Test: Everything

Von Nico Zurheide am 19. Januar 2019

Das Leben, das Universum und der ganze Rest? So nah wie der philosophische Walking Simulator „Everything“ wird wohl kein Spiel mehr an die geniale Absurdität von Douglas Adams' Buchreihe herankommen. Nebenbei eignet sich der Titel natürlich auch hervorragend für Wortspiele - dieser Umstand wurde bei dessen Release im März 2017 bereits hinlänglich von diversen Spielern und Testern ausgenutzt. Dem irischen Entwickler von Everything, David OReilly, wird der funktionale und zudem für das Spiel äußerst passende Name zumindest sehr recht gewesen sein. Am 10. Januar erschien die Simulation nun auch auf Nintendo Switch.

A game where you can be everything

„Ein Spiel, in dem du alles sein kannst.“ Das kann man durchaus wörtlich nehmen. Everything simuliert ein Universum mit Lebewesen, in dem der Spieler die Kontrolle über wirklich alles übernehmen kann - von Staubkörnern über Büsche, Fischschwärme und Kontinente bis hin zu ganzen Galaxien. Der Wechsel zwischen den einzelnen Objekten geschieht dabei immer schnell und simpel per Tastendruck. Natürlich sind nicht zu jeder Zeit alle steuerbaren Dinge anwählbar oder gar sichtbar. Immer wieder wechseln die Ebenen, in denen jeweils etwa gleich große Objekte zur Auswahl stehen. Das ganze System ist schließlich in einen Kreislauf eingebaut, sodass ihr beispielsweise von einem DNS-Strang aus zwei Ebenen tiefer gehen könnt und plötzlich ein Galaxiecluster steuert.

Außer dem Hin- und Herwechseln und einigen kleineren Aktionen kann der Spieler allerdings nicht viel mehr tun als durch die Gegend zu laufen (oder durchs All zu schweben). In meinem Test zu Virginia bezeichnete ich das FBI-Drama als „Walking Simulator in seiner Endstufe“ - Everything wäre dementsprechend die Vorstufe zu diesem Superlativ. Anstelle einer Story konzentriert sich Everything auf philosophische Fragestellungen und Gedankengänge, die jedes einzelne Objekt in dem Universum beschäftigen. Dieser Anthropomorphismus treibt den eigenen Entdeckerdrang und damit auch das Spiel hauptsächlich voran. Die Gedanken kommen immer zufällig und sind größtenteils unabhängig von den jeweiligen Dingen - Ameisen, Holzhütten und Felsen auf einem eisigen Kontinent könnten zum Beispiel denken, dass der Schnee ihnen gerade zu kalt ist. Andere Gedanken sind abhängig vom jeweiligen Objekt; so erklärt etwa ein Kieselstein, dass er außer sich selbst keinen Kiesel kennt, der Regen mag.

Ist das Kunst?

Es lassen sich hier durchaus Parallelen zum eingangs erwähnten Douglas Adams ziehen, vor allem die berühmte Szene aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ mit dem Walfisch und dem Petunientopf im freien Fall über der Erde kommt bei einem Vergleich mit Everything in den Sinn. Da passt es, dass David OReilly 2005 die Animationen im Film zu Douglas Adams Nachschlagewerk kreierte. Obwohl die Gedankenschnipsel meist philosophisch und manchmal auch nichtssagend sind, können einige Szenen ob ihrer Absurdität amüsieren. Dazu gibt es immer wieder Audioausschnitte aus Vorlesungen des englischen Philosophen Alan Watts, in denen es sich überwiegend um die Existenzphilosophie dreht.

Trotz der fehlenden Story gibt es in Everything ein Fortschrittssystem, in dem durch das Erkunden der Spielwelt neue Aktionen freigeschaltet werden. Zu Beginn können nur kleinere Objekte übernommen werden, dann auch größere, man kann Geräusche machen, mit Dingen der gleichen Art anbandeln, tanzen und sich letztlich sogar in jedes bereits gefundene Objekt verwandeln. Everything ist bei all dem aber immer noch ein Walking Simulator, großartige Action könnt ihr also nicht erwarten. Das Ziel des Spiels ist es, alle Objekte und Tiere einmal gesteuert zu haben. Jedes Teil wird in der spielinternen Enzyklopädie abgespeichert, auch jeder Gedanke und Audioausschnitt lässt sich bei Bedarf abrufen. Für das Vervollständigen der Datenbank benötigt man in allen Versionen des Spiels zehn bis zwölf Stunden.

Fazit:

Wer mit Walking Simulatoren ohnehin nichts anfangen kann, wird wahrscheinlich keinen Spaß mit Everything haben. Dennoch: Man könnte den Titel durchaus als Kunstprojekt ansehen. Aufgrund einer konfigurierbaren Autoplay-Funktion müsste man den Controller theoretisch nicht einmal anfassen, um das simulierte Universum ausgiebig zu erkunden. Wärenddessen ploppt eine Unmenge an interessanten und amüsanten Gedanken auf und die kurzen Ausschnitte aus Alan Watts Vorlesungen regen zum Nachdenken an. So bietet Everything trotz des stark beschränkten Gameplays und nicht vorhandener Story etwas Einzigartiges, auf das es sich einen Blick zu werfen lohnt. Mit der Nintendo Switch ist das auch gut in einer kurzen Pause oder unterwegs möglich, denn das Spiel benötigt keine uneingeschränkte Aufmerksamkeit.

Wertungen für Spiele dieser Art sind immer schwer zu verteilen, Everything würden wir aber mit 7.5 von 10 Punkten auszeichnen.

Wertung:

42

Nico Zurheide meint:

"Hinter der unscheinbaren Fassade steckt eine philosophische Reise, die zum Nachdenken anregt."
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Gut
Technik: Sehr gut

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3 Kommentare:


Asinned
vor 4 Monaten | 0
Schäm dich. Der Wal und der Petunientopf sind nicht über der Erde erschienen! Ansonsten cooler Test.

nibez
vor 4 Monaten | 1
Oh nein, nicht schon wieder...

Schniko
vor 4 Monaten | 2
42 ;-)