Test: The Longest Five Minutes

Von Andreas Held am 28. Februar 2018

Oh, ich kämpfe ja gegen den Dämonenkönig! Aber warum eigentlich? Und wer bin ich überhaupt???

Amnesie mal anders

Ein Protagonist, der sein Gedächtnis verloren hat, ist wohl das am häufigsten verbrauchte Story-Klischee japanischer RPGs. Es erlaubt den Story-Autoren auf einfachste Weise, zu einem beliebigen Zeitpunkt eine Storywendung zu zünden und der Party durch die wiederkommenden Erinnerungen genau die Informationen zu geben, die sie gerade brauchen. The Longest Five Minutes will von alledem jedoch nichts wissen. Zwar hat der Hauptcharakter auch in diesem Spiel sein Gedächtnis verloren - aber dummerweise genau zu dem Zeitpunkt, als er dem letzten Boss gegenübersteht. Ohne Erinnerungen an seine stärkste Spezialattacke gestaltet sich der Kampf schwierig, und so muss der Hauptheld versuchen sich zu erinnern, während seine Begleiter bereits voll in den Kampf verwickelt sind.
Sonderlich viel Kapital schlägt The Longest Five Minutes jedoch nicht aus seinem durchaus interessanten Ansatz. Stattdessen spielt ihr eine lineare, klassische RPG-Story durch, die mit dem Verlassen des Elternhauses beginnt und im Schloss des Dämonenkönigs endet. Diese Handlung erlebt ihr im Rahmen etwa 15 Minuten langer Story-Abschnitte, die das Spiel als Erinnerungsfragmente ausgibt. Zwischendurch schaltet der Titel dann immer wieder zum Bosskampf im Hier und Jetzt oder zu noch kürzeren Erinnerungsschnipseln, die chronologisch nicht in die Haupthandlung passen. Hier wurde recht viel Potential verschenkt.

Die eigentliche Story zeigt ebenfalls keinerlei Ambitionen, sondern beruft sich auf jahrezehntealte Genre-Klischees oder völlig abstruse Story-Konstruktionen, in die die Autoren nicht viel Hirnschmalz gesteckt haben. In einer Sequenz müssen wir auf einer großen Müllhalde ein besessenes Klavier suchen und besiegen, dessen überall hörbare Melodie den Menschen ihren Lebenswillen raubt. In meinem ersten RPG-Maker-Spiel, das ich als Zwölfjähriger geschrieben habe, musste ein Luftschiff aus einer Kanalisation geborgen werden, weil es der Konkurrent seines Erbauers die Toilette hinunterspülte. Parallelen sind durchaus erkennbar.

Das simpelste RPG aller Zeiten?

The Longest Five Minutes präsentiert sich in einer Retro-Optik, gehört aber leider zu den Spielen, die diesen Grafikstil als Ausrede für eine detailarme und unkreative Optik missbrauchen. Selbst das dreißig Jahre alte NES-Original von Final Fantasy II sieht an vielen Stellen detaillierter aus und ist einfach liebevoller gestaltet. Ähnlich spartanisch zeigt sich das Spieldesign: The Longest Five Minutes versucht nichts, was JRPGs nicht schon vor 30 Jahren - teilweise besser - gemacht haben. Da ist es kein Wunder, dass auch ein Schwierigkeitsgrad praktisch nicht vorhanden ist, sodass ein bloßes Hämmern auf den A-Knopf selbst in späteren Bosskämpfen meistens die einzige Aktion ist, die The Longest Five Minutes seinen Spielern abverlangt. Zusammen mit dem überaus hohen Spieltempo sorgt dies dafür, dass Zufallskämpfe nach wenigen Sekunden vorbei sind und selbst Bosskämpfe nur selten länger als 30 Sekunden dauern.
Selbst seine durchaus innovative Story-Prämisse nutzt der Titel nur als Vorwand, sein Gameplay noch weiter zu vereinfachen. In einem Erinnerungsfragment gesammelte Items, Ausrüstungsgegenstände und Erfahrungspunkte sind nicht auf das nächste Kapitel übertragbar, gehen also schon nach wenigen Minuten verloren. Ausrüstungs- und Itemläden oder versteckte Schatztruhen gibt es zwar - sie haben in der Konsequenz jedoch keine spielerische Funktion, da ihr zu Beginn jeder Episode automatisch mit allem ausgestattet werdet, was ihr zu ihrem Abschluss benötigt. Der letzte Sargnagel für The Longest Five Minutes ist sein Umfang: Die Spielzeit liegt bei etwa 10 Stunden, was für ein Vollpreis-RPG einfach viel zu wenig ist.

Fazit:

Schreibt man als Redakteur über einen spielerischen Totalausfall, ergibt sich dieser meistens aus groben technischen Schnitzern: Eklatante Bugs, eine unbenutzbare Kamera oder eine Steuerung, die den Titel unspielbar macht. The Longest Five Minutes macht keinen dieser Fehler und ist problemlos spielbar, fällt aber trotzdem in diese Kategorie. Um es ganz hart zu sagen: Als ich vor 15 Jahren in der RPG-Maker-Szene unterwegs war, haben die dort tätigen Hobbyentwickler schon damals Spiele gemacht, die besser und ambitionierter waren als das, für das Nippon Ichi Software im Jahre 2018 fast den Vollpreis verlangt. Wie weit das RPG hinter den großen 8- und 16-Bit-Klassikern hinterherhinkt, die es zu emulieren versucht, darf man sich also ausrechnen. In den zahlreichen Download-Stores finden sich hunderte Retro-RPGs, die The Longest Five Minutes in allen Bereichen ausstechen und nur ein Bruchteil von dem kosten, was für die Switch-Cartridge verlangt wird. Das minimalistische Spieldesign bescheinigt die schiere Faulheit der Entwickler, die sich bei der Konzeptionierung von The Longest Five Minutes wohl von Kazim Akboga inspirieren ließen: "Keine Story, is mir egal, keine Charaktere, mir egal. Keine Innovationen, is mir egal, kein Schwierigkeitsgrad, mir egal."

Wertung:

3.5

Andreas Held meint:

"Wer einfach gar nichts macht, kann zwar nichts falsch machen, hat aber am Ende des Tages auch nichts erreicht."
Spielerlebnis: Schlecht
Umfang: Mangelhaft
Technik: Durchschnittlich

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2 Kommentare:


Matthew1990
vor 9 Monaten | 0
"Die Spielzeit liegt bei etwa 10 Stunden, was für ein Vollpreis-RPG einfach viel zu wenig ist."
Wieso ist das zu wenig? Dafür dass das Spiel "The Longest Five Minutes" heißt, sind 10 Stunden doch noch viel! :D

Vyse
vor 9 Monaten | 1
Half-Minute Hero: The Second Coming geht locker 20 bis 30 Stunden, das ist also kein Argument :D