafisch hat sich nicht sonderlich viel getan, was sicherlich auch daran liegt, dass Yakuza Zero auf der PS4 bereits absolut fantastisch aussah. Framerate-Einbrüche und Screen-Tearing wurden ausgemerzt, dafür erscheinen einige Objekte erst aus relativ kurzer Distanz aus dem Nichts in der Umgebung.

Die größte Gameplay-Änderung betrifft das Kampfsystem. Yakuza steuerte sich bisher eher wie ein klassisches Beat'em Up, gibt sich im sechsten Teil aber deutlich flotter. Kiryu ist sehr flink auf den Beinen, und diese Fähigkeit lässt sich vor allem im Kampf gegen größere Gegnergruppen gut nutzen, um einzelne Widersacher vom Mob zu lösen und den Protagonisten in eine günstige Position zu bringen. Wer sich sonst eher mit 3D-Action-Adventures wie Nioh oder God of War auskennt, dürfte sich in Yakuza 6 deutlich heimischer fühlen. Denn obwohl die Serie einige Grundmechaniken wie die Stein-Schere-Papier-Mechanik zwischen Schlägen, Blocks und Griffen immer noch beibehält, löst sie sich in ihrem neuesten Release etwas von ihren Beat'em-Up-Wurzeln.

Less of the same

Dieser Paradigmenwechsel im Kampfsystem dürfte nicht jedem Langzeit-Serienfan gefallen, insbesondere weil er auch mit einem deutlich gesenkten Schwierigkeitsgrad einhergeht. Während wir uns in Yakuza Zero bereits am Ende des ersten Kapitels an Daisaku Kuze die Zähne ausbeißen durften, fängt der sechste Teil selbst auf der schwierigsten der zu Beginn verfügbaren Einstellungen erst einmal äußerst gemächlich an. Die Kämpfe werden im Laufe des Spiels noch deutlich knackiger, allerdings haben wir natürlich immer noch die Möglichkeit, mitten im Kampf zu pausieren und beliebig viele Heilungsitems einzuwerfen, was uns quasi einen Infinite-Health-Cheat zugänglich macht. Wer sich fordern will, verzichtet auf diese Items - und Yakuza 6 ist zum Glück so ausbalanciert, dass dies problemlos möglich ist.

Für noch mehr Unmut sorgte nach dem Release in Japan die Tatsache, dass im Zuge der neu entwickelten Engine der Umfang des Spiels drastisch gestutzt werden musste. Auf verschiedene spielbare Charaktere oder zumindest verschiedene Kampfstile, die sich seit Yakuza 4 fast als Selbstverständlichkeit etabliert hatten, müssen wir im sechsten Teil gänzlich verzichten. Viele der in der Open World verfügbaren Aktivitäten - darunter das Kartenspiel Hanafuda, das Brettspiel Shogi, Bowling, Billard oder auch die UFO-Catcher - wurden einfach aus dem Spiel entfernt. Das größte Problem des sechsten Teils ist jedoch, dass die noch verfügbaren Aktivitäten deutlich weniger Spaß machen, weil der spielerische Anspruch spürbar gesenkt wurde. In Yakuza Zero waren die Hostessen noch wirklich vielschichtige und sympathische Charaktere - nun weichen sie einem Minispiel, in dem wir aus den immer gleichen Fragekärtchen wählen und uns solange dieselben belanglosen Gesprächsfetzen anhören müssen, bis wir die Prozedur oft genug wiederholt und sieben spezielle, sehr seltene Fragekärtchen gezogen haben. Dafür gibt es dann zwei Krönchen auf der Awards-Liste, die quasi das Markenzeichen der Yakuza-Serie darstellt und in Teil 6 leider extrem enttäuscht. Mit Ausnahme der Suchaufgaben - die die meisten Spieler mit einem Guide lösen werden - und der extrem schwierigen Mahjong-Turniere enthält diese Liste fast ausschließlich Aufgaben, die zwar sehr zeitaufwändig, gleichzeitig aber auch sehr anspruchslos sind. Eine bittere Kombination, die vor allem für viel Langeweile sorgt.

Fazit:

Für Spieler mit wenig Freizeit, die in Open-World-Spielen ohnehin nur der Hauptstory folgen, dürfte sich Yakuza 6 wie eine Steigerung zu den Vorgängern anfühlen. Dank der neuen Engine dürfen wir fast ohne Ladezeiten und mit einem flotteren Kampfsystem der gewohnt dramatischen Handlung folgen und bekommen auf diesem Weg ein tolles Action-Adventure mit einem soliden Umfang spendiert. Langzeit-Fans der Yakuza-Serie, die vor allem an den Open-World-Elementen gefallen fanden, dürften von Yakuza 6 aber eher enttäuscht werden. Die aus den Vorgängern bekannten Minispiele wurden im neuesten Ableger des Franchise entweder komplett entfernt oder spürbar zusammengekürzt, sodass der spielerische Anspruch der Nebenaufgaben größtenteils auf der Strecke bleibt. Vor allem das Abarbeiten der Awards-Liste ist in Yakuza 6 eher eine Fleißaufgabe als eine Herausforderung. Genau diese Elemente waren es jedoch, die bei den auf der PlayStation 3 erhältlichen Yakuza-Spielen den Unterschied zwischen einem „guten“ und einem „herausragenden“ Spiel machten. Yakuza 6 fehlen diese Elemente, sodass uns SEGA ein insgesamt zwar gutes bis sehr gutes, aber trotzdem irgendwie enttäuschendes Action-Adventure kredenzt.

Wertung:

8.0

Andreas Held meint:

"Yakuza 6 bietet eine gewohnt gute Hauptstory, enttäuscht Serienfans jedoch mit seinen zusammengekürzten Nebenaufgaben."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Sehr gut

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3 Kommentare:


Falcon
vor 6 Monaten | 0
Würdest du das Spiel also einem Serien-Neuling empfehlen?

Vyse
vor 6 Monaten | 0
Einem Serienneuling würde ich eher Yakuza Zero empfehlen. Das ist storytechnisch als Prequel des ersten Teils ausgelegt, meiner Meinung nach ein deutlich besseres Spiel und ja auch für die PS4 erhältlich.

Wenn du daran dann Gefallen gefunden hast spricht aber nix dagegen, direkt mit Teil 6 weiterzuspielen. Habe ich im Prinzip auch so gemacht, da ich mich vor Zero nie wirklich mit der Serie befasst hatte.

Tobsen
vor 6 Monaten | 0
Noooooooooo, keine UFO-Catcher mehr!? Why, good god, why? Ich habe die immer geliebt!
Gekauft wird es trotzdem, wenn ich Kiwami organisiert und durch habe.