Test: God of War

Von Michael Prammer am 25. April 2018

Kratos ist zurück und wagt gänzlich neue Wege. Ob ihm der Umzug von der griechischen in die nordische Mythologie gut getan hat, erfahrt ihr in unserem Test.

Das neue God of War ist ein echter Reboot und bricht mit vielen Traditionen, was sicherlich nicht allen Fans der Serie schmecken wird. Kratos, der Schreck der griechischen Götter, hat sich zur Ruhe gesetzt. Nachdem er sich den kompletten Olymp zum Feind gemacht hatte und beinahe jedem noch so großen Gott der griechischen Saga auf den Schlips getreten war, hat es den grimmigen Halbgott nun in den frostigen Norden gezogen. Deutlich gealtert, mit langem Bart aber immer noch unverkennbar gezeichnet durch die aschfarbene Haut und die roten Tätowierungen am ganzen Körper, ist Kratos mittlerweile ein stolzer Familienvater.

Auf dem Weg zum höchsten Berg

Die Geschichte von God of War beginnt traurig und zieht den Spieler dennoch sofort in ihren Bann, da sie erzählerisch absolut mitreißend inszeniert wurde. Kratos‘ Ehefrau ist tot und ihr letzter Wunsch ist es, dass Kratos ihre Asche auf dem höchsten Berg des Landes verstreut. Emotional wäre das für den Protagonisten zuletzt wohl kein Problem gewesen, wirkte der Hauptdarsteller doch stets etwas unterkühlt. Nicht so im neuen Teil der Serie. Der Grund für die neu entdeckte Emotionalität des ehemaligen Kriegsgottes hat einen Namen: Atreus. Er ist der Sohn von Kratos und möchte seinen Vater auf dem Weg begleiten, um seiner Mutter den letzten Wunsch zu erfüllen. Die beiden sind sich in einigen Punkten zunächst nicht komplett einig, aber nach und nach entsteht eine innige Vater-Sohn-Beziehung. Die Entwicklung dieser Beziehung nachvollziehbar darzustellen, meistert die Story von God of War mit absoluter Bravour.

Überhaupt stellt die Geschichte eines der Highlights in God of War dar und ist, im Vergleich zu den anderen Serienablegern, nicht nur Beiwerk - im Gegenteil! Atreus und Kratos wissen auf ihrer gemeinsamen Reise als dynamisches Duo zu überzeugen. Sie geraten zwar immer wieder in Konflikte, auch gegeneinander, doch das nervt keineswegs, sondern verleiht der Erzählung eine fantastische Spieltiefe und sorgt zudem für jede Menge Abwechslung und so manch humorvolle Einlage, wenn sich Kratos zum Beispiel für ein Rätsel zu lange Zeit lässt und sein Sohnemann dies mit einer schnippischen Bemerkung kommentiert. Toll!

Eine Vater-Sohn-Geschichte

Natürlich bietet das neue God of War aber mehr als nur eine gute Geschichte. Im Vordergrund stehen einmal mehr die serientypischen, unbarmherzigen Kämpfe. Das neue Kampfsystem funktioniert dabei exzellent und erfordert nur wenig Eingewöhnung, auch wenn Serienveteranen einige deutliche Unterschiede zu den Vorgängern feststellen werden. Die Kamera ist neuerdings deutlich näher am Spielgeschehen, wodurch Feinde, die aus dem Hinterhalt kommen, nicht mehr sofort wahrgenommen werden können. Als Ausgleich dafür blendet das Spiel Pfeile ein, die anzeigen, woher die Angriffe kommen. Gerade bei einem höheren Gegneraufkommen kann die Kamera anfangs für kleinere Probleme sorgen, allerdings erübrigt sich dies nach einiger Übung durch Nachjustieren. Auch hilfreich ist hierbei der Jüngling, der Kratos stets auf Feinde aufmerksam macht und seinen Vater bestens unterstützt. So erfüllt die neue Kamera schon sehr schnell ihren Zweck: den Spieler näher und intensiver am Spielgeschehen teilhaben lassen.

Ein weiterer Unterschied zu den Vorgängern: Die legendären Chaosklingen aus den vorigen Ablegern der Serie sind verschwunden. Im kompletten Spiel gibt es lediglich zwei Äxte zu finden. Richtig gelesen, das einst üppige Waffenarsenal von Kratos ist der Leviathanaxt gewichen. Das klingt zunächst sicher etwas ernüchternd, aber die Axt lässt sich während des Spiels verstärken, aufwerten und auch anderweitig einsetzen, als nur zum Gegner niedermetzeln. Es gibt unzählige Erweiterungen, Runen und Verstärkungen für die Axt zu finden und so vergisst man sehr schnell, dass eigentlich nur eine Waffe der stetige Begleiter des Spielers darstellt. Zudem darf die Standardwaffe auch als Wurfgeschoss benutzt werden. Diese Funktion hilft aber nicht nur beim Erledigen von Feinden aus der Ferne, sondern auch bei den zahlreichen Umgebungsrätseln. Eine Art Seilbahn, die arretiert werden muss, kann etwa mit einem gezielten Wurf in den Mechanismus in Position gehalten werden. Neben der Axt verfügt Kratos auch über einige Schilde. Mit diesen werden Angriffe geblockt, Gegenangriffe eingeleitet und Feinde zu Boden gestoßen. All das funktioniert nach wenigen Minuten bereits ausgesprochen gut und fühlt sich über die gesamte Spieldauer einfach super an.

Apropos Feinde: die Gegnervielfalt variiert zwar und es sind diverse imposante Widersacher anzutreffen, doch ganz so kolossale Bosskämpfe, wie etwa in God of War 3, sind im neuen Ableger nur selten anzutreffen. Das heißt jedoch mitnichten, dass die Feinde leicht oder uninspiriert wären. Selbst kleinere Widersacher wirken deutlich geschickter als das noch in den früheren Serienteilen der Fall war. Sie sind weitaus mehr als nur billiges Kanonenfutter. Die Kämpfe, egal ob gegen große Bosse oder kleine Gegner wirken auch dahingehend anspruchsvoller, dass es keine Lebensenergie mehr gibt, wenn man sie mit besonders beeindruckenden Finishing-Moves erledigt. Die Energie muss stattdessen auf der Wegstrecke gefunden werden. Zu ungestümes Vorgehen wird schnell bestraft, ein vorsichtiger Energiehaushalt ist also durchaus angebracht. An dieser Stelle sei jedoch auch verraten: ganz auf übergroße Endgegner muss Kratos dann doch nicht verzichten und so bekommt es der ehemalige Kriegsgott schon relativ früh im Spiel mit einem riesigen Ungetüm zu tun, der in verschiedenen Etappen erledigt werden muss.

Zwischen brachialen Kämpfen und knackigen Rätseln

Neben den Kämpfen stehen Rätsel im Fokus des Spiels; an diesen Stellen rückt Atreus in den Fokus. Der Sohn des Kriegsgottes kann nicht nur geschickt mit Pfeil und Bogen umgehen und Kratos im Kampfgeschehen unterstützen. Er ist auch dazu in der Lage Runen zu entziffern. So gibt es immer wieder Passagen im Spiel, in denen der Spieler auf die Hilfe des Jünglings angewiesen ist und ohne dessen Geschick nicht weiterkommen kann. Die bereits erwähnte Stelle mit der Seilbahn ist ein gutes Beispiel. Auf diese klettert nämlich Atreus, um auf der anderen Seite einen Mechanismus auszulösen. Weitere solcher Kombinationsrätsel, bei denen Vater und Sohn im Einklang agieren müssen, gibt es im Spiel zuhauf. Und das ist aufgrund ihrer kreativen Lösungswege ein belebendes Element im Spiel. Zudem ist nach einer aufreibenden Schlacht ein wenig geforderter Hirnschmalz gar nicht schlecht; bei besonders schwierigen Rätseln hilft Atreus euch mit weiteren Hinweisen weiter.

Genau dieses Vater-Sohn-Gespann, sei es in den Kämpfen oder während der Rätsel, machen den ganz großen Glanz im Spielgeschehen aus. Während der Rätsel kommt ihr ohnehin nicht um den Einsatz des Sohnemannes herum. Aber gerade in den Kämpfen ist Atreus keine lästige Plage, sondern eine mehr als nur willkommene Hilfe. Via Knopfdruck lässt ihr ihn einen Pfeil auf einen heranstürmenden Gegner verschießen. Dieser ist dann kurz irritiert und Kratos kann in aller Ruhe zum kräftigen Schlag ausholen. Zudem gibt es kleinere Gegner in der Luft, die Kratos nicht gut zu fassen bekommt. Atreus ist mit Pfeil und Bogel geschickt genug, um diese lästigen Gesellen aus der Luft zu fischen und dem Vater den Rücken frei zu halten. Beides funktioniert bestens und steuert sich jederzeit einfach fantastisch. Auch die Bosskämpfe machen sich der Dynamik der beiden Protagonisten im Einklang zu Nutzen. Ein Beispiel: Kratos bearbeitet einen Gegner so lange, bis er in einer bestimmten Position ist. Dann schlägt Atreus' Stunde und der Sprössling kann ein geschicktes Ablenkungsmanöver einleiten, welches der Vater in einem finalen Schlag zu Ende bringt.

Die Hauptstory von God of War solltet ihr nach etwa 20 bis 25 Spielstunden abschließen können. Wer allerdings so schnell durch das Abenteuer "hetzt" verpasst einiges. Neben vielen kleinen Runen-Rätseln, mit denen man Kisten öffnet und seine Energie erweitern kann, gibt es unzählige Schätze zu finden. Außerdem steckt die Welt der nordischen Mythologie voller Geschichte, die viel Hintergrundwissen für den Spieler bereithält. Kratos begegnet der Weltenschlange, bereist die neun Welten und trifft auf einige große Gottheiten. Aber auch so hat God of War genug Stoff zu bieten, um die Spielzeit jenseits der 30-Stunden-Marke zu treiben. Besiegte Gegner geben Erfahrungspunkte und diese können in Talente und Fähigkeiten umgemünzt werden. Diese dienen der Verbesserung von Kratos als auch Atreus, was sich im Kampf sehr schnell zum eigenen Vorteil auswirkt. Wird Atreus stärker, agiert er selbstständiger. Er lenkt Gegner ab oder schwächt diese autonom, sodass Kratos es leichter hat. Dementsprechend sollte man den Spross beim Aufleveln nicht vernachlässigen. Wem das alles noch nicht ausreicht oder das Abenteuer gar zu leicht sein sollte, der darf sich nach Abschluss der Geschichte an dem höchsten Schwierigkeitsgrad versuchen. Die ganz Harten unter euch stellen die Gegnermarkierungen in den Einstellungen aus und haben dann das „Hardcore-Erlebnis“. Sogenannte Walküren, Herausforderungen in Arenen, in denen der Spieler gegen unzählige Feinde kämpft, gehören ebenfalls zu den optionalen Inhalten und sorgen für weitere Spielstunden auf dem Counter. Für die God-of-War-Reihe ist ein solcher Umfang schon enorm und absolut einzigartig.

Auch technisch ist God of War eine echte Wucht. Systemübergreifend gibt es nur eine Handvoll Titel, die dem Spiel das Wasser reichen können. Hinzu kommt, dass neben der absolut detailreichen Optik, den wunderschönen Charakteren, den knackigen Hintergründen und den toll designten Feinden absolut keine technischen Schnitzer existieren. Ruckler, Bildrateneinbrüche oder Abstürze bleiben dem Spieler erspart. Als wäre das nicht genug, ist auch der kolossale Sound rundum gelungen. Was die Entwickler in punkto Inszenierung auf die Beine gestellt hat, sucht seinesgleichen. Ganz großen Respekt an das Santa Monica Studio!

Fazit:

God of War zählt seit jeher zu meinen Videospiel-Lieblingsserien und insbesondere der dritte Teil gehörte für mich anno 2010 zu den besten Videospielen aller Zeiten. Um diesen zu toppen, musste der vierte Teil schon etwas Gewaltiges auf die Beine stellen. Erstaunlicherweise schafft der Reboot ebendies mit Leichtigkeit. Selten habe ich eine so tolle Geschichte in einem Videospiel erlebt, stellenweise war ich den Tränen sogar sehr nahe. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass ich seit einiger Zeit selbst Vater bin, doch auch alle anderen sollten von der Story und seiner Inszenierung absolut begeistert sein. Abgesehen davon punktet das neue God of War mit einem absolut fantastischen Spielerlebnis, das nie langweilig wird. Die Mischung aus nervenaufreibenden, herausfordernden Kämpfen und motivierenden Rätseln wurde von den Entwicklern in eine perfekte Balance gebracht. Dazu kommen die fein eingestreuten Rollenspielelemente, die dem Abenteuer eine gewisse Würze verleihen. Und dann ist da noch die herausragende Präsentation, die ein tolles Videospiel nahezu perfektionieren. Lass ich mir dieses grandiose Gesamtpaket also von einer Kamera miesmachen, die am Anfang etwas Umgewöhnung erfordert? Ist mir das Waffenarsenal zu klein geraten? Vermisse ich die kolossalen Gegner aus God of War 3? Vielleicht ein ganz klein wenig. Definitiv aber nicht genug, um diesem Spiel eine herausragende Wertung zu verweigern. Der Reboot von God of War ist ein absolutes Brett geworden und jedem Videospieler ans Herz zu legen. Für solche Vertreter wurde das Medium der Videospiele geboren!

Wertung:

9.5

Michael Prammer meint:

"Episch, mitreißend und actionreich - dafür liebe ich Videospiele."
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Herausragend
Technik: Herausragend

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6 Kommentare:


Tobsen
vor 1 Monat | 2
Ich lasse es wohl vorerst aus, wünsche euch anderen aber viel Spaß damit und sage chapeau! in Richtung Santa Monica.
Cool, dass es doch immer mal wieder richtig starke Games gibt!

Piisworld
vor 1 Monat | 0
Habe bisher erst 5 Stunden reingesteckt aber vollends begeistert. Mega Empfehlung.

Terry
vor 1 Monat | 0
Hab's - trotz großer Skepsis am Anfang der Ankündigung - nach den ganzen positiven Meinungen jetzt auch geholt. Bin schon sehr gespannt.

Piisworld
vor 1 Monat | 0
Und was sagste bislang?
Terry
vor 1 Monat | 0
Bin noch nicht zum Spielen gekommen :D

Piisworld
vor 1 Monat | 0
Aaaalter :D:D dann wird´s aber höchste Zeit ;)... ich kam übrigens gar nicht mit der neuen Steuerung klar. Nahangriffe auf R Schultertasten. Nää ich hab direkt auf die alte Variante gewechselt.