Test: Bayonetta

Von Tim Herrmann am 14. Februar 2018

Ein Action-Spektakel voller Skurrilität, Kontraste und Absurdität jetzt auch für Nintendo Switch.

Twitter hat Hideki Kamiya einst unter Spielern berühmt gemacht. Nicht weil der Entwickler von Platinum Games oft besonders wertvolle Gedanken teilen würde, sondern weil er regelmäßig und leidenschaftlich die eigenen Fans beschimpft, Follower beleidigt und dumme Fragen verhöhnt. „Fuck off, idiots“. Man könnte sagen: Hideki Kamiya ist ein ganz schön schräger Vogel. Wahrscheinlich muss man das auch sein, um ein Spiel wie Bayonetta kreieren zu können, ein Action-Spektakel, das vor Skurrilität, Kontrasten und Absurdität nur so trieft und in jeder Disziplin genussvoll übers Ziel hinausschießt. 

Im Rahmen des Relaunches der Bayonetta-Serie für Nintendo Switch erscheint es nun in einem Paket zusammen mit dem Nachfolger oder alternativ einzeln als eShop-Download. Das Spiel kann nicht als Cartridge erworben werden (zumindest nicht hierzulande), auch in der erhältlichen Special Edition für Nintendo Switch mit Bayonetta 2 ist lediglich ein Download-Code für das Erstlingswerk enthalten. Lediglich Bayonetta 2 kann somit direkt im Modulschacht eurer Nintendo Switch landen. Die Downloadgrößen liegen übrigens bei 8,5 GB für Bayonetta und 12,4 GB für die Fortsetzung.

Sexy Hexy

Man könnte einen Test zu Bayonetta mit einer detaillierten Abhandlung des Spielgenres beginnen, den Titel sorgsam in die Kategorie der Hack & Slay-Spiele einordnen und ausführlich mit God of War oder Devil May Cry vergleichen. Doch Bayonetta nutzt Gameplay eigentlich nur als Mittel zum Zweck. Denn vordergründig will es ein durchgestyltes, exzentrisches Gesamtkunstwerk sein, eine Ausgeburt völlig durchgedrehter Hirne, die kein Bedürfnis des klischeehaften Hardcore-Gamers unbefriedigt lassen. Sex und explizite Gewaltdarstellung drängen sich über die Spieldauer hinweg geradezu obszön immer wieder in den Fokus, unterfüttert mit sarkastischem Humor, Okkultismus und natürlich einer großen Portion Action.

Bayonetta ist nicht nur Namensgeberin und Protagonistin ihres Spiels – sie ist das Spiel selbst und verkörpert die künstlerische Vision ihrer Schöpfer. Kaum eine Sekunde vergeht ohne Blicke auf die Hexe und ihre steilen Kurven, auf ihre pechschwarze Haarpracht und die tödlichen Waffen, die sie an Armen und Beinen trägt. Mit britischem Akzent und demonstrativ gelangweilt-ironischen Wortbeiträgen kommentiert sie die grausamen Tode ihrer titanengleichen Gegner lapidar, als wären sie lästige Fliegen. Nichts bringt sie in Wallung, nichts gefährdet sie ernsthaft. Kaltschnäuzig und ohne Wimpernzucken zerreißt sie Widersacher brutal in Fetzen und flirtet im gleichen Augenblick lasziv mit dem Spieler. Das alles passt überhaupt nicht zusammen. Und ist gerade deshalb so reizvoll, dass man einfach nicht wegschauen möchte: eine sexy Hexy, die entzückt gigantische Monster zu Fall bringt und selbst den muskulösesten 08/15-Action-Baller-Helden mit einem Schwung ihres Pistolenbeins zu Fall bringen könnte? Gab’s noch nicht. Und genau deswegen ist Bayonetta das bislang erfolgreichste Spiel von Platinum Games. Sein traditionell sehr spezielles Action-Nischengameplay verknüpft der Entwickler hier mit einem Charakter, der aus irgendeinem Grund unheimlich interessant ist.

Style als Spielzweck

Worum es in Bayonetta geht? Das ist schwierig zu erklären. Denn die ohnehin verworrene Story um Bayonettas Suche nach verlorenen Erinnerungen aus dunkler Vorzeit und die Wiedererweckung einer Gottheit mit Hilfe irgendwelcher Augen erzählen die Entwickler weder besonders verständlich noch wirklich mitreißend. Ständig zerfleddert die Geschichte in konfusen Umwegen durch Vergangenheit, Himmelreich oder Parallelwelten, zerlegt sich durch Schwenks, Andeutungen und kryptische Rätsel selbst. Meist bleibt der Spieler nach den Story-Sequenzen ratlos zurück. Doch wie der ganze Rest des Spiels ist auch die Story eigentlich nur Mittel zum Zweck. Sie ist die Projektionsfläche für eine einzigartige Inszenierung. In Standbildsequenzen oder Gameplay-Videos spulen die Platinum-Entwickler ein Effektfeuerwerk nach dem nächsten ab. Slow-Motions, rasante Kamerafahrten und völlig absurde Stunts und Effekte lassen die Ohren klingeln und die Augen brennen. Der Soundtrack geht damit Hand in Hand. Betont girlyhafter Japan-Pop wechselt sich mit choralem Orgelschall und epochalen Untergangsklängen in riesigen Bosskämpfen ab. Ein Erlebnis.

Das gilt auch für die Kämpfe. Sie sind der eigentliche und einzige Gameplay-Inhalt von Bayonetta – die angedeuteten Action-Adventure- und Platforming-Elemente in den hübsch gestalteten, wenn auch stets sehr grauen Zwischengegenden sind kaum der Rede wert. Auf ihren Reisen zwischen Himmel und Erde stellen sich Bayonetta immer wieder völlig unvermittelt Scharen von Engeln in den Weg, die die einzelnen Spielkapitel in Verse gliedern. Doch die Himmelsboten, mit denen es die Hexe zu tun bekommt, sind keine Heilsbringer, sondern furchterregende Monster, grausame Adlergestalten, Drachen, Golems, Bestien. Doch wehrlos ist Bayonetta nun wirklich nicht.

Training macht den Meister

Mit den A- und X-Knöpfen kann der Spieler angreifen und mit verschiedenen Variationen von Hand- (X-Knopf) und Fußangriffen (A-Knopf) wahre Kombo-Feuerwerke abfeuern. Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn diverse Zusatzmanöver wie Sprünge und Luftpassagen, L-Stick-Drehungen oder die R-Taste und natürlich das unverzichtbare Ausweichen über ZR treiben die Komplexität und die Kombovielfalt in die Höhe. Unnötig zu erwähnen, dass auch noch jede Waffenkombination andere Effekte zu Tage fördert. Quick-Time-Events, spektakuläre Finishing-Moves und Hexenangriffe mit Bayonettas magischen Haaren tun ihr Übriges.

Übung macht den Meister? Das mag für andere Spiele gelten, aber um in Bayonetta zum Meisterkämpfer zu werden, braucht es nicht Übung, sondern Training - zumindest in den nicht-automatischen Schwierigkeitsgraden, in denen der Spieler jedes Manöver selbst durchführt und die Software nicht hilft. Denn Bayonetta ist ein Spiel, das euch jede Zehntelsekunde abverlangt, keine Nachlässigkeit verzeiht und gnadenlos jeden abstraft, der nicht schnellstens dazulernt. Das verdeutlicht schon die Hexenzeitmechanik: Einem Angriff gerade noch rechtzeitig auszuweichen, verlangsamt kurz die Zeit. Ein unverzichtbares Manöver, das aber auch auf perfektem Timing basiert und nicht immer gelingt.

Das alles ist gleichzeitig Lob und ernsthafte Kritik: Wer das komplexe Kampfsystem meistert, kann mit übermächtigen Kombos, bombastischen Hexenangriffen, Spezial- und Finisher-Moves tatsächlich großen Spaß haben und ansehnliche, flüssige Kämpfe produzieren. Dafür wird er nach jedem Vers auch mit Medaillen und detaillierten Auswertungen belohnt. Doch das Spiel gibt sich keinerlei Mühe, Spieler beim Weg auf der steilen Lernkurve an die Hand zu nehmen. Warum ein Versuch schon nach zwanzig Sekunden mit einem brutalen Tod endet und der nächste wieder gut funktioniert, ist oft ziemlich intransparent. Manchmal kann der Spieler nur zuschauen, wie die Gegner Bayonetta auseinander nehmen, ohne dass irgendeine Gegenwehr möglich scheint. Oder man sieht gar nichts, weil eine ungünstige Kameraperspektive oder andere Gegner den Blick auf anrollende Angriffe versperren. Das gibt den Kämpfen bisweilen eine Trial-and-Error-Mentalität, die ziemlich frustrierend sein kann – selbst auf normalem Schwierigkeitsgrad. In den leichten und automatischen Schwierigkeitsgraden ist das alles wesentlich einfacher. Vielleicht schon etwas zu einfach.

Dazu kommen etliche Customization-Aspekte wie neue Waffen, Angriffs- oder Verteidigungstechniken und Kampfitems, die ihr an den Toren zur Hölle mit den im Spiel erworbenen Heiligenscheinen kaufen könnt. Doch auch diese Upgrade- und Ausrüstungsmechaniken erklärt das Spiel nicht. „Friss oder stirb‘“, hört man Kamiya geradezu genervt maulen. Wer sich nicht einarbeitet, wird immer nur an der Oberfläche dessen kratzen, was Bayonetta bietet. Leichte Unterhaltung sieht anders aus. Die vielbeschworenen Nintendo-Kostüme sind übrigens zwar ein lustiges Gimmick mit vielen kostümspezifischen Animationen und Verweisen auf die Nintendo-Charaktere, haben aber keinen echten Einfluss auf den Spielverlauf oder das Gameplay.

Die Vorzüge der Switch-Version 

Technisch handelt es sich bei der Umsetzung von Bayonetta für Nintendo Switch mehr oder weniger um eine 1:1-Portierung der Wii-U-Umsetzung, nicht um ein Remake oder eine Neuauflage für die neue Konsolengeneration. Fun Fact: Auch die Wii U-Version war schon eine 1:1-Umsetzung der PS3-Version mit besserer Framerate. Entsprechend bewegt sich der Titel grafisch auf einem eher durchschnittlichen Niveau und setzt damit keine Meilensteine - das fällt vor allem an einigen matschigen Texturen auf, insbesondere im TV-Modus. Bayonetta 2 ist technisch im direkten Vergleich wesentlich ausgereifter und schöner. Immerhin: Die Switch-Version läuft diesmal fast ausnahmslos flüssig in 60fps über den Bildschirm; keine Selbstverständlichkeit, wie vor allem PS3-Spieler von Bayonetta wissen. Doch auch die Wii U-Version ist hin und wieder deutlich spürbar ins Stocken geraten. Davon merkt man in der Version für Nintendo Switch nun glücklicherweise kaum mehr etwas, egal ob ihr im Handheldmodus oder auf dem TV spielt. Die Bildschirmauflösung liegt in beiden Fällen bei festen 720p.

Besondere Switch-Features gibt es anders als in Bayonetta 2 nicht. Die Touchscreensteuerung des Nachfolgers hat es auch wieder in die Switch-Portierung von Teil 1 geschafft, sie ist in der Spielpraxis allerdings vor allem wegen des rasanten Gameplays nicht wirklich zu gebrauchen. Da sollten Spieler lieber bei der Knopfsteuerung über die Joy-Cons im Handheldmodus oder den Pro Controller bleiben.

FAZIT:

Bayonetta ist von der ersten bis zur letzten Spielsekunde eine gigantische Reizüberflutung. Im positiven wie im negativen Sinne. Den Design-Genies von Platinum Games ist ein Style gelungen, der aufregend, interessant und einzigartig ist und in jeder Situation zu glänzen weiß: in Bayonettas frechen Monologen, in der bombastischen Inszenierung der Zwischensequenzen, in der abwechslungsreichen Musik, im Design der Charaktere und Gegner und nicht zuletzt im Kampfsystem. Manchmal übertreiben es die Entwickler mit ihrem Effektfeuerwerk aber auch. Sie zaubern dann so viel Action auf den Bildschirm, dass einem regelrecht der Kopf schwirrt, man nichts mehr erkennt, kaum noch reagieren oder agieren kann. Und über alldem schwebt ein knackiger, stellenweise auch unfairer Schwierigkeitsgrad, der nicht selten zu Frustmomenten führt. Bayonetta ist aber ein so charmantes und außergewöhnliches Spiel, dass man ihm die meisten seiner Fehler doch verzeiht und immer wieder Lust auf einen weiteren Kampf mit der sexy Hexy bekommt.

Wertung:

8.0

Tim Herrmann meint:

"Bayonetta ist bombastisch. Aber manchmal übertreiben es die Entwickler mit ihren Explosionen."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Durchschnittlich

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3 Kommentare:


Tobsen
vor 9 Monaten | 0
Sauberer und ausführlicher Test! Danke!
Ich habe nur Teil 2 auf der Wii U gespielt und der gefiel mir mehr oder weniger überhaupt nicht. Da Teil 1 in allen Belangen schwächer sein soll, werde ich es hier mit Teil 1 nicht auf Biegen und Brechen nochmal versuchen, sondern einfach akzeptieren, dass die Bayonetta-Reihe für mich nichts ist. Außerdem fand ich bei Teil 2 die Spielzeit echt richtig kurz - Michi erwähnt ja im Test nebenan die Spielzeit mit ca. 10h. Afair brauchte ich gute acht. Ist die Spielzeit hier ähnlich kurz? In meinen Augen ist ein Umfang von acht Stunden leider echt nicht "sehr gut".^^

GF0P
vor 9 Monaten | 0
Mir gefiel Bayonetta 1 deutlich besser, als Teil 2. Bayo 2 ist mir im Ganzen einfach zu drüber im wahrsten Sinne, da man hier gefühlt ausschließlich Luftkämpfe bestreitet. Im Erstling gab es noch verhältnismäßig normale Gegner, während die Designer im Zweiten Teil sich wohl gedacht haben: "Scheiss drauf, lass jeden Kamp wie einen Bosskampf wirken!"

Terry
vor 9 Monaten | 0
Der Umfang ist ähnlich, vielleicht ein wenig länger. Das große Plus ist halt der enorme Wiederspielwert. Wenn man es mag kann man es halt immer und immer wieder spielen und besser werden.