Test: Final Fantasy XIII

Nutzer-Story von Tobsen am 31. Januar 2018

Was macht man, wenn man unter anderem Persona 5, Monster Hunter XX, Bloodborne und Dragon Quest 8 im Backlog hat? Man leiht sich eine PlayStation 3 und holt das ungeliebte Stiefkind der Final-Fantasy-Reihe nach. In diesem Sinne: Late to the game - Final Fantasy XIII.

Willkommen im Ein-Sterne-Wunderland eines beliebten Online-Versandhändlers. User „Schinkenpizza“ weiß zu konstatieren: „Charakterentwicklung? Kaum der Rede wert!
Anlegbare Ausrüstungsgegenstände? 1 Waffe und ein Zubehörteil - was für ein Witz !
Die Charaktere? Nervig, allein bei Vanille war ich mir in den ersten 20 Minuten sicher, ob sie überhaupt sprechen kann da sie 60% des Spiel nur Hmmm...Uhhhh..Ahhh Mhmmmmm oder Oh sagt. Ja siehst recht nett aus Mädel und würdest auch in einen Hentai reinpassen...das muss dann auch reichen für ein Japanospiel - Gehirn wird überbewertet. Genauso wie natürlich das dämliche Kind nicht fehlen darf.
“ Herrlich!

Tenor desweiteren: zu linear, schlechte Story (und sowieso kein "richtiges" Final Fantasy mehr) und anspruchsloses Kampfsystem: Diese drei Zuschreibungen musste Final Fantasy XIII in Videospielforen über sich ergehen lassen. So häufig wiederholt, ja beinah zum Mantra einiger überhöht, dass der Eindruck entstanden ist, es wäre allgemeiner Konsens im Diskurs, dass der Titel per se ein Totalausfall sei. Schaut man hingegen auf die Wertungsakkumulations-Seite Metacritic, so bekommt man einen Wert von 83 Punkten geboten. Ja, Metacritic ist mit Vorsicht zu genießen, allerdings ist es unwahrscheinlich, dass ein Spiel mit über 80 Punkten Durchschnittswertung tatsächlich der proklamierte spielerische Totalausfall ist. Ich mag zwar Verrisse und Schmährezensionen, bilde mir allerdings auch gern selbst ein Urteil, weshalb ich mich von den Krakehlern nicht abschrecken ließ und acht Jahre nach Erscheinen des Titels mit Lightning, der Heldin des Spiels, und ihren Kumpanen nach Cocoon aufbrach.

Direkt zu Beginn werden bereits die dicken Geschütze aufgefahren; story- wie technikseiteig. Der Spieler bekommt atemberaubend schöne vorgerenderte Cutscenes präsentiert, die den Auftakt zu den kommenden ca. 50 bis 60 Spielstunden bilden, in denen er mit Lightning und ihren fünf Mitstreitern, deren Schicksale alle miteinander verwoben sind, die Spielwelt namens Cocoon durchwandern und sich durchkämpfen wird. Cocoon selbst ist allerdings im weiteren Sinne des Begriffs "Welt" kein Planet, sondern vielmehr ein bewohnbarer, künstlicher Mond, der am Firmament der unter ihm liegenden Welt "Grand Pulse" erstrahlt. 

Auf beiden Welten wirken Götterwesen, sogenannte Fal'Cie und die Bewohner einer jeweiligen Welt leben in Furcht und Hass vor bzw. gegenüber den Fal'Cie der jeweils anderen Welt. Diese Tatsache erklärt den Spielbeginn, an dem Lightning als Gefangene in einem Zug nach Grand Pulse sitzt. Sie befand sich nämlich in der Cocoonschen Küstenstadt Bodhum als ein Fal'Cie aus Grand Pulse auftauchte und die Bewohner der Stadt, nach Denken der Regierung Cocoons, durch sein blankes Dasein kontaminierte. Alle Personen, die zum Zeitpunkt des Vorfalls zugegen waren, sollen, so die vorgeschobene Erklärung der Machthaber Cocoons, nach Grand Pulse umgesiedelt werden, um die Kontarmination nicht noch weiter ins Inland Cocoons vordringen zu lassen. Das ist allerdings eine Lüge, denn der Zug hat nicht wirklich die Bestimmung, die Insassen umzusiedeln - in Wahrheit ist es eine Deportation zu einem Exekutionsplatz. Alle Insassen des Zuges sollen getötet werden. Lightning durchschaut dies und zettelt im Zug eine Revolte an, die vorerst gelingen soll und sie so entkommen kann. Von diesem Zeitpunkt an startet das eigentliche Spielgeschehen und die Geschichte um Lightning, ihren Kampf gegen die verbrecherische Regierung, den Kampf gegen blinden Götterglauben, den Kampf gegen grundlosen Hass gegenüber Menschen eines anderen Volkes und einer anderen Religion. Die Parallelen zum Naziterror sind sicherlich nicht zufällig derart augenschleinlich - der Stoff ist also durchaus härtere Kost

Präsentiert wird das Ganze in einer tadellosen Grafik. Rendersequenzen und echtzeitberechnetes Spielgeschehen sind für PS3-Verhältnisse bombastisch und dürfen ohne weiteres zur (optischen) Liga eines The Last of Us oder Beyond Two Souls gezählt werden. Zaubereffekte und Esper-Beschwörungen bilden die Kirsche auf der Torte. Sie sehen einfach super aus. Musikalisch hat sich Square Enix einen Schritt weg von den sehr klassischen Final-Fantasy-Motiven entfernt und einen Soundtrack geschrieben, der gut zum Sci-Fi-Setting passt. Weniger Bläser, mehr Streicher ist die Devise.

Kommt es dann zum Kampf gegen sichtbar auf dem Feld umherlaufende Gegner, spielt Final Fantasy XIII mit dem Kampfsystem seinen Trumpf aus. Ich möchte es gar nicht in jeder Nuance erläutern, nur so viel sei gesagt: Es ist hochgradig komplex und schwer zu meistern. Bis man es wirklich durchschaut hat, vergehen tatsächlich Stunden. Das 13er-Kampfsystem ist die am feinsten verzahnte Umsetzung des ATB-Kampfsystems, das ich je gespielt habe. Auf dem Bildschirm sind zum Teil über zehn verschiedene sich füllende (oder leerende) Balken zu sehen, die die verschiedenen Cool-Down-Intervalle der Eingabebefehle oder Rüstungsbruch-Raten der im Kampf Involvierten Figuren repräsentieren. Diese Balken gilt es gleichzeitig im Blick zu haben, gegeneinander abzuwägen, auszuspielen, Aktionen auszuwählen und (ad hoc im Kampf) Jobs (Heiler, Schwarzmagier, Nahkämpfer, etc.) zu wechseln. Das zu verinnerlichen und umsetzen zu können verlangt vom Spieler einiges an Geduld ab. Es ist wirklich nicht sehr intuitiv, bildet schlussendlich aber das Fundament für ein sehr unterhaltsames und gehaltvolles Kampfsystem. Und dieses zu erlernen ist ein absolutes Muss, wenn man das Spiel beenden möchte, denn es ist schwer. Zum Teil äußerst schwer. Manchmal hat man bereits an einem (!) einzigen Mob-Gegner zu knabbern und richtig schwierig wird es dann naturgemäß bei größeren Gegnergruppen, die von allen Seiten Attacken auf euch einprasseln lassen und bei einigen Bossgegnern. So schnell kann man sich zum Teil kaum heilen, wie die HP der eigenen Kämpferschar in den Keller purzeln. Und so kann es passieren, dass man den Game-Over-Screen schneller und vor Allem öfter sieht als einem lieb ist. Hier helfen nur hohe Konzentration während der Kämpfe und blankes Aufleveln der Charaktere. Nichtsdestotrotz habe ich wirklich einige Male den Game-Over-Screen erblicken dürfen. Das Spiel hält den Schwierigkeitsgrad übrigens konstant  auf hohem Niveau, sodass es praktisch keine Spielabschnitte gibt, die durchspaziert werden können.
Y0hecps3_finalfantasyxiii_741e858743418e298db18624104bf8513.jpgWo viel Licht ist, ist leider auch viel Schatten. Final Fantasy XIII ist extrem linear. Der Spieler wandert (bis auf eine Ausnahme) einen vorgegebenen Korridor durch Eiswüsten, Wälder und Wüsten entlang. Es ist nicht möglich, nach rechts oder links abzuweichen. Dementsprechend wenig bis nichts gibt es zu entdecken. Es gibt auch keine Dungeons oder Städte. Das Spiel ist ein einziger Korridor ohne wirkliche Interaktion mit der Spielwelt oder anderen Bewohnern Cocoons. Es gibt keine Inns, keine Shops, keine Minigames. Einkaufen wird über sporadisch verteilte Terminals erledigt. Das Spiel ist derart starr, dass es einem die ersten 2/3 der Spielzeit nicht ermöglicht, die eigene Kämpfertruppe selbst zusammenzustellen - man hat mit Konstellationen zu kämpfen, die das Spiel einem vorschreibt. Diese übertriebene Starrheit über 60 Stunden hinweg ist ein nicht wegzudiskutierender Malus und ein großer noch dazu. Hier lässt XIII viele Punkte und viele Sympathien liegen.

Um abschließend den Rahmen dieser Nutzerstory zu schließen und Schinkenpizzas eingangs erwähnte Äußerung nochmals aufzugreifen: das Kind heißt Hope und ist nicht dämlich.

Wertung:

7.0

Tobsen meint:

"Äußerst linear, wunderschön und richtig schwer. Einen Blick ist es wert."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Gut
Technik: Herausragend

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4 Kommentare:


derchris86
vor 6 Monaten | 0
Schon lustig, vor ca. 2 Wochen hab ich mit FFXIII angefangen. Ich kann dem Artikel in allen punkten bestätigen. Mir nachts Spaß!

Denios
vor 6 Monaten | 0
1 nicer Test, Brudi

Vyse
vor 6 Monaten | 2
Der blinde Hass gegen FF XIII lässt sich mit einer Anekdote ganz gut zusammenfassen: Auf einem Nintendo-Event war ich kurz mit einem anderen Spieletester(!) aneinandergeraten, der das Spiel mit ausdrücken aus der Fäkalsprache beschrieb. Unter anderem behauptete er, es innerhalb von 13 Stunden durchgespielt zu haben. Irgendwann ergab sich dann, dass er alle Cutscenes übersprungen hatte.

Der Weltrekord für einen 100%-Run auf speedrun.com liegt übrigens bei 18,5 Stunden. Da sollte er unbedingt mal mitmischen, wenn er das ohne jegliche Recherche, Übung und Vorbereitung mal eben um fünfeinhalb Stunden unterbieten kann!

Fantasma
vor 6 Monaten | 0
Nachdem ich das Spiel damals auf der X360 gespielt hatte, konnte ich die Unkenrufe auch nicht nachvollziehen. Final Fantasy XII hatte mir meine Lust auf Final Fantasy regelrecht genommen und hatte es letztlich nur deshalb genommen, weil man es gebraucht für Lauf bekam.
Ganz ehrlich, das Spiel ist noch nicht einmal halb so schlecht, wie es immer gemacht wird.

Außerdem kam ich nicht umhin, mich bei FF13 stark an Teil 10 erinnert zu fühlen. Das Krystarium ist wie eine noch linearere Version des Sphärobretts und auch dieses Spiel hatte viele Korridor-Level und Areale, in denen man stumpf einen Weg folgte.
Ironischerweise ist dieses Spiel jedoch heiß und innig geliebt.
Klar, es gibt Unterschiede in Handlung, Gameplay und den Charakteren, oberflächlich betrachtet gibt es aber schon einige Überschneidungen.

Einzig Lightning Returns empfand ich in der Trilogie als fade und als Abschluss unterwältigend.
Aber das ist eine andere Geschichte.