Test: A Way Out

Von Kamil Witecy am 30. März 2018

Macht euch bereit für ein storylastiges Koop-Abenteuer, das euch einen Gangsterfilm der 70er Jahre einmal anders erleben lässt.

Nach dem im Februar veröffentlichten „Fe“ geht Electronic Arts abermals einen eher ungewöhnlichen Weg und nimmt ein kleines, aber ambitioniertes Koop-Spiel in ihr Spieleportfolio für das Jahr 2018 auf: A Way Out. Das neue Werk der Macher von „Brothers: A Tale of Two Sons“ erzählt die Geschichte von Leo und Vincent, zwei ungleichen Männern, die sich  beide am selben Ort wiederfinden - im Gefängnis. Das Besondere dabei: A Way Out ist von Grund auf als kooperatives Splitscreen-Erlebnis entwickelt worden. Einen klassischen Singleplayer-Modus gibt es daher nicht, ein zweiter Spieler muss immer zur Verfügung stehen. Gespielt wird dann entweder am selben TV gemeinsam auf der Couch oder über eine Online-Verbindung. Dafür reicht bereits ein einziges Exemplar des Spiels aus, um das Koop-Erlebnis zu zweit genießen zu können.

Laut Creative Director Josef Fares, der nach dem überraschenden Erfolg von „Brothers“ mit den Hazelight Studios seine eigene Firma aus dem Boden stampfte, ist das eine ganz bewusste Design-Entscheidung. Fares gilt in der Branche als Freigeist, als Künstler, der die Möglichkeiten des Mediums Videospiele liebt und sich mit seinem ersten komplett eigenen Spiel an neues Terrain heranwagen wollte, um etwas Einzigartiges zu erschaffen. Wir verraten euch in unserem Test, ob dieses ambitionierte Unterfangen geglückt ist.

Ein ungleiches Paar - filmreif inszeniert

Josef Fares ist ehemaliger Filmregisseur – und das merkt man A Way Out auch an. Tatsächlich kann der Titel am ehesten als spielbarer, interaktiver Gangsterfilm der 70er Jahre bezeichnet werden. Das bedeutet ganz konkret: Die Story steht im Vordergrund, das Gameplay ist eher Beiwerk und längst nicht so stark ausgearbeitet wie in klassischen Action-Spielen. Die überwiegende Zeit geht es aus spielerischer Sicht gesehen lediglich darum, bestimmte Quicktime-Events abzuschließen, also bestimmte Tasten am Controller möglichst schnell oder in bestimmter Reihenfolge zu drücken, die dann entsprechende Handlungen im Spiel auslösen. Das ist einerseits recht schade und spielerisch dünn, sorgt in den stark gescripteten Sequenzen aber auch für deutlich mehr Tempo. Es gibt darüber hinaus aber auch einige Abschnitte im Spiel, wo ihr deutlich mehr Freiheiten besitzt. Ihr könnt einige Ortschaften halbwegs frei erkunden, mit anderen Menschen sprechen und mit allerlei Gegenständen (über besagte Qucktime-Events) interagieren. In diesen Spielszenen fühlt sich A Way Out dann etwas mehr wie ein klassisches Videospiel an; ohne die Story je aus den Augen zu verlieren.

Dabei übernehmt ihr in A Way Out die Kontrolle der zwei verurteilten Gefängnisinsassen Vincent und Leo, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Leo Caruso ist temperamentvoll, aufbrausend und schlägt sehr gerne mal zu. Vincent Moretti ist dagegen ein eher ruhiger und wortgewandter Typ, stets rational denkend und abgeklärt. Ein sehr ungleiches Paar, das im Team aber gut zu harmonieren weiß. Denn beide haben ein gemeinsames Ziel: So schnell wie möglich raus aus dem Kittchen. Diesen Ausbruchsversuch und alles, was sich danach noch an Verfolgungsjagden, Schleichmissionen und Klettereinlagen abspielt, erleben die Spieler stets gemeinsam im Splitscreen-Modus. In der linken Bildschirmhälfte ist immer der nüchterne Vincent zu sehen, in der rechten Hälfte Aggressive-Leader Leo. Dabei ist es ganz gleich, ob ihr gemeinsam an einer Konsole spielt oder im Onlinemodus - diese Bildaufteilung ist permanent vorhanden, weil es von den Entwicklern schlichtweg so gewollt ist.

Ihr sollt jederzeit beide Spieler und ihre Storys im Blick haben, auch wenn sich die Wege der beiden Knast-Buddys zwischenzeitlich trennen. Die Aufteilung des Screens erfolgt jedoch dynamisch, sodass sich die Trennlinien des Splitscreens je nachdem verschieben, was gerade in der Story passiert. Während sich ein Spieler gerade noch in einer Zwischensequenz befindet, kann sich der andere unter Umständen noch frei umherbewegen und mit Gegenständen interagieren. Hin und wieder wird der Splitscreen auch vorübergehend ganz aufgelöst und geht nahtlos in gemeinsame Zwischensequenzen oder Vollbild-Abschnitte über, in denen nur einer der Spieler aktiv ist. Diese Art des Storytellings trägt massiv zur Immersion bei; die TV-Serie „24“ lässt grüßen. Das dauerhafte Spiel mit der Bildaufteilung ist durchaus bemerkenswert, die gesamte Inszenierung des Gangster-Abenteuers gelungen und kinoreif.

Über Zusammenarbeit und blindes Vertrauen

Konzeptionell dreht sich A Way Out vor allem um die Zusammenarbeit zwischen den Koop-Partnern. In vielen Spielszenen gibt es nur ein Item, also beispielsweise nur eine Pistole oder nur eine Taschenlampe. Ihr müsst euch also entscheiden: Ein Spieler muss die Verantwortung übernehmen, der andere ihm blind vertrauen und folgen. Macht einer der beiden einen Fehler, scheitern stets beide als Team. Dementsprechend steht es an der Tagesordnung miteinander zu kommunizieren und das Timing aufeinander abzustimmen, egal ob ihr zusammen eine Tür einrammt, euch Arm in Arm an einer Wand hochdrückt oder gleichzeitig unterschiedliche Wachen zum Schweigen bringt, damit diese keinen Alarm auslösen.

Während die Story grundsätzlich strikt vorgegeben ist und somit linear bleibt, gibt es an einigen Stellen im Spiel dennoch Entscheidungsmöglichkeiten. An einer von der Polizei gesperrten Brücke könnt ihr zum Beispiel entweder den direkten Weg über die Brücke wählen und die Konfrontation suchen, oder euch aber unter der Brücke an den Polizisten vorbeischleichen. Auch in diesen Situationen geht es wieder um die Kommunikation untereinander, denn die Wahl eures weiteren Vorgehens muss stets einstimmig getroffen werden; ansonsten geht die Story nicht weiter. Doch ob ihr in dieser Situation - stellvertretend für das gesamte Abenteuer - letztlich aggressiv vorgeht oder der Konfrontation schleichend aus dem Weg geht, hat am Ende des Tages keinerlei Konsequenzen für den weiteren Verlauf. Die Story folgt nach solchen kurzen Abweichungen sehr schnell wieder dem roten, vorgegeben Faden. Wer trotzdem alles sehen möchte, muss den Titel entweder mindestens ein zweites Mal durchspielen oder aber via Hauptmenü einzelne Szenen auswählen und sich anders entscheiden.

Trotz dieser Linearität kommt in den rund sechs bis sieben Spielstunden, die man für das Durchspielen benötigt, nie Langeweile auf. Das liegt vor allem an den gelungenen Szenenwechseln und der guten Regie. Das Gefängnis dient sozusagen nur als Ausgangspunkt für weitere, gemeinsame Interessen. Im späteren Verlauf findet ihr euch in Wäldern, auf einer Farm und sogar einem Strand wieder. Auch spielerisch gibt es, trotz der vielen Quicktime-Events, durchaus Abwechslung. Mal müsst ihr schleichen, mal euren Grips etwas einschalten oder Personen mit eurer Redekunst von etwas überzeugen. Zudem gibt es mehrere ruhige Such- und Erkundungsphasen im Spiel, in denen auch diverse Minispiele entdeckt werden können. So könnt ihr beispielsweise Baseball spielen, Armdrücken oder im Hufeisen werfen gegeneinander antreten und nebenbei noch etwas über die Hintergründe und Familienverhältnisse der beiden Hauptfiguren erfahren. Gerade durch diese eher ruhigen Momente im Spiel bekommen beide Protagonisten ein schärferes Profil und es wird nachvollziehbar und glaubhaft eine Freundschaft zwischen Leo und Vincent etabliert.

Doch auch die Action kommt nicht zu kurz, eben ganz wie es sich für einen Gangsterfilm der alten Schule gehört: Es wird mit Fäusten zugeschlagen, ordentlich Schrot verschossen sowie gesprungen und geklettert. Zusätzlich könnt ihr euch auch auf Fahrt- und Fluchtsequenzen einstellen. Sehr positiv hervorzuheben ist dabei, dass sich nichts im Spiel wiederholt. Jede Spielidee kommt im Grunde exakt einmal vor. So fällt die recht überschaubare Spielzeit deutlich weniger ins Gewicht.

Immer noch eine Indie-Produktion

A Way Out geht seinen eigenen, durchaus mutigen Weg. Doch bei aller Liebe zum gelungenen Koop-Ansatz: Wirklich herausragend und sonderlich innovativ sind die einzelnen Koop-Mechaniken für sich genommen nicht. Vielmehr sind sie aufgrund der fast permanenten Ausführung durch Quicktime-Events relativ simpel gehalten, sodass das Spiel fast nie eine echte Herausforderung bietet und recht einfach durchzuspielen ist. Scheitert ihr in einer Szene dann doch einmal und werdet von der Polizei geschnappt, könnt ihr von den fast schon zu fair gesetzten Checkpoints einfach noch einmal von vorne beginnen. Das alles ist nicht unbedingt schlimm geschweige denn ein K.O.-Kriterium; man muss sich diesem Umstand nur bewusst sein und sollte nicht mit falschen Erwartungen an das Spiel gehen. Ebenfalls nervig ist die ungenaue und altbackene Bewegungssteuerung der zwei Hauptprotagonisten. Wer schon einmal ein Spiel von Quantic Dream gespielt hat (Fahrenheit, Heavy Rain, Beyond: Two Souls), der wird sofort wissen was gemeint ist.

Während sich das Spiel grundsätzlich sehr viel Mühe gibt seine Handlung nachvollziehbar und halbwegs realistisch Stück für Stück voranzutreiben, wird im letzten Drittel jedoch spürbar auf die Tube gedrückt, um noch mehr Inhalt und Action unterzubringen. Das Finale von A Way Out ist daher zwar durchaus furios und trumpft mit einem coolen Twist auf, wirkt gleichzeitig aber auch überladen und verliert sich in zu vielen Action- und Shooter-Passagen. Zudem ist es schade, dass die im Spielverlauf getroffenen Entscheidungen (bis auf eine Ausnahme!) keinerlei Auswirkungen auf das Ende der Geschichte haben. Beim eben schon angesprochenen Heavy Rain konntet ihr durch eure Entscheidungen 18 verschiedene Endsequenzen erreichen. In A Way Out besteht der Wiederspielwert eigentlich nur darin, dass man noch in die Rolle der jeweils anderen Hauptfigur schlüpfen kann, die mitunter in einigen Passagen unterschiedliche Dinge erledigen müssen.

Auch die Optik von A Way Out reißt keine Bäume aus, wirkt mitunter sogar etwas altbacken. Dafür gibt es kaum technische Aussetzer und der Titel punktet mit einem gelungenen 70er-Touch, bei dem die Farbsättigung eher niedrig und weniger knallig ist. Dadurch entsteht ein ganz eigener Stil mit einer stimmigen Gangster-Atmosphäre, die zu gefallen weiß. Unterstrichen wird die Optik mit einem passenden, eher ruhigen Soundtrack, der spannende Momente jedoch gekonnt musikalisch untermalt. Was man an dieser Stelle auch nicht vergessen sollte: Trotz der prominenten Unterstützung von Electronic Arts ist A Way Out immer noch eine Indie-Produktion durch und durch. Die Hazelight Studios bestehen aktuell zumindest noch aus einem sehr kleinen Team, welches sich nicht annähernd mit Produktionen der sonstigen Größenordnung eines Electronic-Arts-Spiels messen kann. Wohl auch deshalb bietet das Spiel keine deutsche Sprachausgabe an; es gibt lediglich deutsche Untertitel. Die englische Vertonung ist jedoch gut gelungen und die meiste Zeit über auch gut zu verstehen.

Fazit:

Mit A Way Out haben Creative Director Josef Fares und sein kleines Entwicklerteam einen wirklich einzigartigen und mutigen Koop-Only-Titel erschaffen, der sich nur schwer mit anderen Spielen vergleichen lässt. Die Koop-Mechanik funktioniert erstaunlich gut und unterhält über die gesamte Spieldauer. Dabei müsst ihr durchgehend mit eurem Mitstreiter kommunizieren, zusammen nach neuen Lösungen suchen und euer Timing aufeinander abstimmen. Ebenfalls zu gefallen wissen sowohl die Inszenierung als auch das Drehbuch, das nach und nach alle Story-Fäden geschickt zusammenführt und den beiden Hauptprotagonisten durch genügend ruhige Passagen ein echtes Profil liefert. Lediglich das letzte Story-Drittel wirkt inhaltlich ein wenig überladen, wenn auch das Finale durchaus zu überraschen weiß. Darüber hinaus sollte A Way Out vielmehr als interaktiver Spielfilm denn als Videospiel angesehen werden - entsprechend seicht und arm an Herausforderung ist das eigentliche Gameplay, welches sich vor allem auf Quicktime-Events stützt. Dennoch ist A Way Out zweifelsfrei eine unterhaltsame und vor allem innovative Interpretation eines Gangsterfilms der 70er Jahre zum Budgetpreis. Und es zeigt, dass auch heute noch frische und mutige Spielkonzepte auf dem Spielemarkt bestehen können.

Wertung:

7.5

Kamil Witecy meint:

"Einzigartiges Koop-Only-Abenteuer, das mehr Wert auf Story und Inszenierung legt als auf das eigentliche Gameplay."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Gut

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1 Kommentare:


Falcon
vor 3 Wochen | 0
Sehr guter Test - danke dafür! Werd mit einem Kauf noch etwas warten, der SALE kommt bestimmt :)