#Herzhaft: Haunting Ground

Von Jeremiah David am 05. Januar 2018

Im Mai 2003 wurde Silent Hill 3 auf der Playstation 2 veröffentlicht.

Auf den ersten Blick hat dieser Fakt nichts mit dem Rest dieses Artikels zu tun, denn es soll hier nicht um Silent Hill gehen; dennoch ist er wichtig. Ich war damals seit einigen Monaten volljährig und längst ein fleißiger Gamer, allerdings voll und ganz Nintendo verschrieben. In meinem Zimmer rotierten praktisch nur die Mini-Discs des Gamecubes. Ausnahmen wurden wenn überhaupt nur für die grauen Module des N64 oder SNES gemacht. Mit Silent Hill 3 änderte sich das. Irgendwann im Sommer 2004 kaufte sich ein Schulfreund das Spiel und eine Nacht lang zockten wir außer ein paar Runden Mario Kart: Double Dash nichts anderes. Silent Hill 3 war anders als alle Horror-Games, die ich bis dahin gespielt hatte (die ersten beiden Teile der Serie waren völlig an mir vorbeigegangen). Ruhiger, aber zugleich auch dreckiger, und mit einem größeren Fokus auf emotionale Storyelemente. Es beeindruckte mich so sehr, dass ich mich ein Jahr später zum Kauf einer gebrauchten Playstation 2 entschloss - für mich als Die-Hard-Nintendofan ein großer Schritt, der sich zunächst wie Fremdgehen anfühlte, mir aber eine Welt der psychologischen Survival-Horror-Spiele eröffnete.

Sonys 1st-Party-Titel konnten mich in der Regel nicht begeistern. Gran Turismo 3, God of War, Killzone und Shadow of the Colossus fanden früher oder später alle den Weg in meine Konsole, aber Nintendos hauseigene Titel waren mir stets lieber. Dass sich die Playstation 2 dennoch langfristig in meinem TV-Regal etablieren konnte, verdankte sie der Tatsache, dass Horrorspiele auf Nintendokonsolen damals wie heute bestenfalls ein Nischendasein fristeten. Nachdem ich erst Silent Hill 2 und anschließend Teil 3 durchgespielt hatte, fand ich die Project-Zero-Reihe, Obscure und ein Spiel, über das ich nur zufällig auf einem Flohmarkt stieß: Haunting Ground.

Lauf Fiona, lauf!

Haunting Ground zählt nicht zu meinen absoluten Lieblingsspielen, vermutlich würde es heute nicht einmal einen Platz auf einer persönlichen Top-50-Liste ergattern, aber es hat dennoch einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Deshalb finde ich, dass es sich zumindest einen Herzhaft-Artikel verdient hat, zumal es kein Spiel ist, über das ständig berichtet wird. Wie in der Clock-Tower-Serie oder in neueren Spielen wie Outlast oder Amnesia besteht das Gameplay im Prinzip nur aus Erkunden, Wegrennen und Verstecken - damals für mich ein Novum.

Die Geschichte des Spiels dreht sich um die 18-jährige Fiona, die nach einem Autounfall mit ihren Eltern in einem schmutzigen Käfig in einem dunklen Raum aufwacht. Sie kann sich befreien und muss in einem gotischen Schloss vor verschiedenen Personen flüchten, die ihr aus unterschiedlichen Gründen an die Gurgel wollen. Ein schneeweißer Schäferhund namens Hewie, ebenfalls im Schloss gefangen, steht ihr dabei zur Seite, wobei Hewie mehr als nur ein freundlicher, vierbeiniger Begleiter in den kalten Korridoren und düsteren Zimmern des Anwesens ist. Er stellt die einzige Waffe dar, mit der sich Fiona gegen ihre Widersacher zur Wehr setzen kann. Pistolen, Gewehre oder Messer kennt Haunting Ground nicht, auch gibt es in dem Spiel weder Zombies noch Monster. Die Gegner bestehen stattdessen aus dem geistig zurückgebliebenen und grotesk entstellten Muskelpaket Debilitas, der psychopathischen Hausdame Daniella, Fionas Onkel Riccardo und dem Schlossbesitzer Lorenzo. Diese vier Charaktere jagen Fiona nacheinander über bestimmte Spieletappen hinweg, wobei Lorenzo den letzten Endgegner darstellt.

Mit entsprechenden Befehlen kann Fiona Hewie auf ihre Gegner hetzen, sie dadurch jedoch nur vorübergehend aufhalten. In Schränken, hinter Vorhängen, unter Tischen und Betten kann sich Fiona verstecken, um später wieder in Ruhe das Schloss beziehungsweise die umliegenden Gebiete zu durchforsten. Die vier Gegner lernen allerdings dazu. Versteckt sich Fiona zu häufig am selben Ort, ist die Chance gefunden zu werden höher. Wenn Fiona mit einem Gegner konfrontiert wird, verfällt sie in Panik, was durch ein verzerrtes, pulsierendes Bild in gedämpften Farben bis hin zu Graustufen dargestellt wird. Je mehr sich die hilflose Fiona fürchtet, desto schwieriger lässt sie sich steuern oder stolpert während dem Gehen.

Haunting Ground besteht zu einem gewissen Teil auch aus Rätseleinlagen, allzu gut kann ich mich aber an keines der Rätsel erinnern. Der Grund, wieso mir Haunting Ground über all die Jahre positiv im Gedächtnis geblieben ist, ist die einmalige, völlig bizarre Atmosphäre des Spiels. Gut, es hat sicher nicht geschadet, dass die blonde, meist nur leicht bekleidete Fiona meinem 20-jährigen Ich optisch durchaus zu gefallen wusste, aber darüber hinaus waren es die anderen, völlig wahnsinnigen Charaktere, die Haunting Ground zu etwas Besonderem machten. An einer Stelle im Spiel bleibt die leichenblasse Daniella während einer Jagdszene einfach stehen, weil neben ihr ein großer Spiegel hängt. Sie dreht sich ihrem Konterfei zu und beginnt panisch zu schreien, ehe sie den Spiegel zerschlägt. Als Waffe trägt sie eine große Scherbe eines zerstörten Fensters bei sich, ungeachtet der Tatsache, dass sie sich damit selber in die Hand schneidet. Manchmal versteckt sie sich in einem Schrank und wartet auf Fiona. Der Sadist Riccardo ist auf seine ganz eigene Art und Weise noch verrückter, Debilitas erinnert nicht nur optisch an die entstellten Wesen aus The Hills have Eyes. Die geringe Anzahl an Gegnern hat zur Folge, dass man sich als Spieler viel ausführlicher mit den Charakteren befasst, als sonst üblich. Die festen Kamerapositionen mit zum Teil seltsamen Perspektiven tun ihr übriges, um die Atmosphäre rund um diese verrückten Zeitgenossen noch bizarrer zu machen. Die B-Movie-Geschichte ist so abgedreht, dass man sie kaum ernst nehmen kann, aber dadurch zugleich irgendwie auch absolut passend.

Haunting Ground wurde damals von Capcom auf den Markt gebracht, heute sind solche Titel höchstens im Indie-Sektor denkbar. Viel zu häufig werden Spieler mit Wellen immergleicher, völlig austauschbarer Gegner erschlagen. Echte Charakterstudien gibt es zu selten. Schade eigentlich.

Bilderquelle: NeoGAF.com/Talley Rand

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2 Kommentare:


Fantasma
vor 6 Monaten | 1
Oh, Haunting Ground, was habe ich das Spiel geliebt.
Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie oft ich es durchgespielt habe, außer dass ich es nie schaffte, alle Titel freizuschalten.
Daniella war mein absoluter Liebling, ohne sie hatte das Rest des Spiels leider weniger Spaß gemacht.

Pogopuschel
vor 6 Monaten | 0
Danke für die Vorstellung des Spiels! Ich glaube zwar, den Namen schon mal gehört zu haben, aber wirklich bewusst gekannt hab ich es zumindest nicht.
Nachdem was ich jetzt weiß, hätte ich es aber sicher gerne auch mal gespielt. Einfach mal was anderes und gerade zuletzt hab ich durch Stardew Valley auch wieder gemerkt, wie sehr gut ausgerabeitete Characktere ein Spiel aufwerten können.